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Community Organizing (CO)

Geschrieben von Silvio Markewitz am .

Eine besondere Art der Selbstorganisation von Menschen


Was ist "Community Organizing"?

Organisationsarbeit innerhalb eines Stadtteils oder auch einer ganzen Stadt wird Community Organizing (CO) genannt. Ein Kernpunkt des CO ist der Aufbau von öffentlichen Beziehungen zwischen den Bewohnern innerhalb eines Stadtteils. Die Fähigkeit, mit möglichst vielen unterschiedlichen Menschen eine konstruktive und tragfähige Beziehung einzugehen, wird im Rahmen von CO systematisch trainiert und eingesetzt.


» http://www.rothschuh.de/

Dieses Schaubild verdeutlicht die Dimensionen von Community Organizing. Durch den Aufbau von dauerhaften Bürgerorganisationen werden die Machtbeziehungen verändert, und zugleich konkrete Verbesserungen der Lebenslagen der Menschen erreicht. Die Entwicklung von sozialen Beziehungen und Netzwerken ist Nährstoff für diesen Prozess.
"Beim CO geht es um Veränderung - aber es geht nicht immer um ein Gegenüber von ‚wir hier unten’ gegen ‚die da oben’, sondern CO kann sich auch auf Abgrenzung gegenüber ‚Störenfrieden’ richten wie z.B. Prostituierten, Drogenhändlern oder potenzielle Straftäter" (» http://www.rothschuh.de/).
Ein weiterer Kernpunkt ist der Umgang mit » Macht im Sinne des CO. Die Bedeutung von Macht wird hier nicht im allgemeinen Sinnverständnis dargestellt, sondern bekommt im CO eine völlig neue Bedeutung. Macht meint in diesem Kontext die "Fähigkeit zu handeln". Das heißt, Veränderungen werden durch jeden selbst und nur durch die eigene Aktivität durchgesetzt, um dementsprechend zur Lösung von Problemen im Umfeld beizutragen. CO setzt somit auf das Prinzip "Macht gegen Ohnmacht". Vor jeder geplanten und gemeinsamen Aktion der Bewohner im Stadtteil werden sorgfältig die Machtfelder analysiert, um die Interessen und Kräfte im Gemeinwesen realistisch positionieren zu können.
CO ist ein Prozess, in dem Menschen sich selbst organisieren, um ihre Situation in die eigene Hand zu nehmen und so ein gewisses Verständnis für ihre Probleme zu entwickeln. Dabei ist CO gerade für die "Armen" und "Machtlosen" ein wirksames Werkzeug, sich auf einer » "Breiten Basis" gegen diejenigen zu wenden, die scheinbar für ihre Armut und Machtlosigkeit verantwortlich sind. Durch diese permanente Organisation der Bürger werden die dominanten, finanziellen und institutionellen Machtträger ständig herausgefordert und gezwungen, sich mit sozialen, ökonomischen und ökologischen Belangen auseinanderzusetzen. Mit Hilfe dieser ständigen Einmischung der » Community`s und der Konfrontation mit den Machtträgern werden die Bürger mehr und mehr zu Mitgestaltern des öffentlichen Lebens.
Community Organizing wählt dabei den Zugang stets durch Gespräche mit einzelnen Personen. Um in einem Stadtteil handlungsfähig zu werden, müssen hunderte dieser » One to One Gespräche geführt werden. Das » Eigeninteresse, die Motivation und die Problemsicht der betroffenen Bürger treten dabei in den Vordergrund. Die vorrangige Aufgabe von CO ist das Ausfindigmachen von sich engagierenden Bürgern und die Weiterentwicklung von deren Fähigkeiten. Diese "Schlüsselpersonen", auch » Leader genannt, leiten die entstandenen Organisationen und bestimmen deren Ziele. Die Organisation gibt sich somit selbst kein inhaltliches Programm vor, sondern stellt nur das Gerüst für ein Selbstbestimmtes gemeinsames Handeln der Mitglieder.

Idee

1909 wurde » Saul D. Alinsky in einem der schlimmsten Slums Chicagos geboren. Seine Eltern waren russische Einwanderer, und er wuchs in den Straßen des Elendsviertels auf. 1926 begann Alinsky ein Studium an der Universität von Chicago, welches er mit einem Abschluss in Archäologie beendete. Außerdem belegte er Seminare in Soziologie, die ihn aber nur wenig interessierten, denn er selbst war von seiner Ausbildung wenig überzeugt. Völlig überraschend gewährte ihm die Universität von Chicago ein Stipendium im Fach Kriminologie, wo er in Folge eine Doktorarbeit schreiben sollte. Alinsky wollte dabei einen Einblick in die kriminelle Szene bekommen und studierte die Organisationsstrukturen der "Mafia", in dem er sich eine Zeit lang mit kriminellen Personen wie zum Beispiel Al Capone auseinandersetze. Außerdem beschäftigte er sich ein paar Jahre mit dem Bandenwesen Chicagos, seine Doktorarbeit geriet indes in Vergessenheit. Danach arbeitete Alinsky als Kriminologe in einem Chicagoer Gefängnis, wo er nach drei Jahren wieder aufhörte, weil er bei dieser Tätigkeit in einer Institution zu sehr abstumpfte. Er wollte sich weniger mit den Symptomen der Kriminalität befassen, sondern vielmehr die Ursachen bekämpfen, die dazu führten.
In Folge engagierte Alinsky sich im Aufbau von » Bürgerorganisationen. Eine solche Vereinigung war "Back of the Yards", die er am Ende der dreißiger Jahre gründete. Alinsky entwickelte Organisations- und Konflikttaktiken, die ihn bei der Industrie und staatlichen Institutionen zu einem gefürchteten Mann machten, 1940 gründete er mit Hilfe einiger Geldgeber die "Industrial Areas Foundation" (IAF). Diese Organisation sah ihre Aufgabe darin, den Aufbau von Bürgerorganisationen in den USA zu unterstützen und "Community Organizer" auszubilden. Alinsky vertrat dabei die Meinung, dass Bürgerorganisationen nur von Professionellen aufgebaut werden konnten. Es reiche nicht aus lediglich bestimmte Taktiken anzuwenden und Techniken zu beherrschen, viel wichtiger schien es ihm, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen, um dann die entscheidenden Impulse zu geben, die für eine Veränderung der Verhältnisse notwendig sind. Alinsky war nie selber Mitglied einer Bürgerorganisation, nicht einmal in denen, die er selbst aufgebaut hatte. Das hätte seinen Überzeugungen widersprochen.
Grundlegend geht es im Community Organizing darum, Menschen die keine Macht haben, zu mehr Macht zu verhelfen, jedem Einzelnen und auch in der Gemeinschaft. Dabei steht der Aufbau eines tragfähigen Beziehungsnetzwerkes im Vordergrund, um die betroffenen Menschen und deren Organisationen handlungsfähig zu machen. Dies lässt sich nur umsetzen, wenn "Leader", das heißt Führungspersonen, denen die Menschen im Stadtteil vertrauen, gefunden und unter Berücksichtigung ihrer eigenen Interessen geschult werden.
CO führt so zu einem wichtigen Lernprozess, in dem den Menschen gezeigt wird, wie man sich organisieren kann und wie man gleichsam andere dazu motiviert, mit politischen Entscheidungsträgern zu verhandeln, um so konkrete Verbesserungen im eigenen Lebensumfeld durchzusetzen. Angestrebt wird, dass die organisierten Bürger ernst zu nehmende Verhandlungspartner für Politik und Verwaltung werden. Community Organizing stellt also bestehende Machtbeziehungen in Frage, um neue zu entwickeln. Für Menschen mit wenig materiellen Potenzialen können in Folge konkrete Verbesserungen erreicht werden. Dabei ist es notwendig, auf jegliche staatliche Zuschüsse (Gelder etc.) zu verzichten, um jegliche Abhängigkeitsverhältnisse prinzipiell auszuschließen.

Gesellschaftliche Situation

Die USA entwickelte sich am Ende des 19. Jahrhunderts in Folge massiver Einwanderungswellen von einem Agrar- zu einem Industriestaat. Von 1860 bis 1880 kamen circa zehn Millionen, bis 1914 weitere fünfzehn Millionen Einwanderer aus Europa und Asien in die USA. Angelockt wurden diese von den vielen Arbeitsplätzen in der Industrie und von den vielfältigen Siedlungsmöglichkeiten. Die meisten Immigranten siedelten in den Städten des Ostens und des Mittelwestens an, wo sie in der industriellen Produktion genügend Arbeit fanden, allerdings mussten die Einwanderer in schmutzigen engen Behausungen vegetieren und zu Niedrigstlöhnen arbeiten. Durch die multikulturellen Einflüsse der Immigranten aus Europa befürchteten die amerikanischen Arbeitergeber Unruhen, weil viele Einwanderer aus Osteuropa revolutionäre Ideen und auch andere Religionen mit in die USA brachten. Allgemein akzeptiert wurden meist nur Angelsachsen und Protestanten.
Mit der wachsenden Industrialisierung verschlechterte sich die Situation der ungelernten Arbeiter in den USA zunehmend. Dabei arbeiteten auch Frauen und Kinder zu miserablen Arbeitsbedingungen bis zu 15 Stunden am Tag. Solche Verhältnisse traten ein, da die Arbeiter sich gar nicht oder nur sporadisch untereinander organisierten. Die amerikanischen Arbeiter lehnten eine Solidarität mit den neuen Immigranten ab, da sie selber um ihre Arbeitsplätze kämpfen mussten.
Durch den verheerenden Bürgerkrieg (1861-1865) in den USA wurde Chicago zu einem gigantischen Zentrum der Lebensmittel verarbeitenden Industrien. Die Bevölkerungszahlen wuchsen monatlich um 5 000 Menschen. Hatte Chicago 1850 noch etwa 30 000 Einwohner, so zählte die Stadt 1890 schon eine Mio. Menschen, davon waren alleine 750 000 Ausländer. Die Immigranten wurden in billige Wohngebiete gepfercht, und folglich lebten Familien in nur einem einzigem Raum zusammen. Die Gegensätze von Reichtum und Luxus gegenüber bitterer Armut, Kinderarbeit und erbärmlichen Wohnverhältnissen wurden immer größer. Durch diese unvorstellbare Ausbeutung der Arbeiter entwickelten sich schnell gewalttätige Auseinandersetzungen mit der herrschenden Klasse.
Trotz des zunehmenden Elends in den Großstädten sah es der Staat nicht als seine Aufgabe, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken. Vorwiegend waren es Frauen aus mittleren oder hohen Einkommensschichten, die private Wohltätigkeitsvereine gründeten, um so den Armen zu helfen. Solche Organisationen arbeiteten meist in dem selben Stadtteil nebeneinander, ohne zu kooperieren und ihre Aktivitäten miteinander abzusprechen. Aus dieser Situation heraus wurde 1877 die erste amerikanische "Charity Organization Society" (COS) gegründet. Diese Organisation sollte alle Aktivitäten der verschiedenen Wohltätigkeitsvereine koordinieren und somit effektivieren. Die hauptamtlichen Mitarbeiter der COS hatten primär die Aufgabe, die Hilfebedürftigen in "Würdige" und "Unwürdige" zu unterteilen. "Denn nach der damals nicht nur in den Kreisen der COS vorherrschenden sozialdarwinistischen Ideologie wurde die Ursache der Armut in den individuellen Unzulänglichkeiten und moralischen Verfehlungen der Einzelperson gesehen, nicht aber in äußeren Einflüssen und Strukturen" (Mohrlok u.a., 1993, S. 23). In Folge sahen sich die COS massiver Kritik aus gesellschaftlichen und kirchlichen Kreisen ausgesetzt. Aufgrund dieser Beurteilung und weiterer wissenschaftlicher Untersuchungen wurde der Arbeitsansatz der Organisation grundlegend überdacht. "Nicht mehr subjektive Ratschläge und Belehrungen, sondern Objektivität, Orientierung an wissenschaftlichen Erkenntnissen, professionelle Einstellungen und Erfahrungen werden gefragt, um wirklich effektiv Hilfe leisten zu können" (Mohrlok u.a., 1993, S.23). Durch diese Professionalisierung der Armenhilfe wurde ein entscheidender Grundstein für Community Organizing gelegt, da soziale Probleme nicht mehr nur individuell gesehen, sondern auch als strukturell begründet wurden.
Um die weitere Situation Ende der 20er Jahre genauer beleuchten zu können ist, es notwendig den Beginn der Weltwirtschaftskrise in die Betrachtungen einzubeziehen. Im Sog des "Schwarzen Freitags", des größten Börsenkrachs an der New Yorker Wall Street vom 25. Oktober 1929, brach eine Weltwirtschaftskrise aus. An diesem Tag gab es an der New Yorker Börse einen erdrutschartigen Absturz, der sich fortsetzte, so dass in kurzer Zeit die Kursgewinne des ganzen Jahres verloren gingen. Der Grund für diesen Crash waren übermäßige Investitionen in Wertpapiere, die jedoch auf Kredit gekauft wurden, im Vertrauen auf Kurssteigerungen und immer höhere Gewinne. Das war nun der auslösende Moment für einen weltweiten Einbruch der weithin schon stagnierenden Wirtschaften. Die Entwicklung kippte, als im Oktober 1929 das ganze Ausmaß der Überproduktion sichtbar wurde. Erste Kursstürze lösten eine Panik aus, und viele Aktien wurden verkauft - es gab nur noch Verkäufer, aber keine Käufer mehr. Die Kurse gingen in den Keller. Darauf folgte ein noch größerer Absturz bis 1932. In Deutschland hatte dies katastrophale Folgen. Um ihre Verluste zu decken forderten nun amerikanische Kreditgeber ihr kurzfristig in Deutschland angelegtes Geld zurück, auf dem im Wesentlichen der wirtschaftliche deutsche Aufschwung beruht hatte. Als Folge der Wirtschaftskrise verschärften sich die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Spannungen in den USA und in Deutschland.

Leitbilder

Community Organizing handelt nach den Grundsätzen der Selbstbestimmung, der sozialen Gerechtigkeit und der Solidarität. Grundvoraussetzung ist immer das Vertrauen in die Fähigkeit des Menschen, ihre Lebensbedingungen selbst zu gestalten. Der erzieherische Aspekt wird hier nicht beachtet, das heißt die Bürger werden nicht erzogen oder gar pädagogisch behandelt. Die Stellung des Sozialarbeiters ist im CO somit klar abgegrenzt. Entscheidungen werden nicht, wie in anderen Arbeitsfeldern der Sozialarbeit, von den Professionellen getroffen, sondern die Bevölkerung entscheidet über eventuelle Handlungen selbst. Dabei zielt CO nicht unbedingt auf eine Kooperation mit dem so genannten "Gegner" ab, vielmehr sollen Konflikte lösungsorientiert und produktiv ausgetragen werden. Allen Handlungen liegen dabei demokratische Werte und/oder christliche Normen zu Grunde. Diese werden in regelmäßigen Abständen reflektiert und stets neu überdacht. Politik ist ebenfalls ein wichtiges Schlagwort. CO will durch den Aufbau von kulturell – tragfähigen Beziehungen politische Bildungsarbeit leisten und das selbstständige politische Handeln der Bürger anregen.
Community Organizing sollte in jedem Fall unabhängig sein. Das meint nicht nur die Finanzierung von (politischen) Aktivitäten, sondern auch das Selbstverständnis der Bürger, die sich organisieren. Dabei finanzieren sich die Bürgerorganisationen durch eigene Mitgliedsbeiträge, Spenden und mit Hilfe von Stiftungen. Der Gedanke - wie kann die Organisation einen Konflikt mit staatlichen Trägern anregen, wenn Sie genau von denen finanziert wird, erklärt sich von selbst. Das Selbstverständnis und der Handlungsspielraum ist unabhängiger und autonomer, wenn alle Aktivitäten selbst finanziert werden.

Ziele

Ziel von CO ist es, gegenüber den scheinbar allmächtigen Kräften von Staat und Wirtschaft durch das demokratische Organisieren der Bürger, sie handlungsfähig zu machen, um auf diese Weise soziale Missstände im Stadtteil zu beseitigen. Dabei steht nicht das vorschnelle Handeln zur scheinbaren Problemlösung im Vordergrund, sondern das Aufgreifen und öffentliche Austragen von Konflikten. Ziel des Organizing ist ebenso der Aufbau von Beziehungen zwischen Menschen, die bislang keinen Kontakt zueinander haben, zum Beispiel zwischen Stadtteilbewohnern mit verschiedenem Glauben (Juden, Christen, etc.), aber auch zwischen Armen und Reichen. Dabei stehen immer zuerst die Menschen im Vordergrund und dann erst die Probleme. Durch diese professionell betriebene Beziehungsarbeit sollen in Folge lebendige und machtvolle Organisationen und Koalitionen auf "Breiter Basis" entstehen.

Umsetzung

Der Organisationsprozess lässt sich grob in 4 Phasen unterteilen:

  1. Einzelgespräche: Community Organizing verzichtet zunächst auf eine breite Öffentlichkeitsarbeit wie Pressemitteilungen oder Flugblätter. Primär sollen Einzelgespräche mit den Stadtteilbewohnern geführt werden, um Beziehungen entstehen zu lassen, die später Grundlage für ein gemeinsames Handeln sein werden. Ziel ist es dabei, den Gesprächspartner besser kennen zu lernen, dessen Sorgen zu konkretisieren und herauszufinden, für was sich jeder Einzelne engagieren würde.
  2. Planung & Recherche: In dieser Phase ist es wichtig, die gefilterten Sorgen sowie die Probleme und das Engagement der Gesprächspartner aufzugreifen. Dabei muss unbedingt ein umfassendes Bild von den genannten Problemen sowie deren Lösungsvorschlägen entstehen. Hierbei ist es erforderlich Experten, Verwaltungsangestellte und Wissenschaftler in die Recherche mit einzubeziehen. Ziel dieser Phase ist es, umfassende Informationen zu sammeln.
  3. Aktion: In der 3. Phase wird deutlich, wer die Entscheidungsträger für das angesprochene Problem sind, und wie mögliche Lösungsvorschläge aussehen könnten. Erst dann kann eine Bürgerversammlung einberufen werden, an der mindestens 100 Menschen, aber auch nicht selten mehr als 1000 Leute teilnehmen. Hierzu sollten alle am Thema involvierten Personen eingeladen werden. Diese sind zu differenzieren je nachdem, welches Thema der jeweiligen Versammlung zu Grunde liegt (Politiker, Verwaltungsangestellte oder Mitarbeiter in der Wirtschaft).
    Die eigentliche Sitzung dauert nicht länger als eine Stunde und ist auf das Ziel hin ausgerichtet, unbedingt konkrete Ergebnisse zu erzielen. Eine gewisse Disziplin aller teilnehmenden Menschen ist hierfür unbedingt nötig. Auf dem Podium sitzen ausschließlich Schlüsselpersonen bestimmter Organisationen, die einzig auf die Durchführung solcher Veranstaltungen vorbereitet wurden. Höhepunkt der Veranstaltung ist, den geladenen Entscheidungsträgern exakt formulierte Forderungen und Fragen zu präsentieren. Diese haben nur die Möglichkeit mit "Ja" oder "Nein" zu antworten. Ziel einer derartigen Veranstaltung ist es nicht, die eingeladene Person bloß zu stellen, sondern der Gast kennt die Themen aus Vorgesprächen und kann sich entsprechend darauf vorbereiten. Ziel ist es vielmehr, öffentliche Probleme zu verhandeln und möglichst konkrete Lösungen zu vereinbaren.
  4. Auswertung: Die Auswertungsphase widmet sich sowohl der Analyse der durchgeführten Aktion, als auch dem konkreten Gefühlsleben der beteiligten Personen. Anschließend setzt sich der Prozess mit dem Führen von Einzelgesprächen fort.

CO-Projekte entstehen überwiegend auf Initiative kirchlicher Träger und der Bürger im Stadtteil selbst. Die Bewohner eines Gemeinwesens nehmen in den Community Organizations auf allen Ebenen eine zentrale Rolle ein. Sie sind gewählte Mitglieder der Organisationen und werden als Leader bezeichnet, die dann als Vertreter verschiedener Interessengruppen an unterschiedlichen Aktionen teilnehmen. Bei der Zielformulierung gibt es keine Diskrepanz zwischen Bürgern, Trägern und Professionellen. Die Arbeit ist vielmehr auf den Aufbau einer Machtbasis unter den Bewohnern eines Gemeinwesens ausgerichtet. Den Anlass für die Arbeit stellen nicht gesellschaftliche Probleme allgemeiner Art dar, sondern grundsätzlich die konkreten Einzelprobleme der Betroffenen, die im CO auch Issues genannt werden. Es liegt nicht in der Entscheidung der Professionellen, welches Thema einer Kampagne zu Grunde liegt. Sondern erst nach konkreten Anstrengungen der Leader, im direkten Kontakt mit den Bürgern, kann evaluiert werden, was den größte Anlass für Ärger oder Besorgnis darstellt. Als Technik der Evaluation werden beim CO vorwiegend Interviews verwendet, die dann auch das Instrument zur Aktivierung der Betroffenen darstellen. Andere Techniken wie Medienarbeit, Stadtteilzeitungen, oder Flugblätter haben im Community Organizing eine zweitrangige, aber ergänzende Funktion. Nach dem Herausfiltern der Issues bilden sich im Stadtteil Initiativgruppen, die den Kernpunkt der Arbeit darstellen. Hier formulieren die Betroffenen ihre Interessen und planen Strategien zu deren Durchsetzung. Den inhaltlichen Schwerpunkt bilden Gruppen zum Thema "Housing". Dabei handelt es sich nicht um Maßnahmen der Wohnumfeldverbesserung, sondern vielmehr um konkrete und in der Regel auch konfliktträchtige Themen wie Mietsteigerung, verlassene Häuser, Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit und ökonomische Entwicklungen der Stadteile. Tatsächliche Defizite im Schul- und Kindergartenwesen stellen ebenso wie die Kriminalität in den Stadtteilen Schwerpunkte dieser Initiativgruppen dar.
Die Stellung des Organizers in den Community Organizations ist die eines Ratgebers für die Bürger eines Gemeinwesens. Die Tätigkeit von Hauptamtlichen wird als Dienstleistung betrachtet, die in der Organisation der Betroffenen und im Training ihrer Führungspersonen besteht. Indem die Bürger gleichzeitig Arbeitgeber wie auch Empfänger einer Dienstleistung sind, werden automatisch Erfolgskriterien für Organizer aufgestellt. Gelingt die Aktivierung der Betroffenen und der Aufbau einer machtvollen Organisation, war die Arbeit erfolgreich. Der Erfolg von CO bemisst sich an der zufrieden stellenden Lösung konkreter Probleme, wobei die Interessen verschiedener Institutionen und Personen tangiert werden. Durch diese Position ist CO in der Praxis ein sehr konfliktreiches Arbeitsfeld. Bei der Durchsetzung eigener Interessen werden Konflikte als unvermeidbar akzeptiert, denn nur durch dieses Vorgehen können auch Veränderungen hervorgerufen werden. Solche Kontroversen haben aber nur Erfolg, wenn eine Aktivierung möglichst vieler Personen im Gemeinwesen erreicht werden kann. Bei der Vorbereitung einer Strategie steht immer der Gedanke im Vordergrund, ob die gewählten Aktionen die eigene Machtbasis stärken. CO richtet sich an die gesamte Lebenswelt der Bewohner in einem Gemeinwesen. Dabei werden alle Entscheidungskompetenzen innerhalb einer Organisation bei den Bürgern selbst belassen. CO ist kein sozialpädagogisches Konzept, sondern eine Methode um demokratische Machtstrukturen in einem Stadtteil zu schaffen. Demzufolge steht auch die konkrete Auseinandersetzung der Professionellen mit den Bürgern im Vordergrund. Organizer machen keine Pädagogik, vielmehr organisieren und trainieren sie Menschen, ihre Interessen gegenüber Personen und Institutionen durchzusetzen, die ihnen die Entscheidungskompetenz über ihr Lebensumfeld abstreitig machen wollen.


Der "Klo-Streik"

Alinsky machte als genialer Stratege mit ungewöhnlichen Schlagzeilen auf seine Aktionen aufmerksam. Ein Beispiel hierfür ist der so genannte "Klo-Streik" in Chicago. Als Alinsky in den sechziger Jahren die Schwarzen im Süden Chicagos organisierte, um öffentliche Gelder für die Sanierung der Slums einzutreiben, schalteten die verantwortlichen Personen zunächst auf stur. Das änderte sich aber schnell als die Leader damit drohten, auf dem internationalen Flughafen O´Hare einen Klostreik anzuzetteln und tagelang alle Toiletten zu besetzen. Gegen dieses Vorhaben gab es keine juristische Handhabe, so dass sich die Stadt möglicherweise noch den Vorwurf des praktizierten Rassismus eingehandelt hätte. In Daraufhin öffneten die Stadtväter den Geldhahn und ließen so mehrere Millionen in die Sanierung der Slums fließen.

Solche Kampagnen sind nicht immer erfolgreich und bedürfen stets einer genauen Strategie. Um keine Aspekte zu vergessen oder zu vernachlässigen, müssen sich alle Beteiligten über das Ziel, die Taktiken etc. einig sein. Dabei kann eine Strategiekarte helfen.

Strategiekarte

Ziele Überlegungen zur Organisation Basis

Zielscheibe
Zielperson

Taktiken
langfristig

mittelfristig

kurzfristig
Welche Ressourcen könnt ihr einbringen?

Wie baut ihr die Organisation auf?

Gibt es interne Probleme?
Wen betrifft das Problem?

Wie sind die Betroffenen organisiert?

Welche Macht haben sie?

Wer hat die Macht dir zu geben, was du willst?

Zweitrangige Zielscheiben/- Personen: Wer kann diese beeinflussen?

Medienhöhepunkte

Petitionen

Boykotte

Einfluss auf Verantwortungsträger

Aktionen gegen die Zielscheibe um das angestrebte zu erreichen

» http://www.fo-co.info/


Historische Bedeutung

Die Übertragung amerikanischer Erfahrungen auf deutsche Verhältnisse erwies sich spätestens bei der Aktivierung der "finanziellen Eigenkräfte" als problematisch, weil die gesellschaftlichen und sozialpolitischen Strukturen in Deutschland in vielen Bereichen völlig anders geartet sind als in den USA. Ende der sechziger Jahre formulierten Gemeinwesenarbeiter in Deutschland zum ersten Mal drei konzeptionelle Positionen:

  1. "Gemeinwesenarbeit als Koordination traditioneller Methoden der sozialen Arbeit und Hilfe zu Kooperation der Träger der Sozialarbeit" (Dickerhoff, 1965, S.174)
  2. "Gemeinwesenarbeit als sozialpolitische Befriedigung auf der Basis vorhandener Interessen und Bedürfnisse" (ebd.)
  3. "Gemeinwesenarbeit als aggressive Intervention mit dem Ziel der Erweiterung und Veränderung vorhandener Interessen und Bedürfnisse" (ebd.)

Community Organizing in Deutschland wird man wahrscheinlich nicht unter diesem Begriff finden, da durch unterschiedliche gesellschaftliche Strukturen im Gegensatz zu den USA, Begriffe wie Community und Organizing in Deutschland anders definiert werden. " So kann beispielsweise ein ‚Bürgerverein’ eine Gruppe von Menschen sein, die zufrieden sind mit ihrem Stadtteil und gerne Traditionspflege betreiben, es kann aber auch eine Organisation von Menschen sein, die im Sinne von Community Organizing über soziale Ungerechtigkeit wütend sind und deshalb öffentliche Beziehungen aufbauen und deshalb eine machtvolle Organisation entwickeln" (Rothschuh, M. » http://www.rothschuh.de/CO_0_Einleitung.htm).
Community Organizing ließe sich in Deutschland wahrscheinlich am besten mit aktivierender Gemeinwesenarbeit beschreiben (Walter Häcker, » http://www.buergergesellschaft.de/politische_teilhabe/modelle_methoden/beispiele/haecker2.php).
Der Hauptunterschied zwischen den Ansätzen in den USA und jenen in Deutschland kann sehr gut am Aspekt der Macht erklärt werden. CO zielt auf die Veränderung der Machtverhältnisse ab, während die Methoden, die in Deutschland praktiziert werden diese eher akzeptieren. "Organizing schafft Macht, Sozialarbeit hilft und macht abhängig"(Walter Häcker » http://www.buergergesellschaft.de/politische_teilhabe/modelle_methoden/beispiele/haecker2.php).
Die Bereitschaft zum Organisieren ist in den USA um vieles höher. In Deutschland hingegen besteht Skepsis gegenüber den Worten "Macht" und "Führer", obwohl beide Begriffe im Bezug auf Community Organizing entsprechend andere Bedeutungen haben. Das heißt aber keinesfalls, dass solch ein Konzept in Deutschland nicht umzusetzen wäre. "Nichts spricht dagegen, dass neuartige intermediäre Organisationen auf Stadtteilebene, die nicht nur Kommunikations-, sondern auch Durchsetzungsvermögen (power, Macht) entwickeln, die Demokratie und den notwendigen Ausgleich zwischen Staat, Gesellschaft und Wirtschaft fördern. Ob CO in Deutschland funktioniert, kann letztlich nur durch den Versuch, solche Organisationen aufzubauen, entschieden werden" (Walter Häcker » http://www.buergergesellschaft.de/politische_teilhabe/modelle_methoden/beispiele/haecker2.php).
Eine Bürgerorganisation im CO ist nicht wie eine Bürgerinitiative um ein einziges Problem herum gebildet, sondern baut auf Beziehungen. Der Erfolg hängt daher vor allem von der andauernden Pflege dieser ab, nie aber vom Vorhandensein einer bestimmten Problematik. Dieses Prinzip hat hier in Deutschland genauso seine Gültigkeit wie in den USA - aber: In Deutschland sind die Vergaberichtlinien der meisten Stiftungen so eng gefasst, dass eine Förderung für ein Projekt nach der Art von CO nicht in Frage kommt; ebenso sind die Kirchen es nicht gewohnt, eigene Geldmittel aufzubringen. "Fund-raising" ist hierzulande noch nicht so ausgeprägt wie in den USA, sondern viele Gruppen und Initiativen werden ausschließlich mit Steuergeldern gefördert - eine finanzielle Eigenständigkeit der Arbeit ist daher schwer zu erreichen.
Ein Verein der sich damit beschäftigt Community Organizing in Deutschland zu etablieren ist: "Das Forum für Community Organizing". Ziel von "FOCO" ist es, den Handlungsansatz von CO in der bundesdeutschen demokratischen Praxis und in der Aus- und Fortbildung zu unterstützen. Das Forum von Community Organizing wurde 1993 als bundesweiter Zusammenschluss von in Gemeinwesenarbeit und Bürgerbewegungen engagierten Personen gegründet. "FOCO" ist ein eingetragener Verein und somit gemeinnützig. Einer der Protagonisten ist » Prof. Dr. Lothar Stock.


Fragen:

  • Welchen Stellenwert nehmen Professionelle im Community Organizing ein und wie verhalten sie sich zu anderen Mitgliedern einer Community?
  • Welche Bedeutung nimmt der Begriff "Macht" im Community Organizing ein und wie kann man ihn definieren.
  • Nach welchen Grundsätzen handelt Community Organizing?
  • Wie finanziert sich Community Organizing?
  • Ziel von Gemeinwesenarbeit ist es häufig, dass die Sozialarbeit eine intermediäre Instanz einnimmt. Wie sehen die Zielvorgaben im Community Organizing aus?
  • Durch welches Hauptinstrument wird im Community Organizing versucht eine höchstmögliche Bürgerbeteiligung zu erzielen?
  • Die Unterschiede der gesellschaftlichen Strukturen zwischen Deutschland und den USA sind offensichtlich. Ist es dennoch möglich Community Organizing als Methode in Deutschland zu etablieren?
  • Gibt es Ihrer Meinung nach in Deutschland Projekte oder Einrichtungen die nach den Grundsätzen von Community Organizing agieren?