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Die Settlement-Bewegung

Geschrieben von Robert Götze am .

Persönliche Betroffenheit und der lokale Bezug zu einem Gemeinwesen verhelfen einem völlig neuen Konzept der geistigen und sozialen Emanzipation zum Durchbruch.


Die Settlement-Bewegung (von to settle = sich niederlassen, sich ansiedeln) nahm ihren Anfang im England des 19. Jahrhunderts. Dort im Ursprungsland des modernen Industrialismus traten jene Probleme erstmals zutage, die dann später unter dem Begriff „Soziale Frage“ in allen Industrieländern der westlichen Welt zu beobachten waren. Der enorme Bedarf an Fabrikarbeitskräften, die völlige Umstrukturierung der Wirtschaft sowie die zunehmende Verstädterung sorgten für eine tiefgreifende Spaltung der Gesellschaft entlang der Klassengrenzen. Die mit dem Schlagwort des » „entfesselten Manchesterkapitalismus“ verbundenen Verelendungsprozesse innerhalb der Arbeiterschaft alarmierten auf der anderen Seite sozial sensible Wissenschaftler wie zum Beispiel John F.D. Maurice, Thomas Carlyle und John Ruskin. So trat Maurice für ein Ordnungsprinzip „nach dem Grundsatz der Nächstenliebe...unter Brechung des Konkurrenzprinzips und Verzicht auf das freie Spiel der Kräfte“ ein (Gerth, 1975, S. 11). Ruskin – Professor in Oxford und Anhänger des „Sozialen Idealismus“ – beklagte die Gefühllosigkeit der oberen Stände und forderte weiterhin das Elend der Arbeiter nicht weiter zu ignorieren, sondern sich stattdessen in ihren Dienst zu stellen. Aus diesen zumeist theoretischen Ansätzen entwickelten sich schon bald studentische Initiativen, die wiederum in der Einrichtung und Unterhaltung von Missionen (missionarische Hilfszentren) mündeten. Gleichzeitig boten die bekanntesten englischen Universitäten Oxford und Cambridge ihr bis dahin gehütetes Wissen dem ganzen Volk dar, indem sie 1867 erstmals öffentliche Vorlesungen außerhalb des Universitätsgeländes veranstalteten. Die sich daraus formierende Bewegung wird als „University Extension Movement“ bezeichnet. Im Zuge dieser Entwicklungen versucht Arnold Toynbee (1852-1883) – Anhänger Ruskins und Carlyls – indem er seine Ferien im Londoner Armenviertel Whitechapel inmitten der Ärmsten verbrachte, seine Vorstellungen einer gerechteren Welt in die Praxis umzusetzen. Obwohl er mit „emphatischen Idealismus viele Freunde und Studenten“ mitzog, gelang es ihm nicht, seinem Experiment eine institutionalisierte Form zu geben (Wendt, 1995, S. 153). In Whitechapel begegnete er auch Samuel Barnett und seiner Frau Henrietta, die später in Erinnerung an den jungverstorbenen Nationalökonomen und Historiker das erste Settlement „Toynbee Hall“ nennen. Mit der Gründung der Toynbee Hall beginnt die Settlement-Bewegung.
„Ein Settlement ist eine Niederlassung Gebildeter in einer armen Nachbarschaft, die den doppelten Zweck verfolgen, die dortigen Lebensverhältnisse aus eigener Anschauung kennen zu lernen und zu helfen, wo Hilfe Not tut“ (Picht, 1913, S. 1). Diese Doppelfunktion resultierte aus der Annahme, dass sich zuerst die Einstellungen der Mittelschicht ändern müssen, bevor den Bedürftigen wirklich geholfen werden könne. Indem sich die Settler zu Nachbarn der Armen machten und ihnen Sympathie, Freundschaft und Bildung anboten bzw. diese über persönliche Beziehung arrangierten, versuchten sie die bestehenden Klassengegensätze zu überbrücken sowie zur „sozialen und geistigen Emanzipation“ der Bewohner beizutragen (Oelschlägel in Sozial Extra, 11/91 S. 14). Viele der bedeutenden Vertreter der Settlement-Bewegung sprechen diesbezüglich gar von einer „sozialen Kluft“ (Walther Classen) oder von zwei „getrennten Nationen“ (Disraeli) in einem Land. Als Mittel zur Umsetzung der Ziele betreiben die Akteure Kinder- und Jugendarbeit, Rechtsberatung, organisieren Erwachsenenbildung und bringen Kultur in die betreffenden Stadtteile. Kurz: Man wollte den Bewohnern Wege zur Selbsthilfe aufzeigen. Mit gezielter Forschungsarbeit legten sie den Grundstein für eine ursächliche Betrachtung und Beschreibung der Problemlagen ihrer Nachbarn. An diese Forschungsarbeit war in den meisten Fällen ein ausgeprägtes sozial- und/oder kommunalpolitisches Engagement gekoppelt, denn auch schon damals war die Einsicht weit verbreitet: Wer die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Bevölkerung langfristig verändern will, muss die Sozialpolitik in seinem Sinne beeinflussen.
Die meisten Settlements gewannen ihre Mitarbeiter aus den Reihen der Studenten. Zum Einen stellten die Studenten, die in diesem Kontext als Residents (resident = ansässig sein) bezeichnet werden, die zukünftigen Entscheidungs- und Verantwortungsträger dar, zum Anderen waren sie selbst Teil der Mittel- bzw. Oberklasse. Ihr Einfluss in diesen Kreisen war daher von unschätzbarem Wert für die Belange der Arbeiter und Armen, sowie für die soziale Arbeit im Stadtteil.
Der Settlement-Gedanke breitete sich rasch von London nach Nordamerika aus. Als 1911 die „National Federation of Settlements and Neighbourhood Centres“ in den USA gegründet wurde, existierten schon offiziell über 400 Niederlassungen nur allein in den USA. In England waren es immerhin 46 Häuser (Eberhart, 1995, S. 66). 1926 gründete sich in Amsterdam die weltweite Vertretung aller Settlements und Nachbarschaftshäuser. Die „International Federation of Settlements and Neighbourhood Centres“ versteht sich seitdem als weltweite Interessenvertretung und Lobbyist im Sinne des Settlement-Gedankens. Der Verband fördert zudem die praktische Zusammenarbeit von Gemeinwesenorganisationen ( » http://www.ifsnetwork.org/).


Fragen zur Settlement-Bewegung

  • Die Settlement-Bewegung stellte erstmals einen Zusammenhang, zwischen sozialpolitischer und bildungspolitischer Unterprivilegierung her. Stellen Sie die Denktradition aus der dieser Ansatz herrührt näher dar.
  • Erläutern Sie wie sich die Vertreter der Settlement-Bewegung eine Verbesserung der Lage der Amen und Arbeiter vorstellten. Inwiefern kollidierten ihre Forderungen dahingehend mit den bestehenden gesellschaftlichen Konventionen.
  • Was versprachen sich die Settler von dem gegenseitigen Lernprozess zwischen Armen und Bürgern?
  • Welche Unterschiede gab es zwischen den hier vorgestellten englischen, amerikanischen und deutschen Settlements, in Hinsicht auf den Umgang mit der Abeiterbewegung?
  • In welcher Weise sind die Gründungsprinzipien der Settlement-Bewegung heute noch relevant? Gibt es Zusammenhänge zur Gemeinwesenarbeit? Begründen sie ihre Antwort.