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Quartiersmanagement

Geschrieben von Britt Holubec am .

Quartiersmanagement im Rahmen staatlich programmatischer Vorgaben, mit Querverbindungen zur GWA?

Was ist Quartiersmanagement (QM)?

Seit Beginn der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts führt der gesellschaftliche Umbruch zu einschneidenden Veränderungen der sozialen und wirtschaftlichen Lebensbereiche. Die damit verbundene Ausdifferenzierung und Polarisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen konzentriert sich bis heute häufig in bestimmten Stadtteilen. Auch griffen die Tendenzen von Ökonomisierung im sozialen Bereich immer mehr um sich und betriebswirtschaftliche Begriffe wie „Management“ fanden Eingang in die Diskussion. In Deutschland wird versucht, darauf mit einer neuen Strategie zu regieren. Diese wird als Quartiersmanagement bezeichnet und wurde im Rahmen des 1999 gestarteten Bund-Länder-Programms » „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die Soziale Stadt“ installiert. Anliegen des Programms ist es, in bestimmten Stadtteilen eine dauerhafte Verbesserung und Aufwertung zu erreichen, die Lebenssituation der Bewohner durch die Bündelung der vorhandenen Ressourcen positiv zu verändern und auf Quartiersebene eine nachhaltige Entwicklung anzustoßen. Die Kernaussagen finden sich in den diskutierten Konzepten um GWA wieder, da dort die Intention ebenfalls die ist, Stadtteile so zu unterstützen, dass diese wieder als eigenständige Gemeinwesen funktionieren. Jedoch wird bei QM der focussierte Blick auf das Soziale verlassen, da der Stadtteil als Ganzes in den Blick genommen wird und alle vorhandenen Akteure integriert werden sollen.
Der Begriff „Quartiersmanagement“ wird derzeit für verschiedene Projekte und Konzepte verwandt und hat dadurch eine dehnbare Bedeutung. Dabei bleibt häufig unklar, ob er Gemeinwesenarbeit ersetzen soll oder eine Weiterentwicklung dieser ist. Monika Alisch stellt die existierenden Bedeutungsebenen mit ihren verschiedenen Zugänge auf Quartierspolitik folgendermaßen dar (Alisch, 2001, S. 12 ff):

  • Dabei handelt es sich um eine notwendige Weiterentwicklung der „behutsamen Stadtentwicklung“ aus den 1980er Jahren. Dabei stehen nicht mehr die Modernisierungsaspekte im Vordergrund, sondern der Aufbau von Kommunikationsstrukturen im Quartier, die Bewohneraktivierung und das Bilden von Selbstorganisationsstrukturen rückt zunehmend in den Mittelpunkt. Dieser Prozess soll mit dem Begriff „Management“ betont werden.
  • In der Fachszene für Gemeinwesenarbeit gibt es eine Diskussion darum, ob der Begriff ambivalent als Synonym für » Stadtteilbezogene Soziale Arbeit (SSA) verwendet werden kann. Es wird jedoch hervor gehoben, dass es sich um eine neue Strategie handeln muss, die über die interventionistischen Ansätze der SSA hinausweise.
  • Für den Begriff „Quartiersmanagement“ wird auch häufig „Stadtteilmanagement“ synonym verwendet, was außerdem als ein Handlungsansatz verstanden wird, der Umsetzungsinstrumente jenseits des öffentlichen Sektors mit einbezieht. Es geht dabei um nichtsstaatliche Finanzierungsinstrumente wie » Social- Investment und » Social- Sponsoring.
  • In den Niederlanden beispielsweise steht Quartiermanagement dafür, die Arbeit der Bewohnerorganisationen zu beschreiben, die über ihre Belange in ihrem Quartier eigenverantwortlich entscheiden.
  • Es wird auch ein Trend moderner Kommunalpolitik gekennzeichnet, um die wachsende Steuerungsunfähigkeit des Staates mit betriebswirtschaftlich ausgerichteten Managementkonzepten zu kompensieren.
  • Einzelhändler benutzen den Begriff „Quartiermanagement“, um den Quartiersmanager als „Task – force“ zu beschreiben, der Standortmarketing betreibt und neue Mieter für leere Geschäfte sucht.

 Es ist festzustellen, dass Quartiersmanagement im Rahmen eines Förderprogramms verschieden Strategien und Methoden integriert, um Aufgaben sowie Ziele umzusetzen. Es handelt sich dabei um ein neues Instrument im Rahmen der Städtebauförderung. Inwieweit GWA-Methoden in die Arbeit des Quartiersmanagements integriert werden können und sollen wird bis dato kontrovers diskutiert (Altena, » http://www.datenbank.spinnenwerk.de/rundbrief/5.rtf)


Idee

QM zieht aus dem Wissen und den Erfahrungen mit den sogenannten Trabantenstädten in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts konzeptionelle Ideen. Da wurde die Erkenntnis gewonnen, dass es bei Verdichtung und einem hohen Anteil von Sozialwohnungen zu einer negativen sozialen Eigendynamik kommen kann. Hingegen gibt es auch viele Beispiele für eine gesunde Umwelt, trotz der Konzentration sogenannter sozial Schwacher. Quartiersmanagement fühlt sich des weiteren dem Ansatz des » Kommunitarismus verpflichtet. Es wird davon ausgegangen, dass Institutionen wie bürgernahe Polizei, Kirchen oder Gemeindeschulen wesentliche Kristallisationspunkte für das Zusammenleben und Bausteine für die Rekonstruktion der » Gemeinschaft sind.
Bei Quartiersmanagement handelt es sich um Strategien, die von „Oben“ im Rahmen bestimmter Förderprogramme eingesetzt und durch konkrete Verankerung vor Ort umgesetzt werden sollen. Damit wird ein Ansatz verfolgt, der durch die quartiersbezogene Vorgehensweise die komplexen Prozesse und Aufgaben in den Mittelpunkt stellt. Von den betreuenden und interventionistischen Methoden der Sozialarbeit findet eine bewusste Abgrenzung statt, da leitende Handlungsprinzipien die Selbstorganisation und das Engagement der Bewohner und anderer Akteure sind. Das Quartier als Ort des Wohnens, der Existenzsicherung, des sozialen Austausches und der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, wird als wesentliche Ressourcen für die Lebensbewältigung gesehen (Alisch in Klöck, 1998, S. 206). Dabei spielt die Förderung der Alltagskultur eine essentielle Rolle. Hier liegen einerseits Chancen für das Verwirklichen individueller Lebensentwürfe, aber andererseits reagieren Menschen auf empfundene Bedrohungen mit Rückzugstendenzen oder Verhaltensunsicherheiten. Dem wird die Idee entgegengebracht, durch eine Identifikation mit dem Quartier das Wohlbefinden zu verbessern. Ein Stadtteil sollte für die Bewohner eine überschaubare Umwelt bieten, die ihnen die Möglichkeit von Kontakt und Privatsphäre verschafft. Damit ist beispielsweise das Vorhandensein öffentlicher Plätze als Orte der Kommunikation gemeint. Gleichzeitig sollte auch die Chance für Intimleben gegeben sein. Die Vernetzung von Selbsthilfestrukturen ist dabei ein wichtiger Ansatzpunkt. Um auf Quartiersebene nachhaltige Entwicklungsprozesse anzuregen, ist eine Strategie oder Politik nötig, die verschiedene Aspekte und Themen aufgreift, bearbeitet und Handlungsstrategien entwickelt (z.B. » soziale Stadtentwicklung). 


Gesellschaftliche Situation

Nach 16jähriger Amtszeit wurde 1998 die CDU-Regierung unter Helmut Kohl abgelöst und mit Gerhard Schröder als Kanzlerkandidat gewann die SPD die Bundestagswahl. Es kam jedoch nach dem Sieg von Rot-Grün nicht zu der Wende, welche in links-liberalen Kreisen erhofft wurde. In der Wirtschaft ist auch nach 1998 kein Aufschwung zu verspüren und durch fehlende staatliche Zuschüsse entstehen immer mehr finanzielle Engpässe, was durch Einsparungen im kommunalen Bereich spürbar wird. Trotz der Zunahme von Langzeitarbeitslosen fordert der Regierungssprecher Bodo Hombach einen Umbau des Sozialstaates, der nicht mehr als Netz verstanden werden kann, sondern als ein Trampolin in den Arbeitsmarkt. Die von Beck schon 1986 beschriebene moderne Risikogesellschaft kapitalistischer Prägung führt durch die verstärkte Flexibilisierung der Erwerbsarbeit immer mehr zu einer Individualisierung von Risiken und Lebenszusammenhängen (Beck, 1986). Dies wirkt sich auch auf die urbanen Strukturen aus, beispielsweise durch infrastrukturelle Defizite. Diese neuen städtischen Konflikte können nicht auf schlechte Bausubstanz zurückgeführt werden, sondern sind Resultat eines sozioökonomischen und sozialräumlichen Strukturwandels. In bestimmten Quartieren wirken nachteilige Effekte, was die dort lebenden Menschen in ihren Entfaltungs- und Handlungsmöglichkeiten einschränkt. So kommt es zu einem verstärkten Wegzug der Menschen, die dafür die materiellen Ressourcen haben. In Folge der sinkenden Attraktivität des Stadtteils und damit verbundener fallender Mietpreise kann es gleichzeitig durch Zuzug zu einer Konzentration von sozial ausgegrenzten Personen kommen, was dann gemeinhin auch als „sozialer Brennpunkt“ beschrieben wird. Einstmals „gemischte Quartiere“ lösen sich auf, da es zu einer Sortierung der Wohnbevölkerung nach Einkommen und damit verbundener Ressourcen kommt. In Großstädten, insbesondere in Westdeutschland, kommt es auch zur Herausbildung von Migranten-Communities, da sie sich in Folge von Ausgrenzung Rückzugsmöglichkeiten suchen. In diesem Zusammenhang wird auch von einer „Ghettoisierung“ gesprochen.
QM geht davon aus, dass sich die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik zu wenig an den Quartieren orientiert. Die Komplexität von Armut und deren gesellschaftliche Ursachen werden ignoriert. Quartiersmanagement versucht die Wirkung und das Ausmaß auf städtischer Ebene zu beeinflussen (Wirtschafts-, Wohnungs-, Arbeitsmarkt- und Stadterneuerungspolitik). Bei dem Ansatz soll gezieltes Handeln verstärkt in „vergessenen“ oder „vernachlässigten“ Quartieren erfolgen. Es geht darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, um Prozesse und Projekte zu fördern, anzustiften und zu organisieren. Dabei ist das Wohnquartier die Ebene des Handels und nicht die einzelne Person oder ein bestimmtes Klientel.
Es zeichnet sich immer mehr die Tendenz ab, auf Engagement und » Empowerment zu bauen. Mit der Forderung nach verstärkter Bürgerbeteiligung wurde im Rahmen der » Agenda 21 an die Kommunen und Gemeinden appelliert, „einen Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern anzustoßen, und gemeinsam geeignete Strategien für eine zukunftsbeständige Entwicklung zu entwerfen. Die leitende Idee dahinter: Nachhaltige Entwicklung muss dort stattfinden, wo Menschen leben, einkaufen, wo Arbeitsplätze geschaffen, Schulen errichtet und Baugebiete geplant werden; in den Städten und Gemeinden also“ (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, 2002, S. 24). Schon im Jahr 1994 wurde das Leitbild „Nachhaltige Entwicklung“ im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankert. Inzwischen wird mit etwa 2000 Initiativen im Rahmen der Agenda 21 versucht, dem nachzukommen.


Ziele

Quartiersmanagement hat die Schaffung nachhaltiger sozialer, wirtschaftlicher, städtebaulicher und ökologischer Strukturen im Stadtteil zum Ziel. Da der Stadtteil als eine Einheit begriffen wird, geht es vornehmlich auch um das Erschließen neuer Tätigkeitsfelder. Integrierende Handlungskonzepte verfolgen die Vernetzung verschiedener Bereiche. Auf der Quartiersebene soll einerseits Schule und Freizeit miteinander verkoppelt werden, aber andererseits auch relevante Akteure aus den Bereichen Städtebau-, Arbeitsmarkt-, Sozial- und Wirtschaftspolitik. 
Für eine anhaltende und effektive Entwicklung sind für den quartiersbezogenen Ansatz drei Gebiete entscheidend, aus denen sich die konkreten Ziele ergeben: die Bereiche Arbeit und Wohnen, das Entwickeln neuer und tragfähiger Kooperationsformen und die Aktivierung und Beteiligung der Bewohner (Alisch in Klöck, 1998, S. 208). Die Identifikation der Bewohner mit ihrem Stadtteil stellt für das Wohlbefinden eine wichtige Komponente dar. Um die soziale Integration zu verbessern, wird eine kulturelle Vielfalt angestrebt, wobei der Aufbau von Selbstorganisationsstrukturen und verschiedener sozialer Einrichtungen im Mittelpunkt steht. Für die Wirksamkeit von QM ist es wesentlich, Bewohner und Gewerbetreibende zur Beteiligung und Mitwirkung zu aktivieren. Die Motivation für Engagement kann nicht von „oben“ kommen, sondern erwächst aus konkreter Betroffenheit. An diese Themen anknüpfend, werden lokale Potentiale genutzt und vorhandene Ressourcen gebündelt. Durch eine Stärkung der Wirtschaft ist eine Förderung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen beabsichtigt. Hierbei soll durch kleinräumige Orientierung die lokale Ökonomie gestärkt werden und der zunehmenden Trennung von Arbeiten und Wohnen entgegengesteuert werden.
Vermehrt sollen auch neue Stadtteile mit den Betroffenen geplant werden, um deren Bedürfnissen gerecht zu werden. In den Handlungsprinzipien der Gemeinwesenarbeit und deren Entwicklung hat sich in den 1990er Jahren durchgesetzt, dass Sozialarbeiter/Sozialpädagogen nicht anwaltlich tätig werden. Es wäre daher konsequent, nicht einzugreifen, bevor eine Initiative der Betroffenen entsteht. Die Erfahrungen mit den sogenannten „Trabantenstädten“ hat jedoch gezeigt, dass es wichtig ist, vorher in den Aufbau eines sozialen Gemeinwesens zu investieren. Daher wird der Schwerpunkt wieder vermehrt auf eine frühzeitige Beteiligung der Bewohner gelegt.


Leitbilder

Die wesentlichen Handlungsprinzipien lassen sich mit Begriffen wie Quartiersbezug, Prozesshaftigkeit und Bewohnerorientierung beschreiben. Der Quartiersmanager übernimmt moderierende Aufgaben und ist als intermediäre Instanz eingesetzt, da er den Ausgleich verschiedener Interessen betont. Beim QM geht es darum, Laien als Praxis-Experten ernst zu nehmen. Da sich die Probleme an sogenannten „sozialen Brennpunkten“ nicht nach wissenschaftlichen Disziplinen sortieren lassen, werden verstärkt Bewohner in den Prozess der Problemlösung mit einbezogen. Diese können die Lebenssituation vor Ort am besten einschätzen. Somit übernehmen die gelernten Experten vorwiegend Ratgeberfunktionen. Des weiteren haben Professionelle die Aufgabe, im Quartier zu koordinieren und zu aktivieren. Da eine effektvolle Stadtentwicklung nur unter Beteiligung verschiedener Fachressorts funktioniert, sind Vernetzungsbestrebungen wesentlich für eine erfolgreiche Umsetzung. M. Alisch formulierte die Konsequenz mit der Aufforderung nach „Kooperation statt Fachegoismus“ (Alisch in Klöck, 1998, S. 213). Quartiersmanagement nimmt den Stadtteil als ein ökologisches System im Gesamtkontext wahr. Dabei finden die Vorgänge in ihrem Wirkungszusammenhang Berücksichtigung, was mehrere Interventionsansätze ermöglicht. Bei der Behauptung beispielsweise, es handle sich um einen dreckigen Stadtteil, in dem man nicht leben möchte, finden die verschiedenen Einflüsse Beachtung. Dabei sind neben unzureichender Müllentsorgung und den damit verbundenen mangelnden Ablademöglichkeiten auch subjektive Faktoren in den systemischen Blick einzubeziehen.


Umsetzung

In den Leitlinien des Programms „Soziale Stadt“ ist das Einrichten eines Quartiersmanagements vorgesehen. Es ist für die Dauer des Programms „Soziale Stadt“ konzipiert, also in der Regel für 3 Jahre. Das Stadtteilmanagement, was häufig synonym für QM verwendet wird, sollte mit mindestens zwei Personen besetzt sein, die für Stadtplanung und Gemeinwesenarbeit gleichberechtigt nebeneinander stehen. Dies wird als eine sogenannte „Tandem-Lösung“ bezeichnet. Aufgabe des „Tandems“ ist es, alle Potentiale in den Prozess durch eine intermediäre Arbeitsweise zu integrieren. Die Quartiersarbeiter, die im Team arbeiten, müssen vor Ort tätig sein, um die Entwicklungen im Quartier wahrzunehmen. Dabei sind sie nicht die Instanz, die von außen „Vorschläge für Projekte entwickelt, sondern die Vorschläge aus dem Gebiet sammelt, zusammenführt und umsetzungsreif macht“ (Alisch in Klöck, 1998, S. 211). Dies geschieht jedoch im Rahmen der staatlich eingesetzten programmatischen Unterstützung. Ziel der Arbeit ist das Finden quartiersübergreifender Lösungen, Freiräume für Bewohner zu entdecken, die Gründung von Vereinen anzuregen sowie die Vernetzung sozialer und kultureller Initiativen. Spezifisch für diesen Ansatz ist, dass der Blick weg vom Sozialen geht. Im Mittelpunkt steht eine Aufwertung des Stadtteils und es wird versucht, alle Bewohner des Stadtteils zu integrieren. So geht es beispielsweise um die Bedürfnisse der Gewerbetreibenden oder Unternehmer und die Frage, wie in diesem Zusammenhang den Vorstellungen der Jugendlichen nachgekommen werden kann. Damit ist das „Initiieren und die Organisation neuer produktiver Formen der Zusammenarbeit...in den Quartieren...zwischen den Fachressorts...zwischen den unterschiedlichen Verwaltungsebenen...zwischen der Verwaltung und dem privaten Sektor“ verbunden (Alisch in Klöck, 1998, S. 210). Um Quartiersmanagement stärker im öffentlichen Bewusstsein zu verankern und somit die Wirksamkeit zu erhöhen, arbeitete K. Staroste folgende Bedingungen heraus:

  • Wohnungseigentümer und Gewerbetreibende sollen durch praktische Erlebnisse von QM die Chancen und Möglichkeiten einer integrierten Stadtentwicklung erleben.
  • Politische Entscheidungsträger müssen QM verstärkt als ein mögliches Lernfeld für Bewohnerpartizipation und als langfristigen Prozess verstehen.
  • Quartiersmanager können nicht mit bürokratischen Aufgaben überfrachtet werden, da die moderierenden sowie koordinierenden Tätigkeiten im Mittelpunkt stehen sollten.
  • Arbeitsergebnisse sind stetig transparent zu machen und in der Öffentlichkeit zu kommunizieren.
  • Der hohe Arbeitsaufwand für die Quartiersmanager ist angemessen zu entlohnen. Ihnen sollte eine zumindest mittelfristige Perspektive geboten werden.
  • Es bedarf einer möglichst unkomplizierten Vernetzung finanzieller Mittel seitens der EU, des Bundes, der Länder und Kommunen für Projekte der integrierten Stadtentwicklung (» Staroste).

Für die Aufgaben der Stadtteilmoderation besitzen Sozialarbeiter durch ihre Ausbildung Schlüsselqualifikationen. Bei Stadtteilarbeit finden unterschiedliche » professionelle Methoden ihre Anwendung. Die Menschen sollen unterstützt werden, ihre Bedürfnisse zu artikulieren. Dabei werden Methoden der Einzelfallhilfe und Gruppenarbeit verwendet. Die » systemische Wahrnehmung von sozialen Konstellationen stellt außerdem eine hohe Anforderung an die Quartiersarbeiter.
Eine zentrale Aufgabe des Koordinators ist, die Beteiligung der Bewohner zu erreichen. Es geht darum, die Interessen dieser zu erfassen und an zuständige Stellen weiterzuleiten, um eventuelle Fehlplanungen zu vermeiden. Die Aktivierung der nicht organisierten Bewohner hat zum Ziel, die Selbstorganisationsstrukturen aufzubauen und Empowerment zu fördern. Dabei sollen sie ermächtigt werden, ihre Belange selbst zu regeln. Dieser theoretisch formulierte Anspruch findet sich nicht immer adäquat in der Praxis wieder. W. Hinte stellt einen inflationären Gebrauch des wehrlosen Begriffs der Bürgerbeteiligung fest, die sich nicht unbedingt in der Praxis aller Kommunen wieder findet, obwohl diese den Anspruch formulieren. Es erweist sich seines Erachtens als problematisch, dass die klassischen Formen von Beteiligungspraxis genau jene Bevölkerungsgruppen bevorzugt, die der klassischen bürgerlichen Mittelschicht zugeordnet werden können (Hinte in Alisch, 2001, S. 153 ff.). S. Stövesand stellt fest, dass die verbreiteten Beteiligungsmodelle, wie Bürgerversammlungen, Runde Tische und Stadtteilkonferenzen, hauptsächlich eine » „Bühne des weißen Mannes“ sind, der über ein gewisses Maß an Selbstvertrauen und verbale Ausdrucksfähigkeit verfügt. Dem Ansatz des QM ist es wichtig, nicht Betroffenen-Beteiligung zu forcieren, sondern deutlich machen, dass es tatsächlich um Bewohneraktivierung geht. Die Aktivierung der Menschen, sich an Entwicklungsprozess zu beteiligen, wird derzeit als die schwierigste Aufgabe eingeschätzt.


Quartiersmanagement Kleinzschocher (Leipzig)

Zur Bewältigung sozialer, ökologischer und wirtschaftlicher Probleme fördert die Europäische Gemeinschaft seit 1994 URBAN Programme für benachteiligte städtische Ballungsgebiete. In diesem Rahmen kommt es zu URBAN II, welches von 2001 bis 2006 finanzielle Mittel für den Stadtteil Kleinzschocher zur Verfügung stellt. Für die Umsetzung wurde von der Stadt Leipzig, vom Amt für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung die Gesellschaft für Unternehmens-Beratung und betrieblich angewandte Mathematik mbH beauftragt (» http://www.gbm-beratung.de/aktuell/frameset.html?quartier.html. Dabei wird das Ziel verfolgt, durch verschiedene Kooperationen für die Schwerpunkte Wirtschaft und Beschäftigung sowie stadträumliche und soziale Qualitäten Netzwerke ins Leben zu rufen. Die Ideen und Initiativen sollen von den einzelnen Bürgern kommen, um dann die Themen in Vereinen oder Bürgerinitiativen aufzunehmen. Sonst übliche bürokratische Vorgehensweisen gilt es zu umgehen. Es sollen mehr Entscheidungen auf unterer Ebene gefällt werden. Diese drei Themenbereiche, Wirtschaft/Beschäftigung, soziale und städteräumliche Fragen, werden auf verschiedene Mitarbeiter verteilt, die in den jeweiligen Bereichen Ressourcen erschließen. Mit den Aufgaben der Stadtteilmoderation ist eine Sozialpädagogin beauftragt, die für alle Interessensgruppen, wie beispielsweise die Bewohner, Gewerbetreibenden oder Institutionen, ansprechbar ist. Quartiersmanagement will die Bürger aktivieren, um sie bei Beendigung des Projekts der Eigeninitiative überlassen zu können.


Historische Bedeutung

Der Staat entzieht sich immer mehr seiner Verantwortung für das gesellschaftliche Ganze und jeder Einzelne hat verstärkt für sich selbst zu sorgen. Das Konzept der Bürgergesellschaft erfährt im politischen Diskurs einen zunehmend inflationären Gebrauch. Bürgerschaftliches Engagement ist schon seit Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts in die Auseinandersetzungen um die „Krise des Sozialstaats“ eingebunden. „Der Bürger wird nicht nur als Klient und Konsument, sondern mit seinem alltäglichen Engagement als wichtige Säule im gesellschaftlichen Bedarfsausgleich betrachtet“ (Braun in Bundeszentrale für politische Bildung, 2001, S. 3). Die Politik benötigt zunehmend den aktiven Bürger, der sein Leben mehr in Eigenregie regelt. » Bürgerschaftliches Engagement kann nicht als Lösung der Krise des Sozialstaates begriffen werden und sollte nicht zur Entlastung des Staatshaushaltes funktionalisiert werden. „Ein neues soziales Kapital keimt in Deutschland – eine Alternative zum bankrotten Sozialismus und neoliberalen Kapitalismus, der Sozialschwache ihrem Elend überläßt. Ein dritter Weg jenseits der Parteien und ideologischen Erstarrungen von Rechts und von Links nimmt Konturen an“ (Goede, » http://www.buergergesellschaft.de/). Selbstorganisierte Gemeinschaften und ehrenamtliche Tätigkeiten haben Hochkonjunktur und der soziale Zusammenhalt soll hauptsächlich zur Stabilisierung von Markt und Staat dienen. Zeitweise schwingen auch Hoffnungen mit, dass dadurch der bisherige Wohlfahrtsstaat ersetzt werden kann. Die Kommunen entdecken die Möglichkeiten des aktivierenden Staates immer mehr für sich. Die vielen staatlichen Programme, auch das Quartiersmanagement, werden als Zeichen für eine positive Umsetzung gewertet.
Innerhalb der Sozialarbeit, die in diesem Zusammenhang eine wichtige Bedeutung hat, wird dies unterschiedlich diskutiert. Dem Quartiersmanagement kommt die Rolle zu, die wachsende Steuerungsunfähigkeit des Staates mit Managementstrategien zu kompensieren. Durch den intermediären Ansatz hat QM verstärkt die Aufgabe, die Aushandlungsprozesse zu moderieren und damit zu integrieren. Der zunehmend positive staatliche Bezug auf Beteiligungsverfahren kann  als » „ein Indiz für eine besonders perfide staatliche Strategie zur Vereinnahmung dysfunktionaler Bestrebungen und zur Befriedung aufrührerischer Elemente“ gesehen werden (Hinte/Grimm, 2003). Sozialarbeit vergibt sich bei dem Ansatz des QM immer mehr ihren einstmals offensiven Charakter und verschenkt damit auch die Chance, sich konfliktorientiert in die Sozialpolitik einzumischen. S. Stövesand zweifelt daran, dass Gemeinwesenarbeit die Rolle einer intermediären Instanz übernehmen sollte. Da die finanziellen Mittel für soziale Stadtentwicklung den Rückzug des Staates an anderer Stelle decken, kann dies ihrer Meinung nach auch so verstanden werden, dass die Menschen in den benachteiligten Gebieten ihre Armut selbst verwalten sollen (» Stövesand). Sozialarbeit wird insbesondere durch den integrierenden Charakter zum staatlichen Erfüllungsgehilfen. Hingegen weist M. Alisch den Vorwurf zurück, dass der Staat sich aus seiner Verantwortung der Problembewältigung schleicht und die benachteiligten Menschen sich selbst überlässt (Alisch in Klöck S. 212). Nerlich und Kirschberg sehen ein Ziel darin, auf die derzeitige Krise nicht mit passivem Lamentieren zu reagieren, sondern es als Chance zu begreifen, die Abhängigkeit vom Staat zu verringern. „Dies ist insbesondere in einem Feld möglich, in dem man unbestritten Experte ist: Als Bewohner und kontinuierlicher Nutzer eines Quartiers. Diese konkrete Erfahrung der eigenen Wohn-, Arbeits und Lebensgestaltung kann verhindern, daß hier der Staat aufgrund abstrakter Zuständigkeiten unkritisierte Weisungsgewalt ausübt“ (Nerlich/ Kirchberg in Alisch, 2001, S. 251).
Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass soziale Sicherheit und materielle Ressourcen eine entscheidende Voraussetzung für freiwilliges Engagement sind. Aktivierungs- und Beteiligungsstrukturen müssen dauerhaft installiert sein, um den Bewohnern kontinuierlich die Möglichkeit zu geben, sich zu engagieren. Außerdem sollten » gängige Aktivierungsverfahren auf ihre Erfolge hin überprüft und kritisch reflektiert werden. Nur so kann die Wirksamkeit sinnvoll evaluiert werden. Da attraktive Standorte hauptsächlich unter wirtschaftlichen Gesichtpunkten zu solchen werden, legt der Ansatz des QM häufig seinen Schwerpunkt auf die Vermittlung staatlicher und wirtschaftlicher Interessen. Dadurch geraten benachteiligte Menschen öfter aus dem Blickfeld. Sozialarbeiter und Sozialpädagogen sollten sich verstärkt an der Planung neuer Stadtteile beteiligen und es auch als ein Arbeitsfeld der Sozialarbeit begreifen. Jedoch wird Einmischung und Konfliktorientierung im Rahmen staatlich initiierter Programme nicht zu den leitenden Prinzipien gehören, was das Stellen konkreter Forderungen fast unmöglich macht. Da die staatlichen Finanzmittel im Rahmen des QM projektgebunden sind, sollen diese schnelle Wirksamkeit zeigen. Es scheint daher sinnvoll, um den Freiraum des Handelns zu erhöhen, neue Finanzierungskonzepte zu suchen.


Übungsfragen

  • Welches Ziel wird mit dem Konzept des Quartiersmanagement verfolgt?
  • Wie sehen Sie diese Strategie in aktuelle sozialpolitische Veränderungen eingebettet?
  • Welche Elemente von Gemeinwesenarbeit finden sich im QM wieder? Sehen Sie darin eine Weiterentwicklung der GWA?
  • Das Beispiel eines Quartiermanagement aus Kleinzschocher zeigt die Möglichkeiten einer praktischen Umsetzung. Halten sie die dort vorhandene Trägerform für geeignet? Diskutieren Sie andere Möglichkeiten.
  • Beschreiben Sie anhand eines von ihnen gewählten Problems eine systemische Wahrnehmung. Welche Interventionsmöglichkeiten erschließen sich durch diese Herangehensweise?
  • Vergleichen Sie die Bürgerbeteiligung im Quartiersmanagement und im Community Organizing miteinander.
  • Bürgerschaftlichem Engagement kommt im politischen Diskurs eine zunehmende Bedeutung zu. Worin sehen Sie die Chancen einer stärkeren Bürgerbeteiligung?
  • Wie beurteilen Sie die Rolle der Sozialarbeit bezüglich der aktuellen Entwicklungen im sozialen Bereich?