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Qantara

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Ausbildung von Flüchtlingen zu Mediatorinnen und Mediatoren im Jugendhilfe- und Schulbereich


Kontakt:

Ursula Müller Alarcón (Dipl-Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin), Caritasverband für den Landkreis Peine e.V., Am Amthof 3, 31224 Peine, Telefon: 05171/700332, Fax: 05171/700344, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


Zu Anfang ein kleiner Exkurs über die Rahmenbedingungen für Migrantinnen und Migranten im Landkreis Peine. Der Landkreis hat 170 000 Einwohner, die Stadt Peine ca. 50 000, der Anteil der Bevölkerung ohne deutschen Pass liegt bei 7%, vorwiegend türkischer Nationalität. Dies sind größtenteils ausländische Arbeitnehmer, die in den 60er und 70er Jahren durch die Stahlwerke Peine-Salzgitter – heute Peiner Träger AG – und andere Firmen angeworben wurden. Der größte Teil der Zuwanderer, darunter viele Flüchtlinge, wohnt in der Südstadt, einem ehemaligen Arbeiterbezirk, in dem viele Menschen leben, die von Arbeitslosigkeit betroffen oder auf den Bezug von Sozialhilfe angewiesen sind. Seit 2003 ist der Bereich der Peiner Südstadt in das Förderprogramm Soziale Stadt aufgenommen worden.
Der Migrationsdienst des Caritasverbandes ist in Peine die einzige Beratungsstelle für Zuwanderer, also für Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten, Flüchtlinge, Aussiedlerinnen und Aussiedler sowie Menschen in binationalen Familien oder Partnerschaften. Im Migrationsdienst arbeitet zur Zeit ein Team von acht Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern. Die Dienste umfassen Beratung, Integrationsangebote wie Sprachkurse und Bildungsmaßnahmen, Jugendsozialarbeit, Projekte in und mit Institutionen. In der Peiner Südstadt ist eine externe Beratungs- und Anlaufstelle eingerichtet worden, in der zwei Kollegen aus dem PRINT-Projekt tätig sind. PRINT ist das niedersächsische Projekt– Prävention und Integration an schulischen Standorten mit dem Grundbaustein und dem Schwerpunktbaustein "Übergang Schule-Beruf".
Seit 1991 führt der Caritasverband Peine Bildungsmaßnahmen für Migrantinnen und Migranten durch, wie Sprach- und Orientierungskurse, Alphabetisierung und spezielle Kurse für Frauen. Das reicht von 1.-Hilfe-Kursen über EDV-Kurse bis hin zu Berufsfindungsmaßnahmen. Es gibt Deutschförderung und Hausaufgabenhilfe für Schülerinnen und Schüler sowie Juni 2003 das Projekt "Deutschförderung im Kindergarten". Die Unterricht für türkische Frauen findet u.a. auch in der Südstadt in den Räumen der türkischen Moschee in Zusammenarbeit mit dem türkisch-islamischen Kulturverein statt. Kinder werden während des Unterrichts durch Erzieherinnen betreut.
618 Zuwanderinnen und Zuwanderer haben im Jahr 2002 an den Kursen und Integrationsangeboten teilgenommen, davon 236 Frauen, 86 Männer und 294 Kinder und Jugendliche.


Qantara

Qantara stammt aus dem Arabischen und bedeutet übersetzt Brückenbogen. Der Name beschreibt gut das Bild für das Ziel unseres Projektes – die Ausbildung von Flüchtlingen zu Mediatorinnen und Mediatoren oder interkulturellen Beraterinnen und Beratern als Brücke oder Bindeglied zwischen der zuwandernden und der aufnehmenden Gesellschaft.
Im Jahr 2000 konnten wir das erste Projekt durchführen. Es war eins von sechs bundesdeutschen Pilotprojekten der Europäischen Union unter dem Titel "Ressourcenaktivierung zur Förderung der gesellschaftlichen Partizipation". Das Gesamtprojekt wurde wissenschaftlich begleitet und evaluiert vom "Institut für Angewandte Forschung, Entwicklung und Weiterbildung (IAF)" der Katholischen Fachhochschule Freiburg und dem deutschen Caritasverband, Referat Migration und Integration.

Projektbeschreibung

Das erste Projekt startete im März 2000 mit 8 Frauen und 4 Männern im Alter zwischen 26 und 42 Jahren, Flüchtlinge mit Asylberechtigung oder Bleiberecht. Der größte Teil von ihnen lebte bereits viele Jahre in diesem Land und verfügte über gute bis ausreichende Sprachkenntnisse. Fast alle hatten in ihrer Heimat eine Berufsausbildung abgeschlossen und in verschiedenen Berufen gearbeitet. Nach einem Monat schieden 2 Teilnehmerinnen und 2 Teilnehmer aus, 8 blieben bis zum Ende der Maßnahme im Dezember 2000 im Projekt.
Das zweite Qantara-Projekt , unterstützt durch den Europäischen Flüchtlingsfonds, richtet sich an Flüchtlinge, die sich noch im Aufnahmeverfahren befinden und über deren Asylantrag noch nicht abschließend entschieden wurde. Das kann bedeuten, dass Teilnehmerinnen oder Teilnehmer nach negativem Ausgang ihres Verfahrens während der Maßnahme Deutschland verlassen müssen oder abgeschoben werden.
Qantara II werden wir im Dezember 2003 beenden. Von den 16 Frauen und Männern, die im Juni 2002 begonnen hatten, befinden sich jetzt noch 10 in der Maßnahme. Drei Personen waren, u.a. auch wegen psychischer Belastungen nicht den Anforderungen des Projektes gewachsen, ein Teilnehmer hat Deutschland verlassen, zwei haben einen Arbeitsplatz gefunden.
Die beruflichen Qualifikationen reichen von Hochschuldozentin für Chemie über Informatiker, Studenten bis Hausfrau, zwei Lehrer gehören ebenfalls zur Gruppe. Aufgrund des kurzen Aufenthaltes in Deutschland waren nur geringe Deutschkenntnisse vorhanden.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen aus der Türkei, dem Libanon, Syrien, China, Algerien, Kamerun, Angola, Togo, Tschetschenien, dem Iran und Bosnien.
Als Motivation für die Teilnahme an dem Projekt wurde u.a. genannt: Aufbrechen der Isolation, Interesse an intellektueller Herausforderung, Chancen für eigene Weiterbildung, Möglichkeiten der Partizipation in dieser Gesellschaft, Erweiterung der sprachlichen und sozialen Fähigkeiten.
Finanziert werden die Maßnahmen zu 50% über den Europäischen Flüchtlings-fonds und zu 50% aus Eigenmitteln, Spenden etc.

Hintergrund und Problemlagen

Welches war unsere Motivation für dieses Projekt, der Ausbildung von Mediatorinnen und Mediatoren im Jugendhilfe- und Schulbereich?
Die intensive Zusammenarbeit mit Schulen und Kindertagesstätten im Landkreis Peine mit einem hohem Anteil ausländischer Kinder sowie dem örtlichen Jugendamt führte zu der Beobachtung, dass es große Probleme bei der sprachlichen und kulturellen Verständigung gibt. Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher haben oftmals aufgrund fehlender interkultureller Kompetenzen Schwierigkeiten, ausländische Eltern zu erreichen oder können ihnen nicht deutlich machen, welche Erwartungen und Anforderungen diese Institutionen bzw. die Gesellschaft an sie stellt. Ausländische Eltern wiederum haben kaum oder keinen Zugang zu Informationen und können ihre Kinder nicht adäquat unterstützen. Probleme im familiären oder schulischen Bereich können wegen sprachlicher oder kultureller Verständigungsschwierigkeiten nicht bearbeitet werden.
Kinder aus Migrantenfamilien leben häufig in verschiedenen Kulturen, mit unterschiedlichen Deutungs- und Bewertungsmustern. Wenn es zwischen den Akteuren keine Kommunikation gibt, besteht die Gefahr, dass Konflikte zu Lasten der Kinder ausgetragen werden. Deutschen Pädagogen fehlt oft das Wissen über kulturelle, soziale und religiöse Werte und Normen der Zuwanderergesellschaften, die das Handeln von Menschen bestimmen. Erziehungsziele und Erziehungsstile differieren. So wird z. B. in der deutschen Gesellschaft die Erziehung zu Autonomie, Selbständigkeit, Unabhängigkeit und Emanzipation gefördert, andere Gesellschaften sehen die Einbindung in das familiäre Wertesystem als wichtigste Erziehungsaufgabe. Ob eine Gesellschaft individualistisch oder kollektivistisch organisiert ist, beeinflusst die Lösungsstrategien bei der Regelung in Konfliktsituationen.
Mangels qualifizierter Dolmetscher werden oftmals Kinder aus Zuwandererfamilien als Übersetzer eingesetzt. Diese sind jedoch aufgrund ihres Alters und angesichts der komplexen Problematik mit diesen Aufgaben überfordert und geraten häufig in Interessenkonflikte.

Ziele und Wirkungsweise

Die gezielte Beteiligung und Einbeziehung von geschulten Mediatorinnen und Mediatoren im Jugendhilfe- und Schulbereich eröffnet die Möglichkeit, vorstehend beschriebene Defizite und Problemlagen reduzieren zu können. Aufgrund persönlicher Kompetenzen und eigenen Migrationserfahrungen sowie einer spezifischen Ausbildung wie zum Beispiel im Projekt Qantara können Zuwanderer in die Lage versetzt werden, als Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner zwischen zugewanderten Familien und Schule / Kindertagesstätten und Jugendamt in Konfliktfällen zu vermitteln, zu unterstützen und eigenverantwortlich mit den entsprechenden Einrichtungen zusammen zu arbeiten.
In den verschiedenen Zuwanderergruppen können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projektes als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren und qualifizierte Schlüsselpersonen Informationen und eigene Erfahrungen einbringen und als kompetente Ansprechpartner ihre Landsleuten beraten und unterstützen. Damit kann ein Dialog beginnen, der eine Integration und die damit verbundenen Veränderungen in der Gesellschaft gleichberechtigt und demokratisch ermöglicht.

Methoden und Verlauf

Die Durchführung des Projektes setzt sich aus drei Modulen zusammen:

  • Sprachkurs
  • Strukturkompetenz
  • Soziale Kompetenz

Im Projekt Qantara arbeiten eine Diplom-Pädagogin mit einer Zusatzausbildung als Mediatorin, die den Bereich des Fachunterrichts abdeckt, eine Lehrerin für Deutsch für den Sprachunterricht sowie eine Diplom-Übersetzerin auf Honorarbasis, die mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Grundlagen des Übersetzens erarbeitet. Bis auf drei Personen haben alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Maßnahme das Europäische Sprachenzertifikat Deutsch erworben.
Zur Erweiterung der Strukturkompetenz werden im Fachunterricht wesentliche Grundlagen in Bezug auf Kultur, Staatsaufbau, Kommunen und Schulen einschließlich Inhalte, Verantwortung und Zuständigkeiten sowie eine Einführung in fachspezifische Elemente des Jugendhilfe- und Schulrechts vermittelt. Informationen über Methoden und Handlungsansätze in der Jugendarbeit, der sozialpädagogischen Arbeit mit Familien und in Schulen sollen auf den Einsatz in Praktika in sozialen Einrichtungen, Schulen, Kindertagesstätten und dem Jugendamt vorbereiten.
Außerdem werden zu unterschiedlichen Themen Referenten und Referentinnen eingeladen, Fachleute aus dem Jugendamt (Bezirkssozialarbeit, sozialpädagogische Familienhilfe, Jugendgerichtshilfe), der Polizei aus dem Bereich Jugendschutz, dem Kinderschutzbund, Heckenrose - einem Verein gegen sexuellen Missbrauch, dem Familiengericht, der Erziehungsberatungsstelle, der allgemeinen Lebens- und Sozialberatung und sozialen Trainingskursen, die ihre Arbeit darstellen, Einblicke in vorhandene Strukturen geben und, wie wir erlebt haben, gern zu Diskussionen zur Verfügung stehen.
Exkursionen in die Landeshauptstadt Hannover, Besuch des Museums mit der Sonderausstellung über Zuwanderung nach Niedersachsen, eines ökologisch geführten Bauernhofes sowie den Peiner Stahlwerken sollen die Flüchtlinge mit den gesellschaftlichen Realitäten ihrer neuen Heimat vertraut machen. Auch hier können sich künftige Einsatzmöglichkeiten ergeben, nämlich in der inter-kulturellen Beratung von Unternehmen mit ausländischen Arbeitskräften.

Besuch bei den Stahlwerken Peiner Träger AG

Die Verstärkung der sozialen Kompetenz durch die intensive Auseinandersetzung mit der Definition der eigenen Rolle als Mediator oder Mediatorin sowie die Einführung in die Methodik von Mediationsprozessen und Kommunikationstechniken nimmt einen breiten Raum im Projekt ein.
In den Praktika von jeweils zwei Wochen in Kindertagesstätten, Schulen, im Jugendamt und weiteren sozialen Einrichtungen haben die Teilnehmer und Teilnehmerinnen die Möglichkeit, die Funktion, das Innenleben von Institutionen und die in ihr handelnden Personen kennen zu lernen und Handlungsabläufe begleiten zu können. In diesem Bereich gab es die deutlichsten Reaktionen sowohl bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern als auch in den Institutionen, z.B. Veränderungen von (Vor)urteilen, Sichtweisen, Wertschätzungen. Bei vielen Migrantinnen und Migranten ist z.B. steht Jugendamt als staatliche Stelle in dem Ruf, den ausländischen Familien die Kinder wegzunehmen. Hilfen und Unterstützung durch die Dienste sind weitgehend unbekannt.
Seitens Projektleitung des Caritasverbandes erfolgt eine intensive Betreuung durch Begleitung und Supervision der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und der Lehrkräfte im Projekt, ebenso der Kontakt zu den jeweiligen Referentinnen und Referenten, den Behörden und den Praxisstellen. Um auch Müttern und Vätern eine Teilnahme zu ermöglichen, ist die Betreuung der Kinder durch eine Erzieherin eine wichtige Voraussetzung für die Durchführung des Projektes.

Resümee

Aufgrund der verschiedenen personellen Zusammensetzung in den zwei Projekten haben wir unterschiedliche Erfahrungen machen können. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen in Qantara I hatten neben des Verbesserung ihrer Deutschkenntnissen eine Perspektive für ihren Verbleib in Deutschland entwickeln können. Sie waren sehr interessiert, hoch motiviert und bildeten in relativ kurzer Zeit eine soziale Gruppe, die sich gegenseitig unterstützte und auch heute noch Kontakt untereinander hat.
In Qantara II war immer die Angst allgegenwärtig, im laufenden Asylverfahren zu scheitern und dann Deutschland verlassen zu müssen oder abgeschoben zu werden. Dazu kamen die Beschränkungen durch die Unterbringung in Wohnheimen, Sozialhilfe in Form von Gutscheinen, keine Arbeitserlaubnis sowie häufige Termine bei Ämtern und Rechtsanwälten. Obwohl wir von Anfang an erklärt hatten, dass die Teilnahme im Projekt keinen Einfluss auf das Asylverfahren oder den Aufenthalt in Deutschland haben kann, so waren doch Hoffnungen entstanden, die wir aber nicht erfüllen können.
Deutlich wird der Unterschied zwischen beiden Projekten in der Dauer. Hatten wir für die Durchführung der ersten Maßnahme 8 Monate benötigt, so brauchten wir für Qantara II 18 Monate.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das Projekt Qantara, die Ausbildung von Mediatorinnen und Mediatoren sowie interkulturellen Beraterinnen und Beratern an der Schnittstelle Jugendhilfe und Schule/ Kindergärten einerseits und ausländischen Familien anderseits, Flüchtlingen die Möglichkeit bietet, ihre persönlichen Kompetenzen unter Beweis zu stellen und durch ihren Einsatz aktiv die Integration anderer Migrantinnen und Migranten zu fördern. Den beteiligten Institutionen bietet das Projekt Erweiterung der interkulturellen Kompetenzen und eröffnet Möglichkeiten, in Kooperation mit interkulturellen Beraterinnen und Beratern, mit Mediatorinnen und Mediatoren bei der Zusammenarbeit mit ausländischen Familien adäquater deren kulturelle Hintergründe zu berücksichtigen und damit auch besser beraten und unterstützen zu können. Durch die Einführung einer Person als Mediatorin oder Mediator aus dem gleichen Kulturkreis kann das Vertrauen der zugewanderten Familien gewonnen und die Chancen zur Zusammenarbeit verbessert werden.
Die Ausbildung zugewanderter Menschen zu Mediatorinnen und Mediatoren eröffnet Migrantinnen und Migranten Perspektiven der Partizipation, der gestaltenden Teilnahme, weil sie aktiv an gesellschaftlichen Prozessen teilhaben, Einfluss nehmen und gleichzeitig ein Teil des Systems werden. Die Förderung der Integration und der Partizipation von Flüchtlingen in der deutschen Gesellschaft durch die Aktivierung des Selbsthilfepotentials soll durch den zentralen ressourcenorientierten Ansatz einerseits Flüchtlingen die Möglichkeit geben, am eigenen Integrationsprozess gestaltend mitzuwirken, auf Seiten der Aufnahmegesellschaft ermöglicht er Kompetenzerweiterung und Qualifizierung für einen Strukturwandel.
Indem die Zuwanderinnen und Zuwanderer Einfluss nehmen auf Gestaltungsprozesse und Gestaltungsinhalte der Integration, wird der emanzipatorische Ansatz des Projektes deutlich. Durch Multiplikatoren in den jeweiligen Zuwanderergruppen können notwendige Veränderungen in den gesellschaftlichen Beziehungen bearbeitet und ein interkultureller Dialog eröffnet werden.

Ausblick

Trotz der beschriebenen Schwierigkeiten, besonders im zweiten Projekt, hat Qantara große Zustimmung gefunden. Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Qantara I arbeiten als Mediatorinnen und Mediatoren in unterschiedlichen Bereichen, u.a. in Schulen bei Informationstagen für zugewanderte Eltern in deren Muttersprache. Das findet zum Teil in den Schulen, aber auch in den ausländischen Vereinen statt. Im Bereich "Verlässliche Grundschule" sind Mediatorinnen tätig. Teilnehmerinnen und Teilnehmer leiten teilweise selbständig Sport- und Musik-AG’s in den Schulen. In den Peiner Kindertagesstätten wurde im September eine interkulturelle Woche durchgeführt, in der die Qantara-Teilnehmerinnen und Teilnehmer wichtige Funktionen übernahmen. Sie brachten Lieder, Spiele und Geschichten aus ihrer Heimat mit, sie kochten mit den Mütter und erarbeiteten mit den Erzieherinnen und der Kirchengemeinde einen Gottesdienst zum Erntedankfest, der von afrikanischen Trommeln begleitet wurde.
Zwei Teilnehmerinnen arbeiteten in einem weiteren Projekt des Caritasverbandes, in der "Deutschförderung in Kindertagesstätten". Hier konnten die Kinder mit ihren Müttern und Vätern gemeinsam Deutsch lernen. Die Mediatorinnen funktionierten u.a. als Bindeglied zwischen Elternhaus und Kita und verstärkten damit die interkulturelle Kompetenz der Institutionen. Dieses Projekt wird jetzt durch die Stadt Peine weitergeführt.
Mediatorinnen und Mediatoren können eingesetzt werden bei der Feststellung der Sprachfähigkeiten bei der Einschulung, sie können Kontakte zu Eltern aufbauen, informieren und sie in den Schulbetrieb integrieren.
Im Jugendamt Peine, aber auch in anderen Jugendämtern, werden Mediatorinnen und Mediatoren eingesetzt in der Bezirkssozialarbeit, der Sozialpädagogischen Familienhilfe und bei der Krisenintervention. Im Peiner Frauenhaus unterstützen Mediatorinnen die Sozialpädagoginnen in der Arbeit mit ausländischen Frauen. In den Gemeinden helfen Mediatorinnen und Mediatoren bei der Aufnahme und Unterbringung von Flüchtlingen und geben Hilfestellung und Unterstützung bei der Eingliederung. Wir erhalten Anfragen von der Polizei, dem Jugendgericht und den sozialen Trainingskursen, der Einsatz erfolgt jeweils auf Honorarbasis.

Ein Beispiel:

Wir erhielten den Anruf der Peiner Polizei, die über den Hausmeister einer Unterkunft für Flüchtlinge informiert worden war, dass eine Familie ihre Tochter töten wolle, weil sie mit einem jungen Mann fortgegangen sei. Sie gehörten zu einer religiösen Gemeinschaft, in der eine Heirat außerhalb ihrer eigenen Kaste strikt verboten ist. In Zusammenarbeit mit dem Jugendamt und der Polizei konnten wir gemeinsam mit dem Mediator, welcher der selben Religionsgemeinschaft angehörte wie die Familie erreichen, dass das Mädchen wieder zu seiner Familie zurückkehren konnte. Bei den Gesprächen stellte sich auch heraus, dass der Druck der anderen Glaubensbrüder auf die Familie so stark war, dass sie keinen Ausweg wussten. Hier wurde sehr deutlich, wie notwendig eine gemeinsame Strategie unter Einbeziehung aller Beteiligten ist, um für alle tragfähige Lösungen erarbeiten zu können.
Mit der Kreisvolkshochschule Peine wurde ein Weiterbildungsangebot "Interkulturelle Mediation" entwickelt, in dem der Einsatz der Mediatorinnen und Mediatoren als Co-Trainer geplant ist.
Durch den Erwerb des Zertifikates "Deutsch" haben Flüchtlinge wesentlich bessere Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt, ebenso bei dem Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit. Aus Qantara I haben zwei Teilnehmerinnen einen Arbeitsplatz gefunden, zwei Teilnehmerinnen absolvierten eine Umschulung durch das Arbeitsamt bzw. eine Ausbildung als Krankenpflegerin. Dies kann durchaus mit als ein Resultat der Maßnahme gewertet werden, denn durch die Einbindung in Strukturen, Verbesserung der Sprachkompetenz und Informationen sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch auf Anforderungen in anderen Bereichen besser vorbereitet.
Bei Qantara II kann wegen der beschriebenen Schwierigkeiten von solchen Erfolge als konkrete Integrationsmaßnahmen nicht berichtet werden. Dennoch sind wir der Ansicht, dass sowohl die Flüchtlinge als auch die sozialen Einrichtungen von dem Projekt profitieren konnten. Das lässt sich den positiven Reaktionen vieler Beteiligten entnehmen. Die konkrete Zusammenarbeit von Zuwanderinnen und Zuwanderern und Einheimischen erhöht auf beiden Seiten die interkulturelle Kompetenz und hilft Ressentiments und Vorurteile zu verringern.
Für das Jahr 2004 haben wir einen neuen Antrag beim Europäischen Flüchtlingsfonds gestellt. Wir möchten eine Gruppe bilden, in der Flüchtlinge sowohl im Aufnahmeverfahren, als auch anerkannte Flüchtlinge teilnehmen. Aufgrund der regen Nachfrage möchten wir die Ausbildung auf den Bereich Gesundheitswesen erweitern. Um die Arbeit der Mediatorinnen und Mediatoren weiter bekannt zu machen und ihnen weitere Einsatzmöglichkeiten zu erschließen, möchten wir eine gezieltere Öffentlichkeitsarbeit machen und u.a. die Dienste auf einer Homepage im Internet anbieten.

Dokumentationen:

  • Qantara - Eine Brücke zwischen den Kulturen. Dokumentation eines Pilotprojektes der Europäischen Union für bleibeberechtigte Flüchtlinge. Ausbildung von Mediatorinnen und Mediatoren im Jugendhilfe- und Schulbereich
    Caritasverband für den Landkreis Peine e.V., Am Amthof 3, 31224 Peine, Telefon 05171/700 332, Fax 05171 / 700344, Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, du musst Javascript aktivieren, damit du sie sehen kannst
  • Promoting Participation. Ressourcenaktivierung zur Förderung der gesellschaftlichen Partizipation von bleibeberechtigten Flüchtlingen. Dokumentation eines Projektes gefördert durch die EU-Kommission unter der Haushaltslinie B3-4113
    Freiburg, März 2001