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Intermediäre Instanzen in der Gemeinwesenarbeit: Die mit den Wölfen tanzen

Geschrieben von Wolfgang Hinte am .

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Prof. Dr. Wolfgang Hinte, Brüderstr. 22, 46145 Oberhausen, eMail:Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


Alle Jahre wieder taucht im Rahmen der GWA-Diskussion die Frage nach "Strategien" auf, und man meint damit in der Regel die Strategien einer "parteilichen" GWA im Umgang mit dem "System" (was immer das auch sein mag). Durch die Nebelschwaden dieser "Strategie-Diskussion" wird leider bisweilen - nicht einmal schamhaft, sondern eher mit starrem Blick nach vorne, aber mit dem Rücken zur Wand - übertüncht, wie unbeweglich und desorganisiert sich die GWA-Szene intern darstellt: dass die Herausgabe des nun vorliegenden "Jahrbuch Gemeinwesenarbeit" so lange auf sich warten ließ, spricht ja nicht sonderlich für die publizistische Schlagkraft all derjenigen, die von sich selbst glauben, irgend etwas Handfestes und Vorwärtsweisendes zu "Strategiefragen" zu Papier bringen zu können. Und gelegentlich, wenn wieder einmal Strategiefragen thematisiert werden, fragt man mich um meine Meinung. Nun hat sich meine Position im Kern dazu seit den 70er Jahren nur geringfügig geändert, und ich will deshalb gar nicht den Eindruck erwecken, im folgenden sei irgend etwas bahnbrechend Neues zu finden. Ich werde vielmehr meinen grundsätzlichen, mehrfach weiterentwickelten Standpunkt (s. etwa Karas/Hinte 1978; Hinte 1985; Hinte/Karas 1989; Hinte 1991 u. 1992) mit einigen Lernerfahrungen aus der letzten Zeit anreichern und in den aktuellen Kontext der 90er Jahre einordnen. Und noch vorausgeschickt sei: Was im folgenden an praktischen Vorschlägen geschrieben steht, ist erfahren und erprobt, nicht aus dem Postulatenhimmel gegriffen, sondern dem prallen GWA-Leben entlehnt.


Stichworte zur gesellschaftlichen Situation

Viele der für die GWA relevanten Facetten der gesellschaftlichen Situation der späten 80er und sicherlich auch eines Großteils der 90er Jahre sind mittlerweile oft und zutreffend skizziert (lesenswert dazu: Oelschlägel 1993, S. 5-7). Den hinlänglich bekannten Befund will ich stichwortartig präzisieren und ergänzen. Wir leben in einer Zeit, in der die Folgen gesellschaftlicher Widersprüche immer eklatanter hervortreten. Soziale Ungleichheiten verschärfen sich (es gibt immer mehr reiche und immer mehr arme Menschen); wir konstatieren eine Pluralisierung von Lebenskonzepten und Lebensformen sowie einen fortschreitenden Zerfall herkömmlicher Familienstrukturen (Lebensabschnittspartner statt Lebenspartner, Anstieg der Scheidungsquoten sowie der Zahl von Ein-Elternteil-Familien); die Wohnungsnot wächst rapide, und zudem finden sich neben den "klassischen" Armen immer mehr "neue" Arme (etwa Menschen, die bisher einen relativ gesicherten Arbeitsplatz hatten und durch dessen unerwarteten Verlust völlig aus der Bahn geworfen werden). Zum Teil dadurch bedingt, zum Teil damit einhergehend, sinkt das Vertrauen in die Politik, lässt die Wahlbeteiligung nach, gewinnen rechtsextreme Gruppierungen sowohl an den Stammtischen als auch in den Medien und den Parlamenten an Boden, die aggressive Jagd auf Sündenböcke verschärft sich, und gewalttätige Auseinandersetzungen als Mittel, aufzufallen oder sich durchzusetzen, gehören immer mehr zum konkreten und auch (medial) vermittelten Alltag. In dieser gesellschaftlichen Situation vermehren sich die vorfindbaren Subkulturen, driften auseinander, zersplittern, differenzieren sich (speziell an den Rändern) und verlieren immer mehr gemeinsame Werte und Nenner. Die Kluft zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen wächst, ihre ohnehin schwach ausgeprägte Konsensfähigkeit nimmt angesichts sich verschärfender Verteilungskämpfe um knapper werdende Ressourcen weiter ab, und einst bindungsfähige Instanzen wie Religionen, Parteien und Ideologien verlieren an Bedeutung.
In dieser Zeit haben die klassischen AdressatInnen sozialer Arbeit schlechte Karten. In ihrer gesellschaftlich ausgegrenzten Situation sind sie durch wachsende Zersplitterung untereinander zusätzlich geschwächt und zudem aufgrund ihrer wachsenden Entfernung von den Machtzentren in Politik und Verwaltung in steigendem Ausmaß benachteiligt. Gleichzeitig sinkt ihr Einfluss auch durch sich in apathisches oder auch gewalttätiges Verhalten ausdrückende Demoralisierungsprozesse, die wiederum dazu fuhren, dass das Einklagen berechtigter Ansprüche mangels kollektiv definierter Interessen sowie einer im gesellschaftlichen Diskurs relativ unscharfen Ausdrucksfähigkeit unterbleibt. In dieser Situation nimmt die Kluft zwischen der Lebenswelt benachteiligter Bevölkerungsgruppen einerseits und den Macht- und Entscheidungszentralen in Industrie, Politik und Verwaltung andererseits enorm zu. Die letzteren wiederum leiden - aus unterschiedlichen Gründen - an ihrem wachsenden Legitimationsverlust sowie der von ihnen durchaus konstatierten Distanz zu dem Teil der Bevölkerung, dem sie sich doch verpflichtet fühlen oder den sie aus eigennützigen Motiven für sich funktionalisieren wollen.


Soziale Arbeit als intermediäre Instanz

Der wachsenden Zersplitterung lebensweltlicher und politischer Kulturen, die ja auch eine völlig ineffektive Nutzung gesellschaftlicher Ressourcen nach sich zieht, kann nicht dadurch begegnet werden, dass man neue Sub-Kulturen schafft oder vorgefundene Fronten und Verständigungsbarrieren verhärtet, sondern eher dadurch, dass man - wo vorhanden - die kleinsten gemeinsamen Nenner der jeweils agierenden Gruppierungen sucht mit dem Interesse, jeweils vorhandene Potentiale effektiver zu nutzen, und zwar insbesondere für die klassischen Zielgruppen sozialer Arbeit. Benachteiligte, entrechtete Bevölkerungsgruppen und somit auch eine an sozialstaatlichen Gedanken orientierte Politik sind deshalb verstärkt angewiesen auf vermittelnde Instanzen zwischen der Lebenswelt und den Interessen der Bürgerinnen im Stadtteil einerseits und den Entscheidungsträgerinnen und steuernden Instanzen in Politik, Verwaltung und Unternehmen andererseits. Solche vermittelnden Instanzen dürfen ausdrücklich nicht Bestandteil einer staatlichen oder kommunalen Verwaltung sein, also nicht dem akuten Handlungsbedarf eines großen bürokratischen Apparates unterliegen oder in Entscheidungszentralen angesiedelt sein. Sie fungieren als loyale Sachwalter einer sozialen, gerechten und am Wohl einer Stadt orientierten Politik. Die Leute in solchen Funktionen kann man nicht kaufen (das widerspräche dem Grundgedanken der Unabhängigkeit dieser Instanzen), aber man kann sie bezahlen und dafür eine Leistung verlangen. Soziale Arbeit, und hier speziell Ansätze in der Tradition der GWA, kann hier wesentliche Beiträge leisten. Sie ändert (zumindest konzeptionell) mehr und mehr ihre Funktion als Einsatzstelle im Bereich des sozialen Zusammenbruchs mit der damit einhergehenden Mentalität einer nachgeordneten Instanz hin zu einer sich in gesellschaftliche Prozesse einmischenden Instanz, die sowohl ihre Fachkompetenz auch für nicht dem Sozialwesen zugerechnete Bereiche verdeutlicht sowie sich in andere Politikbereiche einmischt ("Grenzüberschreitungen" Oelschlägel 1986, S. 176) mit einer je nach Bedarf konfrontierenden, integrierenden oder moderierenden Haltung. Ich habe dafür - in Anlehnung an andere Autoren - mehrfach den Begriff der "intermediären Instanz" gebraucht (s. dazu Hinte 1991; zu Möglichkeiten intermediärer Organisationen s. ausführlich Seile 1991). Dabei verstehe ich "Sozialpädagogik als intermediäre Instanz" (Rauschenbach/Treptow 1984) nicht als analytisch beschreibende Kategorie (wie etwa die soeben zitierten Kollegen), sondern als eine strategisch immer wieder einzunehmende Position. "Intermediär" meint also keine Zustandsbeschreibung, sondern einen eher labilen, je nach Kontext auszumachenden und zu besetzenden Standort zwischen verschiedenen Lebenswelten, ausgestattet mit hoher Kompetenz in den jeweils angrenzenden Bereichen. "Intermediäre Organisationen sind die Voraussetzung für vermittelnde Austausch- und Anpassungsprozesse, deren Ergebnisse nicht bereits von vornherein feststehen, sondern das Resultat dieser Prozesse aus gesellschaftlich-institutioneller Basis sind" (Bauer 1991, S. 218). Was tun nun Sozialarbeiterinnen als vermittelnde Instanzen? Auf der einen Seite müssen sie für Politik und Verwaltung seriöse Zustandsbeschreibungen liefern, nicht im Sinne von Denunziation oder Tratscherei, sondern im Sinne einer aufklärenden, aus der Sicht der betroffenen Menschen vorgenommenen Information (etwa kleinräumige Sozialberichterstattung), die schriftlich und mündlich in einer Sprache transportiert wird, die Politik und Verwaltung verstehen. Auf der anderen Seite müssen sie bei den Bürgerinnen Aufklärungs- und Organisationsarbeit leisten: Wie funktioniert städtische Politik, welche/n Politikerin kann man wofür ansprechen, wie erhält man Leistungen aus Ämtern usw.? So wird wechselseitige Aufklärung, Organisation lebensweltlicher Betroffenheit und - in einem nächsten Schritt - "Dialogmanagement" betrieben, und zwar mit Blick auf eine Form der Kooperation und Partizipation, die basisdemokratische Konzepte nach demokratischer Beteiligung aller Bevölkerungsgruppen realisiert und versucht, Bedeutungsverlust und Selbstbezogenheit parlamentarischer Instanzen und administrativer Verfahrensweisen durch Formen von direktem Kontakt und Diskurs auszugleichen (s. dazu Langer, 1988).
Das alles geht selten geradlinig, ruhig und gesittet ab. Und da wird es immer wieder Konflikte geben, die nicht im Dialog geklärt werden können, aber zumindest kann man die Möglichkeiten des Dialogs ausschöpfen: GWA als eine produktive Möglichkeit, Bürgerinnen mit Politik, Verwaltung und anderen Institutionen an einen "Runden Tisch" zu holen, um dort miteinander zu verhandeln. Die Nutzung dieser Moderatorenfunktion sozialer Arbeit ist im Grunde eine der letzten Chancen bürgernaher Politik: Wer den Dialog mit den Bürgerinnen sucht, muss auch Mittel für die dauerhafte Einrichtung geeigneter Verfahren und Foren bereitstellen. Ansonsten wird die Kluft zwischen Politikerinnen und Bürgerinnen weiter anwachsen, und man darf sich nicht über Phänomene wie etwa Wahlverdrossenheit wundern.
Grundsätzliche Handlungsregeln für Intermediäre gibt es nur bedingt. Es gelten eben andere Gesetze, je nach dem, ob man sich auf der eher durch Unmittelbarkeit, direkte Auseinandersetzung und authentische Kommunikation geprägten Ebene der Lebenswelt befindet oder auf der eher durch strategisches Taktieren, Bluff und indirekte Kommunikation geprägten Ebene von Bürokratie, Politik und Wirtschaftsunternehmen. Intermediäre bewegen sich gleichsam auf allen drei "Praxisebenen" (Kreft 1987, S. 24) der sozialen Arbeit: Sowohl auf der (1.) Ebene des direkten Kontakts mit den Klientinnen als auch auf der (2.) "Bearbeitungsebene" in Verwaltung und bei Freien Trägern sowie auf der (3.) "Entscheidungsebene" der Politik. Dabei erscheint die Ebene 1 kommunikativ eher wie eine zwar sehr lebendige, aber durchaus überschaubare Wiese, während die Ebenen 1 und 3 eher einem undurchschaubaren Dschungel gleichen, in dem es sich ständig zu tarnen gilt, damit man sich nicht in Lianen verfängt oder in Fallgruben fällt.


GWA als "Gelenkstück"

GWA trat einst mit der Idee an, Menschen zu aktivieren, zu organisieren und zu unterstützen bei der Durchsetzung von Interessen und der Gestaltung der eigenen Lebenssituation. Die Funktion der Gemeinwesenarbeiterinnen war dabei, aufzuklären und zu informieren sowie immer wieder kollektive Aspekte individueller Problemlagen zu verdeutlichen und um diese herum Menschen zu aktivieren. Dies war auch deshalb sinnvoll, weil grundlegende Ressourcen in den Gemeinwesen fehlten und sich Politik und Verwaltung ohnehin einen Dreck darum scherten, wie benachteiligte Bevölkerungsgruppen in ihren Stadtteilen lebten.
Dieser Befund gilt heute so nicht mehr. Es sind erheblich mehr (aber noch lange nicht genug) Ressourcen in den Stadtteilen vorhanden, sowohl personeller als auch räumlicher und finanzieller Natur. Die Aufmerksamkeit von Politik und Verwaltung für unterprivilegierte Stadtteile ist erheblich höher (aus durchsichtigen Motiven) als etwa in den 60er Jahren. Heute müsste es Aufgabe von GWA sein, sowohl auf Stadtteilebene als auch auf Verwaltungsebene vorhandene Ressourcen zu akquirieren, zu bündeln, abzurufen, aber auch neue einzuklagen oder zu entwickeln und Geldströme in solche Stadtteile zu lenken, die zu verslummen drohen und ausgegrenzt werden. Dennoch sind auch Gemeinwesenarbeiterlnnen immer noch häufig - trotz anderslautender Ansprüche - Organisatorinnen von Ferienfreizeiten, Ressourcenbeschafferlnnen für Spielstuben, Iniitiererlnnen, Begleiterinnen und Totengräberinnen von Gruppierungen, Betriebsmanagerinnen eines Stadtteilladens, getarnte Einzelhelferlnnen, Einsatzleiterinnen von Ehrenamtlichen oder Macherinnen des jährlich stattfindenden Stadtteilfestes. Sie leisten diesbezüglich durchaus gute Arbeit, aber sie schwimmen im eigenen Saft und das wahlweise mit Wonne, knatschend oder resigniert. "Intermediäre" Professionelle dagegen entwickeln ein neues Profil. Sie bemühen sich verstärkt um Einfluss auf andere Politik- und Verwaltungsbereiche. Sie sind auf der Ebene des Stadtteils akzeptierte Personen, die die vielfältigen Stadtteilressourcen zusammenführen, Leute an einen Tisch bringen, Bedarfe eruieren und Interessen organisieren, sind aber auf der anderen Seite gleichsam ein Bindeglied zwischen Ressourcen der Verwaltung und anderen Einrichtungen und der Lebenswelt des Stadtteils: vergleichbar mit einem Gelenkstück, über das auf allen Ebenen und zwischen verschiedenen Ebenen Vernetzungen hergestellt werden. Sie konfrontieren die Verwaltung immer wieder mit Daten des Stadtteils und helfen mit, die dort in der Regel völlig verstreut liegenden Ressourcen so zu bündeln, dass sie auch im Sinne der Betroffenen "unten" ankommen. Dabei moderieren und verhandeln sie auf der Grundlage ihrer eigenen Analyse und daraus entwickelter Standpunkte. Grundlage ihres Handelns ist ihre analytische Klarheit darüber, dass die derzeitigen und späteren Verteilungskämpfe nur dann im Sinne benachteiligter Bevölkerungsgruppen ausgehen, wenn diese sich einerseits in vielfältigen Formen fordernd auf den entsprechenden Foren bewegen und andererseits lokale Kommunalpolitik über seriöse Ansprechpartnerinnen verfügt, die annähernd eine Garantie für eine sinnvolle Verwendung von Ressourcen bieten - gleichsam als Gegenstück zum klassischen, in der Regel inhaltsleeren Lobbyistentum von bestimmten Kommunalpolitikerinnen für ihre jeweiligen (meist dann gut ausgestatteten) Stadtteile und die jeweiligen Kathedralen der Stadt.


Konflikt oder Kooperation - eine anachronistische Alternative

Zur Frage des praktischen "Wie" gemeinwesenarbeiterischer Aktion gibt es ein breites Spektrum von Antworten aus den 70er Jahren. Bedeutsamer für die Effektivität der Arbeit erscheinen mir nach Auswertung zahlreicher Praxiserfahrungen jedoch die innere Haltung und die eigene Funktionsdefinition der Professionellen: Sehen sie sich in einem dauernden Frontenkampf auf Seiten der Benachteiligten gegen das Establishment oder verstehen sie sich als parteiliche Vermittlerinnen, kommunikativ kompetent und am Wohle des Stadtteils orientiert, zwischen verschiedenen Macht- und Einflusssphären, die wechselseitig voneinander abhängig sind und ständiger Abstimmung bedürfen (wobei "Abstimmung" durchaus auch in einen handfesten Konflikt ausarten kann)? Im letzteren Fall wird auch die nach Überschaubarkeit und Rezeptologie heischende Frage: "Ab wann beginne ich denn einen Konflikt?" der Komplexität selbst kleinster Situationen nicht gerecht. Der Ameisenhaufen "Lebenswelt" lässt klare Grenzziehungen und Zuordnungen nur in wenigen Fällen zu (anschaulich beschrieben bei Preis 1990). Zum einen gibt es nur selten eindeutige, abgestimmte Interessenartikulationen von Bevölkerungsgruppen, zu denen sich klare Parteilichkeiten entwickeln lassen. Auf wessen Seite bin ich denn, wenn in einem benachteiligten Wohnquartier alte Leute (benachteiligte Randgruppe!) mittags schlafen wollen und gleichzeitig durch engen Wohnraum bedingt Kinder (benachteiligte Randgruppe!) vor deren Fenstern toben wollen? Oder, noch brisanter: Obdachlose organisieren Widerstand (endlich: die Diskriminierten wehren sich!) gegen ein Flüchtlingswohnheim (au Backe, Widerstand ist schön und gut, aber doch nicht gegen alles und jeden!). Zum anderen erscheinen die jeweils beteiligten Interessengruppen (seien es nun Betroffene oder auch Institutionen wie die Stadtverwaltung oder eine Wohnungsbaugesellschaft) selten als monolithische Blöcke, die sich einheitlich an einer Front präsentieren. Da besteht dann die Kunst darin, Schattierungen auszumachen, Bundesgenossinnen auch auf der jeweils anderen Seite zu suchen, die Lethargie in den eigenen Reihen nach außen hin zu tarnen oder die in den jeweiligen Parteien an einer Lösung Interessierten an einen Tisch zu bringen. Die platte Frage danach, wann denn nun eine Konfliktstrategie zu fahren sei und wann man noch verhandeln könne, verkennt völlig den normalen Anforderungscharakter einer komplexen Situation in der GWA. Sogar im Verlauf scharf ausgetragener Konflikte ergibt sich immer noch die Möglichkeit des Aushandelns, und auch in Aushandlungsprozessen bedarf es an manchen Stellen klarer Machtdemonstrationen, damit die andere Seite auch ernsthaft verhandelt. Aber das zeigt: GWA'lerlnnen müssen verhandeln lernen, quasi als Kür zur Pflichtausstattung der Grundfähigkeiten aktivieren, organisieren und akquirieren. I Haltung haben wir - in Anlehnung an R. Hauser - in den späten 70er Jahren "aggressive Konzilianz" bezeichnet (Hinte/Karas 1989, S. 177/188) als Kürzel finde ich das immerhin noch zitierfähig.
Besonders kompliziert wird es, wenn ein Wohnquartier zum Austragungsort ungelöster und vielleicht kurzfristig auch nicht lösbarer Widersprüche wird Wenn etwa ein Stadtteil von der Schließung einer dreckschleudernden Kokerei insofern betroffen ist, dass dort 1.200 Arbeitsplätze abgebaut werden - wie verhält sich dann der Gemeinwesenarbeiter in der folgenden Situation? Die Bergbau fordert zunächst den Erhalt der Arbeitsplätze (und damit der Umwelt betastenden Kokerei) und in einem nächsten Schritt den Bau eines Kohlekraftwerks (ökologisch zumindest bedenklich) und hat damit den größten Teil Stadtteilbevölkerung (auf deren Seite wir ja parteilich stehen sollen) hinter sich. Ökologische Positionen, aus denen heraus für einen langsamen Strukturwandel, andere Konzepte der Arbeitsplatzsicherung sowie im Zweifelsfall einen zwar nicht begeisternden, aber dennoch akzeptablen Sozialplan plädiert wird, sind zwar nach allen Kriterien eines aufgeklärten links-ökologischen Bewusstseins plausibel, gehen jedoch ziemlich an der Betroffenheit der, Wohnbevölkerung vorbei. Was tun? "Dialogmanagement" in dieser Situation könnte zunächst dazu führen, dass ein Klima entsteht, in dem alle beteiligten Parte zugeben können, dass sie keine schnellen Antworten oder unmittelbar plausible Lösungen vorzuweisen haben. Des Weiteren muss ein Prozess initiiert werden, in dessen Verlauf sich alle Beteiligten kundig machen, Daten sammeln, Meinungen offen austauschen, nach Alternativen suchen und nach Auswegen für den Konflikt "Arbeitsplatz versus Ökologie". Was dann herauskommt, lässt sich nicht vorherbestimmen und entzieht sich programmatischen Floskeln "Parteilichkeit" oder "Politisierung". Aber leider kratzt - vorzugsweise Tagungen, Fortbildungen und in manchen Fachhochschulseminaren - immer wieder die aggressive GWA rituell in Gestalt einiger (wieder)vereinigter Dogmatikerlnnen an ihrem Sargdeckel. Die alten Schlagworte werden ausgebuddelt: "Politisierung" und "Parteilichkeit" werden in ihren abgedroschensten und naivsten Varianten bemüht, um im Geiste der 70er Jahre Fragestellungen aus den 90er Jahren bloß nicht zu beantworten. Suspekt ist dabei, dass die Praxis vieler Schlagwort-Anbieterinnen häufig weit entfernt ist von den selbst aufgestellten Ansprüchen, dass dies aber in Fensterreden und Kongressdiskussionen strategisch so gut getarnt ist, dass man erst bei genauerem Hinsehen Sprechblasen platzen sieht.
Die sich im Stadtteil abbildenden, gesamtgesellschaftlich ungelösten Fragen (hier: der Strukturwandel von der industriell geprägten zur dienstleistenden Arbeitsgesellschaft) sind nicht auf der Folie überholten Formeldenkens zu regeln, sondern nur durch Kooperation, Austausch, Kommunikation, aber auch Auseinandersetzung und Konflikt. Dass dabei die Funktion von GWA darin liegt, zur Herstellung gerechter Lebensverhältnisse beizutragen sowie in einem ohnehin komplizierten gesellschaftlichen Gebilde immer wieder die Partei derjenigen zu ergreifen, die benachteiligt, ausgegrenzt und auf der Verliererseite sind, bleibt unbestritten. Wie jedoch diese Form von Parteilichkeit aussieht, ist längst nicht mehr so sonnenklar, wie die ambitioniert ins Nichts gesprochenen alten Vokabeln auf den ersten Blick nahe legen.


GWA als Dienstleistungsinstanz

Soziale Arbeit, wie hier skizziert, hat durchaus auch den Charakter einer Dienstleistungsinstanz sowohl für Bürgerinnen als auch für Politik und Verwaltung: nicht im Sinne einer abhängig dienenden Funktion, sondern eher verstanden als Instanz, die selbstbewusst eine definierbare Leistung erbringt und über das, was sie tut und wofür sie bezahlt wird, Rechenschaft ablegt. Diese Vorstellung von sozialer Arbeit als Dienstleistungsinstanz entspricht allerdings in der Regel nicht den Vorstellungen vieler Professioneller in jenem Bereich. Speziell die Gemeinwesenarbeiterinnen wollten immer von der Politik bezahl! werden und für die Bürgerinnen die Dienstleistungen erbringen. Man war grundsätzlich auf Seiten der Bürgerinnen, auch wenn die ganz woanders waren. Man rackerte sich ab, immer im Interesse der Armen und Entrechteten, und war bisweilen ziemlich enttäuscht, wenn die Benachteiligten das Leben viel leichter nahmen als die schwermütigen und von der Not der Welt gebeutelten Professionellen. Auch soziale Arbeit als "Gelenkstück" zwischen oft unbeweglichen Subkulturen muss als Dienstleistung denjenigen gegenüber begründet werden, die die Musik bezahlen. Der schlichte Verweis darauf, dass man armen Menschen helfe und engagierte Arbeit betreibe, reißt heute keine/en Kommunalpolitikerin mehr vom Hocker. Die Darstellung der Notwendigkeit etwa stadttteilbezogener sozialer Arbeit muss deshalb professionell betrieben werden: nicht moralisierend, lamentierend und mit apokalyptischer Düsternis, sondern

  • mit dem Hinweis auf die Herstellung sozialer Gerechtigkeit durch die in Rede stehende Arbeit
  • unter Klärung fachlicher Standards für die zu leistende Arbeit
  • und mit einer fiskalisch angelegten Kosten-Nutzen-Rechnung, die der Politik zeigt, warum sich die jeweilige Arbeit "lohnt".

Nun führt gerade der Hinweis auf den letzten Punkt in der Regel zu spitzen Schmerzensschreien auf Seiten von Professionellen. Soziale Arbeit, so sagt man, dürfe sich nicht politischen Effektivitätskriterien unterwerfen, sie antworte doch immer auf die konkrete Not benachteiligter Bevölkerungsgruppen und sei deshalb gar nicht darauf angewiesen, "Nützlichkeit" deutlich zu machen (während im übrigen die Effektivitätsdiskussion voll im Gang ist: z.B. Gernert 1988 sowie die Überlegungen zu Controllingverfahren - etwa Vogel 1992).
ich halte diese Position sowohl für blauäugig wie auch für einer fairen Auseinandersetzung mit Politik abträglich. Blauäugig deshalb, weil kommunale Haushalte nicht nach der Anzahl vergossener Tränen erstellt werden, sondern größtenteils auf der Grundlage politischer Kungelei, harter Kosten-Nutzen-Rechnungen, beliebiger Zufallsmehrheiten, angesichts von Konsolidierungszwängen und über Hinterzimmer-Absprachen. Einer fairen Auseinandersetzung abträglich deshalb, weil soziale Arbeit nicht beim Kampf um Mittel Sonderkonditionen verlangen kann, die sie nur weiter in ein Randgruppendasein innerhalb des Konzerte der übrigen Politikbereiche drängt. Wenn wir selbstbewusst davon überzeugt sind, dass sich soziale Arbeit lohnt und dass unsere Arbeit von Bedeutung ist, dann müssen wir das auch fachlich und fiskalisch begründen können, und das gerade in Zeiten, in denen die Verteilungskämpfe härter werden und der Abbau sozialer Leistungen immer offener betrieben wird. Dass es nun nahezu unmöglich ist, darzustellen, wie sich soziale Arbeit "rechnet", ist unumstritten. Perspektivische Versprechungen wie: "Das oder das werden wir erreichen", lassen sich fein operationalisiert seriöserweise nicht aufstellen. Aber man kann schon Wahrscheinlichkeitsrechnungen aufmachen und sie mit retrospektiven Rechnungen anreichern. So lässt sich durchaus plausibel darstellen, dass die Zahl von Fremdunterbringungen durch präventive Stadtteilarbeit deutlich beeinflusst werden kann (eine Heimeinweisung kostet die Kommune ca. 250,- DM pro Tag; 10 verhinderte Fremdunterbringungen ergeben also mindestens 10 Sozialarbeiterinnenstellen pro Jahr). Eine kleine Auswahl weiterer Argumentationsstränge:

  • Gutes soziales Klima in einer Stadt ist ein von Unternehmen durchaus geschätzter "weicher" Standortfaktor.
  • Bürgerbeteiligungsverfahren bei Projekten etwa im Grünflächen- und Baubereich tragen mit dazu bei, dass die Identifikation der Bürgerinnen mit ihrem Wohnumfeld steigt und somit die übliche Zahl von Zerstörungen vermindert wird.
  • Projekte im Gesundheitsbereich (etwa ein Mittagstisch im Stadtteil) verhindern gesundheitliche Schäden, die andere Instanzen anschließend tragen müssten, …

Dass es zudem Verpflichtungen dieses Staates gegenüber seinen Bürgerinnen gibt und dass das Sozialstaatsgebot zur Bekämpfung sozialer Ungleichheit verpflichtet, muss ohnehin Grundlage jeder Argumentation sein. Aber die AdressatInnen der Dienstleistung, in diesem Falle auch Politik und Verwaltung, müssen auch mit Begründungen konfrontiert werden, die ihrer eigenen, internen Logik entsprechen.


Einfluss statt Macht

Soziale Arbeit als vermittelnde Instanz verzichtet ausdrücklich auf Macht, übt aber auf vielen Ebenen Einfluss aus. Sie bombardiert die Machtträgerinnen mit Ideen, kreativen Vorschlägen und Konzepten, aber sie ist darauf angewiesen zu überzeugen, denn sie kann sich nicht auf feste Mehrheiten oder Posten stützen. Vermittelnde Instanzen sind unabhängig, aber im Herzen parteilich und in vielen Szenen akzeptiert. Sie haben klare Positionen und sind nicht käuflich, aber sie machen Geschäfte und holen das Beste für den Stadtteil heraus. Über sie geschieht eine Bündelung von Ressourcen der üblicherweise sektoral gegliederten Verwaltung, die oft häppchenweise winzige Segnungen verteilt, die aber selten für die Bewohnerinnen des Stadtteils spürbar werden. Vermittelnde Instanzen heulen zu diesem Zweck nicht mit den Wölfen, aber sie sind in der Lage, mit dem Wolf zu tanzen. Dabei entpuppen sich im übrigen manche Wölfe als eher zahnlose Wesen oder gar als durchaus differenziert handelnde und sich abstimmende, die Partnerinnen achtende Gestalten, die den Tanz mit mehr Eleganz vollführen als manche tolpatschige GWAlerInnen. Da allerdings manche Wölfe auch brutal zubeißen oder die nach Körperkontakten heischenden GWAlerlnnen listig umgarnen, bedarf es auf Seiten der Professionellen neben sportlicher Eleganz, gediegenem Beharrungsvermögen, Draufgängertum und sauberer Technik auch entsprechender Vorsicht und innerer Unabhängigkeit: GWAlerlnnen als die Schimanskis der sozialen Arbeit.
Die Akzeptanz vermittelnder Instanzen ist für Politikerinnen nicht ganz einfach. Die Frage ist: Können wir denen trauen? Wir können nichts anordnen, kein Ausschuss kann denen irgendwas befehlen. Und was können die - bezahlt von uns - bloß alles anstellen? Die wiegeln die Leute auf, führen uns vor und bringen die ganze Verwaltung durcheinander. Stellen dauernd neue Forderungen und benehmen sich wie die jungen Wilden. Auf der anderen Seite haben die Professionellen ähnliche Probleme: Können wir denen eigentlich trauen? Die haben das Geld und die Macht, haben keine Ahnung von unserer harten Arbeit auf den Hinterhöfen der kapitalistischen Gesellschaft und denken ohnehin immer nur an die Sanierung des Haushalts und die eigene Karriere.
Nun ist die Welt glücklicherweise nicht so holzschnittartig wie in manchen Fernsehsendungen. Boshaftigkeit und Inkompetenz sind flächendeckend verteilt, da kann man weder Politikerinnen und Verwaltungsleute noch Professionelle der sozialen Arbeit und entrechtete Betroffene ausnehmen. In allen Gruppen finden wir eine ganze Menge von Exemplaren, die nur mit allergrößter Selbstdisziplin oder in betrunkenem Zustand zu ertragen sind. Die Distanzen und gegenseitigen Vorurteile lassen sich am ehesten darüber bearbeiten, dass man systematische Kooperationen, Verbindungen und Vernetzungen schafft und zwar auf der Grundlage einer Haltung kritischen Vertrauens. (Denn das ist unter engagierten Menschen im sozialen Bereich gar nicht so schwer: Oft sind sich etwa die Sozialpolitikerinnen in den einzelnen Parteien untereinander erheblich näher als etwa den Wirtschafts- und Verkehrslobbyisten in der eigenen Fraktion.) Kritisches Vertrauen entwickelt sich über

  • Personen: Man weiß in lokalen Kontexten in der Regel, wem man trauen kann und wer nur darauf wartet, mich reinzulegen.
  • Institutionen: Hier liegt die Chance der Freien Träger, wenn ihre Binnenstruktur Kontinuität, Fachlichkeit und Kooperationsbereitschaft garantiert.

Vermittelnde Instanzen leisten also auch Unterstützungsarbeit für Politik, und zwar vornehmlich für solche Politikerinnen, die noch auf Inhalte achten und nicht völlig im Filz der jeweiligen Parteienlandschaft untergehen. Bei der Vielzahl der Aufgaben für in der Politik engagierte Menschen ist es denen oft gar nicht möglich, noch kreativ-konzeptionell zu arbeiten. Die wissen oft auch nicht weiter, und für gute Ideen sind sie gerade in solchen Zeiten außerordentlich anfällig.
Damit wird für die Politik natürlich längst nicht alles einfacher. Eher wird es lebendiger, und zwar in einem durchaus demokratiefördernden Sinne: Es gibt mehr Auseinandersetzung, aber mit konsensfähigen Partnerinnen. Es gibt mehr kritische Anfragen, aber von Leuten, die sich auch mal belehren lassen. Man wird häufiger auf Fehler hingewiesen, aber man kann den anderen auch mal sagen, wenn die was falsch gemacht haben.


Der Blick über den großen Teich

An dieser Stelle einige Bemerkungen zu Strategien aus der US-amerikanischen GWA. Denn die hierzulande periodisch aufkeimende Community-Organisation-Hysterie (letztes Beispiel: Neubauer 1991 sowie weitere Beiträge in sozial extra 7-8/1991), die bisher immer ebenso so schnell verpuffte wie sie aufkam, bedarf gerade im Rahmen der Diskussion um Strategie und Taktik einer besonderen Kommentierung. Die mittlerweile hinlänglich bekannte Euphorie von USA-Heimkehrerinnen weicht nach den ersten Bodenkontakten allenthalben einer realistischen Einschätzung: "Die amerikanische GWA-Praxis ist nur bedingt auf bundesrepublikanische Verhältnisse zu übertragen." (Dorsch 1982, S. 31) Die von USA-GWAlern propagierte Trennung von Organisation und sozialer Arbeit ist mir zwar außerordentlich sympathisch, aber sie hilft uns auch nicht weiter bei der Suche nach geeigneten Strategien. Denn in der Tat "haben es amerikanische Gemeinwesenarbeiter leichter, weil der Problemdruck überwiegend größer ist und sie auf eine aus der Pionierzeit konservierte Tradition zurückgreifen können, wonach Amerikaner gewohnt sind, sich selbst zu helfen und für ihre Belange aktiv zu werden." (Dorsch 1983, S.105) Die uns auf den ersten Blick faszinierende Hemdsärmeligkeit anglo-amerikaniscber GWA würde hierzulande bestenfalls in ein unbezahltes Exotendasein führen, das zwar einen Artikel im unregelmäßig erscheinenden GWA-Jahrbuch sichern würde, ansonsten aber niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlockt. Mobilisierungsstrategien und Taktiken der Massenorganisation haben in den USA einen ganz anderen Nährboden: "Kampf zur Existenzsicherung hat in den USA ... eine andere Tradition, somit auch der Umgang mit Konfrontation und Konflikten." (Dorsch 1982, S. 31) Dennoch glaube ich, dass wir auf dem Weg zu einer den sozialen Bereich überschreitenden organisierenden Arbeit durch die Verbindung gemeinwesenarbeiterischer Gedanken mit Stadtteilentwicklungsprojekten (s. dazu Hinte 1992; ISSAB 1989; Springer 1989) ein ganzes Stück weiter gekommen sind. Den sozialen Bereich mit einschließende, aber darüber hinausgehende Bereiche wie Stadtplanung, Wohnungsbau, Kultur, Beschäftigung, Bildung usw. integrierende Arbeit kann mittlerweile auch hierzulande auf einige Erfolge verweisen.
Gerade angesichts der zerfurchten Gesichter und des durch umfassendes Leid geprägten Kommunikationsstils vieler deutscher Gemeinwesenarbeiterinnen scheint mir dennoch ein Hinweis aus der amerikanischen GWA für unsere Verhältnisse transportabel. In den USA "wird die Frage: Warum bist du Gemeinwesenarbeiter? oft damit beantwortet, dass das Leben dadurch aufregender und interessanter wird." (Dorsch, 1982, S. 32) Der Hinweis, dass GWA Spaß machen dürfe, wurde mir seinerzeit (GWA Werkstatt Geinhausen 1987) von eingefleischten Kämpferinnen aus den GWA-Gründerjahren geradezu übelgenommen - vielleicht kann hier ein Blick über den Teich segensreich und lebensverlängernd (für den Arbeitsansatz und die handelnden Individuen) wirken.


Der aufrechte Gang

Abschließend ein strategischer Hinweis an die Professionellen: Ein untrügliches Erkennungszeichen der Profession besteht häufig in der psychischen (und manchmal auch körperlich manifestierten) Zementierung einer geduckten Haltung: defensiv, in argwöhnischer hab-acht-Stellung, den Kopf eingezogen und die Schultern angespannt ob der Schwere der aufgebürdeten Last. Diese geduckte Haltung kann aus zwei Gründen eingenommen werden:

  1. aus Angst, weil man nichts von sich selbst hält (man moralisiert, ist traurig oder dauerhaft enttäuscht, bläst Volkstrauertagstrübsal, klagt über das Leid der Welt und findet sich selbst zum Kotzen) oder
  2. aus verfolgungswahn-ähnlicher Panik vor Heckenschützen: man robbt über die Grasnarbe und ist ständig auf der Hut; mit derart getrübtem Blick tritt man übermäßig aggressiv auf und schafft unnötige Fronten.

Ein "aufrechter Gang" auf dem Hintergrund gediegenen Selbstbewusstseins über die eigene Leistung würde eher helfen bei der offensiven Darstellung der Qualität sozialer Arbeit und der Suche nach kleinsten gemeinsamen Nennern für die Einrichtung "Runder Tische", die parteiübergreifend und institutionenübergreifend nur von Leuten initiiert werden können, denen nicht schon gleich die Angstblässe öder Kampfeslust ins Gesicht steigt, wenn jemand mal eine andere Meinung sagt oder mit Anzug und Schlips herumläuft.


Literatur

  • Bauer, Rudolph: Lokale Politikforschung und Korporatismus-Ansatz - Kritik und Plädoyer für das Konzept der Intermediarität. In: Heinelt, Hubert/Wollmann, Hellmut (Hg.), Brennpunkt Stadt, Basel/Boston/Berlin 1991
  • Dorsch. Walter: Gemeinwesenarbeit in den USA. In: Sozialmagazin 3/1992
  • Ders.: Organisierte Selbsthilfe in der Bronx (New York). In: Theorie und Praxis der sozialen Arbeit 3/1983
  • Gernert, Wolfgang (Hg.): Sozialarbeit auf dem Prüfstand. Fachlicher Anspruch - Verwaltungskontrolle, Freiburg 1988
  • Hinte, Woltgang/Karas, Fritz: Studienbuch Gruppen- und Gemeinwesenarbeit, Neuwied/Frankfurt a.M., 1989
  • Hinte, Wolfgang: Von der Gemeinwesenarbeit zur stadtteilbezogenen sozialen Arbeit. In: Brennpunkte Sozialer Arbeit - Gemeinwesenarbeit, Frankfurt a.M. 1985
  • ders.: Sollen Sozialarbeiter hexen? Stadtteilarbeiter zwischen Bürokratie und Bewohneralltag. In: sozial extra 9/1991
  • ders.: Von der Stadtteilarbeit zum Stadtteilmanagement - Sozialraumorientierung als methodisches Prinzip sozialer Arbeit. In: Blätter der Wohlfahrtspflege 5/1992
  • Institut für Stadtteilbezogene Soziale Arbeit und Beratung: Zwischen Sozialstaat und Selbsthilfe. Essen 1989
  • Karas, Fritz/Hinte, Wolfgang: Grundprogramm Gemeinwesenarbeit, Wuppertal 1978 (vergriffen)