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Mit Blick auf die Stadtteile: Mikroökonomie als Chance!?

Geschrieben von Renate Schnee am .

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Renate Schnee, Stadtteilzentrum Bassena, Am Schöpfwerk 29/14, A-1120 Wien, Tel.: 01/667 94 80, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Internet: http://www.bassena.at

Dieser Text ist Teil der Online-Dokumentation der (letzten?) 14. GWA-Werkstatt im Burckhardthaus Gelnhausen, 17.-20.09.2007.


Welche Bedeutung hat Mikroökonomie in der Sozialen Arbeit?

Die Ausbildungsprogramme für SozialarbeiterInnen bieten ein breites Spektrum an wissenschaftlichen Einblicken: von Soziologie, Psychologie, Pädagogik, Recht und Kommunikation über die diversen Handlungsfelder der Sozialarbeit. Was selten oder gar nicht vorkommt, sind die Bereiche Ökonomie und Ökologie. In der Ausbildung zu Sozial- und Gemeinwesenarbeit ist jedoch eine intensivere Beschäftigung mit wirtschaftlichen Zusammenhängen empfehlenswert, da die Auswirkungen ökonomischer Prozesse, welche die einen wohlhabend und die anderen arm werden lassen, jenes Arbeitsfeld bilden, in dem SozialarbeiterInnen beauftragt sind. Schließlich ist jede und jeder von uns eine „Ökonomin“ bzw. ein „Ökonom“, egal wie reich oder arm sie oder er ist.

Wir alle treffen täglich ökonomische Entscheidungen. Ob wir am Abend im Gasthaus ein Bier trinken, ob wir es uns leisten können, auf ein selbst finanziertes Fortbildungsseminar zu fahren, beim Einkaufen, beim Sparen, beim Müll entsorgen oder wenn wir uns für oder gegen den Bau von Kraftwerken engagieren ... Es stellt sich immer die Frage, wie ich meine knappen Mittel für mich selbst bestmöglich einsetzen kann. Die Hauptbeschäftigung in der Ökonomie ist es, die Verteilung knapper Mittel bzw. Ressourcen zu planen und umzusetzen, um den Bedarf möglichst optimal zu decken. Somit wird das Grundproblem der Ökonomie deutlich: der Mangel. Alle Güter auf unserer Erde sind begrenzt: unsere Rohstoffe, unsere natürliche und persönliche Energie, unsere Zeit und unser Raum zum Leben.

Theoriegeschichtlich wurde die Mikroökonomie in der zweiten Hälfte des Neunzehnten Jahrhunderts etabliert und mit naturwissenschaftlichen Methoden aufbereitet. Gegenstand der Beobachtungen war zunächst der Markt mit seinen Preisbildungsprozessen. Ökonomische Gesetzmäßigkeiten wurden mit mathematischen Formulierungen untermauert und als planbar und beherrschbar dargestellt.

Im Jahr 1776 erschien das berühmte ökonomische Hauptwerk von Adam Smith „Wohlstand der Nationen“. Galt bis dahin die Anschauung, dass die Natur – also der Boden – Werte produziert und der Mensch dabei hilft, so formulierte der schottische Ökonom die Theorie, dass die Bildung von Werten nicht mehr naturbedingt ist, sondern vielmehr auf Arbeit, respektive auf Erwerbsarbeit basiert. Um den Wohlstand zu steigern, müsse eben die Produktivität der Arbeit gesteigert werden. Smith beschäftigte sich mit Rationalisierung und Arbeitsteilung und dem Prinzip des freien Marktes. Die Ressourcen der Natur, die Rohstoffe und die Energie fallen somit aus dem zentralen Wertbegriff heraus. Natur kommt nun nicht mehr als Wertquelle, sondern als (Grund)Eigentum vor, als etwas, über das sich die Grundeigentümer bei der Herstellung ihrer Güter einen Teil des Gewinns erwirtschaften können.

Diese Sichtweise erlaubt, dass sowohl die Ressourcen der Natur als auch die sorgende Arbeit der Frauen in der Familie als „unhinterfragte Existenzbedingung“ un- bzw. unterbewertet werden. (Biesecker, Kesting 2003, S. 59) Es wird deutlich, wie sich die Definition von Arbeit als produktive Erwerbsarbeit etablierte, die öffentlich anerkannt, vorwiegend männlich und bezahlt, also „wertvoll“ ist. Unbeachtet blieb die reproduktive, versorgende Arbeit, die privat, nicht anerkannt, überwiegend weiblich und un- bzw. schlecht bezahlt ist. Dabei ist gerade durch diese „wertlose“ Versorgungsarbeit (meist der Frauen) die Erwerbsarbeit (meist der Männer) erst möglich und somit eine wesentliche Wirtschaftsressource.

Die ungerechte Verteilung von Gütern und Macht und die (Neben)Kosten des Wirtschaftens werden somit größtenteils auf die soziale Lebenswelt und die Umwelt abgewälzt. Die durch diese Ungerechtigkeit und Benachteiligung entstehenden sozialen Probleme sind das Handlungsfeld der sozialen Arbeit und werden vielfach mit Einzelfallhilfe sowie spezialisierten Beratungs- und Behandlungstätigkeiten gelindert.

Welche Konzepte, welche gesellschaftlichen Leitbilder, welche Normen und Werte braucht es jedoch, um die heutigen ökonomischen Probleme zu einer grundlegenden Lösung zu führen?

wien-mikrooekonomie-1Im Ansatz der „Mikroökonomik aus sozialökologischer Perspektive“ (MiSÖP) finden wir eine Handlungsorientierung, die sich an den Bedürfnissen sowohl der Handelnden selbst als auch anderer Mitmenschen oder der natürlichen Umwelt orientiert. Diese „Sorgeorientierung“ umfasst nicht nur die heute Lebenden, sondern auch die zukünftigen „sprachlosen“ Generationen und die natürliche Mitwelt. Adelheid Biesecker, Stefan Kesting u.a. sind VertreterInnen dieses Konzeptes, in dem es um das Verstehen ökonomischer Prozesse und um das Eröffnen von gesellschaftlichen Gestaltungsmöglichkeiten zur Verbesserung von Lebensprozessen geht. Biesecker geht davon aus, dass gerade die versorgungsökonomischen Tätigkeiten die Grundlage allen Wirtschaftens bilden. Hier gelten andere Handlungsprinzipien als in der Marktökonomie, wo Eigennutz, Konkurrenz, Wachstum und Kurzfristigkeit bestimmend sind. Sorgen/Vorsorgen, Kooperieren, Orientieren am für das Leben Notwendigen bzw. am guten Leben, sowie Langfristigkeit sind Handlungsprinzipien, die bei der Gestaltung einer zukunftsfähigen Wirtschaftsweise Geltung haben.

Im heute vorherrschenden engen Ökonomie-Verständnis stehen einander die produktive Erwerbsarbeit und die reproduktive versorgende Arbeit (von der Elternarbeit über die Pflegearbeit bis über die vielfältigen Ausprägungen von bürgerschaftlichem Engagement) gegenüber. Wie können beide Arbeitsformen – die Erwerbsarbeit und die Nicht-Erwerbsarbeit – neue, gerechtere Wertigkeiten erhalten? Dazu braucht es laut Biesecker viele „kleine neue Gesellschaftsverträge“, die es ansatzweise bereits gibt: Beispielsweise in jenen Haushalten, in denen eine faire Aufteilung der Hausarbeit und Kindererziehung zwischen den PartnerInnen vereinbart wird. Oder in Betriebsvereinbarungen, die es MitarbeiterInnen ermöglichen, während ihrer Arbeitszeit ehrenamtliche Dienste in einer sozialen Organisation wahrzunehmen. Mit solchen und weiteren sowie noch zu entwickelnden Vereinbarungen kann die Ökonomie als integriert in die soziale Lebenswelt und in die natürliche Umwelt verstanden werden. (Biesecker, Kesting, 2003, S. 193-218)

Kooperation statt Konkurrenz

Was können diese Kooperationserfahrungen und Schnittstellen zur Weiterentwicklung der Gemeinwesenarbeit (GWA) beitragen?

Die GWA kennt die Chancen und Gefahren globaler Zusammenhänge. Sie sucht persönlichen Zugang zu den Menschen und hat weltweit Methoden für beteiligungsorientierte zukunftsfähige Lösungen in Form von kleinräumigen Versorgungskreisläufen entwickelt. GWA setzt in der sozialen alltäglichen Lebenswelt an. Sie „denkt global und agiert lokal“. Das bedeutet, GWA wirkt aus der lokalen Ebene heraus strukturenverändernd hinein in regionale und überregionale Ebenen um ein gutes Leben gerade für Benachteiligte zu erwirken. Indem sie die Interessen der Menschen im Stadtteil wahrnimmt, deren Lösungskompetenzen stärkt und mit den BewohnerInnen Ressourcen mobilisiert sowie Selbstorganisationsprozesse initiiert. Anstelle von Hierarchien treten in der GWA demokratische Strukturen mit Organisationsformen wie z.B. Netzwerkarbeit. Netzwerke ermöglichen Synergien zwischen vielfältigen PartnerInnen und somit Kooperation statt Konkurrenz. Die GWA nützt dabei ihre intermediäre Funktion und fördert die Gestaltung der Beziehungen zwischen BürgerInnen mit all den bestehenden Interessensgegensätzen. Auf einer weiteren Ebene vermittelt GWA zwischen BürgerInnen und öffentlichen Institutionen mit dem Ziel der demokratischen Einbeziehung sämtlicher AkteurInnen in partizipative Entscheidungsprozesse. Ein wichtiger Arbeitsbereich der GWA ist die Entwicklung von partizipativen Wirtschaftsmodellen.

Beim genaueren Hinschauen auf die Armut im europäischen Raum zeigt sich das Phänomen, dass deutlich mehr Frauen als Männer manifest arm sind. Frauen sind in einem überproportionalen Ausmaß in so genannten atypischen Beschäftigungsformen und in schlecht entlohnten Branchen tätig; auch für gleiche Arbeit erhalten Frauen oft weniger. Geringe Erwerbseinkommen ziehen geringere Leistungen aus Arbeitslosenversicherung und Pensionsversicherung nach sich. Dazu kommt, dass Frauen als Alleinerziehende oft unfreiwillig die umfassende Arbeit und Verantwortung für die Kinder übernehmen. Durch die GWA wird die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung aufgeweicht, indem die Frauen als „Fachexpertinnen“ einbezogen werden. Ebenso fokussiert die GWA auf das gesellschaftliche und politische Zusammenspiel der Kräfte und forciert bewusst Themen, die sich am Lebenszusammenhang der spezifisch weiblichen Zielgruppe orientieren. Sie bindet damit Frauen in ihrer Rolle als „Alltagsexpertinnen“ ein.

Teilhabe am wirtschaftlichen Leben - Chancen und Grenzen der GWA

Weltweit sind beachtenswerte mikroökonomische Modelle mit betroffenen und benachteiligten Menschen realisiert worden.

Komplementäre Geldwirtschaft

wien-mikrooekonomie-0Geldscheine besitzen keinen hohen Warenwert, sind eigentlich nur ein Stück Papier, das sich im Laufe der Geschichte mit Vertrauen verbunden hat, dafür jederzeit Waren oder Dienstleistungen des entsprechenden Gegenwerts kaufen zu können. Es erleichtert uns den Tausch dieser Güter und hat außerdem die Funktion einer Recheneinheit und eines Wertaufbewahrungsmittels. Wenn Geld aufbewahrt wird, fließt es nicht in den Wirtschaftskreislauf und blockiert das Wirtschaftssystem. Eine andere Seite des Geldes ist der superschnelle Fluss auf der Suche nach größtmöglichem Profit. Heute werden mit spekulativen Währungstransaktionen täglich 2 Billionen US-Dollar um die Welt geschickt. (Lietear 2002, S. 99) Von dieser unvorstellbaren Summe werden gerade 15 bis 20 Prozent für tatsächliche Transaktionen von Waren und Dienstleistungen eingesetzt, der Rest ist Spekulation.

Bernard Lietaer ist u.a. Ex-Zentralbankier und Ex-Hedgefonds-Manager und er macht das derzeitige Weltwährungssystem für die gegenwärtigen globalen ökonomischen, sozialen und ökologischen Krisen (mit-)verantwortlich. Dessen destruktive Wirkungen lägen begründet in der Existenz positiver Zinssätze als zentraler Konstruktionsfehler heutigen Geldes. Jene, die Geld horten und es nicht dem Wirtschaftskreislauf zufügen – diesen somit blockieren –, bekommen dafür immer mehr Geld in Form von Zinsen. Er schlägt deshalb den Aufbau und die Förderung eines Kooperationswirtschaftssektors mit komplementären, lokalen, zinslosen, reinen Tauschwärungen vor. Dieser Sektor soll die Arbeitslosigkeit bekämpfen und soziale Dienste im Wege der Selbsthilfe der Betroffenen ermöglichen. Zusammen mit unserer erwerbswirtschaftlichen Wettbewerbsökonomie – also mit dem nationalen Geld – entstehe eine „Integrierte Wirtschaft“, in der sich Konkurrenz und Kooperation im Gleichgewicht befänden. (Vgl. Lietaer) Dieses Konzept zinsfreier (umlaufgesicherter) Parallelwährungen gibt es derzeit in etwa 2000 verschiedenen Regionen der Welt. Eine ermutigende deutsche Erfolgsgeschichte ist unter den gegenwärtig über 30 komplementären Regionalwährungen der „Chiemgauer“.

Der Chiemgauer wurde 2002 vom Waldorfschullehrer Christian Gelleri als Projekt mit sechs SchülerInnen in der Region Chiemgau (ca. 500.000 EinwohnerInnen) gestartet. Im Jahr 2006 erreichte das Projekt einen Jahresumsatz von ca. 1,5 Millionen Euro. Davon gehen drei Prozent an gemeinnützige Projekte und Vereine, zwei Prozent dienen der Kostendeckung des Systems. (http://www.regiogeld.de/initiativen.html)

Zeittausch

Eine andere Währung, zu der praktisch keine Bargeldrücklagen notwendig sind, ist die Zeittausch-Währung. Tauschringe und Leihgemeinschaften stellen eine stabile Möglichkeit dar, den wachsenden wirtschaftlichen und sozialen Problemen eine konkrete Handlungsalternative entgegenzusetzen. Durch ihre Entfaltung in Rezessionszeiten zeigen Tauschringe eine konjunkturstabilisierende Wirkung und tragen zur allgemeinen Wohlfahrtssteigerung bei. Über 300 Tauschkreise in Deutschland mit über 35.000 Mitgliedern (http://www.tauschring-archiv.de) und 35 Tauschkreise in Österreich sehen sich als Teil dieser gesamtgesellschaftlichen Umorientierung. Sie erkennen den Wert des Menschen, der Arbeit und der Umwelt als Basis allen Reichtums an. Im Austausch der sozialen, geistigen und wirtschaftlichen Hilfe untereinander entstehen neue Modelle für eine zukunftsfähige Gesellschaft.

wien-mikrooekonomie-4Welches Geld bzw. welche Währung wir heute für welche Aufgabe benötigen, ist eine Frage, die sich im GWA-Kontext häufig stellt. In strukturschwachen Regionen kann die Kombination des offiziellen Geldes mit einer Regionalwährung oder einer Zeittauschwährung die Inflation stabilisieren, weil Mehrwert geschaffen wird. Voraussetzung für die Umsetzung solcher Projekte sind Sozialraumanalysen mit Fokus auf die ökonomische Situation des sozialen Raumes und professionelle Kommunikations- und Vernetzungsarbeit.

Grundsicherung

Wir können uns heute nicht mehr auf gesellschaftliche Stabilität durch Vollbeschäftigung und hohes Wirtschaftswachstum verlassen. Automation ist ein wesentliches Element der Produktivitätssteigerung, was in den letzten Jahren dazu geführt hat, dass die Wirtschaft wächst und trotzdem parallel dazu die Arbeitslosigkeit zunimmt. „Bis 2010 werden nur noch zwölf Prozent der arbeitenden Bevölkerung in Fabriken gebraucht. Bis 2020 werden es weltweit nur noch zwei Prozent sein.“ (Rifkin, Jeremy: Interview über das Ende der Arbeit mit der Stuttgarter Zeitung, 29. April 2005). Für Menschen, die über lange Zeiträume keine Arbeit haben oder trotz Arbeit unterdurchschnittlich wenig verdienen, trägt in Mitteleuropa der Staat die Verpflichtung, einen Mindeststandard des menschenwürdigen Daseins sicherzustellen. Was im Mittelalter Armenfürsorge genannt wurde, ist heute die Sozialhilfe. Was diese wiederum von einer Grundsicherung unterscheidet ist in erster Linie die Abschaffung der Arm-Sein-Legitimation. Grundsicherung bedeutet nicht, Almosen von oben herab zu reichen, sondern wirtschaftlichen Reichtum umzuverteilen.

Etliche in der Sozialen Arbeit Tätige engagieren sich außerhalb ihres Arbeitsrahmens in nationalen und internationalen Bewegungen, z.B. Attac, und versuchen über diese Organisationsformen politischen Einfluss für eine faire und ausreichende Grundsicherung auszuüben.

Best Practice

Ein bekanntes Erfolgsmodell ist die Marke FAIRTRADE geworden. Der Faire Handel unterstützt Produzentinnen und Produzenten in den Entwicklungsländern, um ihnen eine menschenwürdige Existenz aus eigener Kraft zu ermöglichen. Durch gerechtere Handelsbeziehungen sollen die Lebensbedingungen der Menschen in den Ländern des Südens verbessert, die Binnenwirtschaft gestärkt und langfristig ungerechte Weltwirtschaftsstrukturen abgebaut werden. Zum Beispiel decken die festgelegten Mindestpreise und Aufschläge auf Kaffee oder Tee die Produktionskosten und sichern das Existenzminimum der KleinbäuerInnen. Darüber hinaus kann auch in eine nachhaltige Zukunft der örtlichen Kooperativen wie z.B. den Bau von Schulen investiert werden.

Der Faire Handel fördert gezielt die besonders benachteiligten kleinbäuerlichen Familien und deren Selbsthilfe-Initiativen. Die Organisationen setzen sich für eine nachhaltige Entwicklung von Ökologie, Bildung und Frauenförderung ein. Die Kleinbauern sind an allen wichtigen Entscheidungen ihrer Genossenschaften direkt und demokratisch beteiligt. Dies gilt insbesondere für die Kontakte zum Management, aber auch für die Verwendung des Mehrerlöses aus dem Fairen Handel. Die Produzenten werden sowohl im Marketing als auch bezüglich modernerer Produktionsverfahren weitergebildet, um Qualitätsverbesserungen zu erreichen. Darüber hinaus werden Sozialprojekte wie Schulen, Gemeinschaftsräume, Werkzeug, Brunnen, Apotheken, Schulstipendien und vieles mehr finanziert. Insgesamt profitieren gegenwärtig rund 569 Bauernkooperativen und Plantagen in 57 Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas vom Fairen Handel mit diesem Siegel. Für rund eine Million BäuerInnen und ArbeiterInnen hat sich dadurch deren Arbeitsalltag, deren soziale Lage und deren Zukunftsaussichten gravierend verbessert. (http://www.transfair.org/ueber-transfair/ueber-uns.html)

Ähnliche Ansätze sind im europäischen ländlichen Raum zu finden, wo z.B. Bauern in einer Region Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften für die gemeinsame Verarbeitung und Direktvermarktung ihrer Produkte organisieren. Im österreichischen Waldviertel ist die „Weiterentwicklung des Konzeptes der GWA zum Konzept der Eigenständigen Regionalentwicklung (RRE)“ erfolgt. (Rohrmoser 2004, S. 55)

Ein anderes erfolgreiches ökonomisches Modell, das mit vielen Prinzipien der GWA ausgestattet ist, erhielt 2006 den Friedensnobelpreis für die Bemühungen um die „wirtschaftliche und soziale Entwicklung von unten“: die von Mohammed Yunus gegründete Grameen Bank in Bangladesch. Die Bank ist großteils im Besitz armer Frauen und ausschließlich für diese tätig. Die KreditnehmerInnen der Grameen-Bank besitzen derzeit rund 93 Prozent der Bankanteile. Die restlichen sieben Prozent sind im Besitz der Regierung von Bangladesh. Die Gesamtzahl der KreditnehmerInnen beträgt 2,4 Millionen, 95 Prozent davon sind Frauen. (http://www.bangladeshonline.de/grameen/trust.html). Die Vereinten Nationen sehen in der Mikrofinanzierung ein wichtiges Instrument zur Erreichung der Milleniumsziele zur Reduktion von Armut. Sie haben 2005 zum „Jahr der Mikrokredite“ ausgerufen.

Im mitteleuropäischen Raum können jedoch Mirkokredite nicht immer und überall die positiven Wirkungen erreichen wie in Ländern der dritten Welt, weil hierzulande administrative und arbeitsrechtliche Rahmenstrukturen (Gewerbeschein, Marktamt, Hygienevorschriften, Gewährleistungen, …) die Entstehung von Kleingewerbe stark behindern und transformative Rahmenbedingungen nur in eingeschränktem Ausmaß verändert werden können.

Dennoch sind in Europa einige nachhaltige und wirksame arbeitsmarktpolitische Ansätze zu finden. In Spanien beschloss die Regierung bereits im Jahr 1985 die Einmalzahlung („pago único“), wobei das gesamte Arbeitslosengeld (8.000 bis 10.000 Euro), das einer/m Gekündigten zusteht, im Voraus ausgezahlt wird, falls er/sie diese Summe als Kapital in eine Kooperative oder SAL (Arbeiter-Aktiengesellschaft) einbringt. „Diese ‚Kapitalisierung des Arbeitslosengeldes‘ stellt bis heute die größte Finanzquelle für Investitionen in die partizipative Wirtschaft dar.“ (Raimbeau, 2007). Spanien hat die meisten selbstverwalteten Betriebe in ganz Europa. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass 40 Prozent des kooperativen Wirtschaftskapitals von Frauen gehalten wird.

In Italien wird das Modell des kollektiven Betriebseigentums von zwei Vereinigungen der Genossenschaften und Aktiengesellschaften (Coceta und Confesal) unterstützt. Auch in Frankreich gab es Unterstützung für Betriebsübernahmen in den 1980er- und 1990er-Jahren. Aber zum Teil haben die Nationalstaaten selbst oder die EU die Umwandlung in Genossenschaften erschwert. Die Argumente gehen in Richtung Wettbewerbsverzerrung durch staatliche Subventionen. Es wird jedoch nicht bedacht, um wie viel billiger den Staat die Rettung eines Arbeitsplatzes auf diese Weise kommt – vor allem, wenn sämtliche Folgekosten von Arbeitslosigkeit berechnet werden, die entstehen, wenn sich Menschen nur mehr als AlimentierungsempfängerInnen erleben können. Diese Kosten und diese Verantwortung werden auf soziale Institutionen umgewälzt und entsprechen weder der Kostenwahrheit, noch dem wirtschaftlichen Auftrag für eine zufriedene und friedliche Gesellschaft.

Chancen der GWA: Vielfalt in den Stadtteilen entwickeln

Für die Veränderung von wirtschaftlichen Makrostrukturen gibt es einstweilen keine Arbeitsaufträge an die Gemeinwesenarbeit. Mikroökonomische Vielfalt und Phantasie in der GWA ist jedoch im Kleinen durchaus möglich. Ob im öffentlichen Raum einer städtischen Großwohnsiedlung von den GemeinwesenarbeiterInnen ein Gemüsefeld angelegt wird, eine „Samenbank“ mit Nutzpflanzensaatgut für den Anbau von Kräutern und Gemüse am Balkon organisiert, oder ein Gratis-Laden initiiert wird, bei dem ressourcenschonend Dinge, die von den einen nicht mehr gebraucht werden, von anderen gratis mitgenommen werden können. wien-mikrooekonomie-3wien-mikrooekonomie-2Der Wiener Gratis-Bazar (http://www.bassena.at) setzt pro Jahr tausende Waren gratis um, die ein geschätztes monetäres Volumen von mindestens 60.000 Euro betragen. Das sind nur einige von vielen Beispielen, die im deutschsprachigen Raum in GWA-Projekten umgesetzt werden.

Viele dieser Projekte scheinen ökonomisch uninteressant zu sein, ihren Wert schöpfen sie jedoch, indem sie soziales Kapital bilden. Soziales Kapital besteht in Beziehungsfähigkeit, Demokratiefähigkeit, netzwerken. Es ist ‚der Kitt’, der eine Gesellschaft zusammenhält und positiv entwickelt.

Kooperatives Wirtschaften braucht die Gestaltung zwischenmenschlicher Interaktionen zur Realisierung gemeinschaftlich angestrebter wirtschaftlicher Ziele – eine Kernaufgabe der GWA. Für kleine Projekte im Stadtteil braucht es vor allem Fantasie und Durchhaltevermögen, für große braucht es viele weitere Kontakte und die Vision „Es ist möglich!“


Literatur:

  • Biesecker, Adelheid; Kesting, Stefan: Mikroökonomik. Eine Einführung aus sozial-ökologischer Perspektive. München Wien, 2003
  • Lieatear, Bernard: Das Geld der Zukunft. Zunehmende Volatilität, Pößneck, 2002
  • Lotter, Wolf (2005): Der Lohn der Angst, in: Wirtschaftsmagazin brand eins 7. Jg., Heft Sept. 2005, S. 50
  • Raimbeau, Cécile: Die Roten schreiben schwarze Zahlen, Genossenschaften und kooperativen in Europa, in LE MONDE diplomatique, 2007, 12./13. Jg., S 4-5
  • Rohrmoser, Anton: GemeinWesenArbeit im ländlichen Raum. Gemeinwesenarbeit und Eigenständige Regionalentwicklung, Innsbruck, 2004