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Gemeinwesenarbeit und Nachbarschaft als Chancen für zukunftsorientierte Gemeinden und Diakonie

Geschrieben von Stefan Gillich am .

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Stefan Gillich, Referent für Gefährdetenhilfe, Diakonisches Werk Hessen und Nassau, Ederstraße 12, 60486 Frankfurt, Tel: 069/7947-222, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Internet: www.diakonie-hessen-nassau.de

Bei diesem Aufsatz handelt es sich um eine Kurzfassung des Beitrags aus dem Buch: Stefan Gillich (Hrsg.) (2007): Nachbarschaften und Stadtteile im Umbruch. Kreative Antworten der Gemeinwesenarbeit auf aktuelle Herausforderungen, Gelnhausen, Bezug: www.burckhardthaus.de, Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


Auftrag von Kirche und Gemeinde ist, Menschen zu unterstützen, damit die eigenverantwortliche Gestaltung gelingendes Leben möglich ist. Dabei spielen Nachbarschaft und die Entwicklung von Netzwerken im Sinne eines solidarischen Miteinanders eine bedeutende Rolle. Die Bedeutung der Gemeinwesenarbeit für Kirche und Diakonie beschreibe ich anhand von drei Fragestellungen:

  • Warum ist es wichtig, sich mit Blick auf eine zukunftsorientierte Gemeinde und Diakonie mit dem Ansatz der Gemeinwesenarbeit auseinander zu setzen? Oder: Warum ist Stadtteilarbeit sinnvoll?
  • Welches ist der zugrundeliegende Denkansatz der Gemeinwesenarbeit und wie kann dieser Ansatz konkret in der Praxis aussehen?
  • Welches sind – mit Blick auf Kirche und Diakonie - die damit verbundenen (Konsequenzen und) Forderungen?

Um es vorweg zu sagen. Drei Schlüsselbegriffe sind für mich zukunftsweisend, an denen entlang ich versuchen werde, das Thema zu beschreiben, nämlich "Beteiligung" und "Aktivierung" (der Betroffenen) sowie "Bürgerschaftliches Engagement/Nachbarschaftshilfe".

Warum ist es wichtig, sich mit Blick auf eine zukunftsorientierte Gemeinde und Diakonie mit dem Ansatz der Gemeinwesenarbeit auseinander zu setzen? Oder: Warum ist Stadtteilarbeit sinnvoll?

  1. Kirche braucht ihre diakonische Dimension, sonst ist sie nicht Kirche. Kirche und Diakonie haben z.T. sehr eigenständige Entwicklungen vollzogen, die nicht zwangsläufig aufeinander bezogen waren. In vielen christlichen Orts-Gemeinden ist ein diakonischer Funktions- und Bedeutungsverlust wahrnehmbar, gleichzeitig sind Gemeinden in ihrer Reproduktionskraft geschwächt. Ich verkürze: Kirchengemeinden konzentrier(t)en sich auf den Gottesdienst während die Diakonie den Menschendienst für Hilfebedürftige professionell und effizient gestaltet(e) (vgl. Dörner 2006). Christliche Gemeinden stehen vor der Herausforderung, ihre diakonische Dimension zurück zu gewinnen. Dazu braucht Kirche einen gemeinde- und gemeinwesenorientierten Fachdienst, da solidarisches Handeln zunehmend der Anregung, Beratung und motivierenden Begleitung bedarf. Stadtteilorientierung (manche verwenden auch den Begriff der Sozialraumorientierung) ist die Schnittmenge der Verknüpfung von Ortsgemeinden und Diakonie.
  2. Wenn die gottesdienstlichen Versammlungen einer Gemeinde das liturgische Zentrum der Gemeindearbeit bilden, so muss der "Gottesdienst im Alltag" im Stadtteil, im Quartier oder im Dorf genauso ernst genommen werden. Auch dies ist in gleicher Weise "Gottesdienst" und nicht beliebig: Es ist das alltägliche Handeln des "Wortes". Dabei spielen Themen des Stadtteils oder des Dorfes eine Rolle, ebenso wie die Stadt bzw. der Landkreis, der makropolitische Raum etc. Das kann z.B. beginnen bei der Kinder- oder Seniorenfreundlichkeit eines Stadtteils, bei den Einkaufs- und Begegnungsmöglichkeiten, bei der Verkehrsanbindung oder bei Formen des Zusammenlebens.
  3. Zentrale sozialpolitische Zukunftsthemen wie die demographische Entwicklung, die Zukunft der Erwerbsarbeit und die Armutsentwicklung gilt es wahrzunehmen vor dem Hintergrund der Globalisierungs- und Individualisierungsprozesse. Doch klar ist, dass sich der Lebensalltag der Menschen kleinräumig abspielt. Es ist der Lebensalltag vor Ort, der "Nahraum", der die sozialen Beziehungen der Menschen strukturiert und durch soziale Beziehungen ermöglicht, an tragenden solidarischen Netzen zu knüpfen.
  4. Gemeinden und Diakonie wird manchmal unterstellt, es liege in ihrer Entscheidung, ob und inwieweit sie politisch sein wollen. Das ist meines Erachtens falsch. Das Evangelium ist politisch. Deshalb kann auch Kirche gar nicht anders. Gemeinde und Diakonie nehmen immer eine gesellschaftspolitische Rolle wahr, indem sie z.B. diakonisch aktiv sind (offene Jugendarbeit, Beratungsdienste, Seniorentreff, Kindertagesstätten, Besuchsdienste etc). Gemeinde und Diakonie spielen auch eine gesellschaftspolitische Rolle, wenn sie nicht im Stadtteil bzw. im Dorf aktiv sind. Christliche Existenz gibt es nicht ohne politische Bedeutung. Wenn ich etwas tue handle ich politisch, wenn ich etwas nicht tue ebenfalls – auch durch Schweigen handle ich! Es geht folglich bei allem Handeln auch immer darum, dass Gemeinde und Diakonie sich ihrer gesellschaftspolitischen Rolle und Verantwortung bewusst sind, sie annehmen und (mit-)gestalten.
  5. Das Evangelium betrifft das ganze Leben. Dies gilt für alle Menschen, die sich durch das Evangelium Jesu Christi treffen und betreffen lassen, die sich in seinem Namen zusammenschließen und auf den Weg machen: sie sind seine Gemeinde. Dieses Gemeinde- und Diakonieverständnis ist bezogen auf Menschen und Gruppen, die eigenständig miteinander leben, glauben und lernen, ob kirchennah oder kirchenfern. Auf die Anliegen dieser Menschen sind Ämter, Dienste und Angebote der Gemeinde und der Diakonie orientiert.
  6. Für die kirchliche und diakonische Arbeit ist die Gemeinwesenorientierung (manche sprechen auch von Stadtteil- oder Sozialraumorientierung) von zentraler Bedeutung, weil auch soziale Probleme einen Raumbezug haben.
    - Dies wird wahrnehmbar in der Ausgrenzung der Armut in benachteiligten Wohnquartieren oder durch die Anhäufung von Problemen auf der Straße (z.B. bei Wohnungslosen oder Jugendlichen).
    - Darüber hinaus können Räume bei der Entstehung und Entwicklung sozialer Probleme eine Rolle spielen (z.B. reizarmes Milieu und hohe Wohndichte fördern soziale Konflikte)
    - Räume können Möglichkeiten und Behinderungen bei der Bewältigung sozialer Probleme darstellen (soziale Infrastruktur, Image eines Stadtteils, Räume, welche die Kommunikation und den Aufbau sozialer Netze befördern).
    - Räume bieten die Möglichkeit, soziale Probleme zu thematisieren (z.B. Stadtteilhaus, Nachbarschaftshaus, Straße als politischer Raum)
    Damit hat der Blick auf den Raum nicht nur problemlösende Funktion sondern durch die Nähe zu den Menschen in deren Lebenslagen präventive und seismographische Funktion für neue Handlungsfelder.
  7. Aktuell richten sich unterschiedliche Felder Sozialer Arbeit sozialraumorientiert aus und formulieren Bürgerbeteiligung als wesentliche Aufgabe. Von der Jugendhilfe über die soziale Stadtentwicklung bis zur Öffnung von Schulen für den Stadtteil wird von Sozialraumorientierung gesprochen. Das heißt: Arbeitsfelder richten sich sozialraumorientiert aus (in der Regel ist damit ein geographischer Raum gemeint). Einzelne Kommunen sind über die Erprobungsphase hinaus und vergeben Geld (an die freien Träger) im Rahmen einer festgesetzten Sozialraumbudgetierung, um die sich die Diakonie bewerben kann.
  8. Ein Abschlussblick auf den Stellenabbau in Einrichtungen von Gemeinde und Diakonie verbunden mit der Fragestellung, ob die sozialdiakonische Arbeit zukünftig nur noch ehrenamtlich erfolgt? Ich meine: Suppenküchen als Armenspeisung können von Ehrenamtlichen realisiert werden. Doch bleibt sie ohne ein gemeinwesenorientiertes Konzept der Gemeindearbeit zufälliger und beliebiger Ausdruck einer engagierten Nächstenliebe.

Eine Theorie besagt: Die gemeindliche Diakonie entwickelt sich dort, wo die Kirchengemeinde das soziale Feld als Herausforderung annimmt und tätig wird. Eine diakonische Gemeinde ist demnach eine Gemeinde, die sich betreffen lässt von dem, was Menschen beschäftigt und belastet. Auf diese Weise können sich Verkündigung und soziales (diakonisches) Handeln gegenseitig durchdringen. Damit wird die Abkoppelung des Sozialen vom Religiösen unterbrochen (Hans-Jürgen Benedict 2004: 493). Es geht konkret um Stadtteilorientierung, die angelegt ist auf die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen im Stadtteil und sich primär orientiert an den Interessen der Bewohner.


Welches ist der zugrundeliegende Denkansatz der Gemeinwesenarbeit und wie kann dieser Ansatz konkret aussehen?

Träger der Sozialarbeit werden zunehmend konfrontiert mit sozialen Desintegrationsprozessen. Dies wird deutlich an Merkmalen wie Arbeitslosigkeit, Überschuldung, Perspektivlosigkeit Jugendlicher, Spaltung der Gesellschaft, Zunahme der Kinderarmut etc. Soziale Desintegration kann durch soziale Arbeit mit einzelnen KlientInnen oder mit der herkömmlichen Gruppenarbeit nicht (mehr) ausreichend angegangen werden. Besondere Schwierigkeiten, die auch Kirche und Diakonie betreffen, und ""alte" Erscheinungen sind z.B. Die Zersplitterung der Handlungsvollzüge, die Tendenz zur Spezialisierung oder die Reaktive Hilfe als Einzelfallorientierung. In der Sozialen Arbeit gibt es - grob vereinfacht - zwei wesentliche inhaltliche Stränge: Zur Behebung einer konkreten kritischen Lebenslage einer/s Hilfesuchenden werden Einzelhilfen angeboten, von konkreter materieller Hilfe über Beratung bis hin zu Therapie. Im Mittelpunkt steht die/der Hilfesuchende in seiner konkreten Notsituation und bedarf für einen (begrenzten) Zeitraum professioneller Unterstützung. Diese Notlage erscheint isoliert darstellbar und ist mit einem bestimmten Spektrum von Maßnahmen zu bearbeiten. Demgegenüber steht ein Verständnis einer/s Hilfesuchenden als integriertem Bestandteil eines ökologischen und sozialen Zusammenhangs. Nach diesem Verständnis ist die/der Hilfesuchende geprägt durch seine sozialen und materiellen Lebensbedingungen, seine Umwelt und die Wohnbedingungen, in denen er lebt. Gleichzeitig ist er aber auch in der Lage, Einfluss auf diese Faktoren auszuüben, Entscheidungen zu treffen und das Leben selbst zu gestalten.

Für die Soziale Arbeit ist die sozialräumliche Orientierung von zentraler Bedeutung, weil auch soziale Probleme einen Raumbezug haben. Das Leben im Sozialraum (Kirchengemeinde, Kirchenkreis, Gemeinwesen, Stadtteil etc.) muss zu Bezugspunkten werden für das Verstehen der Belastungen, Krisen und Notlagen der hier lebenden Menschen. Es wird nach Belastungen und nach Ressourcen im Sozialraum gefragt. Zunehmend wird der Sozialraum als eine Ressource zur Lebensbewältigung erkannt. Mit diesem Perspektivenwechsel erweitern sich die Handlungs- und Interventionsmöglichkeiten von der angebotsorientierten, institutionell orientierten Arbeit hin zu Konzepten der Gestaltung von Lebensräumen im Sinne der Menschen. Diese Perspektive sieht die Zielgruppen eingebettet in soziale Beziehungen, Institutionen, Wohnumfeld und Arbeitswelt.

Sozialer Arbeit geht es um die Bearbeitung sozialer Probleme. Gemeinwesenarbeit geht es um die Verbesserung der Lebensbedingungen in sozialen Räumen im Sinne der dort lebenden Menschen. Gemeinwesenarbeit ist eine sozialräumliche Strategie, welche sich ganzheitlich auf den Stadtteil und nicht pädagogisch auf einzelne Individuen richtet. Sie arbeitet mit den Ressourcen des Stadtteils und seiner BewohnerInnen und fördert Selbstorganisation und Selbsthilfe. Wenn von Gemeinwesenarbeit gesprochen wird, dann ist damit nicht zwangsläufig ein ausgewiesenes Tätigkeitsfeld ausgedrückt, sondern vielmehr ein Arbeitsprinzip, eine Grundhaltung, ein Blickwinkel, eine bestimmte Form der Herangehensweise an Themen- und Problemstellungen. Insofern geht nicht darum, dass Gemeinwesenarbeit als bloße Methode für kirchliche/diakonische Interessen instrumentalisiert wird, sondern dass die Grundhaltung verstanden und Methoden in diesem Sinn umgesetzt werden. Die Gemeinwesenarbeit bietet das Grundverständnis und das notwendige Methodenrepertoire, um qualitative Beiträge zur Aktivierung, Beteiligung und Selbstorganisation der Menschen im Stadtteil zu leisten – im Sinne diakonischer und kirchengemeindlicher Arbeit. Im Gegensatz zu klassischen Beratungsansätzen Sozialer Arbeit verlagert die sozialräumliche Sichtweise ihr Hauptaugenmerk von den KlientInnen auf deren direkte Lebensumwelt und versucht, auf der Ebene der kleinräumigen, überschaubaren Strukturen, gemeinsam mit Betroffenen, Veränderungsprozesse zu erreichen. Auf dieser Ebene ist auch das Handlungsfeld einer Kirchengemeinde und der Diakonie.

Diakonische Angebote im Stadtteil im Sinne der Gemeinwesenarbeit

  • sind am Willen der Menschen orientiert
  • sind auf die Bedürfnisse der Menschen vor Ort zugeschnitten
  • sind aktivierend und fördern Beteiligung
  • müssen gut zugänglich sein
  • haben ressourcenorientierten Charakter
  • sind koordiniert.

In der Gemeinwesenarbeit wurden viele Methoden entwickelt, um in einem räumlich begrenzten Gebiet die Sichtweisen, Interessen und Bedürfnisse der dort lebenden Menschen zu erfahren. Darin hat die Gemeinwesenarbeit jahrzehntelange Erfahrungen. Ausgehend von der Erkenntnis, dass Menschen nur bereit sind, sich für etwas zu engagieren, wenn es in ihrem eigenen Interesse ist und sie von der Notwendigkeit überzeugt sind, gilt es herauszufinden, was die Menschen denken und fühlen, was sie als veränderungswürdig ansehen und was sie selber bereit sind zu tun, damit sich etwas verändert. Die grundlegende Programmatik der Gemeinwesenarbeit lässt sich konkretisieren anhand der folgenden sieben handlungsleitenden Grundsätze die zusammengehören.

Orientierung an den Themen und Interessen der Menschen:

In der Gemeinwesenarbeit, mit einer jahrzehntelangen Tradition der Entwicklung von Beteiligungsformen, geht es grundsätzlich zuerst darum, die Themen der Menschen zu ermitteln und zu verstehen. Das bedeutet nicht, dass ich als Mitarbeiter der Kirchengemeinde oder Diakonie dann alles selber mache. Doch ich nehme Themen wahr und frage Menschen, ob und was sie zur Veränderung des beschriebenen Problems beitragen können. Nachgedacht wird nicht (nur) darüber, was die Zielgruppe(n) interessieren könnte sondern sie werden direkt nach ihren Wünschen und Bedürfnissen gefragt Der Ausgangspunkt ist nicht, was sie (vermeintlich) brauchen sondern was sie vor dem Hintergrund ihrer Lebenslage wollen. Die Menschen sind ExpertInnen ihrer eigenen Lebenswelt. Es geht folglich darum, sich auf die Suche zu machen und die Motivation der Menschen nach Veränderung wahrzunehmen.

Das heißt: Fachkräfte, mit ihrer Institution Teil eines Sozialraums, müssen vor Ort erreichbar sein, Kontakte pflegen und Vertrauen schaffen durch niederschwellige Arbeit. Nur durch die Verortung im Sozialraum mit dem Ohr an den Themen der Menschen können informelle soziale Netzwerke wahrgenommen und erschlossen werden. Gelebte Vorurteilstrukturen und Konflikte, Prozesse von Verarmung und Ausgrenzung können kenntlich gemacht werden ebenso wie das Gelingende, die Stärken und die Alltagssolidarität der Menschen. Beispiele sind Sozialraumerkundungen; Untersuchung und Betroffenenbefragung in der Tagesstätte, in Einrichtungen etc.; Einrichtungen fragen z.B. ihre Besucher, welche Öffnungszeiten sie wollen.

Förderung der Selbstorganisation und der Selbsthilfekräfte:

Gemeinwesenarbeit ermutigt und unterstützt Menschen, ihre Themen selbst anzupacken. Unterstützung bedeutet, dass Gemeinwesenarbeit den "Rest" macht, also nicht für Menschen handelt, sondern – wo immer möglich - mit ihnen. Beispiele: Gemeinsam Sozialausschusssitzungen/Gemeinderatssitzungen besuchen; zum Besuch von Kirchenvorstandssitzungen ermuntern; Arbeitsprojekte (z.B. Fahrradwerkstatt) in eigener Verantwortung der Bewohner/Besucher ermöglichen; Einführung von Bewohnerversammlung, -vertretung oder -beirat mit Entscheidungsbefugnis; Versammlung der Tagesstättenbesucher.

Nutzung der vorhandenen Ressourcen:

Ressourcen werden nicht erst dann zur Verfügung gestellt, wenn Probleme überhand nehmen. Vorhandene Potenziale des Stadtteils wie Nachbarschaften, Wohnräume, spezielle Fähigkeiten einzelner Bewohner oder kommunale Dienstleistungen werden gesucht, gefördert, vernetzt, aktiviert und für bestimmte Projekte nutzbar gemacht. Beispiele: Anlegen von Karteikarten mit einer Übersicht über Ressourcen im Stadtteil.

Verbesserung der materiellen/immateriellen Situation und der infrastrukturellen Bedingungen:

Gemeinwesenorientiertes Handeln bedeutet, einen Beitrag zu leisten zu einer aktiven Stadt(teil)Entwicklung. Die Förderung neuer Ressourcen orientiert sich am Bedarf des Sozialraums, z.B. durch den Ausbau der ökonomischen und baulichen Strukturen (wie adäquater Wohnraum, Arbeitsplätze, Räume), durch Schaffung von Arbeitstätigkeiten oder durch Angebote wie günstiges Essen oder Second-Hand-Kleidung. Gemeinwesenarbeit konfrontiert Politik, Verwaltung und Gesellschaft beharrlich mit den Lebensbedingungen der Menschen im Stadtteil – von der sachlichen Darstellung über einen fachlichen Diskurs bis zu skandalisierenden Aktionen mit allen zur Verfügung stehenden Elementen nachdrücklicher Öffentlichkeitsarbeit. Gemeinwesenarbeit unterstützt die Entwicklung des sozialen und kulturellen Lebens, des "unsichtbaren Gemeinwesens", wie soziales Klima, bürgerschaftliches Engagement, Alltagskontakte etc. Beispiel: Tauschbörse.

Zielgruppenübergreifendes Handeln:

Gemeinwesenarbeit beschränkt sich nicht auf eine Zielgruppe (z.B. arbeitslose Jugendliche) sondern stellt Zusammenhänge her zwischen den Gruppen im Wohnquartier und versucht, deren Kooperation zu fördern. Aktivitäten werden aus einem Bedarf, um ein Thema herum organisiert, das in der Regel nicht nur eine Zielgruppe betrifft. Natürlich kann es Themen geben, die nur eine bestimmte Bevölkerungsgruppe betrifft und sich "zielgruppenspezifisch" organisiert. Gleichwohl ist die Betrachtungs- und Herangehensweise grundsätzlich sozialraumbezogen. Praktische Beispiele: Ein Koch-Kurs in einer zielgruppenspezifischen Institution oder in der stationären Einrichtung, die offen ist für Bewohner aus dem Stadtteil; Filmabende für Stadtteilbewohner in Räumen der Kirchengemeinde oder Diakonieeinrichtungen; Mittagstisch im Stadtteilcafé; Arbeitslosenfrühstück; muttersprachliches Angebot (Kultur, Schriftwechsel, Landsleute, Sprachkurs).

Ressort- und methodenübergreifendes Handeln:

Um die Lebensbedingungen im Sozialraum zu verbessern, wird eine bereichsübergreifende Kooperation mit anderen Feldern kommunaler Politik wie Beschäftigungspolitik, Wohnungspolitik, Wirtschaftsförderung, Gesundheitspolitik, Stadtentwicklung usw. gesucht und gefördert. Eine so verstandene Gemeinwesenarbeit kann nicht im Alleingang des "Sozialen" gelingen. Wenn Veränderung gelingen soll braucht sie Partner in Politik und Verwaltung. Dazu gehört fallübergreifende (zielgruppenübergreifende) Gemeinsamkeiten von Lebenslagen erkennen; mit (bürgerschaftlichen) Organisationen (Nachbarschaften) zusammenarbeiten und nicht nur "fallorientiert (zielgruppenorientiert)" kommunizieren; Entscheidungsträger in Institutionen und Politik erreichen.

Vernetzung und Kooperation:

Gemeinwesenarbeit kann nicht von einer Person gemacht werden, wenn das Gemeinwesen als handelndes Subjekt gesehen wird. Vernetzung und Kooperation möglichst vieler Akteure ist nötig. Dabei zielt Vernetzung in zwei Richtungen: Vernetzung der Menschen im Gemeinwesen (Bürger, Betroffene von einem Thema etc.) und Vernetzung der "Professionellen". Eine wesentliche Aufgabe für soziale Arbeit besteht schlechthin darin, den Menschen Ressourcen für das Überleben oder für ein besseres Leben zur Verfügung zu stellen bzw. deren Nutzung zu ermöglichen. Diese Arbeit ist Netzwerkarbeit. Räume zur Verfügung zu stellen, wo die Menschen an ihren eigenen Netzen stricken können: Gleichgesinnte, Nachbarn, Professionelle. Das Gemeinwesen wird zu einem Netzwerk formeller und informeller Beziehungen. Die Bedeutung für Einzelne besteht u.a. darin, dass Unterstützung und Solidarität zu mobilisieren ist. Beispiele wie Stadtteilcafé oder Mehrgenerationenhaus sind niederschwellige Formen, denen als Vernetzungsmöglichkeit eine zunehmende Bedeutung zukommt. Dies setzt niederschwellige Zugangsmöglichkeiten voraus.


Welches sind die damit verbundenen (Konsequenzen und) Forderungen?

Der Blick von Gemeinde und Diakonie muss notwendigerweise auf die Quartiere geworfen werden in denen Probleme wachsen, in denen Armut, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Wohnungsnot, Überschuldung etc. beheimatet sind und in zu Armutsstadtteilen zusammengewachsenen "Armutsinseln" sichtbar wird. Der Sozialraum ist als Ort des Wohnens, der Existenzsicherung durch Arbeit, des sozialen Austauschs, des bürgerschaftlichen Engagements oder der Teilhabe an gesellschaftlichen Einrichtungen der zentrale Ort der Lebensbewältigung. Die Öffnung von Einrichtungen in und für den Stadtteil als niederschwellige Kommunikationsräume z.B. als Stadtteilladen, Bürgerhaus oder Stadtteilcafé mit der Förderung von Selbsthilfeformen und -initiativen kann eine Möglichkeit sein, nützliche Dienstleistungen anzubieten und reicht bis zur Suche nach Bündnispartnern im Gemeinwesen. Es müssen Räume sein, wo Menschen sich wohlfühlen können, keine "pädagogische" Bearbeitung zu befürchten haben und an ihren sozialen Netzen stricken können – ohne an eine Dienstleistung als Gegenleistung gekoppelt zu sein.

Dabei geht es zentral um befähigendes Handeln, also um Beteiligung und Aktivierung der Menschen. Denn Beteiligung muss daran orientiert sein, Menschen mit allen zur Verfügung stehenden Mittel zu unterstützen, für die eigenen Belange aktiv zu werden. Dafür benötigen wir neben den notwendigen Strukturen das bürgerschaftliche Engagement die Nachbarschaftshilfe, die für sich und für andere Verantwortung übernimmt.

Was bedeutet Beteiligung von Menschen im Stadtteil konkret? Gesellschaftlicher Auftrag ist es dazu beizutragen, für Menschen und Familien positive Lebensbedingungen zu schaffen, und Sorge zu tragen z.B. für die Erhaltung und Herstellung einer kinder- und familienfreundlichen Umwelt. Das geschieht am einfachsten und am sinnvollsten durch Beteiligung der Menschen. Denn platt formuliert: Was bringt es, wenn ich mir die schönsten Angebote z.B. für die Zielgruppen ausdenke und niemand nimmt die Angebote an? Dies ist häufig die Crux der angebotsorientierten diakonischen und kirchlichen Arbeit. Alle wollen das Beste für die Klientel. Doch die Menschen bleiben fern, weil die Angebote nicht ihren aktuellen Themen entsprechen. Es geht folglich darum, herauszufinden und zu verstehen, welches die Themen der Menschen im Stadtteil sind – was sie bewegt und beschäftigt und woran sie gegebenenfalls bereit sind, etwas zu verändern. Konkret: Wir brauchen zukünftig weniger eine angebots- als vielmehr eine beteiligungsorientierte, Räume anbietende Diakonie.

Aktivierende Beteiligung ist mehr als eine einmalige Beteiligungsform. Das Methodenrepertoire der Gemeinwesenarbeit hierzu ist üppig. Doch wie schnell stößt Beteiligung an seine Grenzen. In der Regel dort, wo es um Mit-Entscheiden geht oder um ein "Veto-Recht" bei materiellen Ernstfragen, also dort, wo es um das Verlassen von demokratischen Sandkastenspielen geht. Zum Beispiel bei Öffnungszeiten von Einrichtungen, Umfang und Verwendung von Finanzen und Sachmittel, bei der selbstbestimmten inhaltlichen Programmgestaltung usw. Beteiligung bedeutet, dass Menschen sich angenommen und ernst genommen fühlen (und werden), das Ergebnis ihr Produkt ist mit dem sie sich identifizieren können und sie damit offen werden für weitere Themen. Darüber hinaus wird durch Beteiligung der Menschen die Lebensqualität im Stadtteil verbessert, Ressourcenmobilisierung und Ressourcenaufbau werden gestärkt, das soziale Netz wird entwickelt und erweitert, Hilfen und Beteiligung, die an den vorhandenen Ressourcen aus der Lebenswelt der Betroffenen angebunden werden, sind mittel- und langfristig wirksamer. Ehrenamtliches Engagement in Kirchengemeinden oder in der Diakonie ist nicht zuletzt entstanden durch Betroffenheit oder den Willen, zu einem bestimmten Thema etwas zu verändern.

Gemeinde und Diakonie sind zentrale zivilgesellschaftliche Akteure in einem Stadtteil. Sie müssen - gerade als sozialpolitische Akteure – das Bewusstsein haben, Träger öffentlicher sozialer Belange im Quartier sein. Bundesprogramme wie Soziale-Stadt-Strategien oder Mehrgenerationenhäuser sind umzusetzen mit besonderem Blick auf benachteiligte Wohngebiete. Dazu gehört auch auf der Handlungsebene, Ressourcen, welche Gemeinde und Diakonie zu bieten haben, für den Stadtteil zugänglich zu machen.

In Zeiten zunehmender Individualisierung ist es notwendig, in der Diakonie und in den Gemeinden vor Ort Plattformen für Initiativen und Allianzen auf- und auszubauen, in denen Menschen Platz finden für Engagement und Teilhabe. Dazu gehören niederschwellige Orte der Begegnung im Stadtteil. Nur über geschaffenes Vertrauen sind diese Menschen auch für weitere, evtl. auch spirituelle Themen ansprechbar. Die haupt- und ehrenamtlichen Kräfte von Diakonie und Kirchengemeinde bzw. Kirchenkreis sind neben der Bereitstellung von infrastrukturellen und materiellen Ressourcen auch eine wichtige soziale Ressource. Es ist die Realisierung der Nächstenliebe unter den Bedingungen des Stadtteils, die umso gravierender sind, je benachteiligter ein Stadtteil ist. In benachteiligten Stadtteilen leben Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die von gesellschaftlicher Teilhabe weitgehend ausgeschlossen sind. Das offen sein für Ausgegrenzte und Benachteiligte ist ein zentrales Anliegen des christlichen Glaubens. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst: Dazu gehört auch gesellschaftspolitisches Engagement, um die Rahmenbedingungen für Benachteiligte und Ausgegrenzte zu verbessern. In Ansätzen ist in der Praxis eine sozialräumlich orientierte Gemeindeentwicklung (Öffnung der Gemeinde für Menschen im Stadtteil, Gemeindediakonie etc.) zu erkennen und weiterzuentwickeln, nicht zuletzt, um Menschen zu erreichen, die für die Kirche ansonsten verloren gehen.

Menschen sind zunehmend existentiell auf die Entwicklung und den Aufbau von Netzwerken angewiesen. Die Diakonie muss sich verstärkt in die wohnungs- und arbeitsmarktpolitischen Zieldiskussionen einmischen. Geboten ist eine Öffnung der Diakonie in das soziale und sozialpolitische Gemeinwesen. Gemeinwesenorientierung ist insofern eine zwingende Handlungsebene bei dem Ziel, zum Wohl von Menschen Teil eines tragenden sozialen Netzes zu werden. Dann gibt es Räume, von denen Menschen sagen: Hier kann ich hingehen, hier hört man mir zu, hier treffe ich andere mit ähnlichen Schwierigkeiten. Da gibt es Beteiligungsmöglichkeiten für MigrantInnen, für Menschen aller Altersgruppen. Und es gibt einen hohen Anteil an Menschen, die sich engagieren, dort, wo sie einen Sinn erkennen können und wo die Unterstützung konkret fassbar ist.


Literatur:

  • Benedict, Hans-Jürgen (2004): Die Kirche und das soziale Handeln in der Stadt. Eine Ortsbestimmung am Beispiel Hamburgs, in: Pastoraltheologie 93, S. 482-498
  • Bergs, Manfred/Kietzell, Dieter von (1982): Gemeinwesenarbeit und Kirchengemeinde. Ein Plädoyer für ein Verbundsystem sozialer Arbeit im Wohnbereich, in Pastoraltheologie 71, Heft 3, S. 119-126
  • Diakonisches Werk Bayern (2006): Nachbarschaftsbuch vom Zusammenleben. Wir AG
  • Dörner, Klaus (2006): Kirche und Diakonie in der Effizienzfalle. Die Zivilgesellschaft durch einen Telrückzug der professionellen Hilde stärken, in: epd Dokumentationen 13/2006
  • Stefan Gillich (Hrsg.) (2007): Nachbarschaften und Stadtteile im Umbruch. Kreative Antworten der Gemeinwesenarbeit auf aktuelle Herausforderungen, Gelnhausen
  • Gillich, Stefan (Hrsg.) (2004): Gemeinwesenarbeit: Die Saat geht auf, Grundlagen und neue sozialraumorientierte Handlungsfelder, Gelnhausen
  • Hinte, Wolfgang/Lüttringhaus, Maria/Oelschlägel, Dieter (2001): Grundlagen und Standards der Gemeinwesenarbeit, Münster
  • Oelschlägel, Dieter (2001): Lebenswelt oder Gemeinwesen? Anstöße zur Weiterentwicklung der Theorie-Diskussion in der Gemeinwesenarbeit, in: Hinte, Wolfgang/Lüttringhaus, Maria/Oelschlägel, Dieter (2001): a.a.O., S. 38-43
  • Oelschlägel, Dieter (2002): Grundlagen der Gemeinwesenarbeit, Internet: www.quarternet.de, 03/2002