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Soziale Auswirkungen und politische Dimension von Stadtplanungsmaßnahmen

Geschrieben von Antonia Coffey am .

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Antonia Coffey, Kommunale Netze, A- 1190  Wien, Handy: 0650 68373 94, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Dieser Text ist Teil der Online-Dokumentation der (letzten?) 14. GWA-Werkstatt im Burckhardthaus Gelnhausen, 17.-20.09.2007.


Ich habe in diesem Workshop 3 Thesen vorgestellt und versucht diese an Hand von einigen Beispielen zu argumentieren. Danach tauschten die Workshop - TeilnehmerInnen ihre Erfahrungen mit Bau- und Planungsmaßnahmen aus, und zuletzt versuchten wir gemeinsam Einmischungspotentiale für die GWA auszuloten.

Die Thesen

  • Planungsmaßnahmen können massive soziale Auswirkungen haben.
  • Stadtplanung ist eine hochpolitische Angelegenheit, werden hierbei doch Entscheidungen über die Verteilung von Flächen, die Möglichkeit der Nutzung derselben getroffen und damit oft auch über die Möglichkeit der Teilhabe an gesellschaftlichen Aktivitäten.
  • Daher ist von Seiten all jener, die eine sozial gerechte Stadtentwicklung erreichen wollen, vor allem von GemeinwesenarbeiterInnen auch politische Positionierung und politisches Handeln erforderlich.

Um eine sozial gerechte Stadtentwicklung zu ermöglichen sind daher einerseits eine Reihe von Forderungen an die Planung zu stellen und Strategien zu deren Realisierung zu entwickeln. Andererseits ist es wichtig, die Zusammenhänge mit anderen Aktivitäten städtischer Verwaltung zu erkennen und daraus Handlungsansätze zu erarbeiten.


Die sozialen Auswirkungen von Planungsmaßnahmen

Wie wir alle wissen, sind vor allem Großstädte geprägt von sozialen Ungleichheiten, wo ein Teil der BewohnerInnen mit schlechten Wohn- und Arbeitsbedingungen, Arbeitslosigkeit, Entfremdung und Isolation konfrontiert sind und deren Anteil an der Gesamtbevölkerung wird immer mehr. Damit steigen auch die sozialen Spannungen.

Planungsmaßnahmen können soziale Ungleichheiten massiv verstärken oder aber zu einem gewissen Grad ausgleichen, in stärkerem Ausmaß dann, wenn sie in Kooperation mit anderen Maßnahmen der Stadt erfolgen. Nachfolgend zunächst einige Beispiele zu den negativen Auswirkungen:

  • Die bauliche Verdichtung des dicht bebauten Stadtgebietes führt infolge der mit der höheren Ausnutzbarkeit der Grundstücke verbundenen Bodenpreissteigerung zu Verdrängungen einerseits von sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen, die auf billigen Wohnraum angewiesen sind, andererseits von kleinen und mittleren Betrieben, seien es Gewerbebetriebe oder Betriebe des Einzelhandels
    Dadurch verschlechtert sich die Nahversorgung, was einerseits zu einem höheren Verkehrsaufkommen führt, weil für die Besorgung der Güter des täglichen Bedarfs längere Wege nötig sind, und andererseits zu einer zusätzlichen Benachteiligung derjenigen, die in ihrer Mobilität aus welchen Gründen immer eingeschränkt sind (zum Beispiel weil sie sich kein Auto leisten können)
    Der Freiflächenanteil pro Person verringert sich gerade in den Gebieten, die bereits über einen krassen Freiflächenmangel verfügen, auch das zum Nachteil derjenigen, die über kein Auto verfügen und nicht ohne weiteres größere Entfernungen zur Befriedigung ihrer Erholungsbedürfnisse überwinden können. Auf den wenigen öffentlichen Grünflächen kommt es zu massiven Nutzungskonflikten.
    Das Verkehrsaufkommen kann durch höhere bauliche Dichte im dicht bebauten Gebiet nicht, wie dies häufig argumentiert wird, verringert werden, sondern es wird im Gegenteil gerade in den bereits massiv belasteten Gebieten zusätzlicher Verkehr erzeugt. Dies einerseits durch Nutzungsverdrängungen, andererseits durch verstärkte Randwanderung des Einkaufs- sowie des Freizeit- und Erholungsverkehrs. Außerdem ist mit verstärkter sozialer Segregation zu rechnen.
  • Einkaufszentren und diverse Entertainment - Zentren am Stadtrand führen nicht nur zu einer massiven Steigerung des Verkehrsaufkommens, sondern auch zu einem Rückgang an innerstädtischen Nahversorgungseinrichtungen.
  • Immer höhere mögliche Geschwindigkeiten im Verkehr, die zur Überwindung größerer Entfernungen anregen verstärken diese Trends, wodurch aber Teile der Bevölkerung (zum Beispiel viele Frauen) oft erhebliche Nachteile in Kauf nehmen müssen.
  • Privatisierungen von öffentlichen Einrichtungen und Dienstleistungen führen dazu, dass private Gewinninteressen die Bereitstellung der für die Daseinsvorsorge nötigen Dienste infrage stellen. Im Extremfall heißt das z.B.: öffentliche Verkehrsmittel werden nur dort angeboten, wo sie rentabel sind, die Erneuerung und Erhaltung der Fahrzeuge und der Schienenwege ist oft mangelhaft (Beispiel Großbritannien)

Politische Hintergründe

„Städte bringen Leute zusammen, sie haben ein fundamentales demokratisches Potential, das ausgeschöpft werden kann – oder auch nicht" (Burdett 2007, S A3)

In den meisten Fällen trifft leider das „oder auch nicht" zu.

In der Vergangenheit wurden soziale Probleme in bestimmten Stadtteilen oft dadurch „gelöst", dass diese Stadtteile einfach flächendeckend niedergerissen wurden. Auf den so gewonnen Flächen konnten dann gewinnträchtigere Nutzungen stattfinden. Dort gab es dann die sozialen Probleme nicht mehr.

Ein gutes Beispiel hierfür sind die Städte im 19. Jahrhundert zu Beginn der industriellen Revolution. Damals wurden aus strategischen Gründen zum Beispiel zur Niederschlagung und Verhinderung sozialer Unruhen ganze Stadtviertel nieder gerissen und breite Straßen als militärisches Aufmarschgebiet angelegt. Das - glaube ich - berühmteste Beispiel hierfür ist Paris, das unter Napoleon III von George Eugene Haussmann radikal umgebaut wurde, aber auch die Londoner Regent Street, die Anfang des 19. Jahrhunderts von John Nash als Abschirmung gegen die Arbeiterviertel und als Zeremonienstraße errichtet wurde.

Kahlschlagsanierungen in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts

In neuerer Zeit sind die so genannten Kahlschlagsanierungen in vielen europäischen Städten noch in Erinnerung, die vor allem der Gewinnmaximierung von Developern und GrundstücksbesitzerInnen dienten. Die Verdrängung der ansässigen sozial benachteiligten Bevölkerung wurde bewusst in Kauf genommen, ja, sie war eines der Ziele. Diese übersiedelten dann entweder in noch schlechtere Stadtquartiere oder in riesige Wohnsiedlungen am Stadtrand mit unzureichenden öffentlichen Verkehrsmitteln, mangelhafter Nahversorgung und sozialer und kulturelle Infrastruktur, mit großen Entfernungen zwischen Wohnung und Arbeitsplatz etc. Meist wurden auch durch den so erzwungenen Umzug soziale Netze zerstört, die besonders für sozial benachteiligte Gruppen wichtig zur Bewältigung des Lebensalltages sind

Wenn dann in diesen Siedlungen die sozialen Probleme noch wesentlich konzentrierter als zuvor auftreten, dann werden auch neue Wohnhäuser wieder abgerissen (z. B. In den USA, in Frankreich und seit einiger Zeit auch in den Niederlanden oder auch in Zürich), um, wie es heißt, eine bessere soziale Mischung zu erzeugen.

Die massiven gewalttätigen Unruhen in Frankreich besonders gegen Ende 2005 zeigen, welch gefährlicher Sprengstoff in dieser Art des Umgangs mit sozialen Problemen liegt.


Neuere Beispiele

Es gibt aber auch brandneue Beispiele einer solch brutalen und offensichtlich nur auf Gewinn und Prestige ausgerichteten Stadterneuerung, wie einem in der österreichischen Zeitung Der Standard am 6. September erschienen Artikel über Mumbai (Bombay) zu entnehmen ist[1]:

Ein riesiges Stadtgebiet, Dharavi, in dem auf engstem Raum zwischen 300 000 und 600 000 Menschen in selbst gebauten Häusern leben, wird als „Asiens größter Slum" bezeichnet, der aber, so die Autorin, trotz der zweifellos vorhandenen hygienischen Missstände ein auch von BewohnerInnen anderer Gebiete und BesucherInnen der Stadt geschätzter, lebendiger Stadtteil ist, mit zahlreichen Mikrobetrieben (Gewerbe, Kleinindustrien, Läden, Gastronomie etc.). Ursprünglich entwickelte sich Dharavi am Rande der Stadt auf Brachflächen, die sich zum Großteil im Besitz der Stadt befinden, ist aber auf Grund des rapiden Wachstums von Mumbai mittlerweile ins Zentrum gerückt. Nun soll Dharavi geschliffen und an seiner Stelle ein Business Distrikt, sowie Luxuswohnungen entstehen.

Die Stadtverwaltung hofft auf internationale Investoren, um die mangelhafte Infrastruktur verbessern zu können, wie es heißt. Zwar erhalten die zukünftigen Developer die Auflage, für die BewohnerInnen von Dharavi viergeschossige Wohnhäuser zu errichten, aber nur wer mittels Photopass nachweisen kann, schon vor 1995 hier gewohnt zu haben, hat Anspruch auf eine 21m2 große Ersatzwohnung je Familie.

„Die überwältigende Mehrheit der Bewohner von Dharavi wird ihr Hab und Gut zu Bündeln schnüren und sich auf die Suche nach einer neuen Bleibe machen müssen"(Woltron 2007 S A1 f)[2]

und damit geht mit Sicherheit die Zerstörung der mühsam aufgebauten betrieblichen und sozialen Strukturen einher.

Neue westeuropäische Entwicklungen

Wenn wir jedoch glauben, dass PolitikerInnen in europäischen Städten längst über diese Art der Stadtplanung hinaus sind, ist dies leider eine Illusion.

Zwar gab und gibt es eine Reihe positiver Ansätze, auf die ich noch zu sprechen komme, aber verschiedene internationale Entwicklungen tendieren dazu, echte Bemühungen zur Verbesserung der Lebenssituation der sozial Benachteiligten abzuschwächen bzw. zunichte zu machen:

Die Konkurrenz der Großstädte um Investoren und Standorte internationaler Konzerne scheint zum Beispiel auch in Wien soziale Gesichtspunkte in den Hintergrund treten zu lassen (Dies wurde anlässlich der Erarbeitung des neuen Stadtentwicklungsplanes sogar explizit zum Ausdruck gebracht) zugunsten diverser Großprojekte und von Überlegungen zur weiteren Verdichtung von Stadtteilen, die heute schon einen großen Anteil von schlecht belüfteten und belichteten Wohnungen, einen krassen Mangel an öffentlichen und privaten Grünflächen, ein hohes Verkehrsaufkommen und damit verbundene Umweltbelastungen aufweisen. Auch Abbrüchen scheint gegenüber Sanierungen wieder Priorität eingeräumt zu werden, trotz der nachweislich nachteiligen Auswirkungen sowohl auf die Stadtstruktur als auch auf die sozialen Probleme der betroffenen Gebiete.

Nicht zuletzt wollen sich sowohl PolitikerInnen als auch ArchitektInnen durch Großprojekte jeglicher Art Denkmäler setzen. Durch behutsame Sanierung unter Beteiligung der Betroffenen wird kaum ein Architekt berühmt.


Positive Ansätze

„Sanfte Stadterneuerung"

Angesichts der schwerwiegenden sozialen Auswirkungen der in vielen europäischen Städten praktizierten „Kahlschlagsanierungen versuchte die Stadt Wien seit 1974 einen anderen Weg, die so genannte „sanfte Stadterneuerung" mit dem Ziel, die Lebensbedingungen der in einem Gebiet lebenden Bevölkerung unter deren aktiven Beteiligung zu verbessern, vor allem durch Sanierung und maßvolle Modernisierung der Häuser und auch durch Verbesserung der Umweltbedingungen.

URBAN Gürtel Plus

Gürtel Plus ist ein Projekt im Rahmen der Eu Initiative URBAN für das Gebiet entlang des Gürtels, eines Wiener Stadtgebietes, das neben großen Verkehrsbelastungen (es handelt sich um eine der meist befahrenen Straßen Europas mit bis zu 100 000 Fahrzeugen im Tag) durch einen großen Anteil schlecht ausgestatteter, zum Großteil vor 1918 errichteter Wohnungen – viele davon mit mangelhafter Ausstattung -, eine hohe Bebauungsdichte und ungenügender Grünflächenversorgung gekennzeichnet ist. Dementsprechend liegen die Arbeitslosenquote, der Anteil an ZuwanderInnen und von Personen mit nur Pflichtschulabschluss weit über dem Wiener Durchschnitt.

Dieses Programm war gekennzeichnet durch eine Kooperation verschiedener Dienststellen der Stadtverwaltung, in dieser Form eine absolute Neuigkeit. Ziel war die Einleitung neuer Tätigkeiten einer lokalen Wirtschaft, die Verbesserung der Umwelt und der Infrastruktur und die Schaffung von Einrichtungen im Sozialwesen, Qualifizierungsmaßnahmen in neuen Technologien und die Schaffung von Arbeitsplätzen vor allem auf lokaler Ebene sowie die Verbesserung der kulturellen Chancengleichheit für Minderheiten.

Mit dem Auslaufen der EU Förderung wurde jedoch dieses Projekt abgebrochen, obwohl einige beachtliche Erfolge erzielt werden konnten.

In mehreren Folgeprojekten war von den sozialen Zielsetzung nicht mehr die Rede, sondern nur mehr von „Aufwertung" Ein verantwortlicher Politiker meinte sogar wörtlich, man müsse die Bevölkerung am Gürtel austauschen.

Grätzelmanagement oder Quartiersmanagement

Auch diese im Rahmen von Förderungsprogrammen (EU bzw. Soziale Stadt) ins Leben gerufenen Projekte haben den Ansatz der Koordination und Kooperation diverser Ressorts der Stadtverwaltung unter Einbindung aller im AkteurInnen der betroffenen Gebiet allerdings auch hier beschränkt auf die Dauer der Förderungen.


Forderungen an die Politik und an die Stadtverwaltungen

Ziel jeder Stadtpolitik und Stadtentwicklung muss die Schaffung von möglichst gleichwertigen Lebensbedingungen für alle BewohnerInnen der Stadt sein. Das bedeutet vor allem für sozial benachteiligte Gruppen die Möglichkeit der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, des Zuganges zu hochwertigen Gesundheits- und Bildungseinrichtungen, die Möglichkeit der Nutzung der sozialen Infrastruktur, das Recht auf menschenwürdiges Wohnen und Arbeiten und das Recht auf eine gesunde Umwelt.

Da diese Bedingungen derzeit für eine Reihe von Bevölkerungsgruppen nicht gegeben sind müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um bestehende soziale Ungleichheiten auszugleichen, abzumildern oder zumindest nicht zu verschärfen.

Analyse der Auswirkungen von Maßnahmen der Stadtpolitik

Das bedeutet, dass die Bedürfnisse der verschiedenen sozial benachteiligten Gruppen möglichst unter Beiziehung von VertreterInnen der jeweils Betroffnen sorgfältig erhoben und alle Maßnahmen der Stadtentwicklung und der Stadtpolitik dahingehend überprüft werden müssen, wie sie sich auf diese Personen auswirken könnten.

Das gilt unter anderem für Behinderte, für ZuwanderInnen, für Kinder und ältere Personen, für Einkommensschwache und auch für die große Gruppe der Frauen.

Bestehende Ansätze der Stadt wie „Gender Mainstreaming", Diversitätspolitik, Barrierefreies Bauen etc. bedürfen aber noch einer substanziellen Intensivierung und konsequenteren Durchführung, sodass die Schlagworte mit Inhalten gefüllt werden und konkrete Verbesserungen für die jeweils Betroffenen erkennen lassen.

Was bedeutet das konkret?

  • Kein Abgehen vom Grundsatz der „Sanften Stadterneuerung"
  • Kooperation und Koordination der verschiedenen Bereiche der Stadtverwaltung
    Um soziale Ungleichheiten nachhaltig zu bekämpfen, bedarf es der Abstimmung von Planungsmaßnahmen, gesetzlichen Bestimmungen (z.B. Mietrecht, Wohnbauförderung, Bauordnung,...) sozialen und bildungspolitischen Maßnahmen, lokalen Beschäftigungsinitiativen, etc.
  • Verstärktes oder neuerliches Engagement der Kommunen im Sozialen Wohnungsbau und aktive Teilnahme am Bodenmarkt entgegen den derzeitigen Trends des Rückzuges.
  • Empowerment-Strategien, die Betroffene in die Lage versetzen, ein selbst bestimmtes Leben mit entsprechenden Zukunftsperspektiven zu führen. Dazu gehören Ausbildungs- und Beschäftigungsinitiativen, Maßnahmen im Gesundheitsbereich und der Stadterneuerung unter Einbindung von NGOs und lokalen Initiativen, rechtliche Beratung und Information vor allem im Bereich des Wohnungswesens etc.
  • Bereitstellung der für die Daseinsvorsorge nötigen Dienste und Sicherstellung der Zugangsmöglichkeit zu diesen für alle BewohnerInnen der Stadt, unabhängig von ihrem Einkommen, wobei der Ausgleich sozialer Benachteiligung einen deutlichen Schwerpunkt bei der Allokation der öffentlichen Mittel darstellen muss. Dafür sind auch – vor allem gesetzliche – Steuerungsmaßnahmen der öffentlichen Hand unumgänglich, stehen aber mitunter zu den immer stärker werdenden Tendenzen der Deregulierung in allen Bereichen (von der Bauordnung über das Mitrecht bis zum Arbeitsrecht) aber auch zu den Tendenzen der Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen im Widerspruch.

Erfahrungen der Workshop-TeilnehmerInnen mit den sozialen Auswirkungen von Planungs- und Baumaßnahmen

Die folgenden Statements entsprechen den jeweils persönlichen Erfahrungen der TeilnehmerInnen, die diese auf Moderationskarten festgehalten haben. Es handelt sich daher nicht um allgemeine Feststellungen.

  • Sozialer Wohnungsbau wird aus ökonomischen Gründen nur in bestimmten Stadtteilen errichtet (günstiges Bauland – günstige Miete)
  • Wohnsiedlungen werden ohne Infrastruktur geplant und gebaut
  • Zu dichte Bebauung und wenig Freiräume erzeugen Nachbarschaftskonflikte
  • Hochhaus – überforderte Nachbarschaften
  • Brachflächen, die früher als Spielräume für Stadtkinder dienten, wurden zugebaut
  • Zunahme regulierter Räume, zum Beispiel Spielplätze mit Öffnungszeiten
  • Sanierung verbessert das Image
  • Spielende Kinder stören am neu sanierten Rathaus
  • Mietenerhöhung führt zu Wechsel der MieterInnen, zu Verdrängung und damit zur Verschiebung der Probleme in andere Stadtgebiete
  • Verlust von Kleingewerbe
  • Bau von Einfamilienhäusern in unmittelbarer Nähe zu sozialen Wohnhäusern, um die Durchmischung zu fördern, aber die Lebenswelten bleiben getrennt
  • Unterschiede zwischen MieterInnen und EigentümerInnen sind positiv und negativ
  • Soziale Wohnhausanlagen dienen den Einfamilienhäusern als Lärmschutzriegel
  • Rückbau durch den Abriss von Hochhäusern ist eine Chance für die Personen, die bleiben wollen.
  • Der demographische Wandel bewirkt, dass kleinere Brennpunkte verschwinden, dass jedoch eine Konzentration auf einen Stadtteilzug oder ein Wohngebiet stattfindet, wo eine Kumulation sozialer Probleme und eine größere Anonymität zu bemerken ist.

Einmischungsmöglichkeiten aus der Sicht der TeilnehmerInnen (Flipchartprotokoll)

Die gesammelten Ideen wurden zum Abschluss mit Punkten bewertet, die jeweils in Klammer angeführt sind

  • Strukturen schaffen, die Entscheidungen im Stadtteil ermöglichen (öffentliche Gremien unter Vorsitz der GWA) Frage: Wer äußert sich in solchen Gremien? (höchste Priorität mit 10 Punkten)
  • Projekt: „Demokratie lehren, Realität lehren" – Mitnehmen von BewohnerInnen in die Planungsinstanzen (8 Punkte)
  • Klare Position von unserem Auftrag haben ----- kommunizieren mit Verwaltung, Politik. (Die Legitimation erhalten wir einerseits von den BewohnerInnen, andererseits von unseren AuftraggeberInnen), dranbleiben (8 Punkte)
  • Drum kämpfen, in den Prozess eingeschaltet zu werden (6 Punkte)
  • Nicht immer nur die eigene Profession sehen, sondern sich mit Menschen aus andern Bereichen verbünden. Vor allem dann, wenn etwas schief läuft, ist es wichtig, AnsprechpartnerInnen aus unterschiedlichen Bereichen zu haben. Zukunftswerkstatt organisieren. (6 Punkte)
  • Kommunikation zwischen den Ämtern (6 Punkte)
  • Verbindlichkeiten herstellen (4 Punkte)
  • Fachhochschulen haben die politische Dimension bisher nicht genug beachtet bzw. sich zu sehr auf die Sozialarbeit konzentriert, GWA ist kaum Teil der Ausbildung (4 Punkte)
  • Wichtig für GWA: Analyse: Was haben wir gemacht, was haben wir erreicht? (3 Punkte)
  • Auf höherer Ebene müssen die Rahmenbedingungen festgelegt werden. Frage: Wie können wir die Rahmenbedingungen beeinflussen? (3 Punkte)
  • Wenn BürgerInnen gemeinsam einen Willen bilden, können politische Entscheidungen beeinflusst werden: Beispiel: Cafe Motz, das unter Anleitung eines Sozialarbeiters zunächst regelmäßig im Freien stattfand und sich zu einem Stadtteiltreff entwickelte. (2 Punkte)
  • Es braucht Räume, um sich zu treffen. Problem: Sobald die Infrastruktur verschönert und verbessert wird, fällt die Provokation weg und es tritt eine gewisse Sättigung ein. (1 Punkt)
  • Netzwerke können auch überfordern, vor allem informelle Netzwerke werden als nicht sehr effizient für die eigentliche Arbeit vor Ort empfunden. (Wobei selbst organisierte Netzwerke nicht informell, das heißt ohne Regeln oder Strukturen sein müssen) - (1 Punkt)
  • Ohnmacht der Politik gegenüber der Eigendynamik der Stadtverwaltung? (1 Punkt)
  • Zitat eines Politikers: „Wir wollen, dass der Bürger im Mittelpunkt steht -------- und damit steht er im Weg"

Literaturliste

  • Alisch, Monika (2002): Soziale Stadtentwicklung. Widersprüche, Kausalitäten und Lösungen. Opladen: Leske und Budrich
  • Berger, Horst (1984) Gebietserneuerung 1974 – 1984, das Wiener Modell, Beiträge zur Stadtforschung und Stadtgestaltung, Band 15
  • Burdett, Richard (2007):"Dreidimensionale Visionen entwickeln" in: Der Standard, Album vom 8. September 2007, S A3
  • Burgers, Jack et al. (2003): Anleitung für ein erfolgreiches Stadtentwicklungsprogramm, Beispiele aus neun europäischen Ländern. Opladen: Leske + Budrich
  • Breitfuss, Andrea Dangschat, Jens; Frey, Oliver; Hamedinger, Alexander (2004) Städtestrategien gegen Armut und soziale Ausgrenzung; Herausforderungen für eine sozialverträgliche Stadtentwicklung, Kammer für Arbeiter und Angestellte Wien 2004
  • Breitfuß, Andrea; Dangschat, Jens; Frey, Oliver; Hamedinger, Alexander (2004): Städtestrategien gegen Armut und soziale Ausgrenzung, Erfahrungen in europäischen Städten. Gesamtbericht Wien (Langfassung); ISRA und stadt+raum
  • Coffey, Antonia (2003): Großstädte im Wandel. Thesenpapier zum Workshop „Städtestrategien gegen Armut und soziale Ausgrenzung - Blicke über den Tellerrand" der AK Wien und der Stadt Wien im Rahmen des Stadtentwicklungsplanes 2005 in: http://www.wien.gv.at/stadtentwicklung/step/pdf/soziales-kommentar5-coffey.pdf), November 2003
  • Coffey, Antonia (2002): Planung – durch Mitbestimmung Akzeptanz fördern in: "BürgerInnen-Beteiligung und politische Partizipation - Konzepte zur Entwicklung der Demokratie in der Stadt" von Michael Häupl und Kilian Franer (Hg), Promedia Verlag Wien, S. 103ff
  • Coffey, Antonia (1994): Bürgerbeteiligung in der Planung, Stadterneuerung in Rotterdam Stadtpunkte, Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien
  • Dangschat, Jens und Hamedinger, Alexander (2004) Sozialraumstrukturen und räumliche Präferenzen – Herausforderungen für die Stadtplanung in: Lebensstile, soziale Milieus und Siedlungsstrukturen Dangschat & Hamedinger (hrsg) Hannover , ARL 2004
  • Dangschat, Jens (2001) Pilotprogramm „Grätzel – Management Wien" Konzeptpapier A-Programmebene. Das Grätzel-Management – eine Idee zur Verwaltungsmodernisierung und zu einer modernen großstädtischen Sozialpolitik. ISRA
  • Grimm- Pretner, Dagmar (1999) Öffentliche Freiräume in Wiener Gründerzeitgebieten, ein Potential zur Verbesserung der Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen oder Verschärfung sozialer Gegensätze? Stadtpunkte, Kammer für Arbeiter und Angestellte und Wiener Integrationsfonds, 1999
  • Grimm-Pretner, Dagmar und Rode Philipp (2003) Die dichte Stadt, Nachverdichtung, Aufwertungsprozesse und soziale Folgewirkungen in gründerzeitlichen Stadtgebieten; Stadtpunkte, Kammer für Arbeiter und Angestellte Wien, 2003
  • Rindt, Wolfgang (1985) GEBIETSBETREUUNG – ein Beitrag zur sanften Stadterneuerung in: Stadt Wien, Magistratsabteilung 25: Gebietsbetreuung 1985 , S 6 ff
  • Steinbach, Josef, Mösgen, Andrea, Kaiser, Alexandra (2005): Historische Sozilaraumanalyse für das Wiener Stadtgebiet II: 1971 -1981 -1991 -12001, im Auftrag der Stadt Wien (MA 18), Reihe : Dokumentation – Erarbeitung STEP Wien 05, Werkstattberichte Nr.77
  • Stadtplanung Wien (2005) Step05, Stadtentwicklungsplan Wien 2005
  • Stadt Wien (2004) Strategieplan Wien im erweiterten Europa
  • Stadtplanung Wien (2000) Strategieplan für Wien, Werkstattberichte Nr.32
  • Stadtplanung Wien (2005) Stadtregionen – Steuerungsmöglichkeiten für die räumliche Entwicklung; Werkstattberichte Nr. 72
  • Woltron, Ute (2007): „Der Slum als Kampfzone" in: Der Standard, 8. September 2007, Album , S A1 f.