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GWA als Schnittstelle theoretischer Diskussionen

Geschrieben von Dieter Oelschlägel am .

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Prof. Dr. Dieter Oelschlägel, E-Mail:Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Dieser Text ist Teil der Online-Dokumentation der (letzten?) 14. GWA-Werkstatt im Burckhardthaus Gelnhausen, 17.-20.09.2007.


Von einer Theorie der GWA zu sprechen, wäre wohl etwas vermessen. Aber durch die GWA-Diskussion ziehen sich theoretische Diskurse, die mal mehr, mal weniger zutage treten, sich entwickeln und verändern. Ich sehe hier besonders die Diskurse zu Gemeinwesen, Lebenswelt und Sozialraum. Es hat immer einen Diskussionsstrang in der GWA gegeben, der diese drei Diskurse dicht aneinander geführt hat, und der hier in Erinnerung gebracht werden soll.


Gemeinwesen

Der Begriff des Gemeinwesens scheint problematisch. Bei den „Klassikern" der GWA (Ross, Boer/Utermann, Gulbenkian Calouste...) und deren Rezeption suggeriert er „eine Gemeinwohlideologie, deren wesentlichste Merkmal ist, dass sie Konflikte nicht aus den widersprüchliche Interessen und damit von ihrer Klassenlage und ihren horizontalen Disparitäten her definiert, sondern als Störungen, die durch round-table-Gespräche zu klären sind". (Boulet, Krauss, Oelschlägel 1980, 153f.)

Immerhin ging aber die Erfahrung nicht verloren, „dass ein Gemeinwesen erstens Menschen meint, zweitens das Gebiet, wohin sie gehören, und drittens das Geschehen des Zusammenlebens am Ort – das lebendige Gemeinwesen im kleinen und im großen. Nüchtern und realistisch betrachtet, fallen in einem bestimmten Sozialraum äußere materielle mit ökonomischen, politischen, kulturellen und psychosozialen Lebensbedingungen zusammen; die Bürger können sich diesen ihren konkreten Verhältnissen nicht entziehen, sie aber in eigenem Einsatz und mit professioneller Hilfe mitgestalten und zu ändern suchen" (Wendt in Ebbe/Friese 1989, 1).

Das wird von Karl Marx auf den Punkt gebracht, und es ist an der Zeit, sich daran zu erinnern, dass wir das auch für die Gemeinwesenarbeit reklamierten: „Das Gemeinwesen aber, von welchem der Arbeiter isoliert ist, ist ein Gemeinwesen von ganz anderer Realität und ganz anderem Umfang als das politische Gemeinwesen. Dies Gemeinwesen, von dem ihn seine eigene Arbeit trennt, ist das Leben, die menschliche Sittlichkeit, die menschliche Tätigkeit, der menschliche Genuss, das menschliche Wesen. Das menschliche Wesen ist das wahre Gemeinwesen der Menschen. Wie die heillose Isolierung von diesem Wesen unverhältnismäßig allseitiger, unerträglicher, fürchterlicher, widerspruchsvoller ist als die Isolierung vom politischen Gemeinwesen, so ist auch die Aufhebung dieser Isolierung und selbst eine partielle Reaktion, ein Aufstand gegen dieselbe um so viel unendlicher, als der Mensch unendlicher ist als der Staatsbürger und das menschliche Leben als das politische Leben." (Marx zit. nach Boulet, Krauss, Oelschlägel 1980, 155).

Das wahre Gemeinwesen geht nicht auf im politischen Gemeinwesen, erschöpft sich nicht im territorialen Gemeinwesen und ist auch nicht allein durch die materielle Lage des Menschen bestimmt. Nach obigem Zitat ist das Gemeinwesen das menschliche Wesen, das „gemeine" Wesen des Menschen, d.h. „die Vielfalt gemeinsamer und zutiefst grundsätzlicher Lebensbedürfnisse" (Hummel 1978, 34ff.).

Das Gemeinwesen ist also dialektisch zu sehen. Es ist gleichermaßen Wesen des Menschen als Vielzahl gemeinsamer Lebensbedürfnisse wie auch die Manifestation solcher Bedürfnisse in Erscheinungsformen wie Stadtteil, Verein, Institution. Das „äußere" sichtbare Gemeinwesen hat sich vom „inneren" Gemeinwesen des Menschen entfremdet.

Gemeinwesenarbeit muss – folgt man diesem Gedankengang – ebenfalls dialektisch vorgehen. Sie setzt am äußeren Gemeinwesen, also an den Lebensverhältnissen in allen ihren Facetten an, mit dem Ziel, das innere Gemeinwesen, das wahre Gemeinwesen der Menschen zum Vorschein zu bringen. Es geht um die entfaltete Lebenstätigkeit von Menschen, die darin ihrer eigenen Bestimmung folgen können.

Die primäre Orientierung der GWA richtet sich auf die Emanzipation des Gemeinwesens; diese ist zu verstehen als prozesshafte Entwicklung zu einem Zustand, bei dem zunehmendes Bewusstsein über die eigene Lage das Handeln ungebrochener zu leiten vermag und sich insbesondere durch immer umfassendere Teilnahme (Partizipation) am Leben des Gemeinwesens und an den Entscheidungsstrukturen, die dieses Leben bedingen, auszeichnet." (Boulet, Krauss, Oelschlägel 1980, 289).

Auf dieses Verständnis von Gemeinwesen treffen wir auch bei Oskar Negt, der Gemeinwesen dort entstehen sieht, „wo die Menschen anfangen, sich selber nach den Lebensinteressen zu organisieren" (Negt/Kluge 1992, 17). Wir können es so verstehen, „als ein soziales Gefüge, das dem menschlichen Wesen in seiner Vielfalt gemeinsamer Bedürfnisse entspricht" (Ludewig 2002, 82)

Susanne Elsen nimmt den Faden wieder auf (Elsen 2007a) und entwickelt Elemente einer Ökonomie des Gemeinwesens (Elsen 2007 b). Gemeinwesenarbeit und Gemeinwesenökonomie sieht sie da verwirklicht, wo es um die gemeinschaftlichen Belange von Menschen in ihren Lebenszusammenhängen und Beziehungen geht. „Die Wiederherstellung des inneren und äußeren Gemeinwesens vollzieht sich durch gemeinsames Tun und gemeinsame Erfahrungen" (Elsen 2007b, 188) Hier haben die Menschen die Möglichkeit, durch gemeinsames Handeln ihre Interessen durchzusetzen. Gemeinwesen ist eben nicht – wie im Verständnis vieler – die territoriale Einheit, die nicht selten administrativ festgelegt wird, sondern der Handlungsraum, der von den Menschen aktiv wahrgenommen, verändert, erweitert werden kann, der aber auch bestimmt wird von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (äußeres Gemeinwesen).


Lebenswelt

Alltagssprachlich verbindet sich mit Lebenswelt einfach der Nahraum, die unmittelbare Umwelt. So wird der Begriff auch landauf, landab in der sozialen Arbeit verwendet, ist aber in dieser Verwendung nicht präzise genug.

Wissenschaftlich hat das Konzept der Lebenswelt eine mehr als 60jährige Tradition und mancherlei Entwicklungslinien, die ich hier nicht nachvollziehen kann (vgl. Grundwald/Thiersch 2001,1136 – 1148). Ich kann und will lediglich einige wesentlichen Punkte vereinfacht vortragen:

Jeder Mensch baut sich in seiner Biografie ein Erklärungssystem von Wirklichkeit auf ("so ist das"). Zwischen unterschiedlichen Personen kommt es im Alltag zu einer Überschneidung dieser Erklärungssysteme, die Verständigung möglich macht. Wir stellen fest, daß der handelnde Mensch einen bestimmten Ausschnitt aus der sozialen Wirklichkeit in seiner Vorstellungswelt konstruiert hat und diesen Ausschnitt bis zu einem gewissen Maße mit seinen Mitmenschen teilt. Diesen Ausschnitt von Wirklichkeit erlebt er nicht als frei verfügbar, sondern einerseits durch die Umwelt und die soziale Mitwelt vorgegeben (Gesetze, Nachbarn...) und andererseits als Produkt seiner Biografie (Normen, Kenntnisse etc.). Aber er erfährt diesen Ausschnitt von Wirklichkeit auch als einen Bereich, in den er eingreifen, den er verändern und mitgestalten kann.

Diesen Ausschnitt von Wirklichkeit nennen Schütz und Luckmann "alltägliche Lebenswelt".

Sie schreiben: "Die alltägliche Lebenswelt ist der Wirklichkeitsbereich, an dem der Mensch in unausweichlicher, regelmäßiger Wiederkehr teilnimmt. Die alltägliche Lebenswelt ist die Wirklichkeitsregion, in die der Mensch eingreifen und die er verändern kann, indem er in ihr durch die Vermittlung seines Leibes wirkt. Zugleich beschränken die in diesem Bereich vorfindlichen Gegenständlichkeiten und Ereignisse, einschließlich des Handelns und der Handlungsergebnisse anderer Menschen, seine freien Handlungsmöglichkeiten. Sie setzen ihm zu überwindende Widerstände wie auch unüberwindliche Schranken entgegen... Unter alltäglicher Lebenswelt soll jener Wirklichkeitsbereich verstanden werden, den der wache und normale Erwachsene in der Einstellung des gesunden Menschenverstandes als schlicht gegeben vorfindet..." (Schütz, Luckmann 1975, 23).

Lebenswelt

  • ist räumlich begrenzt: der Handelnde hat eine bestimmte alltägliche Reichweite, die z.B. durch Reisen (symbolisch) überschritten wird
  • hat eine zeitliche Dimension, d.h. eine Gegenwart, in der man durchaus unterschiedlich objektiv fortschreitende Zeit und subjektiv erlebte Zeitdimensionen erfährt
  • hat eine soziale Dimension; sie überschneidet sich mit der Lebenswelt anderer Menschen. Wie sie ein Teil meiner Lebenswelt sind, bin ich ein Teil ihrer Lebenswelt. Und wir haben gemeinsame Aspekte der Lebenswelt.
  • Die Menschen definieren durch ihr Handeln oder ihr Erzählen selbst ihre Lebenswelt und deren Grenzen. Lebenswelt erschließt sich also nicht (nur) von außen, sondern auch und wesentlich durch die Binnensicht der Menschen, durch deren Interpretation und Deutung. das hat z.B. Folgen für die Wahl der Methoden bei lebensweltlichen Untersuchungen

Bei dieser phänomenologischen Sicht auf die Lebenswelt bleibt allerdings die gesellschaftliche Realität verkürzt auf die Binnenperspektive der Individuen, was bedeutet, „dass sich das Thema unkritisch den (undurchschauten) Bedingungen des Alltags ausliefert" (Luther 1986, 445).

Die Diskussion um die Lebenswelt ist dann wesentlich beeinflusst worden von Jürgen Habermas (vgl. Habermas 1981)

Die Lebenswelt stellt den Horizont dar, innerhalb dessen die Menschen handeln; sie aber wird durch gesellschaftliche Strukturen und deren Wandel begrenzt und beeinflusst. Die
Lebenswelt ist also kein Schonraum. Habermas fasst diese Beeinflussung unter dem Begriff "Kolonialisierung von Lebenswelt" zusammen, eine Formel, die die sozialpädagogische Diskussion stark beeinflusst hat. Sehr vergröbert dargestellt meint die Koloniali­sierung von Lebenswelten einerseits das Eindringen von Experten in die Le­benswelt, die die professionelle Bearbeitung kultureller Überlieferungen und alltagsweltlichen Wissens übernehmen, den Betroffenen gewissermaßen ihre eige­nen Deutungen wegnehmen - Gemeinwesenarbeiter können solche Experten sein -, andererseits meint Kolonialisierung die Steuerung der Lebenswelt durch Geld (z.B. Sozialhilfe) und Recht (z.B. Mietrecht) statt kommunikativer Verständi­gungsprozesse.

Die zentrale Leistung des Lebensweltkonzeptes besteht darin, dass die Art und Weise erforscht, verändert und gestaltet werden kann, in der sich die alltägliche Lebensgestaltung – und mit der hat es ja GWA zu tun – der Menschen vollzieht. Sie kann aber nur zum Tragen kommen, „wenn die Modalität der „alltäglichen Lebensgestaltung" eingebettet wird in die gesellschaftlichen Verhältnisse..." (Wenzke 1986, 393)

Eine eigene Position ergibt sich für mich aus der Konfrontation des Lebenswelt­konzeptes mit Ergebnissen der Kritischen Psychologie (vgl. Holzkamp 1983). Da­nach sehen wir Lebenswelt als den Ort, wo der Mensch als Individuum oder in der Gruppe alltäglich handelt. In ihr berühren sich Individuum und Gesellschaft. Lebenswelt zu verstehen, heißt den Vermittlungsprozess zwischen Gesellschaft und Individuum aufzuschlüsseln, Dieser Vermittlungsprozess stellt sich ganz allgemein so dar: die Menschen produzieren die gesellschaftlichen Verhältnisses und damit ihre Lebensbedingungen und unterliegen ihnen gleichermaßen, Nur: es werden die gesellschaftlichen (ökonomischen, sozialen, politischen, kulturellen...) Verhältnisse nicht mehr als bloße Determination der Lebenswelt gesehen, sondern als Möglichkeit. Lebenswelt ist ein Möglichkeitsraum, in dem das Individuum immer Handlungsalternativen hat. Menschen in der gleichen Situation können immer unterschiedlich handeln. Die Lebenswelt als Möglichkeitsraum stellt immer ein Verhältnis von Behinderun­gen und Möglichkeiten menschlichen Handelns dar.

Um es noch einmal mit Klaus Holzkamp zu sagen: „Jedes Individuum bewältigt sein Dasein in der von seinem Standpunkt aus zugänglichen und darauf zentrierten unmittelbaren Lebenswelt, wobei die dergestalt dem Subjekt ‚zugewandten' Mikrostrukturen gesellschaftlicher Bedeutungszusammenhänge zunächst bestimmte Handlungsbegründungen nahe legen" (Holzkamp, 1981?, 29). Da aber die unmittelbare Lebenswelt selbst eine abhängige Teilstruktur gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse ist, geht es auch um ihre Erweiterung und Überschreitung. Im Grunde geht es für die Menschen um die Alternative des Sich-Einrichtens in der Lebenswelt oder des Sich-Auseinandersetzens mit ihr.

Dadurch gewinnen wir auch eine Analyseebene für Gemeinwesenarbeit. Stadtteilanaly­sen sind dann nicht mehr die Datenfriedhöfe statistischen Materials, sondern es kommt darauf an, die Lebenswelt daraufhin zu untersuchen, welche Möglichkei­ten sie für die Menschen bereithält - diese sind zu stützen, zu erweitern und gegebenenfalls neu zu schaffen -, und welche Behinderungen sie beinhaltet - diese sind zu beseitigen oder wenigstens zurückzudrängen. Je mehr Möglichkei­ten politischen, kulturellen und sozialen Handelns die Lebenswelt bietet, um so mehr Handlungsalternativen im Sinne einer produktiven Auseinandersetzung stellt sie für die Menschen zur Verfügung.

Allerdings bleibt die Analyse blind, wenn sie die Lebenswelt ohne deren gesell­schaftliche Bedingtheit (System) untersucht. Diese manifestiert sich

  • in der Logik der kapitalistischen Wirtschaft: Tausch, Konkurrenz und Warendenken bis hinein in die unmittelbaren Beziehungen zwischen den Menschen
  • in den Steuerungsstrategien des Staates: Geld, Recht, Planung. Auch GWA gehört in dieses Arsenal staatlicher bzw. kommunaler Steuerungspolitik und greift so in Lebenswelten ein
  • in Ideologien, öffentlicher Meinung, Potentialen alltäglichen Wissens, die in sich widersprüchlich sind (z.B. die Erfahrung von 'oben' und 'unten', Leistungsideologie, Politikverdrossenheit, Ausländerfeindlichkeit etc.).

Wenn die Gesellschaft als Klassengesellschaft das Merkmal des Widerspruchs in sich trägt, dann erfahren wir – in unterschiedlichen Brechungen – diese Widersprüchlichkeit auch in der Lebenswelt. Lebenswelten sind nie widerspruchsfrei. Sie sind weder durchkapitalisierte Räume noch reine Widerstandsnester. Ihre historische Analyse wird sowohl Elemente kapitalistischer Zerstörung und Kolonialisierung von Quartier, Umwelt und Sozialbeziehungen zu Tage fördern wie auch widerständige, solidarische Lebensformen.


Sozialraum

Sozialraum - Sozialraumorientierung - Sozialraumbudgetierung - mit diesen Begriffen werden wir zur Zeit insbesondere in der Jugendhilfe zugeschüttet. Auch hier sollte jeder, der diese Begriffe verwendet, gefragt werden, was er denn genau damit meint.

Auch das Konzept des sozialen Raumes hat eine Geschichte, die zurückgeführt werden kann auf die sog. „Chicagoer Schule" der Soziologie, die um die Jahrhundertwende u.a. untersuchte, welche Auswirkungen städtische Räume auf das Verhalten von Menschen haben.

Ebenfalls hier wieder nur einige verkürzte Hinweise:

Es wird davon ausgegangen: „Soziale Strukturen sind ortsgebunden und soziales Handeln findet im Raum statt"(Bartelheimer 2001, 182). Soziale Struktur bildet sich im Raum jedoch nicht nur passiv ab, sondern wirkt auf räumliche Gegebenheiten zurück. Das Konzept des sozialen Raums befasst sich also mit den Wechselwirkungen zwischen sozialer Struktur/sozialen Verhältnissen und sozialem Verhalten und der räumlichen Organisation von Gesellschaft. Es wird davon ausgegangen, dass ein Verhältnis zwischen Raum und sozialen Verhältnissen besteht:

Zum einen ist Raum ein Ergebnis sozialer Organisation: Städtebau, Stadtplanung (z.B. Siedlungsstrukturen, Industriebrachen), Aktivitäten der Bürger bei der Gestaltung oder Erhaltung des Raumes (z.B. Zechensiedlungsinitiativen, frühe Baugenossenschaften, wilde Gärten etc.).

Zum anderen hat die räumliche Organisation Folgen für die soziale Struktur, für Handlungsmöglichkeiten der Bürger: z.B. Aktionsräume ermöglichen/behindern Mobilität (Kinder, Senioren), Infrastrukturausstattung bedingt Lebensqualität, unterschiedliche Kommunikationsmöglichkeiten in Großsiedlungen oder Zechensiedlungen (Öffentliche und halböffentliche Räume)

Dabei werden bei der Charakterisierung sozialer Räume vier Dimensionen unterschieden:

  • Raum als materiell-physisches Substrat gesellschaftlicher Verhältnisse, d.h. Raum als physische Umwelt, die sich geographisch beschreiben lässt, Grenzen, Bebauung, zentrale Orte, ökologische Gegebenheiten, materielle Nutzungsstrukturen
  • Raum, der sich durch Interaktions- und Handlungsstrukturen kennzeichnen lässt, in denen sich soziale Akteure Raum aneignen und ihn nutzen (soziale Kontakte, soziale Konflikte) Dadurch entsteht
  • Raum als ein institutionalisiertes und normatives Regelsystem für soziales Handeln: Eigentumsformen, Macht- und Kontrollbeziehungen, rechtliche und soziale Normen, Milieus...
  • die dem Raum anhaftende Symbolik bzw. gemeinsame Deutungsmuster: Baudenkmäler, gemeinsame Geschichte, Traditionen, Image.

Der Sozialraum ist also eine gewachsene, gelebte Struktur innerhalb bestimmbarer materieller und sozialer Grenzen. Es hängt von der Fragestellung einer Untersuchung, der Zielsetzung eines Projekts ab, was wir als Sozialraum ansehen: Wohnung, Nachbarschaft, Quartier, Gemeinde, Region oder nationaler Siedlungsraum.

Die neuere soziologische und sozialgeographische Diskussion geht darüber hinaus und konfrontiert die Gemeinwesenarbeit mit einem erweiterten Raumbegriff. Zwar gibt es schon Ansätze, Raum als Ergebnis menschlichen Handelns zu sehen, aber sie sind nicht konsequent zu Ende gedacht. So fragt Martina Löw: „was angeordnet wird (Dinge, Ereignisse etc.?), wer anordnet (mit welchem Recht, mit welcher Macht?) und wo Räume entstehen, sich verflüchtigen, materialisieren oder verändern und somit Gesellschaft strukturieren" (Löw 2001, 151). Die Konstitution von Raum wird selbst als sozialer Prozess gefasst. Der Sozialgeograph Benno Werlen nennt eine solche Raumkonstitution Geographie-Machen: „ So wie jeder Mensch täglich Geschichte macht- mehr oder weniger – macht jeder Mensch natürlich auch Geographie. Beides jedoch nicht unter selbst gewählten Umständen" (Werlen zit. nach Reutlinger 2003, 122). Es geht also nicht zuerst um die Sozialräume, hier verstanden als die Territorien, in denen die Menschen leben, sondern es geht um das Handeln der Menschen. „Das handelnde Subjekt konstituiert...den „Sozialraum" vor dem Hintergrund seiner biographischen Bewältigungsaufgabe und der Bedeutung, welche es der der physisch-materielle, subjektiven und sozialen Welt beimisst" (Reutlinger 2005, 105). Die Menschen positionieren sich im sozialen Raum, strukturieren die Wahrnehmung von seiner Beschaffenheit und ihrer sozialen Situation im sozialen Raum für sich. Sie eignen sich den sozialen Raum an.

Hier verknüpft sich der Gedankengang zu den Überlegungen zur Lebenswelt. Der soziale Raum erweist sich so als „vielschichtiger Lebensraum von Akteuren und Akteursgruppen" (Sommerfeld 2004,239) in dem die Verknüpfung von Gesellschaft und individueller Lebensführung, von System und Lebenswelt eine widersprüchliche Einheit findet. Gemeinwesenarbeit ist in dem Sinne sozialräumliche Arbeit, in dem sie sich nicht nur auf einen Stadtteil oder ein Quartier bezieht, sondern auf die Sozialräume ( das „äußere" Gemeinwesen, die Lebenswelt) der Menschen, die über das Quartier hinausreichen. Sie sollen in gemeinsamen Aktionen ihre Kompetenz erfahren und erweitern, sie sollen zu Subjekten politisch aktiven Handelns und Lernens werden und zunehmend Kontrolle über ihre Lebensbedingungen gewinnen. „Damit ist Gemeinwesenarbeit Befreiungsarbeit insofern, als sie die unmittelbaren Wünsche und Probleme der Menschen ernst nimmt, zu veränderndem Handeln unter Berücksichtigung der politisch-historischen Möglichkeiten motiviert und Einsicht in die strukturellen Bedingungen von Konflikten vermittelt" (Boulet/Krauss/Oelschlägel 1980, 156).


Literatur

  • Peter Bartelheimer: Sozialberichterstattung für die „Soziale Stadt". Methodische Probleme und politische Möglichkeiten. Frankfurt am Main 2001, S. 182
  • J. Jaak Boulet/E. Jürgen Krauss/ Dieter Oelschlägel: Gemeinwesenarbeit. Eine Grundlegung Bielefeld 1980
  • Susanne Elsen: Die soziale Ökonomie des Gemeinwesens. Eine sozialpolitische Entwicklungsaufgabe, in: Europäischer Masterstudiengang „Gemeinwesenentwicklung, Quartiermanagement und Lokale Ökonomie" an der Hochschule München (Hrsg.): Gemeinwesenentwicklung und Lokale Ökonomie. München 2007 (a) S. 29 - 61
  • Susanne Elsen: Die Ökonomie des Gemeinwesens. Sozialpolitik und Soziale Arbeit im Kontext von gesellschaftlicher Wertschöpfung und –verteilung Weinheim und München 2007 (b)
  • Klaus Grunwald/Hans Thiersch: Lebensweltorientierung, in: Hans-Uwe Otto/Hans Thiersch (Hrsg): Handbuch Sozialarbeit/Sozialpädagogik. Neuwied u.a. 2001², S. 1136 - 1148
  • Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns 2. Bde. Frankfurt a. Main 1981
  • Klaus Holzkamp: Grundlegung der Psychologie. Frankfurt: Campus: 1983
  • Klaus Holzkamp: Wirkung oder Erfahrung der Arbeitslosigkeit – Widersprüche und Perspektiven psychologischer Arbeitslosenforschung, in: Forum Kritischer Psychologie 18/ß/9 - 37
  • Konrad Hummel: Altenarbeit als Gemeinwesenarbeit, in: Blätter der Wohlfahrtspflege 2/1978
  • Martina Löw: Raumsoziologie. Frankfurt/M. 2000
  • Birte Ludewig: Gemeinwesen und Stadtteil. Zur Ideologie des Gemeinwesenbegriffes und seiner Interpretation aus subjektwissenschaftlicher Sicht, in: Kurt Bader u.a. : Alltagsträume. Lebensführung im Gemeinwesen Bonn 2002 S. 61 – 87 (Stiftung Mitarbeit, Demokratieentwicklung von unten, 16)
  • Henning Luther: Die Zwiespältigkeit des Alltags. Perspektiven der neueren Diskussion zu „Alltag" und „Lebenswelt" - ein Literaturbericht, in: Wege zum Menschen 38/1986/8/443 - 458
  • Oskar Negt/Alexander Kluge: Maßverhältnisse des Politischen. 15 Vorschläge zum Unterscheidungsvermögen. Frankfurt a. Main 1992[1]
  • Christian Reutlinger: Engagement und unsichtbare Sozialraumkonstitutionen, in: Chantal Munsch (Hrsg.): Benachteiligte engagieren sich doch. Über lokales Engagement und soziale Ausgrenzung und die Schwierigkeiten der Gemeinwesenarbeit. Weinheim + München 2003
  • Christian Reutlinger: Gespaltene Stadt und die Gefahr der Verdinglichung des Sozialraums – eine sozialgeographische Betrachtung, in: Projekt „Netzwerke im Stadtteil" (Hrsg.): Grenzen des Sozialraums. Kritik eines Konzepts – Perspektiven für Soziale Arbeit. Wiesbaden 2005
  • Alfred Schütz & Thomas Luckmann: Strukturen der Lebenswelt. Neuwied: Luchterhand: 1975
  • Peter Sommerfeld: Sind gesellschaftliche Probleme gemeinschaftlich lösbar? Soziale Arbeit und der zivilgesellschaftliche Umbau des Wohlfahrtsstaates, in: Fabian Kessl/Hans-Uwe Otto (Hrsg.): Soziale Arbeit und Soziales Kapital. Zur Kritik lokaler Gemeinschaftlichkeit. Wiesbaden 2004, 239
  • Wolf Rainer Wendt: Gemeinwesenarbeit. Ein Kapitel zu ihrer Entwicklung und zu ihrem gegenwärtigen Stand, in: Kirsten Ebbe/Peter Friese: Milieuarbeit. Grundlagen präventiver Sozialarbeit im lokalen Gemeinwesen. Stuttgart 1989, S. 1 - 34
  • Gerhard Wenzke: Verstehen alltäglicher Lebenswelt in: Wisse. Zeitschrift der Humboldt Universität zu Berlin, Gesellschaftswissenschaftliche Reihe 33/1986/5/