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Gemeinwesenökonomie – als eine Strategie oder nur Krisenintervention?

Geschrieben von Britt Holubec am .

Was ist Gemeinwesenökonomie?

Die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts waren geprägt vom Prozess der » Globalisierung. Als eine der Folgen wird die Ausbreitung von Armut und Arbeitslosigkeit als Massenphänomen gesehen und für immer mehr Personen stellt sich die Frage, wie sie ihre Existenz sichern können. Die Menschen werden nicht mehr in ausreichendem Maß gesellschaftlich integriert und ziehen sich immer häufiger in ihr unmittelbares Lebensumfeld zurück. So entwickeln sich allerorts Krisenregionen und benachteiligte Gebiete.  Die lokalen Gemeinwesen erhalten so eine neue Aufgabe, sie sollten wieder zu einem Ort für die tägliche Lebensbewältigung der Menschen werden. Da die Chance auf eine marktvermittelte existenzsichernde Lohnarbeit sinkt, müssen sich eigenständige Ökonomien entwickeln und aktive » zivilgesellschaftliche Gemeinwesen gefördert werden. Durch die vermehrte soziale Ausgrenzung sowie die Zunahme von individuellen Notsituationen sind für die Wiedergewinnung gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit Gegenmodelle notwendig, die helfen, den regionalen Strukturwandel existenzsichernd zu überleben.
» Gemeinwesenökonomie ist eine „menschenorientierte Wirtschaftskultur“, die sich als Gegenökonomie und nicht als revolutionäre Bewegung versteht. Sie setzt dort an, „wo öffentliche Sozialpolitik nicht mehr greift, da es zu einer Ausgrenzung und Abkopplung vom » ersten Sektor gekommen ist“ (Elsen, 1998, S. 78). Es geht also um die konkrete Gestaltung des wirtschaftlichen Handelns sowie des sozialen Zusammenlebens. Dabei wird sich verstärkt auf die Bedürfnisse des Menschen bezogen. Die Nachbarschafts- und Selbsthilfestrukturen sollen gestärkt werden. Brigitte Voß hat eine generelle Grundstruktur für die Entwicklung von Gemeinwesenökonomie herausgearbeitet, unabhängig von länderspezifischen Unterschieden. Sie beschreibt die fünf Schritte wie folgt:

  • „ausgehend von privaten Initiativen der Hilfe zur Selbsthilfe (z. B. in den Settlements und Nachbarschaftsheimen)
  • formiert sich eine eigenständige Gemeinwesen-Selbsthilfe-Bewegung (z.B. in den voluntary organizations und communtiy associations),
  • die sich zunehmend politisch engagiert (z.B. in community organizing),
  • mit steigender öffentlichen Anerkennung in verschiedene Arbeitsbereiche ausdifferenziert (z.B. community development und community planning)
  • und schließlich selbst ökonomisch aktiv wird (z.B. in community development corporations, community businesses und social enterprises)“ (Voß in Widersprüche, 1997, S. 102).

 Gemeinwesenökonomie grenzt sich insbesondere durch den Bezug und die Konzentration auf das Gemeinwesen oder eine bestimmte soziale Gemeinschaft von den anderen Formen der Ökonomie ab und entsteht genau dort, „wo Elemente Lokaler Ökonomie und Sozialer Ökonomie zusammenkommen“ (Voß in Widersprüche, 1997, S. 101). In der Literatur differieren die Darstellungen der Begrifflichkeiten, was auf eine unterschiedliche Denktradition der Verfasser hinweist. Begriffe wie „solidarische Ökonomie", „Dritter Sektor" oder „Lokale Ökonomie" werden oft nicht genau voneinander abgegrenzt, da es viele konzeptionelle Gemeinsamkeiten gibt. Die Verwendung jeweiliger Termini weist unter anderem auf den unterschiedlichen Adressatenbezug hin und kennzeichnet die verschiedenen Rahmenbedingungen. Um einen kurzen Überblick zu geben, soll im Folgenden die begriffliche Unterscheidung von Klöck (1998) dargestellt werden, der durch die Begriffsvielfalt auf voneinander isolierte Diskurse schließt.

  1. Lokale Ökonomie begreift den Ort als Wirtschaftseinheit und als Raum der Existenzsicherung; dabei sind alle Formen der Produktion und » Reproduktion mit einbezogen. Ökonomie bezieht sich hier, in ihrer ursprünglichen Übersetzung von „oikos“, auf das „Ganze Haus“. Es geht folglich um eine Gesamtperspektive, wobei es möglich ist, verschiedene Wirtschaftsweisen zu betrachten, von der Hauswirtschaft bis zur Marktökonomie.  Den Bezugsrahmen bildet ein bestimmtes Territorium, wobei die eigene Entwicklungsdynamik der jeweiligen Orte Beachtung findet, die durch Fördermittel oder Kürzungen von außen beeinflusst wird. Dabei ist entscheidend, dass ein Gemeinwesen nicht als ein beliebiger Standort gesehen wird, sondern die historisch gewachsenen Strukturen und die kulturelle Identität werden hervor gehoben.
  2. Soziale Ökonomie wird in Deutschland häufig als Synonym für den » Dritten Sektor gebraucht und es geht dabei primär um nicht-profitorientierte und nicht-staatliche Aktivitäten.
    Soziale und Lokale Ökonomie legen den Fokus auf die analytische Betrachtung der Marktkonstellationen und Rahmenbedingungen innerhalb eines Raumes mit den jeweiligen Ressourcen und Defiziten.
  3. Gemeinwesenökonomie legt den Fokus auf benachteiligte Sozialräume. Hier sollen Partizipationsansprüche und Forderungen einer „Sozialplanung von unten“ formuliert werden. Dabei fungiert die Gemeinwesenökonomie als intermediäre Instanz und ist ein „normatives und handlungsorientiertes Programm“. Sie soll vor allem dort entstehen, „wo soziale Gruppen oder ganze Stadtteile oder Bezirke immer mehr von den ökonomischen Entwicklungen des ersten Sektors der Privatwirtschaft abgekoppelt und ausgegrenzt werden und öffentliche Sozialpolitik nicht mehr wirkt“ (Klöck, 1998, S. 15).
  4. Solidarische Ökonomie hat ihre Tradition in der Genossenschaftsbewegung sowie in der alternativen Ökonomie und birgt einen Doppelcharakter in sich: einerseits ist sie an die herrschende Wirtschaftsstruktur gebunden, weist jedoch andererseits darüber hinaus. In der solidarischen Ökonomie spielen die sozialen Bewegungen mit den jeweiligen Akteuren und dem dazu gehörigen Milieu eine tragende Rolle.
    Solidarität ist in der Gemeinwesenökonomie und in der solidarischen Ökonomie handlungsleitendes Prinzip.

Die „Interdisziplinäre Forschungsgruppe Lokale Ökonomie“ der Technischen Universität Berlin (2000) hat ein Modell entwickelt, welches die Abgrenzung der "Lokalen Ökonomie", der "Sozialen Ökonomie", der "Gemeinwesenökonomie" sowie der "Solidarischen Ökonomie" verdeutlicht.

Der Versuch einer Unterscheidung

Quelle: » www.stadtteilarbeit.de/Seiten/Theorie/knabe/lokale_oekonomie.htm


Idee

Die Wurzeln der Gemeinwesenökonomie können in der » Settlementbewegung und in der Genossenschaftsbewegung gefunden werden. In Chicago wurde mit dem » Hull House vor mehr als einhundert Jahren eine modellhafte Gemeinwesenarbeit entwickelt. Die damaligen Bemühungen von Jane Adams wurden von Elsen (1998) rezipiert, welche eine „Vielzahl von sozialpolitischer, sozialkultureller, wissenschaftlicher und ökologischer Aktivitäten, die von diesem Settlement als Kristallisationspunkt in einem problembelasteten Stadtteil“ ausgingen, herausgearbeitet hat (Elsen, 1998, S. 233). Im Kontext sozialer Bewegungen sind ebenso Ursprünge für das Selbstverständnis von Gemeinwesenökonomie zu finden, wie auch die Weiterentwicklung von Gemeinwesenarbeit mit ihren integrierten Elementen, auf diese Wurzeln hinweist. Kooperation statt Konkurrenz und bestmögliches Miteinander statt Gegeneinander sind dabei leitende Prinzipien. „Gemeinwesenökonomie folgt einem menschenzentrierten Entwicklungsmodell, welches sich an den Bedürfnissen und Kapazitäten der Menschen orientiert“ (Elsen, 1998, S. 75). Es geht um einen ganzheitlichen Ansatz und um eine Ökonomie, die sich für den Erhalt der Lebenszusammenhänge in den Gemeinwesen einsetzt.
Gemeinwesenökonomie kann in einer Zeit der Globalisierung als Mittel zur Existenzsicherung verstanden werden. Es soll eine Form der Selbsthilfe zur Beschaffung von Kapital und Arbeit auf regionaler Ebene und das Erlangen von Selbstständigkeit erreicht werden. Für die soziale Ökonomie ist es grundlegend, dass diese nach zivilgesellschaftlichen und demokratischen Formen organisiert wird. Das Gemeinwesen soll so zum Kristallisationspunkt von Lebenszusammenhängen werden. Die allseits vorhandenen Individualisierungstendenzen sind für das Schaffen neuer Handlungsformen zu nutzen. Elsen streicht heraus, dass es primär nicht um wirtschaftlich attraktive Standorte geht, sondern vielmehr um zukunftsfähige Lebensorte. Bei dem Programm der Gemeinwesenökonomie geht es um ein Gegenmodell von unten, welches einen solidaritätsstiftenden Kontext erfordert. Es wird eine Ökonomie angestrebt, die in den soziokulturellen Rahmen eingebettet ist und ein bedarfsorientiertes Wirtschaften umsetzt. Dies trägt die Hoffnung in sich, auf eine Zukunft der Zivilgesellschaft hinzuführen.


Gesellschaftliche Situation

„Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch was er hat, genommen werden. Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus“ (Matthäus 25, S. 29 ff.).
Im Jahr 2003 geht nicht die Arbeit aus, sondern die Arbeitsplätze. Da es sich hierbei um eine strukturelle Folge der Marktwirtschaft handelt, ist nicht von einer vorübergehenden Massenarbeitslosigkeit auszugehen. In Folge der Ausweitung der Krise des Kapitalismus steigen stattdessen die Arbeitslosenzahlen stetig und die Angst vor einer erneuten Rezession reißt nicht ab. Die kapitalistische Marktwirtschaft wirkt mit ihrer Totalität bis in die Tiefenstrukturen der Gesellschaft und jedes Einzelnen.  Kapitalismus produziert Ungleichheit und erzeugt eine Kultur des Egoismus sowie der Verantwortungslosigkeit zugunsten individuellen Erfolges. Auch die Bundesregierung forciert im Rahmen der geplanten Reformen (Agenda 2010) einen sozialen und ideologischen Umbau der Gesellschaft, den Bundeskanzler Schröder damit begründet, dass Sozialabbau notwendig sei, um Deutschland auf einem „guten Weg“ zu halten. Die sozialen Sicherungssysteme sollen so neu justiert werden, dass die Sozialstaatlichkeit insgesamt erhalten bleiben kann.
Wie das Zitat aus der Bibel zeigt, wurden schon im Neuen Testament die Grundzüge einer reformierten Sozialpolitik dargelegt. Bundeskanzler Schröder sagt, „wer zumutbare Kriterien ablehnt – wir werden die Zumutbarkeitskriterien verändern – , der wird mit Sanktionen rechnen müssen“ (Schröder zitiert in Frank, 2003, S. 30 f.). Der Druck auf die Arbeitnehmer erhöht sich zusehends. Flexibilität, Mobilität sowie Gesundheit gehören zu den dominierenden Schlagworten. Die Wirkung dieser steigenden Anforderungen beschreibt Elsen (1998) als psychiatrisierend und dequalifizierend, was sich auch durch eine zunehmende Entsolidarisierung auf die Gesellschaft auswirkt.
Die gegenwärtige Zeit ist von Zukunftsängsten und Perspektivlosigkeit der Menschen geprägt. Der Prozess der Globalisierung schreitet nicht nur auf internationaler Ebene voran, sondern wirkt sich auch auf den Alltag des Lebens im Gemeinwesen aus. Die Folge des Wandels, verbunden mit Arbeitslosigkeit und sozialer Ausgrenzung, führt häufig zu einer Verkehrung der Opfer zu Tätern, indem die Menschen für ihr Scheitern selbst verantwortlich gemacht werden. Die mit gesellschaftlichen Ursachen verknüpften kollektiven Fragestellungen sollen individuell gelöst werden. Auf die Personen, die diesen allgemeinen Konsens nicht teilen, wird mit Unverständnis reagiert. Neu ist dabei die Komplexität der ökonomischen, sozialen und ökologischen Problemlagen. Dies erfordert einen neuen Handlungsansatz, der genau diese Gemengelage zum Ausgangspunkt seiner Intervention macht. Somit begründet sich die Entwicklung einer Ökonomie für „das ganze Haus“.


Ziele

Mit Gemeinwesenökonomie wird die Entwicklung einer Gegenwirtschaft verfolgt, die sich für den Erhalt der Lebenszusammenhänge im Gemeinwesen einsetzt. Der ganzheitliche Ansatz versucht, die Unabhängigkeit der Menschen zu stärken und deren Erpressbarkeit durch die globalen Märkte zu minimieren. Dabei ist die Schaffung neuer Existenzgrundlagen sowie die Ermöglichung wirtschaftlicher Eigenaktivitäten, jenseits vom globalen Arbeitsmarkt, auf dem die betroffenen  Personen in der Regel keine Chance haben, ein zentraler Ansatzpunkt. Kleine Tauschsysteme, Produktivgenossenschaften und neue Formen des gemeinsamen Lebens und Arbeitens sollen entwickelt werden. Dabei geht es um eine Mischung von » Eigen- und Erwerbsarbeit sowie die Förderung von Kooperativen, um eine ökonomische Selbstorganisation durchzusetzen. „Die regionale Förderation kann verknüpft werden, Genossenschaften und Vereine dienen dabei als Organisationsformen“ (Wallimann in Klöck, 1998, S. 61). Ziel ist eine Bündelung der vorhandenen Ressourcen und deren Stärkung durch gegenseitige Kooperation. Dabei ist von entscheidender Bedeutung, dass die Menschen Verantwortung übernehmen und sich als ein Teil des Ganzen empfinden. Sie sollten auf diese Weise Erfahrungen von ganzheitlicher menschlicher Betätigung und Entfaltung machen. Zentrale Aufgabe in der Gemeinwesenökonomie ist es, die umfassenden Zusammenhänge und die gesellschaftliche Komplexität deutlich zu machen. Das Verstehen der Kausalitäten und Wechselwirkungen gesellschaftlicher Realität schafft die Voraussetzung zur Beteiligung und aktiven Gestaltung zukünftiger Lebenswelt.


Leitbilder

Der Konkurrenzlogik im Kapitalismus müssen in der Gemeinwesenökonomie bewusst andere Leitbilder und Koordinationsprinzipien entgegengesetzt werden. Diese sollen sich innerhalb des Gemeinwesens eigenständig entwickeln, um eine selbstbewusste Verortung in der Gesellschaft zu ermöglichen. Elsen (1998) zeigt auf, dass die kooperative Selbsthilfe und menschengerechte Ökonomie auf eine lange Ideengeschichte zurück blicken kann. Seit Beginn der Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft gab es verschiedene Bestrebungen, Alternativen zu entwickeln, die dem Menschen eher gerecht werden (Elsen, 1998, S. 54 ff.). Dabei muss es zu einer Neubewertung der verschiedensten gesellschaftlichen Tätigkeiten kommen, die keinen Marktwert besitzen. Hierzu ist es erforderlich, die Rolle der Arbeit neu zu definieren, damit diese nicht mehr als menschliche Betätigung, sondern als menschliche Beschäftigung im Zentrum steht. André Gorz (1991) plädiert für eine Entkopplung von Einkommen und Erwerbsarbeit, wobei an Stelle von kapitalbringender Arbeit andere Arbeitsformen treten könnten. Gorz steht für die Versuche, zur herkömmlichen Erwerbsgesellschaft Alternativen aufzuzeigen. Er gilt als Vordenker für ein neues Gemeinwesen und prägte den Begriff der „autonomen Tätigkeitsgesellschaft“, die in den „mikrosozialen Sphären“ organisiert werden soll. Elsen beschreibt ein Koordinationsprinzip der „verpflichteten Kooperation“, mit reflektierter Solidarität als Basiswerte (Elsen, 1998, S. 85). Ausgangspunkt bildet dabei ein Leitbild mit den Vorstellungen von einem „Recht auf Gemeinheit“, welches soziale Gerechtigkeit und Teilhabe impliziert. Dieses steht konträr zu den Ideen, die das Recht des Stärkeren betonen. Louis Blanc (1811 - 1882), der von Marx als ein utopischer Sozialist bezeichnet wurde, war ein Verfechter der These, dass Konkurrenz nicht Wohlstand schaffe, sondern die Ursache für eine allgemeine Verarmung sei. Es geht also generell um ein anderes Bild vom Menschen, als jenes, das uns täglich vermittelt wird. Bei diesem allgemein gültigen stehen Werte wie Flexibilität im Vordergrund; jede Person soll unabhängig von sozialen Bindungen sein, die den Aufstieg hindern könnten. Der Mensch in der Gemeinwesenökonomie soll anders sein. Autonom denkend, den eigenen Lebensstil verwirklichen wollend, kooperierend, an Utopien glaubend und vielleicht sogar ein bisschen rebellisch seiend. Dem „homo oeconomicus“, wo durch individuelles Handeln egoistische Ziele verfolgt werden, steht ein Leitbild des „homo cooperativus“, dessen Handlungsweisen altruistisch motiviert sind, entgegen (Elsen, 1998, S. 86 ff.).


Umsetzung

Was bedeutet dies für die Sozialarbeit?

Für die Sozialarbeit ist das ein Plädoyer für eine qualifizierte und erweiterte Gemeinwesenarbeit, da diese ein Arbeitsprinzip für die Gemeinwesenökonomie sein könnte. Dies geht mit veränderten » Anforderungen an die professionellen Kompetenzen einher. Bei der Funktionserweiterung von Gemeinwesenarbeit besteht die neue Qualität darin, sich in die lokale Ökonomie einzumischen, Vernetzungsarbeit zu leisten und Kooperation statt Konkurrenz zu fördern. Dabei steht allerdings nicht unmittelbar das Anwenden bestimmter Techniken oder Methoden im Vordergrund, sondern das konkrete Handeln. Es ist nicht ganz unproblematisch, diesen Anspruch in die Praxis umzusetzen und dort auch einzulösen, da innerhalb der Sozialarbeit noch immer der Glaube an den Sozialstaat mit seinen angebotenen Lösungen dominiert. Es wird kritisiert, dass die Interventionen der Gemeinwesenarbeit häufig soziokulturell und sozialpädagogisch ausgerichtet sind, als auf Gemeinschaftlichkeit und aktive Marktorientierung zu zielen. Sozialarbeit vermag zwar professionelle Lösungsansätze für inhumane Wohnsituationen, Langzeitarbeitslosigkeit und Ausgrenzung anzubieten. Diese sind jedoch immer nur einseitig auf das Individuum oder die soziale Gruppe gerichtet und die Probleme werden nicht gesellschaftsbezogen gelöst. Auch die Sozialarbeit muss der veränderten Situation Rechnung tragen und reflektieren, dass die Probleme der Arbeitslosigkeit nicht auf den Einzelnen abgewälzt werden können. „Soziale Probleme sind stets im Gesellschafts- und Wirtschaftssystem zu verorten, wenn die Sozialarbeit der Gefahr eines blinden Aktionismus entgehen will" (Ries in Sahle/ Scurell, 2001, S. 45).
Exemplarisch für eine mögliche Praxis ist die Entwicklung des Gemeinwesenprojektes » Bürgerhaus Trier - Nord und seine Folgeprojekte. Gemeinwesenökonomie benötigt für die Umsetzung einer nachhaltigen, stabilen Entwicklung unterstützende Strukturen. Es wird von vielen ungenutzten Fertigkeiten und Möglichkeiten der Menschen vor Ort ausgegangen, die integriert werden sollen. Mit der Förderung ökonomischer Aktivitäten werden gemeinwesenorientierte Zielsetzungen verfolgt. Über die Angebote verschiedener Qualifizierungsprojekte in Zusammenarbeit mit verschiedenen Firmen, soll die lokale Ökonomie gestärkt werden. Die zentrale Strategie für gemeinwesenorientiertes Vorgehen ist die Beteiligung und Aktivierung der Bewohner. Diese erfolgt konkret in Stadtteilkonferenzen oder themenspezifisch über städtebauliche Projekte. Ein Mietercafé, das „kommunikative Herzstück“ dient als Ort für kulturelle Aktivitäten (Binne in Sahle/Scurell, 2001, S. 200). Über gezielte Kinder- und Jugendarbeit werden auch diese integriert und ihren Bedürfnissen wird Beachtung geschenkt.


Historische Bedeutung

Da es sich bei der Gemeinwesenökonomie um eine sehr aktuelle Entwicklung handelt, ist es problematisch, eine Prognose für die weitere Bedeutung dieser alternativen Wirtschaftsweise zu geben. Offensichtlich ist, dass die Abhängigkeit der verschiedenen Initiativen und Programme von staatlichen Finanzierungsmitteln deren unabhängige Entwicklung jenseits von Staat und Kapital unmöglich macht. Rita Sahle stellt fest, dass „Geld als Synonym für den Zugang zu Macht und Ressourcen“ fungiert (Sahle, 2002, S. 136). Von daher ist es notwendig, eine grundsätzlichere Kritik zu formulieren, um hieraus fortschrittliche, emanzipative und wegweisende Strategien zu entwickeln. Brigitte Voß sieht zum Beispiel in der Schaffung von Arbeitsplätzen, durch neu geschaffene Stadtteilinitiativen und Projekte eine positive Entwicklung. Sie bezieht sich dabei unter anderem auf die verstärkte Nutzung von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, EU-Förderprogrammen sowie auf das Programm Arbeit statt Sozialhilfe (Voß in Widersprüche, 1997, S. 103). Meines Erachtens sind dies keine Beispiele für eine menschengerechte Ökonomie, bei der die Förderung von Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit eine zentrale Zielstellung ist. Die Zukunft der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) ist immer wieder unklar. Dies schafft Unsicherheiten, wodurch das Vertrauen in solche Programme geschwächt wird. Durch die staatlich vorbestimmten Anforderungen, dass es sich um zusätzliche, gemeinnützige sowie überflüssige Arbeit handeln soll, wird beabsichtigt nicht in den Arbeitsmarkt einzugreifen. Für diese Programme sind konzeptionelle Richtlinien notwendig, die eine Dauer von mindestens 2 Jahren mit eventuell weiterer Perspektive sichern. Außerdem sollte durch die Zusammenarbeit mit zuverlässigen Betrieben die Ernsthaftigkeit vermittelt werden, um es nicht als bloße Arbeitsbeschaffungsmaßnahme  zu installieren. Voß bezeichnet die Vermittlung von Ausgegrenzten und Integrierten als eine neuartige, intermediäre Aufgabe. In der Praxis kann davon jedoch nicht ausgegangen werden, denn bei der Arbeits- und Trainingsmaßnahmenvermittlung geht es nicht vordringlich um eine konstruktive Auseinandersetzung darüber, wie der Betroffene nach seinen Vorstellungen wieder integriert werden kann. Häufig handelt es sich vielmehr um Disziplinierungsmaßnahmen, wobei die individuellen Wünsche und Bedürfnisse der Arbeitslosen eine untergeordnete Rolle spielen. Ehrenamtliche Tätigkeiten werden nicht honoriert, sondern bestenfalls mit Kürzungen geahndet. So existiert die weit verbreitete Erwartung, dass ein erwerbsfähiges Mitglied der Gesellschaft einer geregelten Erwerbsarbeit nachgeht und sich damit den materiellen Unterhalt sichert. Durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wird diese Vorstellung noch zementiert und das Ziel, zur herkömmlichen Erwerbsgesellschaft Alternativen aufzuzeigen, weit verfehlt. Die historische Bedeutung der Gemeinwesenökonomie wird stark davon abhängen, wie viel Gegenmacht der entgrenzten Wirtschaft entgegentritt, um zukunftsfähige Alternativen zu schaffen und inwieweit gängige Vorstellungen grundlegend überprüft werden.


Übungsfragen

  • Wo sehen Sie die Wurzeln von Gemeinwesenökonomie? Welche Elemente vorheriger Ansätze erkennen sie?
  • Vergleichen Sie die Prinzipien der „Dominanten Ökonomie“ mit denen der „Gemeinwesenökonomie“.
  • Welchen aktuellen Anforderungen versucht Gemeinwesenökonomie gerecht zu werden? Aus welcher Konsequenz wird verstärkt auf die Entwicklung von Gemeinwesenökonomie gesetzt?
  • Worin bestehen dabei die spezifischen Chancen?
  • Erstellen Sie ein Konzept für die Umsetzung von Gemeinwesenökonomie.
  • Was sind die Unterschiede zum Ansatz des Quartiersmanagement?
  • Ist Gemeinwesenökonomie ein Arbeitsfeld der Sozialarbeit? Begründen Sie ihre Antwort.
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Stadtteilbezogene Soziale Arbeit

Geschrieben von Britt Holubec am .

Ein Plädoyer für den Tanz mit wechselnden Partnern

Unter Stadtteilbezogener Sozialer Arbeit (SSA) ist professionelle soziale Arbeit zu verstehen, die im Stadtteil als primärem Lebensumfeld der Menschen ansetzt. Im Jahr 1982 wurde durch Hinte, Metzger-Pregizer und Springer SSA als eine Weiterentwicklung des Arbeitsprinzips vorgestellt. Die Autoren bezogen sich darin methodisch auf die Gemeinwesenarbeit (GWA) der letzten Jahre und dabei explizit auf das integrative Konzept. In einer kritischen Reflektion ersetzten sie den Begriff der GWA bewusst durch den der SSA. Diesen Schritt begründeten sie damit, dass:

  • GWA kein klar umrissener Begriff ist, der inflationär gebraucht wird,
  • Gemeinwesenarbeit sich nicht als ein durchgängiges Prinzip habe durchsetzen können und nur vereinzelt praktiziert worden sei,
  • der Begriff zu vorbelastet sei und ein Reizwort darstellt, was neue innovative Herangehensweisen erschwere, und
  • es versäumt worden sei, sich auf gemeinsame konzeptionelle Grundlegungen und eine einheitliche Definition zu einigen, weswegen die Diskussion in ideologischen sowie strategischen Diskussionen hängen geblieben sei (Mohrlock u.a., 1993, S. 55 f.).

Dem Ansatz der Stadtteilbezogenen Sozialen Arbeit, der bis heute maßgeblich durch den Essener » Professor Wolfgang Hinte geprägt wird, liegt eine » ganzheitliche-systemische Sicht zugrunde, in der der Stadtteil als eine Einheit gesehen wird. Die Probleme sollen präventiv erkannt, verhindert oder bearbeitet werden. Hierfür ist die Erweiterung des bereichsspezifischen Blickwinkels einer Abteilung, Dienststelle oder Institution beabsichtigt. SSA bemüht sich darum, alle im Stadtteil arbeitenden sozialen Einrichtungen auf den Stadtteil zu orientieren und dementsprechend umzustrukturieren. Es wird explizit propagiert, eine Kooperation und Organisation zwischen den verschiedenen Trägern und Institutionen zu fördern. Dieser pragmatische Umgang schafft immer wieder neue sowie interessante Konstellationen und verhindert eine Konstruktion von Feindbildern. Bei der Konfrontation der jeweiligen Funktionsträger, beispielsweise in verschiedenen Behörden, mit den verschiedenen Ideen und Vorschlägen, z.B. der Bewohner, tritt der Sozialarbeiter als vermittelnde Instanz auf. Im Gegensatz zu vorherigen Ansätzen wird hier die Rolle des Sozialarbeiters gestärkt, durch einen bewussten  Machtverzicht eine Strategie des Einflusses zu wählen. » Wolfgang Hinte plädiert für einen „Tanz mit den Wölfen“, statt zwischen ihnen, wie dem Ansatz von Dieter Oelschlägel zugeschrieben werden kann (Hinte in Bitzan/Klöck, 1994, 77 ff.).
Eines der wichtigsten Prinzipien des Ansatzes der Stadtteilorientierten Sozialen Arbeit ist die Orientierung an den Interessen der im Stadtteil lebenden Bevölkerung. Deren Motivation, Engagement sowie Veränderungswillen ist ausschlaggebend und muss daher eruiert werden. Die Ressourcen des Stadtteils, Eigeninitiative und Selbsthilfepotentiale sollen optimal genutzt werden. Erst, wenn diese erschöpft sind, und die Bewohner an strukturelle Grenzen stoßen, wird politische Anwaltsarbeit geleistet oder werden Betreuungsangebote gemacht. Dem liegt ein Handlungskonzept für den konkreten Umgang mit der Bewohnerschaft zugrunde, in dem Ansätze aus der bisher entwickelten Theorie und Praxis der GWA ihre Anwendung finden. Bei der zielgruppenübergreifenden Arbeit geht es beispielsweise um die Organisation individueller und kollektiver Betroffenheit sowie um das Prinzip der Aktivierung statt Betreuung. SSA ergänzt und präzisiert diese Herangehensweise noch, indem sie ganz bewusst auf manipulative Vorgehensweisen verzichtet. In die Bewohner werden keine Bedürfnisse interpretiert, die sie nicht haben. Es geht nicht darum, was sie interessieren könnte, sondern das Augenmerk liegt auf ihren tatsächlichen Interessen. Diese Herangehensweise bezieht sich auf das Konzept der » Antipädagogik mit dem Ziel eines authentischen Kontaktes zu den Bewohnern, um diesen nicht mit vordefinierten Zielstellungen entgegen zu treten. Für die Entwicklung eines Stadtteils ist die Beteiligung der in ihm lebenden Bewohner wesentlich. Kontextuelles Lernen im natürlichen Alltagsumfeld erhält in diesem Zusammenhang eine immer größere Bedeutung. Beteiligte kennen das Problemumfeld am besten, daher sollen gemeinsame Ziele und mögliche Lösungen erarbeitet werden.

Ziele von Stadtteilbezogener Sozialer Arbeit

Quelle: Hinte in Ries u.a., 1997, S. 283
Grafik: Holubec, 2003

Bei der Arbeit im Stadtteil müssen die Gemeinwesenarbeiter in dem jeweiligen Quartier bekannt sein und akzeptiert werden, um ihrer Moderierungs-, Aktivierungs- und Organisierungsfunktion gerecht zu werden. Andererseits ist es ihre Aufgabe, auf kommunaler Ebene für Projekte zu werben sowie Ressourcen und Mittel zu akquirieren. Um eine Verbesserung der Lebenssituation, in dem die Bewohner ihre Vorstellungen und Bedürfnisse umsetzen, zu erreichen, ist es notwendig, die verschiedenen Ideen und Möglichkeiten zu bündeln. Diese Ziele verlangen von Gemeinwesenarbeitern verschiedene Kompetenzen und Fähigkeiten. Insbesondere Kommunikationsfähigkeit stellt eine wesentliche Herausforderung dar. Durch ihre intermediäre Funktion müssen sie in der Lage sein, sich mit den verschiedensten Menschen auseinander zu setzen, in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen und gegebenenfalls vermittelnd einzuwirken. Da sozialer Frieden als ein bedeutender Standortfaktor gesehen wird, dient diese Kommunikationsfähigkeit:

  • zum Renovieren von Nahtstellen, an denen die Gesellschaft auseinander zu brechen droht,
  • zur Vermittlung zwischen Bürgern und Verwaltung,
  • zur Vermittlung zwischen Bürgern und Politik,
  • zur Vermittlung zwischen Politik und Verwaltung,
  • zur Förderung friedlicher oder konflikthafter Dialoge  (Hinte in Ries u.a., 1997, S. 284).

Diese verschiedenen Anforderungen fasst Wolfgang Hinte unter dem Begriff des „Dialogmanagements“ zusammen.
Hinte sieht in dem Konzept der SSA einen Handlungsansatz, mit dem es möglich ist, auf die facettenreichen und vielschichtigen Problemlagen zu reagieren. Die konkrete Lebenssituation im Sozialraum ist durch teilweise widersprüchliche Interessenlagen geprägt, die zu Konflikten und Emotionen führen können. Er plädiert dafür, nach klaren Perspektiven zu suchen, statt Visionen zu folgen, da konstruierte Bilder von der Wirklichkeit weg führen und somit auch Kraft für die Gestaltung der Realität nehmen. „Parteilichkeit, Solidarität, Polarisierung, Kommunitarismus, gewichtige Vokabeln von konzeptionellem Wert, vermitteln aber angesichts des oben beschriebenen Befundes kaum noch Handlungsimpulse für praktische Tätigkeit“ (Hinte in Wendt, 1996, S. 107).  


Fragen zu SSA:

  • Ist es möglich durch die intermediäre Instanz der Sozialarbeit in diesem Ansatz effektive Veränderungen im Stadtteil hervorzurufen?
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Die Settlement-Bewegung

Geschrieben von Robert Götze am .

Persönliche Betroffenheit und der lokale Bezug zu einem Gemeinwesen verhelfen einem völlig neuen Konzept der geistigen und sozialen Emanzipation zum Durchbruch.


Die Settlement-Bewegung (von to settle = sich niederlassen, sich ansiedeln) nahm ihren Anfang im England des 19. Jahrhunderts. Dort im Ursprungsland des modernen Industrialismus traten jene Probleme erstmals zutage, die dann später unter dem Begriff „Soziale Frage“ in allen Industrieländern der westlichen Welt zu beobachten waren. Der enorme Bedarf an Fabrikarbeitskräften, die völlige Umstrukturierung der Wirtschaft sowie die zunehmende Verstädterung sorgten für eine tiefgreifende Spaltung der Gesellschaft entlang der Klassengrenzen. Die mit dem Schlagwort des » „entfesselten Manchesterkapitalismus“ verbundenen Verelendungsprozesse innerhalb der Arbeiterschaft alarmierten auf der anderen Seite sozial sensible Wissenschaftler wie zum Beispiel John F.D. Maurice, Thomas Carlyle und John Ruskin. So trat Maurice für ein Ordnungsprinzip „nach dem Grundsatz der Nächstenliebe...unter Brechung des Konkurrenzprinzips und Verzicht auf das freie Spiel der Kräfte“ ein (Gerth, 1975, S. 11). Ruskin – Professor in Oxford und Anhänger des „Sozialen Idealismus“ – beklagte die Gefühllosigkeit der oberen Stände und forderte weiterhin das Elend der Arbeiter nicht weiter zu ignorieren, sondern sich stattdessen in ihren Dienst zu stellen. Aus diesen zumeist theoretischen Ansätzen entwickelten sich schon bald studentische Initiativen, die wiederum in der Einrichtung und Unterhaltung von Missionen (missionarische Hilfszentren) mündeten. Gleichzeitig boten die bekanntesten englischen Universitäten Oxford und Cambridge ihr bis dahin gehütetes Wissen dem ganzen Volk dar, indem sie 1867 erstmals öffentliche Vorlesungen außerhalb des Universitätsgeländes veranstalteten. Die sich daraus formierende Bewegung wird als „University Extension Movement“ bezeichnet. Im Zuge dieser Entwicklungen versucht Arnold Toynbee (1852-1883) – Anhänger Ruskins und Carlyls – indem er seine Ferien im Londoner Armenviertel Whitechapel inmitten der Ärmsten verbrachte, seine Vorstellungen einer gerechteren Welt in die Praxis umzusetzen. Obwohl er mit „emphatischen Idealismus viele Freunde und Studenten“ mitzog, gelang es ihm nicht, seinem Experiment eine institutionalisierte Form zu geben (Wendt, 1995, S. 153). In Whitechapel begegnete er auch Samuel Barnett und seiner Frau Henrietta, die später in Erinnerung an den jungverstorbenen Nationalökonomen und Historiker das erste Settlement „Toynbee Hall“ nennen. Mit der Gründung der Toynbee Hall beginnt die Settlement-Bewegung.
„Ein Settlement ist eine Niederlassung Gebildeter in einer armen Nachbarschaft, die den doppelten Zweck verfolgen, die dortigen Lebensverhältnisse aus eigener Anschauung kennen zu lernen und zu helfen, wo Hilfe Not tut“ (Picht, 1913, S. 1). Diese Doppelfunktion resultierte aus der Annahme, dass sich zuerst die Einstellungen der Mittelschicht ändern müssen, bevor den Bedürftigen wirklich geholfen werden könne. Indem sich die Settler zu Nachbarn der Armen machten und ihnen Sympathie, Freundschaft und Bildung anboten bzw. diese über persönliche Beziehung arrangierten, versuchten sie die bestehenden Klassengegensätze zu überbrücken sowie zur „sozialen und geistigen Emanzipation“ der Bewohner beizutragen (Oelschlägel in Sozial Extra, 11/91 S. 14). Viele der bedeutenden Vertreter der Settlement-Bewegung sprechen diesbezüglich gar von einer „sozialen Kluft“ (Walther Classen) oder von zwei „getrennten Nationen“ (Disraeli) in einem Land. Als Mittel zur Umsetzung der Ziele betreiben die Akteure Kinder- und Jugendarbeit, Rechtsberatung, organisieren Erwachsenenbildung und bringen Kultur in die betreffenden Stadtteile. Kurz: Man wollte den Bewohnern Wege zur Selbsthilfe aufzeigen. Mit gezielter Forschungsarbeit legten sie den Grundstein für eine ursächliche Betrachtung und Beschreibung der Problemlagen ihrer Nachbarn. An diese Forschungsarbeit war in den meisten Fällen ein ausgeprägtes sozial- und/oder kommunalpolitisches Engagement gekoppelt, denn auch schon damals war die Einsicht weit verbreitet: Wer die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Bevölkerung langfristig verändern will, muss die Sozialpolitik in seinem Sinne beeinflussen.
Die meisten Settlements gewannen ihre Mitarbeiter aus den Reihen der Studenten. Zum Einen stellten die Studenten, die in diesem Kontext als Residents (resident = ansässig sein) bezeichnet werden, die zukünftigen Entscheidungs- und Verantwortungsträger dar, zum Anderen waren sie selbst Teil der Mittel- bzw. Oberklasse. Ihr Einfluss in diesen Kreisen war daher von unschätzbarem Wert für die Belange der Arbeiter und Armen, sowie für die soziale Arbeit im Stadtteil.
Der Settlement-Gedanke breitete sich rasch von London nach Nordamerika aus. Als 1911 die „National Federation of Settlements and Neighbourhood Centres“ in den USA gegründet wurde, existierten schon offiziell über 400 Niederlassungen nur allein in den USA. In England waren es immerhin 46 Häuser (Eberhart, 1995, S. 66). 1926 gründete sich in Amsterdam die weltweite Vertretung aller Settlements und Nachbarschaftshäuser. Die „International Federation of Settlements and Neighbourhood Centres“ versteht sich seitdem als weltweite Interessenvertretung und Lobbyist im Sinne des Settlement-Gedankens. Der Verband fördert zudem die praktische Zusammenarbeit von Gemeinwesenorganisationen ( » http://www.ifsnetwork.org/).


Fragen zur Settlement-Bewegung

  • Die Settlement-Bewegung stellte erstmals einen Zusammenhang, zwischen sozialpolitischer und bildungspolitischer Unterprivilegierung her. Stellen Sie die Denktradition aus der dieser Ansatz herrührt näher dar.
  • Erläutern Sie wie sich die Vertreter der Settlement-Bewegung eine Verbesserung der Lage der Amen und Arbeiter vorstellten. Inwiefern kollidierten ihre Forderungen dahingehend mit den bestehenden gesellschaftlichen Konventionen.
  • Was versprachen sich die Settler von dem gegenseitigen Lernprozess zwischen Armen und Bürgern?
  • Welche Unterschiede gab es zwischen den hier vorgestellten englischen, amerikanischen und deutschen Settlements, in Hinsicht auf den Umgang mit der Abeiterbewegung?
  • In welcher Weise sind die Gründungsprinzipien der Settlement-Bewegung heute noch relevant? Gibt es Zusammenhänge zur Gemeinwesenarbeit? Begründen sie ihre Antwort.
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Gemeinwesenarbeit als 3. Methode

Geschrieben von Britt Holubec am .

Gemeinwesenarbeit zwischen dem Anspruch der Gesellschaftsveränderung und kommunalpolitischer Strategie

Was ist Gemeinwesenarbeit (GWA) als 3. Methode?

„In der Fachliteratur wird GWA gemeinhin als eine Methode der Sozialarbeit verstanden – und an den Fachhochschulen wird sie als Vertiefungsfach neben Einzelhilfe, sozialer Gruppenarbeit gelehrt –, die im Gegensatz zu den anderen Methoden ganze Nachbarschaften, Stadtteile und Gemeinden zum Gegenstand sozialpädagogischer Einflussnahme macht.“

(Kreft/ Mielenz, 1996, S. 232)

Gemeinwesenarbeit ist so vielseitig und unterschiedlich, dass man die Frage nach dem „Was ist Gemeinwesenarbeit?“ nicht so ohne weiteres beantworten kann. Es gibt nicht die GWA. Die Verwendung des Begriffs Gemeinwesenarbeit ist häufig mehrdeutig. Er steht für die Beschreibung kommunaler Strategien als ein Steuerungsinstrument von oben, aber auch für kirchlichen Gemeindeaufbau oder stadtteilbezogene Intervention.  Er dient des weiteren als Etikett für selbstorganisierte Bürgerinitiativen im Sinne einer Beteiligungsmöglichkeit von unten. Die begriffliche Bestimmung muss immer mit Blick auf das jeweilige Entwicklungsstadium sowie den Kontext vorgenommen werden. Zugänge und Handlungsansätze sind dabei differierend. Einerseits wird Gemeinwesenarbeit als eine Methode betrachtet und andererseits als ein übergreifendes Prinzip unterschieden.
Um die Entwicklungslinien in Deutschland von Gemeinwesenarbeit zur 3. Methode kenntlich zu machen, muss man zwischen der literarischen Rezeption und der methodischen Entwicklung unterscheiden. Gemeinwesenarbeit als 3. Methode fand sich in Deutschland ursprünglich nur in Lehrbüchern wieder. Dabei wurde GWA an den Fachhochschulen für Sozialpädagogik in die Rahmenlehrpläne aufgenommen. Dem ungeachtet gab es jedoch kaum Untersuchungen über die zu vermittelnden Inhalte. In den USA und Kanada hingegen wurde seit 1963 Gemeinwesenarbeit als 3. Methode der Sozialarbeit anerkannt. Hier, aber auch in Großbritannien, besitzt GWA eine reale Tradition, in Deutschland hingegen ist sie bis auf wenige Ausnahmen, wie zum Beispiel die » SAG-Ost oder das » Hamburger Volksheim, nicht aus der Praxis erwachsen. Insbesondere die Rezeption der Lehrbücher von » Murray G. Ross und Walter A. Friedländer brachte die Diskussionen in Gang. Mitte der 60er Jahre fand die Auseinandersetzung um Gemeinwesenarbeit nicht mehr nur in Lehrbüchern statt, sondern es entwickelte sich eine Praxis. Infolge der Wirtschaftskrise waren die Gemeindekassen leer und die Problemlagen in den Städten und am Stadtrand verschärften sich. In den Innenstädten kam es zu einer Totalsanierung unzähliger Wohnungen, weshalb viele Menschen an den Stadtrand zogen. Die dort entstanden Hochhaussiedlungen, beispielsweise das Märkische Viertel in Berlin, und die Innenstädte verloren ihre traditionsreichen Gesichter, da alte Bauten durch Gebäude für Konsum und Dienstleistungen ersetzt wurden. Die Probleme waren immer offensichtlicher, es fehlte an Versorgungseinrichtungen und Infrastruktur. Die Lebenssituation vieler Menschen verschlechterte sich immer mehr und die Zahl der wohnungslosen Menschen stieg stetig. Daraufhin reagierte die Gemeinwesenarbeit und wurde an mittlerweile drei klassischen Orten aktiv. Dies geschah in folgenden Etappen:

  • 1965/66 Obdachlosenghettos
  • 1967/68 Sozialer Wohnungsbau, sogenannte „Trabantenstädte“
  • 1969/70 innerstädtische Sanierungsgebiete.

In diesen drei Aufgabengebieten war das Grundprinzip von GWA, die Bürger zu mobilisieren, damit sie ihre Interessen und Bedürfnisse in den elementaren Bereichen wie Wohnen, Infrastruktur und Freizeitgestaltung selbst artikulieren und gegebenenfalls auch durchsetzen. In den verschiedenen Projekten gab es unterschiedliche strategische Vorgehensweisen. Sie differierten insbesondere im Ansatz bezüglich des Umgangs mit Konflikten. Beginnend mit der Protestbewegung Ende der 60er Jahre, entstehen neue Handlungsmodelle. Die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen in der BRD wirken in dieser Zeit auch auf die Gemeinwesenarbeit. In den 70er Jahren kristallisierten sich verschiedene Methodenansätze heraus, die in den folgenden Absätzen detailliert ausgeführt werden:

  • Wohlfahrtsstaatlicher/ Sozial-Integrativer Ansatz
  • Aggressiver Ansatz
  • Konfliktorientierter Ansatz
  • Reformpädagogischer Ansatz
  • Katalytisch-Aktivierender Ansatz

Idee

Gemeinwesenarbeit hat ihre Ursprünge in der amerikanischen » Settlement-Bewegung. Da sich die Wohn- und Lebenssituation in den Städten ab Mitte der 60er und Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts veränderte, konnte der wachsenden Not nicht mehr nur durch öffentliche Träger sowie private Dienstleistungen begegnet werden. Die Rolle der Sozialen Arbeit, die bis dahin vordergründig fürsorgerisch tätig war, konnte den veränderten Anforderungen bezüglich Leistungsnachfrage und -fähigkeit von sozialen Diensten nicht mehr nachkommen. Der Staat erkannte GWA immer mehr als Frühwarnsystem, die als Methode hilfreich ist, um  Interessen von oben durchzusetzen und einen reibungslosen sowie konfliktarmen Ablauf demokratischer und gesellschaftlicher Prozesse zu unterstützen. Bei der Arbeit mit Randgruppen, wie Obdachlosen, Nichtsesshaften oder aber auch Frauen, verbindet Gemeinwesenarbeit einerseits die Durchsetzung kommunaler Interessen. Andererseits geht es bei der Arbeit mit den sozial benachteiligten Menschen um die Schaffung neuer Instrumentarien für die Problembewältigung. „Jede soziale Arbeit hat ihre ´Philosophie´: die sich entwickelnde Gemeinwesenarbeit aber ist ganz besonders angewiesen auf den ideologischen Topos eines organischen und harmonischen Zusammenlebens“ (Wendt in Ebbe/ Friese, 1989, S. 3). Gemeinwesenarbeit wurde auch immer mehr als politische Alternative angesehen. Dafür war die Entwicklung der » Studentenbewegung wesentlich, die das Politische wieder entdeckte. GWA sollte als Handlungsstrategie politisch-sozialer Konflikte fungieren, was in die Praxis nur bedingt Eingang fand. Es gab in dieser Zeit eine Debatte darum, dass sich Sozialarbeiter bewusst „Gemeinwesenarbeiter“ nannten, um sich von der ihrer Meinung nach System stabilisierenden sowie unpolitischen Sozialarbeit abzugrenzen. Gemeinwesenarbeit folgte keinem geschlossenen Methodenkonzept und die Vertreter haben unterschiedliche Herangehensweisen (Gerth, 1975, S. 95). Im Folgenden soll über die verschiedenen Ansätze ein Überblick gegeben werden:

  1. Einer der bekanntesten Protagonisten des wohlfahrtsstaatlichen/sozial-integrativen Ansatzes ist Murray G. Ross. Er propagierte die Einbindung der Bürger in ihr System. Für ihn hatte Gemeinwesenarbeit zwei voneinander abhängige Hauptaspekte, den der Planung und den der Integration. Mit Planung meinte er einen komplexen Vorgang, der alle Aspekte des Handelns mit einbezieht. In diesem Planungsprozess war es wesentlich, die Probleme herauszufiltern, Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten und in Richtung der ausgewählten Lösung aktiv zu werden. Der zweite Aspekt war der der „Gemeinwesenintegration“, wo durch kooperatives Verhalten das Verantwortungsgefühl für das Gemeinwesen gefördert werden sollte (Ross, 1968, S. 66). Er bezog sich dabei auf zwei Gruppierungen, einerseits auf die Menschen, die in einem bestimmten geografischen Bereich lebten und andererseits auf die mit gemeinsamen Aufgaben und Interessen. Aus dem entstandenen Gefühl, das mit der Meinungsäußerung einher ging, sollte dann die Motivation zum Handeln erwachsen. Bei diesem Konzept von Gemeinwesenarbeit ging es hauptsächlich um eine Verbesserung der Dienstleistungsangebote im Gemeinwesen. Dem Rückgang ehrenamtlicher Tätigkeiten galt es entgegenzuwirken. Mit seinem Standardwerk (1968) nahm er eine Mittelposition zwischen konservativen und aggressiven Ansätzen von Gemeinwesenarbeit ein. Konservative Konzepte zielten auf eine Verbesserung der Koordination und der Organisation der sogenannten Wohlfahrtsgemeinde ab. Dem gegenüber stand der aggressive Ansatz, welcher auf die Veränderung von Kräfteverhältnissen und Machtstrukturen innerhalb eines Gemeinwesens abzielte. An seinem Ansatz wurden die System bejahenden und harmonisierenden Züge angefochten und exemplarisch für die Kritik von Links ist die von C.W. Müller: „Mit seinem Konzept von harmonisierender Gemeinwesenarbeit bleibt Murray G. Ross selbst hinter jener Praxis von aggressiver Gemeinwesenarbeit zurück, die – ohne explizit gesellschaftssprengend, ja, unter Umständen nicht einmal gesellschaftsdehnend zu sein – in den letzten Jahren im Rahmen nordamerikanischer Minderheitenbewegungen und im Kampf gegen Armut entwickelt worden ist“ (Müller, 1971, S. 234).
  2. Der aggressive Ansatz entwickelte sich aus der Kritik an dem wohlfahrtsstaatlichen/sozial-integrativen Konzept. Gemeinwesenarbeit wollte durch das Herausstellen von Klassengegensätzen und gemeinsam erlebtem Unrecht eine soziale Bewegung formieren. Benachteiligte Minderheiten sollten sich für eine Revolution von unten zusammenschließen, um die Macht- und Kräfteverhältnisse zu verändern. Die Veröffentlichung von C. W. Müller (1971) bildete mit einer differenzierten Gesellschaftsanalyse den theoretischen Hintergrund. Bezug nehmend auf die » Konflikttaktiken von Saul D. Alinsky und die » Community Action Programms in den USA wandte sich die 68er Bewegung gegen den integrierenden Ansatz und bevorzugte ein aufdeckendes sowie kämpferisches Vorgehen. Favorisiert wurden disruptive Aktionsformen wie Demonstrationen, Mietstreiks, die Verletzung der Verkehrsregeln sowie öffentlicher Ungehorsam. Eine weitere wichtige Vertreterin des aggressiven Ansatzes ist Christine Raiser. Grundlegend für ihre Analyse war die Annahme eines Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit, der für gesellschaftliche Konflikte verantwortlich sei (Raiser in Graf/Raiser/Zalfen, 1976, S. 115). Reformen wurden als System erhaltend eingeschätzt. „Der Staat vertritt als ideeller Gesamtkapitalist die langfristigen Interessen des Kapitals... die Kooperation mit staatlichen Institutionen hat nur taktische Bedeutung“ (Graf/Raiser/Zalfen, 1976, S. 124 f.). Diese Analyse wirkte sich konkret in der » Umsetzung auf die Arbeit mit Obdachlosen aus.
  3. Der konfliktorientierte Ansatz stand in einem engen Zusammenhang mit der Studentenbewegung in den 70er Jahren und deren Bedeutung für die Sozialarbeit. Der linken » Randgruppenstrategie gemäß sollten unterdrückte Minderheiten mobilisiert werden, um gesellschaftliche Veränderungen zu forcieren und radikale Praktiken anzuwenden. » Harry Specht zählt zu den wichtigsten Vertretern dieses Ansatzes. Der theoretische und praktische Bezugsrahmen war die » schwarze Bürgerrechtsbewegung. Die Gewaltfrage innerhalb der nordamerikanischen Gesellschaft bildete den Ausgangspunkt für seine Überlegungen. Die Strategien von Gemeinwesenarbeit beschrieb er als disruptive Taktiken. In seinem Verständnis ist Disruption eine Strategie, um das Handlungssystem des Gegners für eine bestimmte Zeit außer Kraft zu setzen. Dabei ging es darum, das System zu stören, jedoch nicht zu zerstören. Kampf und Disruption sollten erst dann zum Tragen kommen, wenn die Strategie der Schlichtung und des Ausgleichs nicht wirkten. In der Regel lief es in drei Schritten ab. Zunächst ging es darum, argumentative Überzeugungsarbeit zu leisten, um Kooperationen zu schließen. Auf einer zweiten Stufe sollten die verschiedenen Positionen aufeinander treffen. Mit Hilfe von Kampagnen-Taktiken ging es nun darum, verschiedene Kompromisse auszuhandeln. In dieser Phase sollten Verkehrsformen bewusst, aber gewaltlos verletzt werden. Beispiele hierfür wären Hunger- oder Mietstreiks sowie kleinere Demonstrationen. Auf der letzten Stufe wurden disruptive Taktiken, wie „Sit-ins“ in Warenhäusern oder auf Eisenbahnschienen, angewendet. Diese Interventionsformen sind nicht als voneinander isolierte Aktionen zu begreifen. Um die existierenden Statusbeziehungen herauszufordern, sowie gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen, wurden diese Taktiken auch parallel und gleichzeitig angewendet. Die folgende Tabelle fasst diese Stufen noch einmal zusammen, wobei Sozialarbeit auf den ersten drei Stufen wirken sollte.
    Die Stufen des konfliktorientierten Ansatzes:
    Wenn die intendierten gesellschaftlichen Veränderungen wahrgenommen werden als: ...ist die Reaktion ...ist die Interventionsform
    a) Reform (wird von Specht im Sinne von Widerherstellung eines ursprünglichen Zustandes gebraucht) der Ressourcen Zustimmung Kooperation

    b) Umverteilung der Ressourcen

    Vorbehalt

    Konkurrenz-Kampagne

    c) Veränderung der Statusbeziehungen Ablehnung Disruption

    d) Rekonstruktion des gesamten gesellschaftlichen Systems

    Aufstand

    Gewalt

    Quelle: Specht in Müller/ Nimmermann, 1971, S. 211

    Durch das Zusammenstoßen verschiedener Positionen mit der Verletzung der Verkehrssitten sowie den gesetzlichen Normen setzte ein Lernprozess auf institutioneller Ebene und bei den Individuen ein. » Bahr/Gronemeyer (1974) beschrieben den Lernprozess innerhalb der institutionellen Strukturen als eine Transformation von Entscheidungsprozessen in Richtung Dehierarchisierung und Demokratisierung. Für die Individuen führte das Lernen zu einer Mobilisierung, Politisierung sowie Emanzipation. Die Autoren stellten heraus, dass es Harmonie nur nach dem Konflikt geben kann, der gesellschaftliche Widersprüche ausräumt.

  4. Zwei Vertreter des reformpädagogischen Ansatzes sind Gerd Iben und Pedro Graf. Bei dieser Form wurde davon ausgegangen, dass Reformen eine ambivalente Bedeutung haben. Einerseits dienen sie zur Systemstabilisierung, andererseits können sie auch systemverändernde Wirkung erzielen und somit die Verhältnisse verbessern. Graf (1976) sprach daher von einem Doppelcharakter staatlicher Reformen. Er hielt die Zusammenarbeit mit Institutionen aus strategischen Gründen für notwendig, „um auf diese Weise einen Beitrag zu einer allmählichen Transformation des Staates in ein Instrument der breiten Masse der Bevölkerung zu leisten“ (Graf/Raiser/Zalfen, 1976, S. 125). Bei der konkreten Arbeit mit Obdachlosen wurde die unterschiedliche Herangehensweise in der » Umsetzung  im Vergleich zum aggressiven Ansatz deutlich.
  5. Der katalytisch-aktivierende Ansatz ist zeitlich etwas später einzuordnen und beschreibt ein betont pragmatisches Konzept für die Praxis. Hauser beschrieb dieses schon Anfang der 70er Jahre und mit der Veröffentlichung von Hinte/Karas im Jahr 1979 wurde es weiterentwickelt. Grundlage des Ansatzes bildete die utopische Vorstellung von einer herrschafts- und hierarchiefreien Gesellschaft, in der die Menschen nicht unterdrückt werden. Solidarisches Verhalten wurde hoch geschätzt, um durch die Identifikation mit den Problemen anderer gemeinsame Lösungswege zu finden. Durch entstandene Gruppenstrukturen sollten die Menschen einer Straße, eines Viertels oder einer Stadt ihre Ohnmachterfahrungen überwinden und eigene Kräfte entwickeln. Innerhalb der Gruppe wurde entschieden, wie mit einem Konflikt umgegangen werden sollte. Ein entscheidendes Kriterium für Dimension des Konfliktes war die Relevanz diese und ob es von der Gruppe gemeinsam getragen werden konnte. Der aktivierende Ansatz folgte der Leitidee, dass nur die betroffenen Menschen selbst sich für die Umverteilung von Macht einsetzen können. Die Veränderung der Verhältnisse wurde in Abhängigkeit zu den Menschen gesehen, die in diesen Strukturen lebten. Der Ansatz folgte den Vorstellungen eines radikalen Demokratieanspruchs, im Sinne einer » Graswurzelbewegung.
    Der katalytisch-integrative Ansatz:
    Gemeinwesenarbeit ist eine Methode = durchdachter Weg
    die einen Komplex von Initiativen ausgelöst, durch die Bevölkerung einer räumlichen Einheit = Straße, Wohnsiedlung, Viertel, Stadt, Land
    gemeinsame Probleme erkennt, alte Ohnmachterfahrungen überwindet und eigene Kräfte entwickelt = Gemeinwesenarbeit als Instrument zur Aufdeckung von Interessensgegensätzen  und Konflikten
    Quelle: Hinte/Karas, 1989, S. 23

Gesellschaftliche Situation

 

Die Entwicklung von Gemeinwesenarbeit steht in einem engen Zusammenhang zu den gesellschaftlichen Veränderungen. Während sich die Bundesrepublik Deutschland in der Mitte der 50er Jahre und bis Anfang der 60er konsolidierte, waren die kommenden Jahre von innenpolitischen Krisen geprägt. Zweifel wurden laut, ob das Prinzip der liberalen Marktwirtschaft in der Lage ist, die wirtschaftlichen und sozialen Probleme zu lösen. Der Vietnamkrieg ließ den Dollar immer schwächer werden und führte zu einer allgemeinen Wirtschaftskrise. Mit dem Austritt der Liberalen aus der CDU/CSU-FDP-Koalition kam es zum Bruch und zu einem Regierungswechsel. Am 01. Dezember 1966 wird Kiesinger zum Kanzler der CDU/SPD-Regierung gewählt. Die zunehmend schwache Finanzlage des Bundes ließ immer mehr Probleme sichtbar werden. Es fehlte an Schulen, Krankenhäusern sowie Nahverkehrsmitteln. Die Konzentration und Monopolisierung von Industriekomplexen führte zu einem massenhaften Bau neuer Schlafstädte, wo die nötigen sozialen Einrichtungen fehlten. Mitte und Ende der 60er Jahre kam es am Stadtrand zu einem Bauboom, in denen » Stadtentwicklungsplanung zum Tragen kam. Mit der Häufung der sozialen Probleme an so genannten „Brennpunkten“, wie Obdachlosenquartieren, Sanierungsgebieten sowie Trabantensiedlungen, war die Einzelfallhilfe und Gruppenarbeit überfordert. Die sich ständig ändernden Verwertungsbedingungen, wie die Erweiterung des Marktes oder Strukturveränderungen, forderten eine erneute Anpassung staatlicher Maßnahmen (Victor Gollanzc Stiftung, 1975, S. 102 f.). Nachdem alle staatlichen Versuche der Integration in die Angebote des Wohnungs- und Arbeitsmarktes von Obdachlosen und Nicht-Sesshaften scheiterten, wurde Gemeinwesenarbeit zunehmend als neues Instrument kommunaler Fürsorge eingesetzt, da die Ursachen für die Probleme eher in den Lebensbedingungen zu suchen waren. Für die Verbreitung der GWA war der Wille der Bevölkerung zur aktiven Beteiligung wesentlich. Die Umrisse einer entstehenden linksgerichteten Außerparlamentarischen Opposition (APO) zeichneten sich immer deutlicher ab. Mit der positiven Bezugnahme auf die Befreiungsbewegungen in der „Dritten Welt“ und den immer größer werdenden Antikriegsdemonstrationen gegen den Vietnamkrieg kam es zu einem Erstarken der APO. Mit „Sit ins“ oder „Go ins“ als Adaption des gewaltlosen Widerstandes nach dem Vorbild Ghandi`s sollte die Große Koalition überwunden werden, welche als Inbegriff der bürgerlichen Verhältnisse gesehen wurde. Nachdem Benno Ohnesorg auf einer friedlichen Demonstration von der Polizei erschossen wurde, setzte eine Radikalisierung der APO ein. Im Jahr 1968 stimmte die SPD den Notstandsgesetzen zu, die es ermöglichten, bestimmte Grundgesetze zeitweise außer Kraft zu setzen. Diese Verabschiedung wurde von heftigen Protesten, auch von den Gewerkschaften begleitet. Bei den Bundestagswahlen 1969 verliert die CDU/CSU so viele Stimmen, dass die SPD mit Willy Brandt als Bundeskanzler zusammen mit der FDP eine Koalition bilden konnte. Das Klima in der BRD verschärfte sich zusehends. „Extremistenbeschlüsse, Radikalenerlasse, Überprüfungen von Tausenden Beamtenanwärtern, um am Ende zu sehen, dass vielleicht fünf oder zehn die ´freiheitlich-demokratische Grundordnung´ in ihrem Wesensgehalt nicht akzeptieren, das schuf in den siebziger Jahren ein Klima der Bespitzelung und der Verdächtigungen, das vielen Menschen die Würde nahm und ihr Vertrauen zu diesem Staat brach“ (Negt, 1998, S. 258).  In Folge des » Radikalenerlasses kommt es zu Berufsverboten.
Die Bau- und Konjunkturkrise in der Bundesrepublik forderte immer drastischere Einsparungen, was die Rücknahme vieler Reformen nach sich zog. Mitte der 70er Jahre begann sich die Methode der Gemeinwesenarbeit zu verändern. Es wurden verstärkt Realitätsdebatten geführt, welche Utopien ablösten. Infolgedessen orientierten sich sozialarbeiterische Konzepte immer mehr an der Praxis. Gemeinwesenarbeit verlor ihre starke Fundamentalkritik an der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und wendete sich immer mehr alltags- und lebensweltorientierten Konzepten zu. Im Zuge der Entwicklung in den 70er Jahren, des allgemeinen Abbaus reformerischer Aktivitäten, kam es auch zu Schließungen von Projekten oder finanziellen Kürzungen, was für die Mutlosigkeit in der GWA nicht unwesentlich war. Einige sahen darin das generelle Ende der Gemeinwesenarbeit und formulierten die » Todesanzeige.


Ziele

Gemeinwesenarbeit als 3. Methode versuchte die Systembedingtheit der Probleme zu vermitteln, da diese in den Lebensbedingungen zu suchen sind. Dies sollte mit einer Veränderung des Politikverständnisses einhergehen. Insbesondere in den Anfängen von Gemeinwesenarbeit ging es darum, das Bewusstsein der Bevölkerung mit einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive zu verändern. GWA hatte das Leitziel, aus benachteiligten Wohngebieten lebendige Gemeinwesen zu entwickeln. Dabei waren zwei Komponenten wesentlich. Einerseits die Aktivierung und Unterstützung der Bewohner und andererseits die Förderung der materiellen sowie infrastrukturellen Ausstattung des jeweiligen Gebietes. Es ging darum, Menschen zu befähigen und zu unterstützen, ihre Lebensbedingungen maßgeblich mitzubestimmen. Auf der politischen Ebene wurde durch kollektive Einflussnahme der Demokratisierungsprozess innerhalb der Institutionen forciert. Die Bewohner sollten durch Beteiligung, zum Beispiel in Form von Interessenvertretungen, politische Lernerfahrungen machen. Auf der ökonomischen Ebene ging es um eine Verbesserung der Lebensbedingungen, um eine positiven Bewertung des Daseins in der jeweiligen Umgebung zu erreichen. Die verschiedenen Ansätze unterscheiden sich in der Herangehensweise, um dieses Ziel zu erreichen.

  • Beim wohlfahrtsstaatlichen/sozial-integrativen Ansatz stand das Zusammenwirken aller Bewohner auf der Basis gemeinsamer Werte sowie Vorstellungen im Mittelpunkt. Gemeinwesenarbeit machte sich zum Ziel, diese Personen zusammenzuführen, damit sie durch Gemeinschaftsempfinden gemeinsame Interessen und Aufgaben erkennen, für deren Durchsetzung sie sich engagieren. Integrative Probleme sollten auf dieser Grundlage besser lösbar sein. Ross strebte ein harmonisches Klima innerhalb des Gemeinwesens an und setzte auf ein selbstständiges Erkennen der Probleme durch die Bewohner.
  • Der aggressive Ansatz hatte eine grundlegende Gesellschaftsveränderung durch eine gerechtere Verteilung von Macht und Herrschaft zum Ziel. Nach der Marxschen Theorie ist der gesellschaftliche Grundwiderspruch durch das Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit gekennzeichnet. Ziel war eine Auflösung dieses Klassenverhältnisses, wobei der Adressat der Gemeinwesenarbeit die Arbeiterklasse sein sollte, da sie am meisten unter den Bedingungen litt. Die individuellen Interessen wurden als Klasseninteressen vermittelt und sichtbar gemacht. Gemeinwesenarbeit hatte hier den Anspruch, den Bewohnern professionelle Unterstützung anzubieten, um die Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verbessern.
  • Der konfliktorientierte Ansatz hatte das Ziel, über eine entwickelte Strategie der Schlichtung und des Ausgleichs den sozialen Wandel zu vollziehen. Gemeinwesenarbeit sollte diesen Prozess unterstützen, um die Kluft zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Schichten nicht zu vertiefen (Specht in Müller/Nimmermann, 1971, S. 215). Es ging nicht um eine Destruktion der Institutionen, da der Prozess der Veränderung nur innerhalb der demokratischen Spielregeln zu organisieren sei. Ein weiteres Ziel war es, bei den institutionellen Strukturen und den Individuen einen Lerneffekt zu erreichen.
  • Bei dem reformorientierten Ansatz wurde sich positiv auf die Durchführung einer schrittweisen Umgestaltung bezogen. Es gab die Vorstellung, dass Reformen einen Doppelcharakter haben, der bei dem strategischen Vorgehen einbezogen werden sollte. Hierbei ging es um eine gezielte Zusammenarbeit mit den Institutionen, um die eigenen Ziel einer Veränderung des Systems, zu verwirklichen. Dafür sollten die Bürgerinitiativen mit kritischen und reformbereiten Kräften in den Institutionen zusammengeführt werden (Graf, 1976, S. 104). Es ging darum, alle Bestrebungen zu fördern, um die politischen Strukturen und Entscheidungsprozesse zu demokratisieren.
  • Der katalytisch-aktivierende Ansatz setzte auf eine zeitlich begrenzte Koalition zwischen den Bewohnern und den am Prozess beteiligten Institutionen. Bei dieser Zusammenarbeit ging es um die Diskussion gemeinsamer Grundwerte, wobei der kleinste gemeinsame Nenner die Grundlage bildete. Durch die individuellen Erfahrungen kam es auf den unterschiedlichen Ebenen zu Lernprozessen. Ziel war es, die politische Partizipationsmöglichkeiten zu stärken.
    Ziele des katalytisch-aktivierenden Ansatzes
    Menschen lernen dabei, persönliche Defizite aufzuarbeiten und individuelle Stabilität zu entwickeln = Änderung der Individuen = Lernen
    und arbeiten gleichzeitig an der Beseitigung akuter Notstände (kurzfristig) und an der Beseitigung von Ursachen von Benachteiligung und Unterdrückung. = Änderung der Verhältnisse
    Quelle: Karas/Hinte, 1989, S. 24

Leitbilder

Das Leitbild in der Gemeinwesenarbeit als 3. Methode war kein einheitliches, sondern differierte in den jeweiligen Konzepten und veränderte sich während der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Dieser Wandel ist insbesondere in Rückkopplung zu den gesellschaftlichen Veränderungen zu sehen. Durch den zunehmenden Abgleich der theoretischen Herangehensweisen mit den praktischen Möglichkeiten veränderte sich auch der Zugang sowie der Umgang mit den verschiedenen Institutionen und den Bewohnern.

  • Beim wohlfahrtstaatlich/sozial-integrativen Ansatz verhielt sich der Gemeinwesenarbeiter eher zurückhaltend. Er unterstützte die Bewohner bei dem Herausfiltern der Bedürfnisse und Probleme. Zu gegebener Zeit stellte er seine Einschätzungen und Auffassungen mit zur Diskussion. Die Rolle von Sozialarbeit war bei diesem Ansatz ausgleichend und integrierend, da Kooperation sowie Zusammenarbeit grundlegende Merkmale darstellten.
  • Das Leitbild des aggressiven Ansatzes wurde insbesondere durch Alinsky geprägt. Der Mensch mit seiner Fähigkeit, Veränderungen zu bewirken, stand im Mittelpunkt. Dabei war der Sozialarbeiter nur Helfer für mündige Bürger und folgte dem Leitspruch, nie etwas für andere zu tun, was sie nicht auch selbst machen könnten. Es wurde demzufolge kein Gewicht auf eine Advokatenrolle, im Sinne einer stellvertretenden Interessenwahrnehmung, gelegt. Die Bewohner sollten so unterstützt werden, dass sie ihre Interessen selber wahrnehmen können. Christine Raiser (1976) machte deutlich, dass bei aktivierender, radikaler Gemeinwesenarbeit die sozialarbeiterische Intervention ihre Priorität auf das ´Basisbein´ setzen sollte. Der Schwerpunkt wurde auf die Arbeit mit den Betroffenen gelegt, da diese aktiviert werden sollten. Die Bedeutung des ´Institutionsbeins´ war nur komplementär, da große Skepsis hinsichtlich der Reformbereitschaft und -fähigkeit gegenüber den verschiedenen Behörden bestand. Die Zusammenarbeit mit Institutionen erfolgte nur aus taktischen Erwägungen (Graf/Raiser/Zalfen, 1976, S. 122).
  • Die Rolle des Gemeinwesenarbeiters änderte sich während des ablaufenden Prozesses beim konfliktorientierten Ansatz. Als Professioneller war er Erzieher, der während des Prozesses zum Vermittler oder Anwalt werden konnte. Beim  Anwenden disruptiver Taktiken unterstützte er als Organisator. Auch hier wurde sich mit konkreten Forderungen an Institutionen gewandt, unterstützt durch Demonstrationen oder Streiks.
  • Der Ansatz der reformpädagogischen Vorgehensweise unterscheidet sich darin wesentlich, da es hier um eine direkte Zusammenarbeit mit den Institutionen ging. Durch einen klaren Arbeitsauftrag sollte der Rückhalt durch die Behörden erreicht werden. Der Sozialarbeiter handelte im Auftrag der Bewohner im Sinne einer anwaltlichen Vertretung, übernimmt somit eine Advokatenrolle. Als Gemeinwesenarbeiter mit Anwaltsfunktion war er insbesondere sozialen Randgruppen zur Seite gestellt, um sie bei der Artikulation ihrer Wünsche, Vorstellungen und Ziele zu unterstützen, und einen emanzipatorischen Effekt zu erreichen. Andererseits sollte diese Person als Sachverständiger die verschiedenen Vorstellungen im Planungsprozess vertreten.
  • Der katalytisch-aktivierenden Gemeinwesenarbeit liegt ein anti-paternalistischen sowie » antipädagogischen Ansatz zu Grunde. Der Sozialarbeiter sollte hier durch seine katalytische Funktion Veränderungen und Reaktionen beschleunigen. Er leistete bei Bedarf Unterstützung, um innerhalb des Gemeinwesens Prozesse anzuregen. Die Bewohner sollten sich ihrer Situation bewusst werden und die Bedingungen entsprechend ihrer Bedürfnisse ändern. Sie halfen sich selbst, indem Sprecher oder Gruppen die Bedürfnisse oder Probleme thematisierten. Professionelle unterstützten sie dabei, Gruppenselbsthilfe ins Leben zu rufen und Anlaufstellen zu initiieren. Die Bewohner sollten Erfahrungen mit selbst bestimmtem Handeln sammeln können. Im Umgang mit Behörden ging es nicht darum, Feindbilder zu erschaffen, sondern um sachlich konstruktive Zusammenarbeit.

Umsetzung

Was bedeutet dies für die Sozialarbeit?

In der Praxis sind nicht alle oben beschriebenen Konzepte der Gemeinwesenarbeit wieder zu finden. Die radikalen Ansätze, die theoretisch postuliert wurden, insbesondere bei dem aggressiven und dem konfliktorientierten Ansatz, tauchten kaum auf. In der Praxis fanden insbesondere reformpädagogische Konzepte ihre Umsetzung. Der katalytisch-aktivierende bildete die theoretische Grundlage für die Soziale Stadtteilarbeit, die erst Anfang der 80er Jahren als Konzept formuliert wurde.  Für die Obdachlosenarbeit sollen zwei konträre Ansätze gegeneinander diskutiert werden, da diese die Möglichkeiten einer praktischen Umsetzung verdeutlichen. Pedro Graf (1976) verfolgte, um gesellschaftliche Veränderung zu erzielen, den reformpädagogischen Ansatz. Bei der Suche nach möglichen Akteuren hielt er Obdachlose als ´revolutionäre Subjekte´ ungeeignet. Auf Grund der objektiven Lebensbedingungen und ihrer subjektiven Lage, wie Erkrankungen, psychische Destabilität und Resignation, waren sie seiner Ansicht nach für politische Prozesse untauglich. In einer antikapitalistischen Gesamtstrategie könnten sie als Objekte ergänzende sowie unterstützende Funktionen einnehmen. Es sollte daher ein Hauptziel von Gemeinwesenarbeit sein, die Obdachlosen in die Klasse der Lohnabhängigen zu re-integrieren. Das bedeutete konkret die Verbesserung der Wohn- und Lebenssituation. Um Vorurteile in der Bevölkerung abzubauen und die Zusammenarbeit mit den Institutionen zu verbessern, sollte Aufklärungsarbeit über die Ursachen von Obdachlosigkeit geleistet werden. Um diese Ziele zu verwirklichen, wurde eine Doppelstrategie entworfen, um einerseits als Agent des jeweiligen Trägers zu fungieren und andererseits die Interessen der Betroffenen zu vertreten (Graf in Graf/ Raiser/Zalfen, 1976, S. 109 ff.). Dem entgegen steht die Position von Christine Raiser (1976), einer Vertreterin des konfliktorientierten Ansatzes, der insbesondere diskursiv relevant ist. Sie sah den Schwerpunkt von Gemeinwesenarbeit bei der Arbeit mit Randgruppen, in der Aktivierung sowie Organisierung der Obdachlosen. Diese sollten in einem selbständigen Kampf in Verbindung mit der Klasse der Lohnabhängigen um ihre Interessen kämpfen. Es ging dabei nicht um eine stellvertretende Interessenwahrnehmung im Sinne einer Advokatenrolle, sondern die Bevölkerungsgruppen sollten ihre Bedürfnisse selbst wahrnehmen und vertreten (Raiser in Graf/Raiser/Zalfen, 1976, S. 120 ff.). Bei der Zusammenarbeit mit den Institutionen, die nur aus taktischen Gründen erfolgen sollte, war „auf den bereits entwickelten Aktivitäten der Obdachlosen aufzubauen“ (Raiser, 1976, S. 124).

Obdachlosensiedlung „Eulenkopf“

In dem Wohngebiet „Eulenkopf“, wo ehemalige Obdachlose durch die Stadt untergebracht wurden, fand GWA als Methode ihre Anwendung. Der verfolgte Ansatz der Gemeinwesenarbeit erinnert an die Settlement-Bewegung und weist Elemente von » Toynbee Hull auf. Im Rahmen einer Initiativgruppe, bestehend aus Studenten, Rechtsanwälten, Psychologen und Gemeinwesenarbeitern, gingen die Studierenden in das Quartier, um mit den Bewohnern gemeinsam, gegen die Diskriminierung vorzugehen. Durch die Stadt wurden die Menschen in Wohnungen untergebracht, für die sie Nutzungskosten zu zahlen hatten, was ihnen jedoch keinen Anspruch auf Wohnraum sicherte. Die Betroffenen reagierten vorerst mit Skepsis auf die der Mittelschicht angehörenden Studenten. Daher wählte die GWA zu Beginn einen unpolitischen pädagogischen Zugang über Kinder- und Jugendarbeit, indem sie Hausaufgabenhilfe oder Freizeitbetreuung anbot. Darüber gelang es den Studenten, Kontakt zu den Eltern zu knüpfen, die ihr Misstrauen nach und nach ablegten. Es wurden mehrere politische Initiativen gegründet, beispielsweise ein Stadtteilbeirat. Die interdisziplinäre Vorgehensweise der GWA und überregionale Organisierung in der „Landesarbeitsgemeinschaft Soziale Brennpunkte“ ermöglichte das rechtliche Vorgehen gegen das Land Hessen. Durch politische und rechtliche Intervention gelang es, den Hessischen Obdachlosenerlass zu stoppen, welcher Nichtsesshafte für ihre Situation selbst verantwortlich erklärte. Indem es zur Aufhebung des enthaltenen Strafgedankens kam, wurde der Erlass geändert.

Burckhardhaus

Der Hauptsitz des Burckhardhauses ist das Institut in Gelnhausen bei Frankfurt am Main und im Jahr 2003 feierte es sein 110-jähriges Bestehen. Es erlangte sehr große Bedeutung durch bundesweite Fort- und Weiterbildungsangebote. Als im April 1969 die Berliner Nachbarschaftsheime ihre große Tagung über die „Stadt als Raum des denkenden Aufstandes“ vorbereiteten, fand dort ein Weiterbildungsprogramm für Gemeindeaufbau sowie Gemeinwesenarbeitstatt statt, welches 160 Lehrgangstage mit integrierten Praxisphasen umfasste. Dieses wendete sich an Sozialarbeiter sowie kirchliche Mitarbeiter, die einen hohen Prozentsatz an Gemeinwesenarbeitern stellten (Müller, 1997, S. 119). Empirische Sozialforschung, Gruppenpädagogik und Gemeinwesenarbeit bildeten die Schwerpunktthemen, um unter den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen nach 1968 Gemeinwesenarbeit sowie Gemeindeaufbau voran zu treiben. Noch heute gilt für dort angesiedelten Schwerpunktbereiche Gemeinwesenarbeit als strukturierendes Arbeitsprinzip. Seit 1981 findet im Burckhardthaus alle zwei Jahre eine GWA-Werkstatt statt, wo theoretische Diskussionen und Auseinandersetzungen um Gemeinwesenarbeit geführt werden. Damit hat es sich bis heute, als ein Ort des bundeszentralen Austauschs um die Entwicklung von Gemeinwesenarbeit, seinen wichtigen Stellenwert erhalten.


Historische Bedeutung

Gemeinwesenarbeit als eine Methode hat eine vielseitige Geschichte, welche rückblickend in der Literatur eine unterschiedliche Bewertung erfährt. Häufig wird den „wilden Zeiten“ nachgetrauert und bedauert, dass es zu einer Entpolitisierung der Gemeinwesenarbeit kam. Der Ansatz, über soziale Probleme eine fundamentale Kapitalismuskritik zu formulieren, war insbesondere Mitte der 70er Jahre sehr ausgeprägt. Aggressive Methoden wendeten sich gegen systemangepasste Sozialarbeit, um Veränderung und Umsturz herbei zu führen. Die Radikalität und Gesellschaftsveränderung, die diesem Konzept zugeschrieben wurde, fand allerdings nur äußerst selten in praktischen Projekten ihren Niederschlag. Die Entwicklung der Methodenansätze ist insbesondere im Hinblick auf den Abgleich zwischen Theorie und Praxis zu verstehen. Die Bereitschaft der Menschen, disruptive Taktiken anzuwenden, war nicht so verbreitet wie erhofft. C.W. Müller (1971) stellte fest, dass disruptive Taktiken in Deutschland im Gegensatz zu den USA als umstürzlerisch gelten und nur in ritualisierter Form zugestanden werden. Eine Ausnahme bilden Aktionen, die in das herrschende System und Konzept passen. Als ein Beispiel führte Müller den 17. Juni 1953 an, der ein Feiertag in der BRD wurde, da sich gegen eine sozialistische Regierung gewendet wurde. Er stellte fest, dass es in Ländern mit Klassenkampftradition leichter ist, „jene historische Perspektive zu rekonstruieren und disruptive wie gewaltsame Taktiken in die politische Disziplin einer proletarischen Klassenkampf-Organisation einzuordnen. An genau diesem Punkt wäre es für Gemeinwesenarbeiter wichtig, jene politischen Quellen für Gemeinwesenarbeit zu rezipieren, deren Träger keine kommunalen oder privaten Wohlfahrtsorganisationen waren, sondern politische Parteien, genauer: die » Kommunistische Partei Deutschlands und deren Stadtteilarbeit in den zwanziger und dreißiger Jahren“ (Müller, 1971, S. 239).
Bei dem Versuch, die historische Bedeutung von Gemeinwesenarbeit als Methode herauszuarbeiten, muss man die Diskussionen um linke Theorie und Praxis beachten. Ende der 70er Jahre wurde immer offensiver gegen systemunangepasste Gemeinwesenprojekte vorgegangen. Die staatliche Strategie war, entweder zu disziplinieren, zu zähmen oder durch die Streichung der finanziellen Mittel die Projekte zum Aufhören zu zwingen. Zudem zeigte der Radikalenerlass, das Vorgehen gegen die Mitglieder kommunistischer Gruppen und die » Totalitarismusdiskussion seine ideologische Wirkung. Die Aufgabe und Zurücknahme radikalerer Konzeptionen ist mit dem institutionellen Aufstieg der 68er Generation zum Common sense der Diskussion sozialarbeiterischer Strategien geworden. Dabei bestätigen Ausnahmen die Regel. Beispielswiese wendet sich Przytulla gegen den Rufmord an allem, was links ist, und stellt fest: „Um den Blick frei zu haben, jeweilige historische Chancen zu nutzen, alte erfolgreiche Ansätze wieder aufzunehmen und begonnene, dann leider unterbrochene Prozesse fortzuführen, ist es notwendig, gut zu unterscheiden zwischen selbstkritischer Reflektion und einer Propaganda, die weis machen will, dass ´Links´ menschenverachtend ist, mit Geld nicht umgehen kann und mit allen Projekten immer scheitert“ (Przytulla in Jahrbuch, 1994, S. 39).
Gemeinwesenarbeit als 3. Methode ist insofern als ein fortschrittlicher Ansatz einzuordnen, da er den Schwerpunkt weg von den rein fürsorgerischen Tätigkeiten legt. Aus dem Ansatz wurden einige für die heutige Sozialarbeit wichtigen Elemente übernommen, wie Ressourcen- sowie » Lebensweltorientierung. Die Herangehensweise, dass Menschen aktiv an ihrer Lebensgestaltung arbeiten, somit also Eigenverantwortung übernehmen, wurde sehr gefördert und findet noch heute als » Empowerment-Ansatz Eingang in sozialarbeiterische Intervention. Die unterschiedlichen Konzepte sowie praktischen Erfahrungen von Gemeinwesenarbeit als 3. Methode sind von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung zu einem Arbeitsprinzip. In der Auseinandersetzung damit, wie auch immer sie geführt wurde, ist die methodische Veränderung nur mit Blick auf die gesammelten Erfahrungen einzuordnen. Des weiteren fand GWA als eine Methode in der Ausbildung von Sozialarbeitern, in Verbindung mit projektbezogenen Arbeiten, verstärkt Eingang. Rückblickend ist einzuschätzen, dass die Neuen Sozialen Bewegungen wegen ihrer größeren Mobilisierungskraft besser in der Lage waren, kritisches Potential zu bündeln. Gemeinwesenarbeit hingegen war hauptsächlich in den verschiedenen Stadtteilen aktiv und kam somit selten über Projektarbeit hinaus. GWA war auch immer mehr in dem Widerspruch gefangen, einerseits „Anwalt der Betroffenen“ zu sein, aber andererseits in staatlichem Auftrag zu handeln. C.W. Müller bezeichnet es 1973 als das „Dilemma des Gemeinwesenarbeiters“ (Müller in Boulet/Krauss/Oelschlägel, 1980). Die Todesanzeige ist Ausdruck dieser Entwicklung und wurde auf einer Tagung im Herbst 1975 in Berlin zu konfliktorientierter Gemeinwesenarbeit formuliert.

Todesanzeige

Nach einem kurzen aber arbeitsreichen Leben verstarb unser liebstes und eigenwilligstes Kind GWA an:

  • Allzuständigkeit, Eigenbrötelei und Profilneurose
  • Methodischer Schwäche und theoretischer Schwindsucht
  • Finanzieller Auszehrung und politischer Disziplinierung.

Wir, die trauernden Hinterbliebenen, fragen uns verzweifelt, ob dieser frühe Tod nicht hätte verhindert werden können?

Quelle: Müller, 1997, S. 131


Übungsfragen

  • In Deutschland kam es nach dem 2. Weltkrieg zu einer Rezeption US-amerikanischer Methodenkonzepte. Bis jedoch Gemeinwesenarbeit als 3. Methode in die Rahmenlehrpläne an den Fachhochschulen für Sozialpädagogik aufgenommen wurden, dauerte es bis Mitte der 60er Jahre. Worin sehen Sie dafür die Gründe?
  • Zeichnen sie die Entwicklung nach, bis GWA in Deutschland Eingang in die Praxis fand. An welchen drei klassischen Orten wurde sie aktiv?
  • Welche wichtigen verschiedenen Konzepte von Gemeinwesenarbeit als 3. Methode kennen Sie?
  • Vergleichen Sie diese bezüglich der ideellen Vorstellungen miteinander?
  • Wie wirken die unterschiedlichen Ansätze auf das Selbstverständnis des Gemeinwesenarbeiters?
  • Vergleichen Sie die Position von Pedro Graf, der für einen reformpädagogischen Ansatz steht, mit der Position von Christine Raiser, einer Vertreterin des konfliktorientierten Ansatzes, bezüglich der Arbeit mit Obdachlosen.
  • Welche gesellschaftlichen Veränderungen insbesondere in den 70er Jahren sehen Sie als entscheidend für die methodische Entwicklung?
  • 1975 wurde die Todesanzeige der GWA formuliert. Worin sehen Sie die Ursachen dafür?
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Toynbee Hall (London)

Geschrieben von Robert Götze am .

Die Geburtsstunde der Gemeinwesenarbeit und der Beginn der Settlement-Bewegung


Was war Toynbee Hall?

1884 gründeten der Gemeindepfarrer » Samuel Barnett und seine Frau Henrietta Barnett die erste Universitätsniederlassung in einem Elendsviertel im Osten von London. Zu Ehren des sozial engagierten Historikers und Nationalökonomen Arnold Toynbee (1852-1883), der als einer der ersten den praktischen Versuch unternahm die Lebensbedingungen der armen Bewohner von Ost-London zu verbessern, nennen sie die neuentstandene Einrichtung » „Toynbee Hall“. Der Gedanke, der hinter dem Vorhaben der Barnetts stand, war so einfach wie genial. Angehende Akademiker sollten für eine begrenzte Zeit ihrer Ausbildung in der eigens dafür eingerichteten Zweigstelle der Universität wohnen, leben, lehren und arbeiten. Auf diese Weise entstand die erste „Niederlassung Gebildeter inmitten der armen und arbeitenden Bevölkerung“, so die zeitgenössische Umschreibung für den englischen Begriffe Settlement. Angeregt durch das Beispiel und das Vorgehen des Ehepaar Barnett, kam es sowohl in Großbritannien und den USA, aber auch in Deutschland zu einer regelrechten Welle von Settlement-Gründungen. Toynbee Hall markiert deshalb den Beginn der » Settlement-Bewegung.

Idee

Das Ehepaar Barnett gelangte während ihrer zehnjährigen Pfarrtätigkeit im Londoner » Armenviertel Whitechapel zu einigen richtungsweisenden Einsichten, die den Umgang mit der notleidenden Bevölkerung und das » System der englischen Armenhilfe reformieren sollten. Eine – und vielleicht auch die grundlegendste – dieser Überzeugungen war, dass sich die sozialen Probleme der Zeit nur lösen lassen, wenn die gebildeteren und wohlhabenderen Bevölkerungsschichten um die Lebensbedingungen in den Elendsquartieren wissen und sie zu einem gewissen Teil auch selbst erleben. Nicht Geld, Mitleid und Reformprogramme lindern das Elend – so Barnetts These – sondern der Einsatz der vollen Person und des ganzen Lebens. Die persönliche Begegnung zwischen Gebildeten und Ungebildeten, z.B. durch gemeinsames Zusammenleben im Stadtteil, stellte aus seiner Sicht einen entscheidenden Schritt zur Lösung der Sozialen Frage dar. Das wünschenswerte Ergebnis einer so initiierten gegenseitigen Teilhabe sollte in der wechselseitigen Durchdringung der Anschauungen und Lebensweisen sowie in einem Wandel des Bewusstseins von Ober- und Mittelschicht bestehen.

Gesellschaftliche Situation

England als Mutterland der Indutrialisierung war schon ab Beginn des 19. Jahrhunderts mit den Folgen des kapitalistischen Produktions- und Vermarktungsprinzips sowie seinen Auswirkungen auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der armen Bevölkerung konfrontiert. Der damals real existierende » Manchester Kapitalismus dient auch heute noch als Synonym für die Beschreibung menschenunwürdiger und ungerechter Verhältnisse. Um nun die Fortschrittlichkeit der Barnettschen Prinzipien beurteilen zu können, ist es hilfreich, die Lage der Armen im England des ausgehenden 19. Jahrhunderts etwas genauer zu beleuchten.
Als eines der wenigen Länder in Europa verfügte England seit dem 16. Jahrhundert über eine „Armengesetzgebung“, in der im wesentlichen drei Grundsätze festgehalten waren:

  1. Jeder Hilfebedürftige muss vor lebensbedrohlicher Not bewahrt werden. Die Ursachen, die zum eintreten der Notsituation führten, sind für die Gewährung der Unterstützung nicht von Bedeutung.
  2. Die Hilfe bleibt auf das absolute Minimum des zum Leben erforderlichen begrenzt. Die Höhe der Unterstützung muss in jedem Fall unter dem liegen, was der ärmste selbständige Arbeiter zum Leben hat.
  3. Mit der Erlangung der Armenunterstützung müssen für den Empfänger Nachteile verbunden sein. Sie sollen gewährleisten, dass der Bedürftige diese Hilfe nicht dauerhaft in Anspruch nimmt. (Aschrott in Müller, 1991, S. 30)

Um eine abschreckende Wirkung auf die Armen zu erzielen, erwartete jeden Empfänger von Armenunterstützung:

Der staatlichen Armenhilfe dieser Zeit stand die privat organisierte Armenpflege von zumeist christlichen Wohlfahrtsorganisationen gegenüber. Während erstere durch Repression und Abschreckung gekennzeichnet war, verteilten letztere » milde Gaben nach Beliebigkeit an Bedürftige ihrer eigenen Kirchgemeinde. Gerade diese Prinzipienlosigkeit im Hinblick auf die Ausgabe milder Gaben bestärkte Samuel Barnett in der Annahme, dass derartige Almosen die Selbsthilfekräfte der armen Bevölkerung lähmen und künstliche Abhängigkeiten verfestigen. Nicht nur dass die Praxis der privaten Armenhilfe nach Meinung der Barnetts „für den Empfänger beleidigend und den Geber verächtlich sei“ (Barnett zitiert in Müller, 1991, S. 37 ), sie war zudem – genau wie die staatliche Armenpflege – in einem hohen Maße uneffektiv und erfolglos. Um diesen Tatsachen angemessen zu begegnen und ihnen gleichzeitig ein wirkungsvolleres Konzept entgegenzusetzen, kam es zur Gründung der Toynbee Hall.

Ziele

Im Zentrum aller Bemühungen stand die Weckung bzw. Stärkung der Selbsthilfekräfte der Bewohner von Whitechapel. Damit eng verknüpft war der Wiederaufbau von Ressourcen, Mut und Würde sowie der Abbau von Abhängigkeiten (milde Gaben, staatliche Armenhilfe). Der favorisierte Weg zur Erreichung dieser Ziele war die notwendige Bildung und Erziehung der Armutsbevölkerung mit dem ebenfalls notwendigen Lernen der kultivierteren und gebildeteren Bevölkerungsschicht zu verknüpfen. Auf diese Weise sollte es allmählich zu einem Verständnis zwischen Besitzenden und Besitzlosen kommen, was wiederum der Garant dafür war, dass sich auf kurz oder lang auch die materiellen Lebensbedingungen der Armen und Arbeiter verbessern. Ein weiterer und nicht zu unterschätzender Nebeneffekt dieser Entwicklung sollte in einer – zumindest lokalen – Klassenversöhnung bestehen.
Zu den Zielen der » Universitätsniederlassung gehörte es weiterhin, den Bewohnern der Elendsquartiere durch ihr Beispiel und Engagement Mut und Zuversicht zu vermitteln. Parallel dazu sollten die nötigen Sozialreformen durch die angehenden Akademiker vorangetrieben werden, indem sie als Angehörige der Mittelschicht, auch und gerade innerhalb ihres eigenen Standes, für Aufklärung und Verständigung eintraten. Damit würden die Chancen für Veränderungen auf kommunalpolitischer Ebene, ebenso wie das generelle Renommee des Londoner Ostens steigen.
Neben diesen mitunter philosophisch anmutenden Metazielen – die im übrigen für die Settlement-Bewegung leitend wurden – kamen im Laufe der Jahre konkretere Zielsetzungen hinzu:

  • Bessere Schulgesetze für Frauen und Kinder
  • Maßnahmen zur Verbesserung der Lage von unehelichen Kindern
  • Beseitigung der gesetzlichen Hindernisse bei der Geburtenregelung

Leitbilder

Ausgehend von sozialreformerischen und religiösen Überlegungen, stellten die Londoner » Settler erstmals einen direkten Zusammenhang zwischen sozial- und bildungspolitischer Unterprivilegierung und mangelnder geistiger und sozialer Emanzipation her (Oelschlägel in Jahrbuch Gemeinwesenarbeit 1, S. 172). Demnach musste erst Bildung und Kultur unter den Armen verbreitet werden, um sie zu verantwortungsvollen Bürgern zu machen. Mit der Macht der Freundschaft und einem gewissen Maß an sozialer Harmonie sollte es weiterhin möglich sein, die Armen moralisch und charakterlich zu stärken. Diese Leitgedanken legten den Grundstein das spätere Kultur - und Bildungskonzept der Toynbee Hall.
Andere handlungsleitende Motive der späteren Arbeit entstanden in der Auseinandersetzung mit der Armenhilfe jener Jahre. So sollte Armenhilfe, Barnetts Vorstellung nach, erzieherisch auf den Bedürftigen einwirken, damit er in Zukunft in die Lage versetzt wird, sein Leben aus eigener Kraft zu bestreiten. Dazu gehörte auch die Einsicht, dass die zum Leben notwendigen Mittel, wenn möglich, durch Arbeit aufgebracht werden mussten. Abschreckung und willkürliche Almosen hingegen zerstörten auf Dauer die Achtung der Armen vor sich selbst, und behindern so eher einen Neuanfang, als dass sie ihn befördern. Seine Vision von einer anderen Armenhilfe orientierte sich vor allem an zwei Prämissen:

  1. Kooperation soll an die Stelle von Mildtätigkeit treten
  2. Gerechtigkeit müsse die Rolle von Nächstenliebe übernehmen

Umsetzung

Nachdem Vorgespräche mit Universität und Kirche abgeschlossen waren, gingen alle Beteiligten schnell daran, das Vorhaben in die Tat umzusetzen. Der notwendige erste Schritt bestand in der Gründung eines eingetragenen Vereins. Das Startkapital von 6000 £ wurde eingeworben und die Universität übernahm die anfallenden Kosten für die Miete und die Unterhaltung des Hauses. Die Bezahlung des Leiters, der Zeit seines Lebens Samuel Barnett hieß, übernahm die Kirche.

Pädagogik/Sozialarbeit/kulturelle Veranstaltungen

An erster Stelle galt es, ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Menschen in der Umgebung von Toynbee Hall aufzubauen. Dem arrangieren von persönlichen Begegnungen zwischen den Mitglieder der verschiedenen sozialen Klassen kam daher eine zentrale Rolle zu. Die Methode der Barnetts bestand in der Ausrichtung einer Vielzahl von » kulturellen Veranstaltungen. Das Spektrum reichte dabei von Dinnerpartys, Musikkonzerten, Kunstausstellungen in der eigenen » Gemäldegalerie bis hin zu politischen Vorträgen. Bei diesen geselligen Treffen kam es den Veranstaltern vor allen Dingen darauf an, dass sich die Anwesenden als gleichwertige und gleichgestellte Akteure wahrnahmen. Die Wiedererlangung der Genussfähigkeit und die Teilhabe an Kultur waren erste wichtige Schritte auf dem Weg zur Stärkung der Selbsthilfekräfte der notleidenden Bevölkerung.
Die andere tragende Säule im Barnettschen Prinzip hieß Bildung. Um das Credo „Bildung statt milder Gaben“ in die Taten umzusetzen, gründeten die Bewohner der Toynbee Hall Abend- und Sonntagsschulen, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Da der Hausherr ein ausgesprochener Gegner der herkömmliche Schuldidaktik war, beschritt man auch in der Organisation der Weiterbildungsangebote neue Wege. So wurde nicht etwa das recht unbewegliche und hierarchische Frontalunterrichtsprinzip gewählt, sondern es kam das – vor allem in der elitären Oberschicht bekannte – Prinzip der » Clubs zum Einsatz. Diese, dem heutigen Vereinsleben nicht ganz unähnliche Form der Interessenwahrnehmung, gelangte in der Toynbee Hall mit mehr als 25 verschiedenen Clubs zu ihrer wahren Blütezeit. Ganz im Sinne des Prinzips, Hilfe zur Selbsthilfe, wurden die Interessen- und Arbeitsgruppen lediglich durch die Bereitstellung von Räumen, Licht und Heizung sowie organisatorischer Hilfestellung unterstützt.
In der Initiierung verschiedener Freizeitangebote sahen die Gründer von Toynbee Hall schließlich eine inhaltliche Abrundung ihres Konzepts. Neben der Gründung einer Leihbücherei, die es im weiteren Verlauf noch zu einiger Berühmtheit bringen sollte, entstanden ebenfalls noch eine Vielzahl von Kinderspielplätzen und Treffmöglichkeiten für die jüngsten Bewohner von Whitechapel. Als bahnbrechend für diese Zeit kann die Idee der Kinderlandverschickung gelten, durch die über 400 Kinder die Möglichkeit hatten, erstmals Urlaub außerhalb der Stadt zu machen.
Ein ähnlich fortschrittlicher Plan war die Einrichtung des Reisedienstes für Erwachsene. Der Organisationsaufwand, der beispielsweise nötig war, um mit ca. 400 Mitbürgern von England nach Griechenland und Italien zu reisen, erscheint auch heute noch immens.

Sozialpolitik

Im Laufe der Entwicklung von Toynbee Hall schärfte sich auch das sozialpolitische Profil der Londoner Settler. In der vor allen geistigen Auseinandersetzung mit dem Sozialismus – den die Barnetts bis zu ihrem Tode als unpraktikabel klassifizierten – kristallisierten sich jedoch weitreichende Forderungen an den Staat, als organisatorischen und normativen Rahmen des Gemeinwesens heraus. So forderte beispielsweise Samuel Barnett eine Erweiterung der staatlichen Armenhilfe, weil diese zum einen zu restriktiv sei und den tatsächlichen Hilfebedarf nur ungenügend decke. Ergänzend dazu plädierte er für staatliche Arbeitbeschaffungsprogramme und für eine staatliche garantierte Mindestrente. Der Umstand das es – in seinem Sterbejahr 1913 – 39 Millionen Engländer gab „die trotzt harter Arbeit in Armut leben, während sich 6 Millionen an den Früchten dieser Arbeit delektieren“ (Barnett zitiert in Müller, 1991, S. 48) veranlasste ihn zu der Forderung einer Einkommensumverteilung. Das adäquate politische Mittel zur Umsetzung dieser Forderung war für ihn eine Reform der Steuergesetzgebung.
Aufgrund ihrer Beobachtungen und Erfahrungen im Londoner Osten erkannten die Settler zwar die Klassengegensätze in der englischen Gesellschaft, einen Klassenkampf lehnten sie jedoch vehement ab. Vielmehr erschien ihn der Ausgleich von Bildungsunterschieden das geeignetere Mittel zur Überwindung des Klassenhasses zu sein (Oelschlägel in Jahrbuch Gemeinwesenarbeit 1, 1984, S.178).


Historische Bedeutung

Zusammenfassend kann man festhalten, dass es dem Ehepaar Barnett als Begründer der Settlementbewegung als erstes gelang, einen direkten Gemeinwesenbezug herzustellen. Ihrem Beispiel ist es zu verdanken, dass auch nachfolgende Generationen versucht wurde die Erziehung und Bildung der Armen und Erwerbslosen mit der Einsicht der Begüterteren und Gebildeteren zu verbinden. Das Projekt, Toynbee Hall als einen Ort der Vermittlung, Geselligkeit und Bildung zu etablieren, kann (zumindest zu Barnetts Lebzeiten) als durchaus erfolgreich beschrieben werden.
Motiviert wurden alle Beteiligten von der Hoffnung und Überzeugung, dass sich auf diese Art und Weise Defizite des Stadtteils mit den Ressourcen der Bewohner und denen der Akademiker, zu einem großen Teil kompensieren lassen. Obwohl die Barnetts aus historischer Sicht wohl eher in die sozialreformerische Kategorie einzuordnen sind, betrieben sie ihr Gerechtigkeits- und Kooperationsstreben innerhalb des Stadtviertels, aber auch innerhalb ihrer eigenen sozialen Schicht, jedoch mit einiger Radikalität. Toynbee Hall gilt als direktes Beispiel sowohl für Jane Adams und ihr » Hull House, als auch für das » Hamburger Volksheim und die » Soziale Arbeitsgemeinschaft Berlin Ost.


Grafik zur Umsetzung der Programmatik

Grafik: Götze, 2003


Fragen zu Toynbee Hall:

  • Umreißen Sie die Idee und die Zielstellung die hinter Toynbee Hall stand. Beziehen Sie sich dabei auch auf die Ausführungen zur Settlement-Bewegung.
  • Welche Prämissen der Arbeit waren für das Ehepaar Barnett im Umgang mit den Armen handlungsleitend?
  • Welche Unterschiede bestanden im Ansatz der Toynbee Hall und der der traditionellen Armenpflege im England des 19. Jahrhunderts?
  • Welchen Standpunkt vertraten die Barnetts in Bezug auf die Arbeiterbewegung und den Klassenkampf? Beschreiben sie das von ihnen vertretene Alternativ-Konzept.
  • Erläutern Sie an zwei Beispielen, mit welchen Mitteln/Methoden die Ziele umgesetzt wurden.
  • Wie erklären Sie sich, dass Toynbee Hall für zahlreiche nachfolgende Ansätze und Einrichtungen als direktes Vorbild gelten kann?