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Wo ist Becker jr. ? Ein Stadtteilspiel als interaktives Computerspiel

Geschrieben von Gabriele Kamp am .

Kontakt:

Nachbarschaftsheim Wuppertal, Platz der Republik 9-10, 42107 Wuppertal, Tel.: 0202/24519-0, Fax: 0202/2451919


Der Stadtteil Wuppertal-Ostersbaum

Der Ostersbaum ist ein innenstadtnahes Wohnquartier, das durch eine dichte gründerzeitliche Bebauung geprägt wird. Es handelt sich um ein klassisches Arbeiterwohngebiet, das wenige attraktive Freiräume bietet. Der Anteil an sogenannten sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen (Menschen, die Arbeitslosen-, Wohngeld oder Sozialhilfe beziehen) ist im Vergleich zur Stadt Wuppertal ebenso wie der Anteil der MigrantInnen überdurchschnittlich hoch. Mit etwa 20% liegt auch der Anteil der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren an den BewohnerInnen über dem städtischen Durchschnitt.
Aufgrund sozialer, städtebaulicher und ökonomischer Probleme wurde der Stadtteil Ostersbaum 1998 in das Landesförderprogramm "Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf" aufgenommen. Eines der vielen wichtigen Ziele des Stadtteilprojekts ist die intensive Beteiligung der BewohnerInnen an der Gestaltung des Stadtteils und dessen Erneuerungsprozesses. So soll auch Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit eröffnet werden, ihre Ideen und Zukunftsvorstellungen von einem Leben im Stadtteil zu entwickeln und zu äußern. Hierdurch soll die Identifikation der Kinder mit ihrem Lebensraum gefördert werden. Dies wird auf verschiedenste Art umgesetzt.

Das Stadtteilspiel

Projektidee

Um den Kindern ihr Wohnumfeld näher zu bringen, sie zu motivieren, sich mit ihrem direkten Lebensraum auseinanderzusetzen, haben MitarbeiterInnen des Stadtteilbüros in Kooperation mit Lehrern schon mehrere AGs in der Gesamtschule Else-Lasker-Schüler durchgeführt.
Der Aktionsradius insbesondere von Kindern und Jugendlichen im Stadtteil ist sehr begrenzt, so dass sie selbst die wenigen öffentlichen Grünflächen oder interessante und schöne Gebäude ( z.B. erste Moschee in Wuppertal mit Minarett, jüdischer Friedhof, stillgelegter Eisenbahntunnel) oft nicht kennen. Mit der Grundidee, dass Kinder spielerisch den Stadtteil erforschen, wurde die AG begonnen. Es sollte ein Spiel von Jugendlichen für Kinder und Jugendliche werden.

Projektverlauf

Die Leitung der AG hat die im Stadtteil lebende Künstlerin Diemut Schilling übernommen.
6 Schülerinnen und ein Schüler der Jahrgangsstufen 7 und 8 (13-14 Jahre) hatten sich zur AG angemeldet. Im Verlauf des Schuljahres (September 2000 bis Januar 2001) hat sich eine Gruppe von 5 Mädchen als Kerngruppe gebildet. In den ersten Sitzungen hat sich herauskristallisiert, dass Stadtteilspiele im herkömmlichen Sinn, wie Brettspiele oder Kartenspiele mit Fragen und Fotos über den Stadtteil, völlig langweilig für die Jugendlichen waren. Wahres Interesse konnte nur mit Computerspielen geweckt werden. 
Da Diemut Schilling bereits Erfahrungen mit Videokunst-Projekten hatte, konnte die Idee eines Stadtteilspiels als interaktives Computerspiel entwickelt werden. Die SchülerInnen haben sich zunächst eine Geschichte überlegt. Anschließend haben sie mit einer Digitalkamera ausgerüstet den Stadtteil erforscht. Durch aktives Ausprobieren haben sie das Medium Film kennengelernt und dabei Orte und Gebäude gefunden, die sie vorher nie wahrgenommen hatten. Eine Moschee und einen jüdischen Friedhof hätten sie allein nie besucht. Spannung erzeugte aber auch die Erforschung des alten Hochbunkers und eines stillgelegten Eisenbahntunnels.
Am Ende des Schuljahres war die Geschichte perfekt und genügend Filmmaterial vorhanden. Aus diesem Material hat Diemut Schilling das Spiel programmiert.

Das Spiel

Wussten Sie, dass es im Stadtteil an Löwen nur so wimmelt? Waren Sie schon einmal in der Moschee? Wissen Sie, wie lang und dunkel der stillgelegte Engelnbergtunnel ist ? Die meisten Menschen nutzen nur Straßen im Viertel, die ihnen nützlich sind bei Einkauf, zur Arbeit oder um Freunde zu besuchen.
Das Stadtteilspiel ist ein unterhaltsamer sowie spannender und sogar lehrreicher Streifzug durch den "ungesehenen" Teil des Ostersbaums. Besuchen Sie auf diese Weise einmal den jüdischen Friedhof oder stöbern Sie in ein paar Büchern der Else-Lasker-Schüler Bibliothek. – Sie werden sich wundern, was sich alles in Ihrer Nähe befindet, ohne dass Sie es auch nur erahnten.
Die Suche nach Herrn Becker beginnt im Bunker am Platz der Republik. Der Schriftzug "Becker jr." an einer Tür im Bunker deutet darauf hin, dass eine Familie Becker nach dem 2. Weltkrieg für eine Zeit im Bunker leben musste. Ziel des Spiels ist es, Herrn Becker im Viertel zu suchen, herauszubekommen ob er noch hier lebt, ihn nach der Zeit im Bunker zu befragen. Auf der Suche müssen viele Hürden genommen und viele Orte aufgesucht werden.
In der interaktiven "Verlinkung" von 131 Schauplätzen kommen die SpielerInnen kreuz und quer durch den Stadtteil, sprechen mit Menschen und bekommen stadtteilgeschichtliche Informationen.

Das Ergebnis

Das Produkt dieses Projekts ist eine CD-ROM, mit der viele Menschen den Stadtteil Ostersbaum spielerisch erkunden können. Im Januar 2002 wurde das Spiel in der Gesamtschule mit großer Resonanz öffentlich vorgestellt. Seitdem wird es mit Begeisterung in vielen Einrichtungen von Kindern und Jugendlichen gespielt. Die Schule möchte das Spiel nutzen, um neuen Schülern den Stadtteil vorzustellen. Es wurde auch schon ein kleiner Quiz dazu entwickelt. Aber nicht nur Kinder sondern auch viele Erwachsene haben das Spiel schon mit Begeisterung gespielt.
Was hat das Projekt für die Mädchen bedeutet?
Sie haben sich ein Schulhalbjahr regelmäßig getroffen und sich mit viel Phantasie ein Spiel und dessen inhaltliche Geschichte überlegt. Mit der Unterstützung der Künstlerin Diemut Schilling haben sie gelernt, mit einer digitalen Videokamera zu filmen, was für alle neu war. Eine herangezoomte Hausfassade offenbart plötzlich wunderschöne Details, wie Löwenköpfe und Blumenmuster, an denen man sonst achtlos vorübergeht. Die Mädchen haben viele nicht alltägliche Erlebnisse gehabt. Wer besucht schon eine Moschee, wenn er nicht Muslim ist, außer vielleicht im Urlaub in Istanbul. Aber in der eigenen Nachbarschaft ? Oder wer hat die Möglichkeit, in einen alten Hochbunker hineinzugehen? Stockdunkle Gänge und Räume, kein Fenster, kein Tageslicht – man muss schon seinen ganzen Mut zusammen nehmen. Tapezierte Wände – eigentlich ist es nicht vorstellbar, dass hier nach dem 2. Weltkrieg viele Familien wohnen mussten. Aber wenn "Herr Becker", der im Spiel von einem alteingesessenen Stadtteilbewohner gespielt wird, aus seiner Jugendzeit berichtet, wird einiges klarer. Vor allen Dingen aber hatten die Mädchen viel Spaß und halten nun voller Stolz das Produkt in der Hand.

Die Meinung der Mädchen

Bianca Bock, 14 Jahre: 

Jeden Montag zwei Stunden bei Wind und Wetter zusammen im Stadtteil unterwegs sein, das war cool. Fremde Leute anquatschen, hier und da klingeln und sehen, wer aufmacht ... alles eben mal richtig kennenlernen. So ´ne Sachen konnten wir ja nur machen wegen dem Filmen, sonst macht das keinen Sinn. Ich hatte viele Orte, wo wir waren, vorher nie gesehen, obwohl ich hier im Stadtteil lebe, und auch viele Leute hier, die wir befragt haben, kannten weder den Tunnel, noch die Moschee oder den jüdischen Friedhof. Das ganze war sehr aufregend, ein bisschen wie ein Abenteuer. Und es ist super, dass hinterher so ein richtiges Computerspiel dabei rauskommen kann.

Andela Begic, 14 Jahre:

So mit einer Kamera ´rumzulaufen und aufzunehmen, das hat Spaß gemacht! Auch wenn ich am Anfang ziemlich schnell gemerkt habe, dass das ganz schön schwer ist ... Wir haben so viele unterschiedliche Sachen ausprobiert, haben Graffities gesprüht oder mit Kreide an die Wand gemalt, sind mit Taschenlampen und Kerzen irgendwo ´rein, oder über ganz hohe Mauern geklettert, mussten uns vor der Moschee die Schuhe ausziehen ... Die Zeit mit den anderen so zu verbringen, das war mal was ganz anderes. Schade, dass das Projekt so schnell vorbeiging.

Kooperationspartner

Das Projekt wurde im Rahmen des Stadtteilprojekts Ostersbaum gemeinsam vom Stadtteilbüro des Nachbarschaftsheims, von der Else-Lasker-Schüler Gesamtschule und natürlich der Künstlerin Diemut Schilling durchgeführt.
Im Stadtteilprojekt spielt das Stadtteilbüro die Rolle des Motors vor Ort. Es ist Anlaufstelle für BewohnerInnen, nimmt Ideen auf, schiebt Projekte an und koordiniert diese. Es ist ein Fachbereich des Nachbarschaftsheim Wuppertal e.V.. Der Verein betreibt seit über 50 Jahren Gemeinwesenarbeit und wird von vielen BewohnerInnen, von Kleinkindern im Kindergarten bis zu Senioren in der Altentagesstätte, besucht.
Die Else-Lasker-Schüler Gesamtschule ist mit ca. 1200 SchülerInnen, von denen 1/3 auch im Stadtteil lebt, die einzige weiterführende Schule im Stadtteil. Es existiert eine intensive Zusammenarbeit zwischen den beiden Trägern. Z.B. Der Schulhof wird geöffnet, damit Kinder aus der Nachbarschaft den Hof außerhalb der Schulzeit als Spielraum nutzen können. SchülerInnen wirken mit an einer Studie, welche Freizeitangebote Jugendliche im Stadtteil benötigen. Usw. usw. die Liste könnte um viele Projekte erweitert werden.
Die Künstlerin Diemut Schilling lebt seit vielen Jahren im Stadtteil. Sie hat bereits gemeinsam mit dem Stadtteilbüro mehrere bewohnerorientierte und öffentlichkeitswirksame Events im Stadtteil veranstaltet und unterrichtet im Rahmen des mus-e Projekts der Yehudi-Menuhin Stiftung an zwei Grundschulen im Stadtteil.

Folgeprojekte

Das Stadtteilspiel hat bereits als Grundlage für zwei weitere Projekte gedient:

  • Von September 2001 bis Januar 2002 hat das Stadtteilbüro eine AG mit 15 SchülerInnen der Jahrgangsstufen 5 und 6 (10-12 Jährige) durchgeführt. Als Detektive haben sie all die Orte aus dem Spiel in Realität aufgesucht. Überall fanden sie neue Hinweise auf Mr. XXX und auf neue Orte im Stadtteil, an denen er sich aufhalten könnte. Genauso wie im Spiel haben die SchülerInnen die kulturelle Vielfalt des Stadtteils kennengelernt und viele spannende und lustige Aktionen erlebt. Die SchülerInnen waren erstaunt, was sie bisher im Stadtteils alles nicht gesehen haben.
  • Im Herbst/Winter 2001 haben zwei Gruppen von Jugendlichen an einem Lomographie-Projekt teilgenommen. (8 Jugendliche aus dem Qualifizierungsbüro Ostersbaum der Stadt Wuppertal, und 10 Kinder und Jugendliche aus der Offenen Tür des Nachbarschaftsheims). Unter der Leitung der Künstlerin Diemut Schilling haben sie ebenfalls basierend auf dem Computerspiel interessante Orte im Stadtteil ausgewählt, an denen sie mit Lomographie-Kameras fotografiert haben. Hierbei stand die künstlerisch kreative Auseinandersetzung mit dem Stadtteil im Vordergrund. Entstanden sind dabei 1,0 x 0,7 m große Lomographien, jede einzelne ein Kunstwerk.