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Stadtteilbezogene Soziale Arbeit

Geschrieben von Britt Holubec am .

Ein Plädoyer für den Tanz mit wechselnden Partnern

Unter Stadtteilbezogener Sozialer Arbeit (SSA) ist professionelle soziale Arbeit zu verstehen, die im Stadtteil als primärem Lebensumfeld der Menschen ansetzt. Im Jahr 1982 wurde durch Hinte, Metzger-Pregizer und Springer SSA als eine Weiterentwicklung des Arbeitsprinzips vorgestellt. Die Autoren bezogen sich darin methodisch auf die Gemeinwesenarbeit (GWA) der letzten Jahre und dabei explizit auf das integrative Konzept. In einer kritischen Reflektion ersetzten sie den Begriff der GWA bewusst durch den der SSA. Diesen Schritt begründeten sie damit, dass:

  • GWA kein klar umrissener Begriff ist, der inflationär gebraucht wird,
  • Gemeinwesenarbeit sich nicht als ein durchgängiges Prinzip habe durchsetzen können und nur vereinzelt praktiziert worden sei,
  • der Begriff zu vorbelastet sei und ein Reizwort darstellt, was neue innovative Herangehensweisen erschwere, und
  • es versäumt worden sei, sich auf gemeinsame konzeptionelle Grundlegungen und eine einheitliche Definition zu einigen, weswegen die Diskussion in ideologischen sowie strategischen Diskussionen hängen geblieben sei (Mohrlock u.a., 1993, S. 55 f.).

Dem Ansatz der Stadtteilbezogenen Sozialen Arbeit, der bis heute maßgeblich durch den Essener » Professor Wolfgang Hinte geprägt wird, liegt eine » ganzheitliche-systemische Sicht zugrunde, in der der Stadtteil als eine Einheit gesehen wird. Die Probleme sollen präventiv erkannt, verhindert oder bearbeitet werden. Hierfür ist die Erweiterung des bereichsspezifischen Blickwinkels einer Abteilung, Dienststelle oder Institution beabsichtigt. SSA bemüht sich darum, alle im Stadtteil arbeitenden sozialen Einrichtungen auf den Stadtteil zu orientieren und dementsprechend umzustrukturieren. Es wird explizit propagiert, eine Kooperation und Organisation zwischen den verschiedenen Trägern und Institutionen zu fördern. Dieser pragmatische Umgang schafft immer wieder neue sowie interessante Konstellationen und verhindert eine Konstruktion von Feindbildern. Bei der Konfrontation der jeweiligen Funktionsträger, beispielsweise in verschiedenen Behörden, mit den verschiedenen Ideen und Vorschlägen, z.B. der Bewohner, tritt der Sozialarbeiter als vermittelnde Instanz auf. Im Gegensatz zu vorherigen Ansätzen wird hier die Rolle des Sozialarbeiters gestärkt, durch einen bewussten  Machtverzicht eine Strategie des Einflusses zu wählen. » Wolfgang Hinte plädiert für einen „Tanz mit den Wölfen“, statt zwischen ihnen, wie dem Ansatz von Dieter Oelschlägel zugeschrieben werden kann (Hinte in Bitzan/Klöck, 1994, 77 ff.).
Eines der wichtigsten Prinzipien des Ansatzes der Stadtteilorientierten Sozialen Arbeit ist die Orientierung an den Interessen der im Stadtteil lebenden Bevölkerung. Deren Motivation, Engagement sowie Veränderungswillen ist ausschlaggebend und muss daher eruiert werden. Die Ressourcen des Stadtteils, Eigeninitiative und Selbsthilfepotentiale sollen optimal genutzt werden. Erst, wenn diese erschöpft sind, und die Bewohner an strukturelle Grenzen stoßen, wird politische Anwaltsarbeit geleistet oder werden Betreuungsangebote gemacht. Dem liegt ein Handlungskonzept für den konkreten Umgang mit der Bewohnerschaft zugrunde, in dem Ansätze aus der bisher entwickelten Theorie und Praxis der GWA ihre Anwendung finden. Bei der zielgruppenübergreifenden Arbeit geht es beispielsweise um die Organisation individueller und kollektiver Betroffenheit sowie um das Prinzip der Aktivierung statt Betreuung. SSA ergänzt und präzisiert diese Herangehensweise noch, indem sie ganz bewusst auf manipulative Vorgehensweisen verzichtet. In die Bewohner werden keine Bedürfnisse interpretiert, die sie nicht haben. Es geht nicht darum, was sie interessieren könnte, sondern das Augenmerk liegt auf ihren tatsächlichen Interessen. Diese Herangehensweise bezieht sich auf das Konzept der » Antipädagogik mit dem Ziel eines authentischen Kontaktes zu den Bewohnern, um diesen nicht mit vordefinierten Zielstellungen entgegen zu treten. Für die Entwicklung eines Stadtteils ist die Beteiligung der in ihm lebenden Bewohner wesentlich. Kontextuelles Lernen im natürlichen Alltagsumfeld erhält in diesem Zusammenhang eine immer größere Bedeutung. Beteiligte kennen das Problemumfeld am besten, daher sollen gemeinsame Ziele und mögliche Lösungen erarbeitet werden.

Ziele von Stadtteilbezogener Sozialer Arbeit

Quelle: Hinte in Ries u.a., 1997, S. 283
Grafik: Holubec, 2003

Bei der Arbeit im Stadtteil müssen die Gemeinwesenarbeiter in dem jeweiligen Quartier bekannt sein und akzeptiert werden, um ihrer Moderierungs-, Aktivierungs- und Organisierungsfunktion gerecht zu werden. Andererseits ist es ihre Aufgabe, auf kommunaler Ebene für Projekte zu werben sowie Ressourcen und Mittel zu akquirieren. Um eine Verbesserung der Lebenssituation, in dem die Bewohner ihre Vorstellungen und Bedürfnisse umsetzen, zu erreichen, ist es notwendig, die verschiedenen Ideen und Möglichkeiten zu bündeln. Diese Ziele verlangen von Gemeinwesenarbeitern verschiedene Kompetenzen und Fähigkeiten. Insbesondere Kommunikationsfähigkeit stellt eine wesentliche Herausforderung dar. Durch ihre intermediäre Funktion müssen sie in der Lage sein, sich mit den verschiedensten Menschen auseinander zu setzen, in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen und gegebenenfalls vermittelnd einzuwirken. Da sozialer Frieden als ein bedeutender Standortfaktor gesehen wird, dient diese Kommunikationsfähigkeit:

  • zum Renovieren von Nahtstellen, an denen die Gesellschaft auseinander zu brechen droht,
  • zur Vermittlung zwischen Bürgern und Verwaltung,
  • zur Vermittlung zwischen Bürgern und Politik,
  • zur Vermittlung zwischen Politik und Verwaltung,
  • zur Förderung friedlicher oder konflikthafter Dialoge  (Hinte in Ries u.a., 1997, S. 284).

Diese verschiedenen Anforderungen fasst Wolfgang Hinte unter dem Begriff des „Dialogmanagements“ zusammen.
Hinte sieht in dem Konzept der SSA einen Handlungsansatz, mit dem es möglich ist, auf die facettenreichen und vielschichtigen Problemlagen zu reagieren. Die konkrete Lebenssituation im Sozialraum ist durch teilweise widersprüchliche Interessenlagen geprägt, die zu Konflikten und Emotionen führen können. Er plädiert dafür, nach klaren Perspektiven zu suchen, statt Visionen zu folgen, da konstruierte Bilder von der Wirklichkeit weg führen und somit auch Kraft für die Gestaltung der Realität nehmen. „Parteilichkeit, Solidarität, Polarisierung, Kommunitarismus, gewichtige Vokabeln von konzeptionellem Wert, vermitteln aber angesichts des oben beschriebenen Befundes kaum noch Handlungsimpulse für praktische Tätigkeit“ (Hinte in Wendt, 1996, S. 107).  


Fragen zu SSA:

  • Ist es möglich durch die intermediäre Instanz der Sozialarbeit in diesem Ansatz effektive Veränderungen im Stadtteil hervorzurufen?