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Die Nachbarschaftshäuser zwischen 1933-1945

Geschrieben von Robert Götze am .

Überwachung, Kontrolle und Versorgung oder die Pervertierung des Nachbarschaftsgedankens

Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und der damit besiegelten Machtübernahme durch die Nationalsozialistische Partei (NSDAP) kam es zu einem schwerwiegenden Bruch in der Entwicklung der deutschen Nachbarschaftshäuser. Die auf soziale und geistige Emanzipation abstellenden Konzepte vieler Nachbarschaftshäuser und -heime verkörperten in ihren Idealen mit Bestimmtheit das Gegenteil von dem, was die Hitlerfaschisten unter Nachbarschaft und Gemeinwesen verstanden. Aus diesem Grund musste die von ihnen ausgehende Gefahr der Destabilisierung und Unterwanderung, der von den Nazis angestrebten "neuen Nachbarschaft", beseitigt werden. Deshalb wurde noch im Jahr 1933 der überwiegende Teil dieser Einrichtungen geschlossen, oder aber – wie beispielsweise das Hamburger Volksheim – für die Durchsetzung nationalsozialistischer Ziele, ganz im Sinne der propagierten "Volksgemeinschaftsideologie", missbraucht. Die gesamtgesellschaftliche Gleichschaltung machte somit auch nicht vor den vielen über ganz Deutschland verteilten hoffnungsvollen Initiativen und Einrichtungen der Nachbarschaftshäuser halt.
Um ihren totalitären Herrschaftsanspruch durchsetzen zu können, war es unumgänglich, dass die Nationalsozialisten auch die » Wohnungs- und Siedlungsbaupolitik ihren Zielen anpassten. Dazu musste zunächst die unbegrenzte sowie unfassbare Masse an Wohnstätten in kontrollierbare, zahlenmäßig und lokal begrenzte Einheiten umstrukturiert werden. Als Anhaltspunkt diente den Hitlerfaschisten dabei das, von der KPD entworfene und im Arbeiterkampf bewährte, Organisationsprinzip von Block und Zelle. Des Weiteren kam es darauf an, die vormals relativ homogenen Nachbarschaften in den Arbeiterbezirken mit Menschen jeder sozialen Schicht zu durchsetzen. Die entstandene Heterogenität sowie Distanz zwischen den Nachbarn galt als Bedingung für unsolidarisches und argwöhnisches Verhalten. Ergänzt durch ein ausgeklügeltes Netzwerk an hoheitlich befugten Vertretern der NSDAP, die als Verbindungspersonen die gesamte Gesellschaft durchzogen, wurde so ein Klima der Denunziation, Bespitzelung und Überwachung geschaffen, das wiederum eine Solidarisierung gegen das faschistische System ungemein erschwerte (Beier-Remy in Jahrbuch Gemeinwesenarbeit 1, 1984, S. 183).
Im Folgenden wird nun exemplarisch auf die Entwicklung des Hamburger Volksheims und der Sozialen Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost in den Jahren zwischen 1933-1945 eingegangen.

Hamburger Volksheim 1933-1945

Bereits im Mai 1933 wurde das Volksheim von einer der NSDAP nahe stehenden Organisation beschlagnahmt. Der "Kampfbund für deutsche Kultur" war nun, was die Organisation und den Inhalt der Arbeit anging, federführend. Der überwiegende Teil der Mitarbeiter zog sich zurück, oder konnte im Ausland Exil finden. Andere Mitglieder, insbesondere jene, die bis dato eher für die politischen Aktionen im Rahmen des Nachbarschaftsheimes verantwortlich waren, wurden von den Nazis in Konzentrationslager verschleppt. Im Zentrum der Aktivitäten stand nun der Dienst an der Volksgemeinschaft, was jedoch nicht ausschloss, dass es weiterhin Sonntagsunterhaltungen, Theateraufführungen und Konzerte gab. Die propagandistische Funktion stand dabei im Mittelpunkt dieser Veranstaltungen. So wurde beispielsweise "eine Arbeitsgemeinschaft für Jungarbeiter eingerichtet, denen die Partei bei der Klärung ihrer Gedanken zum NS-Staat helfen wollte" (von Kietzell in Krahulec, 1993, S. 88). Dem ungeachtet stand das Volksheim besonders 1936 als warmer Tagesaufenthalt den zahlreichen Arbeitslosen offen. Während der Bombenangriffe auf Hamburg wurde das Volksheim und die meisten seiner Zweigstellen völlig zerstört. Schon kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges, im Dezember 1945, gründeten ehemalige Mitglieder, anknüpfend an die Zweckbestimmung der sozialistisch geprägten Phase des Volksheims, den Verein neu.

Soziale Arbeitsgemeinschaft Ost 1933-1945

Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten bedeutete für die SAG-Ost fast das Ende ihrer bisherigen Tätigkeit und für die führenden Persönlichkeiten – namentlich Sigmund-Schultze und Hertha Kraus – die Emigration. Da die SAG sich nicht gleichschalten ließ, verlor sie den » Wilhelmshagener "Ulmenhof" und wenig später auch das Kernstück ihrer Arbeit, die Jungen- und Mädchenclubs. Desweiteren wurde ihr jegliche Arbeit an und mit 8-18jährigen Kindern und Jugendlichen untersagt. Gleiches galt für alle Tätigkeitsbereiche, die nicht unter direkter Nachbarschaftshilfe zu fassen waren. Diesen massiven Einschränkungen ist es wohl geschuldet, dass bis auf das Haus "Am Ostbahnhof 17" sowie den beiden Leihbüchereien und das Ledigenheim in Moabit alle anderen Räumlichkeiten aufgegeben werden mussten. Nach einer gewissen Zeit der Konsolidierung verstärkte die SAG ihre Aktivitäten in Ostberlin wieder. Im Unterschied zur Gründungszeit hatten sich mittlerweile recht tragfähige Nachbarschaftsstrukturen herausgebildet, mit deren Hilfe es möglich war, die Mütterklubs, den Nähbund, den Männerabend sowie die "Sonntagsmusiken" und den Singeabend wieder aufzunehmen. Für Kinder unter 8 Jahren gab es eine Lesestube, in der unter anderem Theateraufführungen stattfanden. Für denselben Personenkreis organisierten die Mitarbeiter in beschränktem Rahmen Erholungsfahrten, die an die frühere Ferienkoloniearbeit anknüpften. Als letztes Angebot, vor der endgültigen Schließung durch die Gestapo 1940, betrieb die SAG eine Kinderspielstube, die sogar vom Landeswohlfahrts- und Jugendamt offiziell anerkannt wurde. Mit der formellen Schließung wurde einige der letzten Mitarbeiter jede weitere "Betätigung auf sozialem, kulturellem, religiösem und pädagogischem Gebiet verboten; sie wurden der Aufsicht des Sicherheitsdienstes unterstellt" (Gramm zitiert in Gerth, 1975, S. 46). Die nach dem Krieg eingeleitete Neugründung des Vereins hatte laut Gerth den Zweck, die vorhandenen Vermögenswerte zu sichern. Die alten Arbeitsbereiche wurden nicht mehr aufgenommen. (Gerth, 1975, S. 46).


Fragen zu den Nachbarschaftshäusern im Nationalsozialismus

  • Legen Sie dar was die Nationalsozialisten unter Nachbarschaft verstanden. Wie setzten sie ihre Vorstellungen praktisch um? Was bedeutete das letztlich für die Nachbarschaftshäuser und Settlements?
  • Nennen Sie die wesentlichsten Kriterien der nationalsozialistischen Bau- und Siedlungsbaupolitik und zeigen sie die damit verfolgten Zielrichtungen auf.
  • Wie bewerten Sie die Auswirkungen der Entwicklung in der NS-Zeit auf die Gemeinwesenarbeit?