Kontakt:

Sabine Stövesand, Hochschule für angewandte Wissenschaften, Fakultät für Soziale Arbeit und Pflege, Saarlandstr. 30, 22303 Hamburg, Tel.: 040/42875-7095, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Der folgende Artikel wurde erstmals veröffentlicht in: Stefan Gillich (Hrg.) Gemeinwesenarbeit: Die Saat geht auf. Grundlagen und neue sozialraumorientierte Handlungsfelder. Gelnhausen 2004, S. 160-178 und wurde von der Autorin freundlicherweise freigegeben für eine weitere Veröffentlichung unter www.stadtteilarbeit.de.


"Alle reden von Gender Mainstreaming, von Geschlechtersensibilität und Geschlechtergerechtigkeit - Tagungen, Literatur, EU- und Bundesrichtlinien wo man hinschaut. Alle? Nein, seit dem "Streit mit Aschenputtel" (Bitzan/Klöck) hat GEMEINWESENARBEIT die Frage der Geschlechterverhältnisse wenig thematisiert. Das ist schade, das sollte sich ändern und das muss es auch. Einmal abgesehen von politischen, sozialen, ökonomischen und ethischen Argumenten gibt es ein ganz praktisches: Es könnte sonst demnächst kein Geld mehr für Quartiersprojekte geben. Warum das so ist und warum sich die Beschäftigung mit dem Thema für Frauen und Männer auch ansonsten lohnt, darum geht’s in diesem Workshop. Neben Informationen zu Inhalten und Trends zeige ich an einem praktischen Beispiel, wie Stadtteilarbeit mit kreativen Methoden angebliche "Frauenthemen" aufgreifen und hunderte von Leuten einbeziehen kann. Ein weiterer Schwerpunkt soll die systematische Betrachtung eigener Erfahrungen sein und die Frage: Wie kann ich in meiner Quartiersarbeit das Thema Geschlechterdemokratie konkret verankern? Dazu möchte ich ganz praktisch Checklisten, Toolboxes und Übungen aus dem Bereich der Gendertrainings nutzen."
Soweit der Ankündigungstext für den Workshop während der Werkstatt Gemeinwesenarbeit 2003 in Gelnhausen. Der folgende Text bezieht sich auf diesen Workshop, nimmt aber einige inhaltliche Erweiterungen vor. Und: Achtung - er enthält außer Definitionen, Reflektionen und Informationen auch aktivierende Elemente!


Neues Jahrtausend, alte Themen

Der Begriff der "Geschlechterdemokratie" ist relativ neu in der Diskussion, die Thematik bzw. die Problematik, die damit angesprochen wird, ist jedoch leider kein "Oldie", sondern ein "Evergreen". Geschlechterdemokratie zielt auf ein Geschlechterverhältnis, das frei ist von Dominanz und Hierarchie. Demokratie ist demzufolge erst erreicht, wenn "weibliche und männliche Dimensionen - in all ihrer Unterschiedlichkeit - auf allen Ebenen, d.h. gesellschaftlich, politisch, ökonomisch und kulturell gleichberechtigt von vornherein berücksichtigt werden" (Blickhäuser 2002: 7). Geschlechterdemokratie verweist als Begriff "auf die Unvollständigkeit von Demokratie, solange sich Männer und Frauen nicht in gleichem Maße an ihr beteiligen und auf die Veränderbarkeit von Geschlechterverhältnissen" (Feuerbach 2003: 6).
Diese Definition beinhaltet gleich zwei vertraute bzw. wichtige Begriffe für Gemeinwesenarbeit, nämlich Beteiligung und Veränderbarkeit. "Beteiligung" umfasst qualitative und quantitative Aspekte, d.h. sowohl Zugangs- und Teilhabemöglichkeiten, festgemacht an der Anzahl von Frauen und Männern, als auch die Selbstverständlichkeit und Wertschätzung des Mitmachens beim Planen, Entscheiden, Umsetzen und bei der Gestaltung der eigenen Lebensbedingungen. Veränderbar sind die Geschlechterverhältnisse, weil sie nicht Naturgesetzen unterworfen, sondern historisch gewachsen sind. Frauen und Mädchen haben heutzutage ganz andere Möglichkeiten als ihre Mütter und Großmütter. Die überwiegende Mehrzahl der Männer formuliert ein partnerschaftliches Beziehungsverständnis und ist weit entfernt vom Bild des traditionellen Familienpatriarchen. Die Lebensentwürfe von Mädchen und Jungen gleichen sich immer stärker an und einstmals starre Rollenzuweisungen lösen sich auf.
Trotzdem ist "Geschlecht" auch heute noch eine grundlegende Strukturkategorie in unserer Gesellschaft. Ähnlich wie "Klasse" oder "Ethnie" fungiert es als Platzanweiser in den gesellschaftlichen Hierarchien. Das Geschlecht prägt die individuelle Entwicklung, die Identität und unsere Wahrnehmung der Welt. Das Machtgefälle und die ungleiche Verteilung von Ressourcen zwischen den Geschlechtern sind vielfach belegt. Frauen sind in Führungspositionen ob in Wissenschaft, Wirtschaft, Politik oder Kultur immer noch lediglich in homöopathischen Dosen vorhanden. Die gesellschaftlichen Institutionen hinken den Veränderungen nicht nur hinterher, sondern sie konservieren die kulturell überlebten patriarchalen Strukturen.
Bei der Geschlechter differenzierenden Arbeitsteilung hat sich beispielsweise wenig getan. Die Haltung vieler Männer lässt sich mit Beck als "verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre" charakterisieren. So nehmen nur 2 Prozent der Männer Erziehungsurlaub, obwohl viele junge Väter sich mehr Zeit für die Familie wünschen. Eine wesentliche Rolle spielen dafür sicherlich die ungleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Frauen verdienen für vergleichbare Tätigkeiten zwischen 20 – 30 Prozent weniger als Männer. Trotz vieler Privilegien hat die Geschlechterordnung jedoch auch für Männer und Jungen Auswirkungen und bringt Einschränkungen und soziale Probleme mit sich. Deutlich wird das u.a. an der vergleichsweise geringeren Lebenserwartung von Männern oder an der Tatsache, dass es eindeutig Männer sind, welche die große Mehrheit der Klienten im Strafvollzug stellen.


Und ab in den Stadtteil!

Gender Mainstreaming ist eine Strategie, die diese eingefahrenen Verhältnisse zum Tanzen bringen und in Richtung auf die Verwirklichung von Geschlechterdemokratie verändern soll. Als Einstieg in diese Thematik erfolgt jetzt, in guter GWA - Tradition, eine aktivierende Übung. Bitte die folgende Gebrauchsanleitung beachten und dann ist Ihre Beteiligung gefragt: Bitten Sie jemanden darum, Ihnen die folgenden Zeilen langsam und mit Pausen vorzulesen. Sie schließen die Augen, hören zu und lassen sich virtuell in Ihren Stadtteil entführen. Es ist gerade niemand da, die/der das für sie tun könnte? Wirklich? Dann lesen Sie selbst, möglichst langsam und stellen Sie sich bitte folgendes vor:

Sie befinden sich in dem Stadtteil, in dem Sie Gemeinwesenarbeit betreiben oder alternativ dort, wo Sie sich häufig aufhalten.
Sie gehen langsam durch die Straßen und über die Plätze des Stadtteils.
Wen sehen Sie - sind es eher Männer, eher Frauen, Mädchen oder Jungen?
Gibt es Unterschiede, je nachdem in welcher Ecke des Stadtteils Sie sind?
Spielt die Tageszeit eine Rolle? Wen sieht man morgens, mittags, abends?
Was tun die so?
Wie bewegen die sich durch die Straßen - schnell, langsam, allein, mit mehreren?

Jetzt nähern Sie sich Ihrer Arbeitsstelle und betreten sie.
Wen treffen Sie dort?
Wer macht was? Verwaltung, Putzen, Geschäftsführung, Konzeptionen
Wer hat Kontakt mit NutzerInnen, macht Angebote und Projekte mit Zielgruppen?

Jetzt stellen Sie sich Ihre Zielgruppen vor.
Wie ist dort die Geschlechterverteilung?
Wer nutzt welche Angebote?

Wer kommt zur Beratung? Sind die Anliegen verschieden, je nachdem ob es Frauen oder Männer sind?
Gibt es geschlechtsbezogene Unterschiede in den Lebenssituationen von BewohnerInnen?
Denken Sie an Männer oder Frauen, die Sie kennen - deren Arbeit, Einkommen, Tagesablauf, Verantwortlichkeiten, Freiheiten, soziale Beziehungen im Stadtteil.

Wer sind die Aktivisten und Aktivistinnen im Stadtteil?
Wer sitzt in den Stadtteilgremien?
Wer sind die Entscheider und Entscheiderinnen?
Bei Verhandlungen über Stadtteilbelange - mit wem wird verhandelt, wer sind die behördlichen, wer die politischen Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen?

Nach dem Arbeitstag kommen Sie nun nach Hause.
Sie betrachten Ihre Wohnung und gehen in Gedanken durch:
Wer bereitet das Essen zu? Wer macht die Wäsche? Wer putzt? Wer kümmert sich um die Kinder? Wer repariert defekte Kleinigkeiten oder renoviert?

Sie machen es sich gemütlich und schalten den Fernseher ein - wen sehen Sie?

So - bitte den Fernseher ausschalten und zurückkehren ins Hier und Jetzt.

Vielen Dank für Ihre aktive Mitarbeit. Günstig wäre es, wenn Sie die Ergebnisse Ihrer Stadtteilanalyse sofort notieren würden.
Eventuell sind Sie zu ähnlichen Ergebnissen gekommen wie die Frauen- bzw. Geschlechterforschung. Diese belegt, dass Frauenöffentlichkeiten sich von denen der Männer unterscheiden und dass Frauen in der Regel von Armut und Gewalt stärker bzw. anders betroffen sind als Männer. Gerade auch der Stadtteil, das unmittelbare Lebensumfeld ist geschlechtsspezifisch unterschiedlich bedeutsam und wird unterschiedlich genutzt. "Die Orte der Frauenöffentlichkeit und der Frauenbezüge (als kollektive Zusammenhänge sind v.a. da, wo Frauen arbeiten, also in Haus und Wohnung, im Garten und auf dem Spielplatz. Ihre Themen sind Alltagsbewältigung und Missachtungserfahrungen, das Durchhalten und Durchbringen ihrer Angehörigen" (Bitzan 1997: 84).
Frauen sind aufgrund der nach wie vor existierenden geschlechtlichen Arbeitsteilung, d.h. ihrer primären Verantwortung für Haushalt und Kinder, eher interessiert an Fragen der Verbesserung der Wohnungen und des Wohnumfelds, der sozialen Infrastruktur an Kindergärten und Schulen und an quartiersnahen Erwerbsmöglichkeiten. Von daher sind sie in Stadtteilinitiativen an der Basis im Vergleich zu Männern häufig aktiver. Das steht häufig im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Repräsentation in Gremien und Entscheidungspositionen. Je formalisierter und prestigeträchtiger die Strukturen sind, desto weniger sind Frauen auch in der Stadtteilarbeit vertreten.
In der Fachdiskussion im Bereich Gemeinwesenarbeit blieben diese Fragen lange Zeit unbearbeitet. Es ist der Verdienst eines engagierten Netzwerkes von Praktikerinnen der Gemeinwesenarbeit wie z.B. Anne Rösgen, Maria Bitzan und anderen, das hierarchische Geschlechterverhältnis und seine Konsequenzen in die Debatte eingebracht zu haben. Gestützt auf die Analyse patriarchaler Strukturen und Bezug nehmend auf die Theorie des "weiblichen Lebenszusammenhangs" (Prokop) wurde die Praxis Gemeinwesen orientierter Arbeit exemplarisch erforscht. Abgesehen von dem fünfjährigen Modellprojekt "Impuls" der LAG Hessen, das die Sichtbarmachung von Frauenbelangen und die verstärkte Beteiligung von Frauen aus sozialen Brennpunkten an der sozialen Stadtentwicklung zum Ziel hatte, haben sich Forschung und (veröffentlichte) Praxis auf diesem Gebiet m.E. nicht wahrnehmbar weiterentwickelt. Stark vernachlässigt ist auch die andere Seite der Medaille, d.h. die Thematisierung spezifisch männlicher Lebensbewältigungsstrategien und die Rolle, die das Gemeinwesen in Zeiten von Massenarbeitslosigkeit hierbei spielt oder spielen könnte.


Auf zu neuen Ufern: "Gender Mainstreaming"

Die zur Zeit laufende Einführung des "Gender Mainstreaming" setzt die Frage der Berücksichtigung von Geschlechterperspektiven und von demokratischeren Verhältnissen zwischen den Geschlechtern auf die Tagesordnung von Institutionen, Personal- und Politikverantwortlichen in allen gesellschaftlichen Bereichen. Mit den oben gewonnen Ergebnissen Ihrer Sozialraumanalyse haben Sie bereits Ausgangsmaterial für die Umsetzung von Gender Mainstreaming in Ihrer Stadtteilarbeit gesammelt.
Beim Gender Mainstreaming handelt sich dabei um eine neue Strategie zur Erreichung von mehr Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen. "Gender Mainstreaming besteht in der (Re-)Organisation, Verbesserung, Entwicklung und Evaluierung von Entscheidungsprozessen, so dass von den Akteur/innen, die üblicherweise in Entscheidungsprozesse eingebunden sind, eine Perspektive der Gleichberechtigung der Geschlechter (Orig.: 'gender equality') in allen Vorgehensweisen (Orig.: 'policies') auf allen Ebenen und in allen Phasen eingenommen wird" (Europarat 1998: 15, zit. und Anm. n. Frey 2003:9). Wenn in allen Politikfeldern die Geschlechterperspektive einbezogen wird, gilt das natürlich auch z.B. für die Sozial-, die Familien-, die Jugend- oder die Arbeitsmarktpolitik und damit ist der Bereich der Stadtteilentwicklung mit betroffen. Leider gibt es keine elegante, griffige deutsche Übersetzung des Begriffs. Er setzt sich zusammen aus 1. "gender" dem sozial geprägten Geschlecht, also den Zuschreibungen, Positionierungen und Verhaltensweisen, die normativ mit dem Mann- bzw. Frau-Sein verknüpft werden, im Gegensatz zu "sex", dem biologischen Geschlecht und 2. dem "mainstreaming", was heißt, dass etwas zu einem selbstverständlichen Handlungsmuster gemacht wird.
Der Charme der Angelegenheit besteht darin, dass Frauen und Männer in ihrer Verantwortung für die Veränderung der Geschlechterverhältnisse angesprochen und zu Aktivitäten aufgefordert sind. Gender Mainstreaming soll die Frage des Abbaus von Geschlechterhierarchien aus der "Frauenecke" herausholen und sie zu einem übergeordneten, sachlichen Prinzip, also zur Querschnittsaufgabe für alle Bereiche machen. Damit verschiebt sich zum einen der Blick von Frauen als Problem beladener Sondergruppe auf die gesellschaftlich hergestellten (und spezielle Interessen bedienenden) Bedingungen und Entscheidungen, die Frauen in problematische Situationen versetzen. Zum anderen werden auch Männer zu Adressaten von Geschlechterpolitik, weil das "Geschlechterverhältnis nur verändert werden kann, wenn an seinen beiden Polen zugleich angesetzt wird".
Ursprünglich wurde Gender Mainstreaming in Reaktion auf jahrelange Lobbyarbeit und entsprechende Forderungen der internationalen Frauenbewegung in entwicklungspolitischen Leitlinien verankert. Bereits auf der ersten Weltfrauenkonferenz in Nairobi (1985) wurde diese Strategie diskutiert und zehn Jahre später durch die Pekinger Frauenkonferenz popularisiert. Gender Mainstreaming ist mittlerweile von der EU und ihren einzelnen Mitgliedstaaten beschlossen, und damit zu einer verbindlichen Richtlinie geworden. Es steht deshalb nicht mehr im Belieben einer Institution oder ist abhängig vom zufälligen Vorhandensein engagierter Einzelpersonen, ob dieses Thema aufgegriffen wird. Im Mai 1999 ist der Amsterdamer Vertrag in Kraft getreten, der alle EU-Mitgliedsstaaten verpflichtet, die Gleichstellung von Männern und Frauen in allen Lebensbereichen zu fördern. Relevant sind besonders folgende Artikel des Vertrages

Art. 2: "Aufgabe der Gemeinschaft ist es, durch die Errichtung eines Gemeinsamen Marktes und einer Wirtschafts- und Währungsunion sowie durch die Durchführung der in den Artikeln 3 und 4 genannten gemeinsamen Politiken und Maßnahmen in der ganzen Gemeinschaft (...) die Gleichstellung von Männern und Frauen (...) zu fördern."
Art. 3: "Bei allen in diesem Artikel genannten Tätigkeiten wirkt die Gemeinschaft darauf hin, Ungleichheiten zu beseitigen und die Gleichstellung von Männern und Frauen zu fördern."

Die rot-grüne Bundesregierung verabschiedete 1999 einen entsprechenden Kabinettsbeschluss und gründete eine interministerielle Arbeitsgruppe, welche die Implementierung von Gender Mainstreaming vorantreibt. So werden z.B. in allen Ministerien Pilotprojekte zum Gender Mainstreaming durchgeführt. In den letzten beiden Jahren wurden zahlreiche Tagungen zum Thema veranstaltet, Gender-Büros und -Institute gegründet, mehrere Bundesländer haben Konzepte zur Umsetzung von Gender Mainstreaming erarbeitet und mit der Literatur zum Thema kann man ein mittelgroßes Stadtteilbüro bis zur Decke füllen.


Was tun?

Die Europäische Kommission wendet für ihre eigene Politik, d.h. für Legislativvorschläge, Strategiepapiere und Gemeinschaftsaktionen, eine analytische Gleichstellungsprüfung in drei Schritten an:

1. Prüfung und Feststellung der geschlechtsspezifischen Relevanz
Um dies zu prüfen, müssen nach Geschlecht aufgeschlüsselte Daten recherchiert werden. Darüber hinaus müssen die richtigen Fragen gestellt werden:

  • "Betrifft der Vorschlag eine oder mehrere Zielgruppen? Hat er Einfluss auf das tägliche Leben eines Teils/von Teilen der Bevölkerung?
  • Gibt es in diesem Bereich Unterschiede zwischen Männern und Frauen (im Hinblick auf Rechte, Ressourcen, Beteiligung, Werte und Normen)?" (http://www.gender-mainstreaming.net/top/sonstige/verfahren)

Falls eine der beiden Fragen bejaht werden kann, so gibt es eine geschlechtsspezifische Komponente in diesem Bereich. In diesem Fall ist eine Bewertung des möglichen, geschlechtsspezifischen Einflusses des Vorhabens erforderlich.

2. Bewertung der geschlechtsspezifischen Auswirkung des Vorhabens aufgrund folgender Kriterien:
Unterschiede zwischen Frauen und Männern bezüglich der

  • "Beteiligung (z.B. in Gremien, Entscheidungspositionen, Gehaltsgruppen, Verbänden etc.)
  • Ressourcen (wie Zeit, Raum, Geld, Information, Bildung etc.)
  • Normen und Werte, die die Geschlechterrollen beeinflussen
  • Rechte sowie Zugang zu Rechten" (ebd.)

3. Konsequenzen aus der Bewertung ziehen und umsetzen; Fragestellung:

  • "Wie kann die geplante Maßnahme dazu beitragen, Ungleichheiten zu beseitigen und die Gleichstellung von Frauen und Männern zu fördern?" (ebd.)

Die "Gender Toolbox" bietet ein 4-Schritt -Verfahren an, das ähnliche Elemente aufweist:

  1. Analyse
    Zunächst erfolgt eine Bestandsaufnahme. Erhoben wird, welche geschlechtsspezifischen Ungleichheiten im Interventionsbereich des Projektes vorkommen. Weiterhin wird geklärt, ob und welche unterschiedlichen Probleme und Bedürfnisse bei Frauen und Männern bzw. Mädchen und Jungen der jeweiligen Zielgruppe existieren und ob es für die einen oder anderen spezifische Teilnahmebarrieren gibt.
  2. Zielbestimmung
    Bearbeitet wird die Frage, welche Chancengleichheitsziele, auf Grundlage der Analyse, in die Projektziele zu integrieren sind.
  3. Umsetzung
    Für Frauen und Männer wird sichergestellt, dass sie die gleichen Zugangs- und Partizipationschancen haben und gleichermaßen vom Projekt profitieren. Wichtig ist m.E. zu berücksichtigen, dass, um Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen, es notwendig sein kann, Frauen/Mädchen gezielt zu unterstützen.
  4. Evaluation
    Voraussetzung ist eine Dokumentation, die geschlechtsspezifisch erhobene Daten beinhaltet und eine Festlegung dazu, wie die Erreichung der Chancengleichheitsziele überprüft werden soll. Das heißt, dass man sich vorab Gedanken über Indikatoren und Meßlatte des Erfolgs gemacht haben muss.

Was könnte das auf Stadtteilebene für Gemeinwesenarbeit heißen? Hier können Sie an die Ergebnisse Ihrer virtuellen Stadtteilanalyse anknüpfen. Wie würden Sie auf dieser Grundlage für Ihren Stadtteil und in der Institution, in der Sie tätig sind, die Verwirklichung von Geschlechterdemokratie beurteilen? Und welche Maßnahmen wären geeignet, Diskriminierungen abzubauen und Ungleichheit erzeugende Strukturen positiv zu beeinflussen?
Mögliche Vorgehensweisen möchte ich am Beispiel einer BewohnerInnerversammlung skizzieren: Wenn der Versammlung eine aktivierende Befragung vorausgeht, ist darauf zu achten, dass ebenso viele Männer wie Frauen angesprochen werden. Die Versammlung selbst sollte zu einem Zeitpunkt stattfinden, an dem Kinderbetreuung parallel angeboten werden kann (Wochenende nachmittags). Oder man macht zwei Termine zu unterschiedlichen Zeiten, z.B. einmal vormittags, einmal abends. Wenn trotzdem kaum Frauen anwesend sein sollten (oder kaum Männer) könnte man abmachen, dass jede/r zu einem neuen Termin mehr Männer (oder Frauen) mobilisieren wird und die Versammlung vertagen. Die Vorbereitung und Moderation sollte geschlechterparitätisch erfolgen und in der Versammlung kann für die Redebeiträge das "Reißverschlussprinzip" angewandt werden. Ein anderer Weg ist die vorübergehende Aufteilung in geschlechtshomogene Gruppen. Bei der Auswertung der Antworten wird berücksichtigt, ob die Formulierung bestimmter Probleme, Wünsche oder Ideen eher an das eine oder andere Geschlecht gekoppelt ist. Statistiken und Informationen zur Lebenssituation von Frauen und Männern, sofern es sie in Bezug auf den Stadtteil schon gibt, können miteinbezogen werden. Geht es um die Bildung von Arbeitskreisen, sind SprecherInnenpositionen oder Sitze in Stadtteilkonferenzen zu verteilen, ist ebenfalls zu thematisieren, ob beide Geschlechter angemessen vertreten sind.
Wer jetzt den Eindruck gewonnen hat, das Ganze sei mit Schwierigkeiten und mit Arbeit verbunden, hat sich nicht getäuscht. Möglicherweise drängt sich die Frage auf: warum soll ich das bloß auf mich nehmen (das "Man-hat-ja-sonst-nichts-zu-tun" Gefühl)?


Viele gute Gründe ...

GemeinwesenarbeiterInnen und QuartiersmanagerInnen können nur glaubwürdig von Partizipation sprechen, wenn sie demokratische Grundfragen, wie das Geschlechterverhältnis sie aufwirft, nicht ignorieren. Ein besonders gewichtiger Grund, dieses Thema ernst zu nehmen, liegt darin, dass die Ungleichbehandlung der Geschlechter gegen die Menschenrechte verstößt. Darüber hinaus sind SozialarbeiterInnen den Grundsätzen sozialer Gerechtigkeit besonders verpflichtet und sollen, entsprechend ihrer berufsethischen Grundsätze, allen Hilfesuchenden die bestmögliche Hilfestellung bieten, ohne zu diskriminieren.
Das führt zu dem Argument des fachlichen Gewinns. Wenn geschlechtsbezogene Aspekte in der Analyse ausgeblendet werden, erhält man weder das Ganze noch ein tiefenscharfes Bild. Eine grundlegende Ausrichtung in der Gemeinwesenarbeit ist die Lebensweltorientierung. Laut Bitzan bedeutet das, "genauer zu werden, mehr zu begreifen vom Gesamtzusammenhang der Individuen" (1997: 80) und "Genauigkeit in der Wahrnehmung entwickelt notgedrungen Geschlechter differenzierende Fragestellungen" (ebd.: 82). Mit Hilfe von Genderanalysen werden Projekte und Maßnahmen passgenauer und damit erfolgreicher. Im Gegensatz dazu können scheinbar neutrale Theorie- und Handlungsansätze bei AdressatInnen sozialer Arbeit im Gemeinwesen bestehende Benachteiligungen sogar verstärken. Anders ausgedrückt: Wer Ungleiche gleich behandelt, verstärkt die Ungleichheit.
An zwei Beispielen aus der Medizin und der Mobilitätsforschung lässt sich das gut verdeutlichen: Herzinfarkte wurden bisher als typische Männerkrankheit angesehen. Von daher hat sich die Ursachenforschung und die Erprobung von Therapieformen mehr an Männern orientiert. Bei Frauen nimmt die Krankheit aber einen anderen Verlauf und auch die Symptome unterscheiden sich. Herzinfarkte wurden bei Frauen deshalb oft nicht rechtzeitig erkannt und nicht oder falsch behandelt mit der Folge, dass Frauen öfter an Herzinfarkten starben als Männer, obwohl diese öfter daran erkranken. Die Mobilitätsmuster von Männern und Frauen weichen deutlich von einander ab. Männer verkehren im Wesentlichen zwischen Arbeitsplatz und Wohnung, während Frauen zu jeweils unterschiedlichen Zeiten vielfältige Ziele ansteuern müssen: Kindergarten, Schule, Geschäfte, Arztpraxen, Freizeiteinrichtungen, Wohnung und ggf. der eigene Arbeitsplatz. Gibt es in der Familie ein Auto, wird es in der Regel vom Mann genutzt. Frauen, häufig mit Kindern an der Hand unterwegs, sind eher Kundinnen im öffentlichen Nahverkehr. Verkehrspolitische Interventionen wirken sich von daher unterschiedlich auf die Geschlechter aus.
Die Umsetzung von Gender Mainstreaming bzw. das Ziel der Gleichstellung berücksichtigt die Vielfältigkeit der Lebensentwürfe und bietet mehr Entscheidungsfreiheit für die eigene Lebensgestaltung. Innerhalb einer Institution kann die Überwindung von Geschlechtermonokulturen zu höherer Produktivität, zu mehr Zufriedenheit und besserer Motivation der Beschäftigten führen und auch das Image nach außen verbessern. Und last aber wahrscheinlich für viele nicht least: Die Bewilligung von öffentlichen Geldern wird zunehmend an die Berücksichtigung der Genderthematik gebunden. Für die Vergabe von Fördermitteln aus dem EU-Strukturfonds ist das bereits Standard.


... und viele Knackpunkte

Verschwiegen werden soll hier nicht, dass das Gender Mainstreaming und seine aktuelle Umsetzung auch Probleme und Nachteile mit sich bringen. Das Konzept ist inhaltlich kaum gefüllt, sondern bietet eher ein Instrumentarium. Welche Ziele konkret verfolgt werden und was genau unter Gleichstellung zu verstehen ist, ist eine Frage von politischen Klärungsprozessen und Kräfteverhältnissen. Angelegt ist das Konzept als Top-Down-Strategie. Aber was ist, wenn die Chefs und Chefinnen kein Interesse haben oder das Konzept unterlaufen? Oder umgekehrt, wenn sie vom Konzept überzeugt sind und die MitarbeiterInnen zwangsweise damit beglücken? Der Ansatz blendet Machtinteressen und Hierarchieprobleme aus, die aber wesentlich über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.
Häufig wird Gender Mainstreaming auch als Abschaffung von Frauenföderung missverstanden und umgesetzt. Frauenförderpläne und Frauenbeaufragte werden als überholt zu den Akten gelegt. Ohne engagierte Führungskräfte und MitarbeiterInnen hat das als Querschnittsaufgabe gedachte Thema dann überhaupt keinen Ort mehr und versinkt im "male stream". Im Kinder- und Jugendbereich startete die Einführung von Gender Mainstreaming nicht mit einer systematischen Schulung und Erläuterung der Ziele sondern mit Kürzungen im Bereich der Mädchenförderung zugunsten koedukativer Maßnahmen. In Hamburg wurden den Frauenberatungsstellen fast 50 Prozent der Mittel mit dem Hinweis gekürzt, es gäbe doch Familienberatungsstellen, die seien auch für Frauen da.
Im Ansatz angelegt ist das Dilemma, dass die Orientierung auf geschlechtsspezifische Unterschiede, diese gleichzeitig betont und möglicherweise fort- und festschreibt. Christina Thürmer-Rohr kritisiert, dass der Gerechtigkeitsgedanke zur Attraktivität des Mainstreams verkürzt wird, in den Frauen nun hinein sollen, ohne diesen, d.h. seine Anforderungen und Zumutungen, noch zu hinterfragen. Die "pragmatische Wende" führt zu einer Banalisierung der feministischen Kritik an der herrschenden Gesellschaftsordnung. Von den inspirierenden Visionen einer anderen Gesellschaft, dem Nachdenken über einen tief greifenden Wandel und dem leidenschaftlichen Streit für grundlegende Veränderungen könnte eine geschlechterorientierte Erbsenzählerei im Gewand moderner Organisations- und Personalentwicklungsmethoden bleiben. Ein anderer Vorwurf lautet, beim Gender Mainstreaming handele es sich um eine marktförmige Modernisierungsstrategie, die angesichts bisher schlecht genutzter weiblicher Humanressourcen auf Kosten-, Innovations- und Effizienzeffekte setzt.


Erfolgsfaktoren

Damit Gender Mainstreaming erfolgreich im Sinne seiner ErfinderInnen, d.h. der internationalen Frauenbewegung sein kann, müssen (mindestens) folgende Faktoren zusammenkommen:

  1. Das Top-down-Prinzip muss um ein "bottom-up", das heißt die Mitgestaltung und Mitsprache aller Beteiligten ergänzt werden
  2. Das Mainstreaming muss angekoppelt sein an gesellschaftspolitische Debatten und Zielsetzungen
  3. Die Implementierung darf nicht in Konkurrenz zu oder auf Kosten von Frauenförderung stattfinden
  4. Nicht nur die Unterschiede zwischen den Geschlechtern und die Gleichstellung sollte Gegenstand von Analyse und Aktionen sein. Auch die kulturelle Herstellung der normierten Zweigeschlechtlichkeit und ihre Dekonstruktion muss Teil der angestrebten Veränderungen sein
  5. Die Umsetzung muss evaluiert und gegebenenfalls sanktioniert werden, damit es nicht bei Antragslyrik und Absichtserklärungen bleibt
  6. Es müssen Ressourcen (Personal, Geld) zur Umsetzung zur Verfügung stehen
  7. Die Beteiligten brauchen ein spezifisches Wissen, das über Fakten und Techniken hinausgeht

Auf den letzten Punkt möchte ich gesondert eingehen. Gender Mainstreaming kann nicht funktionieren ohne die "Genderkompetenz" der professionellen AkteurInnen. Damit gemeint ist die Sensibilität für das Thema und ein Bewusstsein über die Bedeutung der Kategorie Geschlecht, spezifisches Theorie- und Handlungswissen und eine große Portion Selbstreflexion. Das schließt die Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie, mit der selbst erworbenen Geschlechtsidentität und dem ganz persönlichen "Brett vorm Kopf" ein. Genderkompetenz befähigt dazu, in der eigenen Lebenssituation und derjenigen der KlientInnen/NutzerInnen von Stadtteilarbeit, Bewältigungsstrategien und Einstellungen sowie soziale Prägungen und Beschränkungen zu erkennen. Neben grundlegendem Faktenwissen über gesellschaftliche Strukturdaten, differenziert nach Geschlecht, über den Forschungsstand zur Entstehung und aktuellen Entwicklung der Geschlechterverhältnisse, beinhaltet Genderkompetenz ein Prozess- und Verfahrenswissen im Umgang mit Menschen, das auf den Abbau von Ungleichheit zielt und beiden Geschlechtern neue Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Ein fünfstündiger Workshop, wie in Gelnhausen durchgeführt, kann hier nur ein kleiner Baustein, ein "Appetizer" sein. Mittlerweile existieren jedoch zahlreiche Angebote im Bereich der Gendertrainings, welche die Möglichkeit zur vertieften Auseinandersetzung und zur Weiterbildung bieten.


Praxisbeispiel: "Gewalt gegen Frauen" - oder wie mainstreame ich ein Frauenthema?

Das Gemeinwesenarbeitsziel der nachhaltigen Verbesserung der Lebensbedingungen in armen Stadtteilen beinhaltet Aspekte der materiellen Sicherung, der Partizipation am sozialen und kulturellen Leben, an politischen Entscheidungsprozessen, Gesundheitsaspekte und individuelle Entfaltungsmöglichkeiten. Eine Problematik, welche die Lebensbedingungen vieler Familien schwer belastet und die Erreichung der genannten Ziele für Millionen von Frauen verhindert ist die Gewalt, die von Männern im häuslichen Bereich gegen ihre Partnerinnen ausgeübt wird. Auch Frauen werden gewalttätig, indem sie z.B. ihre Kinder misshandeln. Ebenso werden Männer häufig zu Opfern von Gewalttaten. Das sind dringliche und wichtige Problemfelder. Ich beschränke mich im Rahmen des Themas "Geschlechterdemokratie" auf die männliche Gewalt gegen Frauen.
Gewalt gegen das weibliche Geschlecht ist weltweit die häufigste Menschenrechtsverletzung. Nach Schätzungen des bayrischen Sozialministeriums werden pro Jahr 4 Millionen Frauen von ihren Ehemännern misshandelt. Gewalttätigkeiten kommen in jeder dritten Ehe vor. Jedes Jahr fliehen ca. 45.000 Frauen und Kinder in bundesdeutsche Frauenhäuser. Die Gewalt gegen Frauen findet typischerweise nur zu einem kleinen Teil in der Öffentlichkeit und durch Fremde statt. Überwiegend sind die Täter Verwandte oder Bekannte des Opfers und wird die Gewalt im häuslichen Bereich ausgeübt. Sie ist Ausdruck des hierarchischen Verhältnisses zwischen den Geschlechtern und existiert in allen Gesellschaftsschichten. Frauen mit wenig materiellen Ressourcen haben aber in der Regel größere Hindernisse zu überwinden, wenn sie sich von dem gewalttätigen Partner trennen wollen.
Zu einer sozial gerechten Stadtteilentwicklung gehört es m.E., dass dieses Thema nicht ausgeklammert wird bzw. ausschließlich dadurch "gelöst" wird, dass die betroffenen Frauen (und Kinder) den Stadtteil verlassen und ins Frauenhaus flüchten müssen. Neben der Bereitstellung von Unterstützung, Beratung und Unterkunft in den Frauenhäusern muss es andere Ansätze geben, welche es Frauen ermöglichen, im Stadtteil zu bleiben, nicht flüchten zu müssen. Ich denke, dass gerade Gemeinwesenarbeit hier im Sinne des Gender Mainstreaming hervorragende Interventionsmöglichkeiten bietet. Die männliche Gewalt sollte nicht länger als das Problem der betroffenen Frauen betrachtet werden, sondern als gesellschaftliches Problem, in das beide Geschlechter auf unterschiedliche Weise verwoben sind. Grundlage muss die Ächtung der Gewalttaten und die Verantwortungsübernahme durch den Gewalttäter sein. Es ist jedoch auch danach zu fragen, wie beide, Frauen und Männer, an der Herstellung und Aufrechterhaltung der Gewaltsituation beteiligt sind und wie beide Geschlechter, über die unmittelbar Betroffenen hinaus, in Veränderungsprozesse einbezogen werden können.


Ein Tabu wird gebrochen

Lange Zeit war Gewalt gegen Frauen überhaupt kein Thema, das öffentlich diskutiert wurde. Es existierte kein Problembewusstsein und es gab keine spezifischen Hilfemaßnahmen. Es wurde von Kavaliersdelikten, Verbrechen aus Leidenschaft, von unglücklichen Einzelschicksalen gesprochen und ansonsten war das Thema strikt tabuisiert. Noch vor 20 Jahren wurde Frauen, die ein Frauenhaus gründen wollten, von Lokalpolitikern gesagt, für so etwas gäbe es keinen Bedarf. Und außerdem sei das Privatsache. Der Begriff "Gewalt gegen Frauen" wurde historisch von der autonomen Frauenbewegung geprägt und steht für die These, dass Misshandlung nicht durch die Persönlichkeit und das Verhalten der einzelnen Beteiligten verursacht, sondern in der Gesellschaft verankert ist. Sie ist nicht "Normverletzung", sondern "Normverlängerung", d.h. etwas, was als normal gilt, wird lediglich überzogen. Man bedenke, dass Gewalt in der Ehe bis vor kurzem nicht strafbar war. Dem Gewaltverständnis dieses Ansatzes zufolge resultiert die Gewalt gegen Frauen primär aus der sozialen Ungleichheit der Geschlechter, die alle gesellschaftlichen Bereiche strukturiert und Konsequenzen für den Alltag und die Lebensgestaltung hat. Der Begriff impliziert die Forderung, die Gewalt gegen Frauen nicht länger als privates Problem zu behandeln. Nach wie vor engagieren sich hauptsächlich Frauen für dieses Thema und gibt es wenig Projekte, die sich Konzepte für die Täter überlegen. Aber hier zeichnen sich Veränderungen ab.
Als erstes sind die so genannten Interventionsprojekte zu nennen, die seit einigen Jahren neue Wege gehen. Neu ist ein ganzheitlicher Zugang über die überinstitutionelle Vernetzung und Kooperation von VertreterInnen aus den Bereichen Justiz, Polizei, Gleichstellung, Gesundheit, aus Frauenhäusern, Beratungsstellen und der Kinder- und Jugendarbeit. An Runden Tischen wird um eine gemeinsame Problemdefinition gerungen, nach Möglichkeiten der Zusammenarbeit und nach neuen Konzepten gesucht, z.B. für die Sensibilisierung und Weiterbildung von PolizistInnen und RichterInnen oder für den Umgang mit Tätern. Die wissenschaftliche Begleitforschung belegt, dass die Gewalt gegen Frauen durch die Einbeziehung unterschiedlichster Institutionen und männlicher Mitarbeiter kein Frauenthema mehr bleibt und ein breites gesellschaftliches Bündnis entsteht. So vollzieht sich ein Perspektivenwechsel in Bezug auf die gesellschaftliche Bedeutung und Verantwortungsübernahme.
Seit Januar 2002 ist außerdem ein neues Gewaltschutzgesetz in Kraft, das es den betroffenen Frauen u.a. erleichtert, den gewalttätigen Partner aus der Wohnung zu klagen und den Schutz der Frauen und evtl. Kinder durch Kontakt und Aufenthaltsverbote verbessert (BMFSFJ 2002). Ob sie von den Frauen genutzt werden, hängt u.a. davon ab, wie sie die Gewährleistung ihrer persönlichen Sicherheit einschätzen und welche Unterstützungsangebote existieren. Misshandelten Frauen stehen heute mehr Möglichkeiten offen als vor der Gründung von Frauenhäusern und Beratungsstellen, das Thema wird öffentlich diskutiert und es gibt Bündnisse dazu, an denen Frauen und Männer mitarbeiten. Das Gendermainstreaming hat begonnen.


Möglichkeiten der Gemeinwesenarbeit

Ich halte den Ansatz der Gemeinwesenarbeit für sehr geeignet, denn Gemeinwesenarbeit geht davon aus, dass der Stadtteil und die Nachbarschaft eine wichtige Ressource zur Lebensbewältigung darstellen. Das trifft für bedrohte und misshandelt Frauen in besonderem Maße zu. Je weniger sozial eingebunden die Frauen sind, je anonymer die Nachbarschaft ist, desto gefährdeter sind sie. Isolation und der Verlust sozialer Bezüge gehen häufig einher mit sich zu spitzender Gewalterfahrung. Eine Nachbarschaft, die achtlos oder ratlos ist und bei Gewalttätigkeiten den Fernseher lauter stellt ist natürlich keine Unterstützung. Umgekehrt bedeutet das Funktionieren eines solidarischen sozialen Netzes im Gemeinwesen Schutz für die Frau und bietet Möglichkeiten, den Mann zu beeinflussen.
Gemeinwesenarbeit initiiert Öffentlichkeit und kollektive Lernprozesse, sie befördert den Aufbau von nachbarschaftlichen Kontakten und Netzwerken und die gemeinsame Organisierung von Menschen zur Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse. Als Gemeinwesenarbeiterin in St. Pauli-Süd habe ich ein Stadtteil orientiertes Konzept zum Thema Gewalt gegen Frauen entwickelt. Ausgangspunkt war, dass die Frauenhausarbeit ergänzt werden müsste durch Maßnahmen, die vor Ort, dort wo die Gewalt stattfindet, ansetzen. Dabei sollten Männer nicht nur als Täter bzw. potentielle Täter, sondern auch als Verbündete und Unterstützer in der Nachbarschaft gesehen werden. Die Ziele des Projektes waren:

  • Einen "Klimawechsel" im Stadtteil herbeizuführen, so dass die Gewalt nicht länger ignoriert und toleriert wird
  • Die Bewusstwerdung über Geschlechterrollen bei Männern und Frauen, Mädchen und Jungen und die Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten zu unterstützen
  • Die nachbarschaftliche Einmischung und praktische Solidarität mit den Opfern zu fördern, so dass Frauen (und Kinder) nicht aus ihrer Wohnung und dem Stadtteil flüchten müssen. Männer wurden dabei als Bündnispartner, nicht nur als potentielle Täter gesehen

Darf ich vorstellen: TARANTULA

Zuerst wurde eine nachbarschaftliche Frauengruppe initiiert, denn (potentiell) Betroffene sind leichter zu mobilisieren. Diese Gruppe gab sich den Namen "Tarantula" und organisierte über knapp drei Jahre hinweg diverse Aktivitäten. Tarantula ging in die Schule und machte ein Projekt mit Mädchen und Jungen einer dritten Klasse, befragte ExpertInnen im Stadtteil, wie den Schulsozialarbeiter, den bürgernahen Beamten den Straßensozialarbeiter, HausärztInnen u.a. Tarantula entwarf Infoflyer, Spuckies und provokante Plakate, die überall im Viertel zu sehen waren. Die Frauen stellten sich mit Infotisch auf die Strasse und sprachen mit Nachbarinnen und Nachbarn über deren Erfahrungen mit Gewalt und über Handlungsmöglichkeiten. Es gab Lesungen und Filmabende und es wurde ein regelmäßiges Beratungsangebot für betroffene Frauen auf die Beine gestellt. Höhepunkt war die öffentliche Zurschaustellung weiblicher Rachephantasien in der nahe gelegenen Einkaufsstrasse. Dabei handelte es sich um lebensgroße Frauenporträts, die mit markigen Originalzitaten unterlegt waren. Die Kölner Fotografin Bettina Flitner hatte Frauen danach gefragt, ob sie einen Feind hätten und was sie mit ihm tun würden, wenn sie keine Strafe zu befürchten hätten. Sie bot den Frauen an, ihre Phantasien durch die Selbstinszenierung mit (unechten) Waffen zu unterstreichen. Heraus kamen Bilder und Sprüche, die ungewöhnlich und verstörend wirkten, weil sie gegen traditionelle Frauenbilder eklatant verstoßen. Das Gewaltthema wurde doppelt angesprochen: durch die gewaltbereite Selbstpräsentation der Frauen und durch den Widerschein ihrer eigenen Gewalterfahrungen, der sich in den rabiaten Aussagen spiegelte. Die Ausstellung wurde begleitet mit einem Infotisch, mit Straßentheater, Interviews von PassantInnen und öffentlichen Diskussionen. Sowohl Männer als auch Frauen beteiligten sich daran rege. Insgesamt ca. 3.000 PassantInnen schauten sich nach unseren Zählungen die Ausstellung gezielt an. Immer wieder bildeten sich Gesprächsgruppen auf der Straße. Wildfremde Menschen, die sich von den Bildern angeregt oder provoziert fühlten diskutierten lebhaft miteinander. Die Liste der Kommentare in unserem Gästebuch wuchs stündlich und am Infotisch hielten sich stets Interessierte auf. Die örtliche Presse berichtete mehrfach.
Um die Ausstellung durchführen zu können, hatte Tarantula eine Gruppe von 30 unbezahlten Mitmacherinnen organisiert, den Geschäftsführer des Einkaufszentrums dafür gewonnen, die Exponate dort nachts unterzustellen, den Sicherheitsdienst für Auf- und Abbau mobilisiert und Hilfe vom bezirklichen Frauenausschuss erhalten, d.h. sie hatte ein Netz gesponnen und unterschiedliche Menschen zusammengebracht. Während der Projektlaufzeit erreichte Tarantula eine breite Öffentlichkeit im Stadtteil und sorgte für so manches Gespräch, für Ermutigung und einige Nachdenklichkeit. Ein Art "Klimawechsel" war eine zeitlang ansatzweise spürbar.


Zum Schluss

Ich möchte noch kurz den Ablauf und die Elemente des Workshops beschreiben, die auf den oben geschilderten Inhalten aufbauten. Fünf Männer und zehn Frauen ließen sich auf folgendes Programm ein:

  1. Aktivierende Befragung der Teilnehmenden zum Thema "Geschlecht".
  2. Begriffsklärung Geschlechterdemokratie
  3. Biographische Übung "Spurensuche"
  4. Praxisbeispiel Tarantula, Videofilm
  5. Eine Sozialraumanalyse des Stadtteils in dem Sie arbeiten unter geschlechterspezifischen Gesichtspunkten in Form einer virtuellen Reise plus Gruppengespräch.
  6. Eine kurze gemeinsam durchgeführte empirische Untersuchung (Flipchart - Abfrage)
  7. Ein Input zum Thema Gender Mainstreaming und ein Gespräch dazu
  8. Blitzlicht

Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal bei den TeilnehmerInnen für ihre Experimentierfreude und die Bereitschaft, sich auf das Thema einzulassen, bedanken. Wie ich weiß hat der Workshop nicht nur mir großen Spaß gemacht.


Fußnoten:

1) Notz 2003: 32
2) Empfehlung für EnglischleserInnen: Lena Dominelli 1990: Women and Community Work
3) Diese Kategorie wird heutzutage in ihrer Zweigeschlechtlichkeit ebenfalls nicht mehr als natürlich, sondern als Konstruktion diskutiert. Eine Initialzündung für diese Debatte lieferte Judith Butlers "Gender Trouble" (1992)
4) Vgl. Döge 2002: 10
5) Siehe http://www.gem.or.at/; Weitere Informationen unter www.gender-mainstreaming.net
6) Weitere wichtige Kriterien sind auch Repräsentativität in Bezug auf die ethnische Zugehörigkeit und die Altersgruppe
7) Um eventuelles männliches Dominanzverhalten einzugrenzen, kann es angezeigt sein, den Frauenanteil zu erhöhen. Ausnahmen bestätigen diese Regel. "Reißverschluss" meint, dass immer abwechselnd eine Frau und ein Mann zu Wort kommen, auch wenn die Reihenfolge der Meldungen anders war
8) Die Kritik poststrukturalistischer Ansätze, dass damit auch immer wieder die Unterschiedlichkeit der Geschlechter neu hergestellt und festgeschrieben wird halte ich für weiterführend und sollte bei Konzeption und der Durchführung von Projekten mitreflektiert werden. Allerdings vernachlässigt diese Sichtweise die Bedeutung der materiellen und strukturellen Basis der Geschlechterhierarchien
9) Vgl. Voigt-Kehlenbeck 2003: 12
10) Vgl. Thürmer-Rohr 2001: 35
11) Vgl. Schunter-Kleemann 2001: 1
12) Siehe Angebote der Heinrich Böll Stiftung: http://www.boell.de/; Für den Kinder- und Jugendbereich: http://www.jugendhofsteinkimmen.de/ und Heimvolkshochschule Frille: www.hvhs-frille.de; Genderkompetenz wird als berufbegleitende Weiterbildung an der Fachhochschule Kiel gelehrt: www.weiterbildung.fh-kiel.de
13) Allerdings sind hier die Täter mehrheitlich ebenfalls Männer
14) vgl. Unicef 1997; Schmidt-Häuer 2000; Kavemann u.a. 2001
15) Hagemann-White 1997: 19
16) Kavemann u.a. 2001: 29, 356f
17) Z.B.: "Mein Feind ist mein Kumpel. Der will immer mit mir bumsen. Ich würde ihn erstechen, wenn er wach ist. Damit er's mitkriegt."
18) Zu dem Projekt existiert der Videofilm "Mein Feind". Einige Porträts sind in dem Fotoband "Mitten ins Herz" enthalten. Beides von Bettina Flitner
19) Siehe dazu Busbach, Christiane/Schlottau, Heike 2001: "Abenteuer Fairness"; Ein Handbuch zum Gender Training mit vielen Anregungen, leider teuer

Literatur:

  • Bitzan, Maria (1997): Der geschlechterdifferenzierte Blick: Zur Arbeit mit dem weiblichen Gemeinwesen, in: Widersprüche, Heft 65, S. 77 - 91
  • Bitzan, Maria/Klöck Thilo (1992): Wer streitet denn mit Aschenputtel?, München
  • Blickhäuser, Angelika (2002): Beispiele zur Umsetzung von Geschlechterdemokratie und Gender Mainstreaming, in: Organisationen, Heinrich Böll Stiftung, Berlin
  • Busbach, Christiane/Schlottau, Heike (2001): Abenteuer Fairness. Ein Arbeitsbuch zum Gendertraining, Göttingen
  • Döge, Peter (2002): "Managing Gender". Gender Mainstreaming als Gestaltung von Geschlechterverhältnissen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte vom 19.8.2002, S. 9 - 16
  • Dominelli, Lena (1990): Women and Community Action, Birmingham
  • Frey, Regina (2003): Gender im Mainstreaming, Königstein/Taunus
  • Feuerbach, Susanne (2003): Geschlechterdemokratische Beteiligung im Rahmen kommunaler Sozialplanung, Bonn
  • Hagemann-White, Carol/Kavemann, Barbara/Ohl, Dagmar (1997): Parteilichkeit und Solidarität. Praxisfragen und Streifragen zur Gewalt im Geschlechterverhältnis, Bielefeld
  • Kavemann, Barbara/Leopold, Beate/Schirrmacher, Gesa/Hagemann-White, Carol (2001): Modelle der Kooperation gegen häusliche Gewalt, Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Band 193, Stuttgart
  • Notz, Gisela (2003): Sind die "neuenVäter" die alten Paschas?, in: Standpunkt: Sozial, Heft 2/2003, S. 32 - 35
  • Rösgen/Neumeier/Hillenbrand/Luner (Hg.) (1987): Jahrbuch 4 Gemeinwesenarbeit. Frauen, München
  • Schmidt-Häuer, Julia (2000): Menschenrechte-Männerrechte-Fraunerechte. Gewalt gegen Frauen als Menschenrechtsproblem, Hamburg
  • Schunter-Kleemann, Susanne (2001): Gender Mainstreaming - Abschaffung oder Aufwertung von Frauenpolitik. Manuskript zur Tagung der Rosa-Luxenburg-Stiftung am 18.5.2001
  • Thürmer-Rohr, Christina (2001): Gleiche unter Gleichen?, in: Forum Wissenschaft, 18. Jg., Heft 4/01, Alles Gute kommt von oben? Gender Mainstreaming in der Diskussion, S. 34 - 37
  • Voigt-Kehlenbeck, Corinna (2003): Gender Mainstreaming in der Kinder- und Jugendhilfe. Tagungsdokumentation, Jugendhof Steinkimmen, S. 7 - 27
  • www.gem.or.at
  • www.gender-mainstreaming.net