Stadtteilgenossenschaft Wedding für wohnortnahe Dienstleistungen eG

Kontakt:

Stadtteilgenossenschaft Wedding, Willy Achter, Thomas Müller, Sprengelstraße 15, in 13353 Berlin; Tel. 030/45490444 und 0174/2574155; e-mail: stagewedding@compuserve.de

; Internet: www.stagewedding.de


Am 18.10.2000 wurde von 37 Bewohnern, Arbeitslosen, und Vertretern aus Organisationen die Stadtteilgenossenschaft Wedding für wohnortnahe Dienstleistungen e.G. gegründet. Die Gründungsmitglieder wollten sich nicht mehr abfinden mit der hohen Dauerarbeitslosigkeit im Ortsteil Wedding (seit Jahren um die 20%) und der wirtschaftlichen und sozialen Abwärtsspirale in ihrem Quartier Sparrplatz/Sprengelkiez. Mit der Unternehmensgründung wollten sie neue wirtschaftliche Perspektiven entwickeln und zugleich den sozialen Zusammenhalt im Stadtteil verbessern.


Entstehungshintergrund – "Arbeit für mehr Lebensqualität im Stadtteil"

Die Stadtteilgenossenschaft Wedding ist eine Initiative des Vereins Kommunales Forum Wedding e.V.. Der Verein ist eine bezirkliche Netzwerkeinrichtung. Unter dem Motto "Arbeit für mehr Lebensqualität im Stadtteil" initiiert und unterstützt es seit 1988 die Zusammenarbeit zwischen Repräsentanten des öffentlichen, des privaten und des gemeinnützigen Sektors, die stadtteilbezogene Aktivierung der BewohnerInnen, nachbarschaftliche Selbsthilfe und lokale Beschäftigungsinitiativen.
Bereits seit Mitte der 90er Jahre suchte der Verein Kommunales Forum Wedding e.V. nach einem wirtschaftlichen Unternehmenskonzept, mit dessen Hilfe im Quartier begonnene Projekte, entstandene neue Dienstleistungen und sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeiten für erwerbslose Bewohner dauerhaft tragfähig organisiert werden konnten. Vorbilder waren dabei Stadtteilbetriebe (Buurtbeheerbetrijv) in den Niederlanden, „Régies des Quartier“ in Frankreich, Gemeinwesenunternehmen (Community businesses) in Großbritannien und soziale Cooperativen in Italien. Diese Modelle ließen sich allerdings bislang aufgrund der bestehenden Rahmenbedingungen nicht auf hiesige Verhältnisse übertragen; es mußte zunächst durch mehrere miteinander verknüpfte Aktivitäten und Projekte vorbereitet werden:
1997 initiierte das Kommunale Forum in Kooperation mit dem Bezirksamt Wedding die Lokale Partnerschaft Wedding, ein "bezirkliches Bündnis für Beschäftigung, Lebensqualität und sozialem Zusammenhalt". Im Rahmen dieses Aktionsbündnisses wurde das gebietsbezogene Handlungskonzept „Arbeit und Nachbarschaft“ erarbeitet.
Ein Modellprojekt unter dem Motto Arbeit statt Sozialhilfe verfolgt in diesem Zusammenhang die Zielstellung einer nachhaltigen Integration von Langzeitarbeitslosen.
Nach und nach ist durch dieses Projekt ein Beschäftigungsverbund mit fast 30 gemeinnützigen, öffentlichen und privaten Organisationen und Betrieben entstanden, der den Absolventen Einstiegsmöglichkeiten in den lokalen Arbeitsmarkt eröffnet.
Als Teil des Verbundes ist das Projekt Stadtteilbetrieb aufgebaut worden, das mit seinen handwerkähnlichen Dienstleistungen als erster Geschäftsbereich in die Stadtteilgenossenschaft überführt wurde. Arbeitsort des Projekts Stadtteilbetrieb und der Stadtteilgenossenschaft Wedding war in der Gründungsphase der Nachbarschaftsladen „Aktiv im Kiez“, wodurch von Beginn an die Einbindung in den Stadtteil gegeben war.
Unterstützt und gefördert wird der Aufbau der Stadtteilgenossenschaft Wedding durch das Quartiersmanagement Sparrplatz im Rahmen des Programms Soziale Stadt.


Zur Rechtsform Genossenschaft

Für das soziale Unternehmen wurde die Rechtsform einer Genossenschaft gewählt, da diese auf den Prinzipien der Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung aufbaut, soziale und wirtschaftliche Probleme durch Eigenanstrengung der Betroffenen bewältigt werden. Neu ist die Verknüpfung von privatwirtschaftlichen und gemeinwohlorientierten Zielen innerhalb eines Stadtteils und die Mobilisierung des Sozialen Kapitals durch die Verknüpfung von Erwerbsarbeit und Bürgerarbeit.
Der soziale, bzw. "gemeinnützigen" Charakter der Stadtteilgenossenschaft, wurde in der Satzung verankert, in der festgelegt wurde, dass Bilanzüberschüsse nicht an die Mitglieder ausgeschüttet werden, sondern als Rücklage im Unternehmen verbleiben und zum Aufbau neuer Geschäftsbereiche genutzt werden können.


Ziele der Stadtteilgenossenschaft Wedding

Die Stadtteilgenossenschaft Wedding verfolgt wirtschaftliche und soziale Zielsetzungen.
Gegenstand der Stadtteilgenossenschaft ist

  • die wirtschaftliche Förderung und Betreuung der Mitglieder durch gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb,
  • die Entwicklung und Durchführung insbesondere von beschäftigungswirksamen sozialen, kulturellen und ökologischen Projekten und Dienstleistungen,
  • die Förderung des lokalen Gewerbes,
  • das Schaffen individuell angepaßter Arbeitsplätze für Langzeitarbeitslose und
  • die Verbesserung der Lebensqualität und des interkulturellen Zusammenlebens im Stadtteil.

Mitgliedergruppen

Die Stadtteilgenossenschaft ermöglicht die Beteiligung unterschiedlicher Gruppen im Stadtteil, wie Bewohner, Arbeitslose, vorhandene Wirtschaftsbetriebe und Institutionen, individuelle Existenzgründer und gemeinnützige Organisationen sowie die Verknüpfung ihrer jeweils spezifischen Interessen bei der Entwicklung der Geschäftsbereiche. Das Unternehmen ist somit eine Mischung von Produktiv- und Konsumgenossenschaft mit dem Stadtteilbezug als neue, identitätsstiftende Säule.


Wohnortnahe Dienstleistungen

Die Stadtteilgenossenschaft bietet ausgehend vom Quartier Sparrplatz überwiegend wohnortnahe Dienstleistungen im Bezirk Wedding bzw. im neuen Bezirk Mitte.
Der Geschäftsbereich „Handwerkliche Dienstleistungen“ ist als Meisterbetrieb konzipiert, um perspektivisch Ausbildungsplätze für Jugendliche aus dem Stadtteil anzubieten.
Im Geschäftsbereich "Soziale Dienstleistungen" sind personen- und objektbezogene Dienstleistungen (Conciergemodell) geplant.
In Zusammenarbeit mit dem lokalen Gewerbe und für Existenzgründer will die Stadtteilgenossenschaft die Funktion einer "Dienstleistungsagentur" übernehmen, wie z.B. die Koordination gemeinsamer Angebote und Auftragsdurchführung.


Resümee und Ausblick : Die strategischen Ziele stimmen noch, die Genossenschaft muß jedoch mehr sein als ein "kleiner Handwerksbetrieb".

Im Frühjahr 2001 hat die Stadteilgenossenschaft Wedding den Geschäftsbetrieb aufgenom-men. In mehreren Workshops zu Beginn des Jahres 2002 haben die Mitglieder ein Resümee des ersten Geschäftsjahres gezogen und Kernaussagen für die strategische Zielsetzung der Stadtteilgenossenschaft und deren Umsetzung formuliert.

Die Stadtteilgenossenschaft nimmt im Quartier verschiedene Rollen war:
Sie ist:

  • Organisatorin des "genossenschaftlichen Lebens" (identitätsstiftend nach Innen);
  • Anbieterin von eigenen Dienstleistungen (Handwerkliche Dienstleistungen);
  • Kooperationspartnerin von lokalen Betrieben (Dienstleistungsagentur);
  • Gesellschaftspolitische Akteurin im Quartier;
  • Ein "Dach" für Andere (Projektideen und ExistenzgründerInnen).

Eigenkapital und Liquidität
Mit 50 Euro wurde der Geschäftsanteil so gering gehalten, dass sich jede/r der will am Unternehmen beteiligen kann. In der Konsequenz ist das Eigenkapital der Stadtteilgenosssenschaft insbesondere in der Gründungsphase zu gering. Zudem leidet das Unternehmen unter strukturellen Liquiditätsproblemen.
Zur Zeit wird mit der GLS Gemeinschaftsbank e.G. über Kleinkredite im Rahmen einer "Beteiligungsgemeinschaft" verhandelt, um das finanzielle Risiko auf viele zu verteilen, das Eigenkapital zu erhöhen und zugleich das Liquiditätsproblem zu lösen.

Integration von Langzeitarbeitslosen
Der Versuch, ausschließlich mit Langzeitarbeitslosen ein Unternehmen aufzubauen und sich sofort am Markt zu behaupten, ist eine Überforderung für alle Beteiligten. Wirtschaftlich tragfähig erscheint ein Verhältnis von 2/3 Stammbelegschaft und 1/3 Langzeitarbeitslosen, Praktikanten, Auszubildende,... .
Zur Konsolidierung des Handwerksbereiches wurde durch die Einstellung eines neuen Malermeisters eines Gesellen und eines Elektromeisters mit dem Aufbau der Stammbelegschaft begonnen. Zur Zeit sind 5 Personen, darunter 4 ehemalige Arbeitslose beschäftigt.

Soziale Dienste in einem "benachteiligten" Stadtteil
Der Geschäftsbereich "Soziale Dienste" wurde zunächst wieder eingestellt, da er aufgrund der mangelnden Kaufkraft, der Schwarzarbeit in diesem Bereich aber auch aufgrund des fehlenden Fachpersonals nicht kostendeckend betrieben werden konnte.

Dienstleistungsagentur
Im ersten Jahr wurden die Kräfte im Aufbau des eigenen Geschäftsbetriebes gebunden. Auf der Basis dieses eigenen Leistungsprofils werden nun weitere Betriebe, insbesondere Handwerksbetriebe mit ergänzenden Gewerken als Kooperationspartner angesprochen, so dass die Stadtteilgenossenschaft als Dachorganisation zunehmend die Funktion einer "Dienstleistungsagentur" übernehmen wird.

Genossenschaftliches Leben als spezifische Entwicklungsaufgabe
Für den Aufbau einer der Stadtteilgenossenschaft und ihrer Geschäftsfelder sind spezifische Entwicklungsaufgaben erforderlich, deren Kosten zumindest in der Startphase (5Jahre) nicht erwirtschaftet werden können. Dazu gehören u.a. die Einbindung des Unternehmens in den Stadtteil und die Organisation des "Genossenschaftlichen Lebens" - so z.B. die Mobilisierung des "sozialen Kapitals", die Kommunikation zwischen den Mitgliedern, der Nutzergruppen und zwischen den Geschäftsbereichen, die Zusammenarbeit mit gemeinnützigen Organisationen und die Kommunikation mit Politik und Verwaltung.
Ohne die Unterstützung des Quartiersmanagements für den Aufbau der Stadtteilgenossenschaft (Projektentwicklung, Gründungskosten und bauliche Maßnahmen für einen neuen Gewerbestandort) hätten diese Aufgaben nicht in diesem Umfang bewältigt werden können.
Förderlich war und ist in dieser Gründungsphase auch die Mitgliedschaft im "Prüfverband der klein- und mittelständischen Genossenschaften e.V.", der die Entwicklung und Untertstützung von Sozial- und Stadtteilgenossenschaften zu einem Schwerpunkt seiner Arbeit gemacht hat.

Als wichtigste Aufgaben für die Zukunft wurden benannt:

  • Erhöhung des Eigenkapitals (Aufbau einer "Beteiligungsgemeinschaft)
  • Konsolidierung des Handwerks (Aufbau einer Stammbelegschaft, Akquisition,...)
  • Schaffen eines "identitätsstiftenden Ortes" (Erwerb eines Grundstückes)
  • Verbesserung der Transparenz und Beteiligung der Mitglieder (AG-Öffentlichkeitsarbeit)
  • Stärkere Präsenz im Stadtteil und Einbindung von Kooperationspartnern (Dienstleistungsagentur)
  • Erarbeitung einer Wachstumsstrategie (Handwerk und weitere Geschäftsbereiche)

Anforderungen an die Politik - Förderung von Stadtteilgenossenschaften

Stadtteil- und Sozial- und Produktivgenossenschaften können an der Schnittstelle von aktiver Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik neue Impulse setzen. "Dabei können Genossenschaften mit ihrem gesetzlichen Auftrag zur Förderung der wirtschaftlichen Wohlfahrt ihrer Mitglieder (§ 1 Genossenschafts-Gesetz) einen möglichen Weg aus den Sackgassen der bloßen staatlichen Verwaltung und gesellschaftlichen Individualisierung von arbeitsmarkt- und beschäftigungspolitischen Problemen weisen." (aus den Forderungen des Genossenschafts-Netzwerkes Berlin-Brandenburg zur Vierten Fortschreibung des Arbeitsmarktpolitischen Rahmenprogramms von Berlin)
Sollen wie in der Stadtteilgenossenschaft Wedding wirtschaftliche und soziale Ziele gleichermaßen verwirklicht werden, bedarf es einer öffentlichen Förderung und Unterstützung. Erforderlich ist die Verknüpfung vorhandener und die Entwicklung angepasster Beratungs- und Förderinstrumente sowie eine gezielte öffentliche Auftragsvergabe. Dazu gehören:

Zugang zur allgemein zugänglichen Wirtschaftsförderung
Die Gleichstellung der Rechtsform Genossenschaft mit anderen Unternehmensformen um die Inanspruchnahme der allgemein zugänglichen Instrumente der Wirtschaftsförderung zu ermöglichen (Existenzgründungsdarlehen, Ausfallbürgschaften, Förderkredite von Firmenzusammenschlüssen bzw. für Übernahmen von Firmen ohne Nachfolger,...).

Zugang zur Arbeitsförderung
Zuschuß für Betreuungs- und Anleitungskosten, sofern die Genossenschaft mehr als 3 Langzeitarbeitslose in reguläre Beschäftigung integriert.

Schaffen eines (flexible zu handhabenden) Zuschussinstrumentes
Wo Genossenschaften als lokale/regionale Solidargemeinschaften besondere Förderleistungen gegenüber ihren Mitgliedern aus dem sozialen Umfeld, insbesondere in benachteiligten Stadtteilen und Regionen erbringen, sind besondere öffentliche Förderungen für die spezifischen Entwicklungsaufgaben erforderlich.

Marktzugänge ebnen

  • Bevorzugte Berücksichtigung bei öffentlichen Aufträgen
  • Vereinbarungen mit städtischen Wohnungsgesellschaften
  • Spezifische öffentliche Auftragserteilung für Entwicklungsaufgaben der Genossenschaft, für die Beschäftigung von Langzeitarbeitslosen oder für die Bereitstellung tendenziell defizitärer aber im Stadtteil benötigter Dienstleistungen.

Im Rahmen des "Genossenschafts-Netzwerks Berlin-Brandenburg" wurden diese Forderungen mit Erfolg den Parteien im Berliner Abgeordnetenhaus vorgelegt, so dass die Förderung von Genossenschaften in die Koalitionsvereinbarung des "Rot-Roten Senats" aufgenommen wurde. Zur Zeit wird über die Einbindung dieses Forderungskatalog in das Arbeitsmarktpolitische Rahmenprogramm von Berlin verhandelt.


Schlussbemerkung: "Das Ganze muß sich rechnen"

Der Aufbau der Stadtteilgenossenschaft ist ein Experiment, unter bestehenden politischen wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen an einem konkreten Ort mit konkreten Personen und Kooperationspartnern ein soziales Unternehmen aufzubauen. Es ist der Versuch, vielfältige soziale und wirtschaftliche Interessen von unterschiedlichsten Akteuren miteinander zu verbinden.
Es besteht aber zugleich die Notwendigkeit, sich mit wenig Kapital sofort am Markt zu behaupten und den wirtschaftlichen Nutzen für die Beteiligten spürbar zu machen.
"Das Ganze muß sich rechnen" - der Ausgang ist ungewiß !
Wir freuen uns über jede Unterstützung und jedes neue Mitglied