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Perspektivenwerkstatt

Geschrieben von Irene Wiese-v.Ofen am .

Kontakt:

Dr. Ing. Irene Wiese-v.Ofen, Am Siepenhang 14, 45136 Essen, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


Das Verfahren der Perspektivenwerkstatt geht zurück auf Partizipationsverfahren, die im englischsprachigen Raum unter dem Namen "Community Planning Weekend" bekannt sind, d. h. ein verlängertes Arbeitswochenende, an dem von interessierten Bürgern in Arbeitsgruppen vor Ort Lösungsideen erarbeitet werden, die dann ein neutrales Team innerhalb kürzester Zeit in einer "Vision" zusammenfasst und präsentiert. Das ganze wird von einer unabhängigen Moderation geleitet.
Unter den Modellen der Bürgerbeteiligung im Vorfeld einer Planung ist dieses Modell eines Community Planning-Verfahrens sicherlich das aufwendigste. In der Vorbereitungsphase bilden Stadtverwaltung, Projektbüro und ein Unterstützerkreis von 50 bis 60 engagierten Bürgern und Unternehmen gemeinsam jeweils einen Vorbereitungskreis. In diesen werden umfangreiche Bilanzen der Ausgangslage im jeweiligen Gebiet entwickelt, Problemschwerpunkte und Visionenthemen entworfen und eine weitreichende Werbekampagne für die Veranstaltungen betrieben. Diese Phase dauert jeweils 4 bis 8 Monate.
Den Mittelpunkt der Verfahren stellen die Öffentlichkeitsphasen dar, in welchen ausdrücklich "jedermann" zur Teilnahme eingeladen wird. Diese Phase dauert 6 Tage. Die Hemmschwelle wird bewusst niedrig anzusetzen sein. Die Veranstaltung kann z.B. in einem großen Zelt vor Ort oder in einer anliegenden Schule stattfinden.


Ablauf der Perspektivenwerkstatt in Essen

Das eigentliche Verfahren wendet zwei Methoden an. Einerseits werden interessierte Besucher (über den Zeitraum etwa 800 bis 1.000 Personen) ausführlich über die Ausgangslage und die weiteren Entwicklungen der Werkstatt informiert. Neben dieser allgemeinen Information werden gezielt Interessierte für eine intensivere Arbeit in Arbeits- und Planungsgruppen angeworben, aber vor allem die Anrainer aktiviert. So gelingt es, die Situation im Gebiet unter speziellen Themenpunkten zu diskutieren und Visionen für eine künftige Nutzung und Ausgestaltung zu erstellen. Die Ergebnisse werden durch das Projektteam zusammengeführt, ausformuliert und in jeweils einer umfangreichen Abschlusspräsentation, bei der keine weitere Diskussion erfolgte, vorgestellt.
Auffälliges Charakteristikum dieses Verfahrens ist die Größenordnung, in der sich die Teilnehmerzahlen bewegen. Neben einer allgemeinen Besucherzahl von 800 bis 1.000 Personen haben sich 8 Arbeitsgruppen und 18 bis 20 Planungsgruppen gebildet.

Die Ergebnisse der Gruppen geben daher ein breit gefächertes Spektrum an Vorstellungen und Visionen wieder, das sich aber verändern wird. Eine unmittelbare Umsetzung der Vorstellungen, wie manche Bürger hoffen, ist hingegen nicht möglich, da die technische, ökonomische und ästhetische Durcharbeitung naturgemäß die Planungswerkstatt nicht leisten kann. Zudem können nach wie vor vorhandene Interessenskonflikte nur im Rat der Stadt auf der Grundlage sorgfältiger Abwägung entschieden werden. Wobei es wichtig ist, auch in diese Verfahren schon vorlaufend die Vertreter der Politik einzubeziehen. Wichtig ist, dass Ratsvertreter und Vertreter der Planungsverwaltung aktiv gestaltend, diskutierend und offen im Zuhören als Bürger teilnehmen, und dies auch glaubwürdig vermitteln können.
Alles in allem zeigt sich, dass betroffene Gruppen, die sich vorher der Planung entzogen oder kritisch gegenüber gestanden hatten, nunmehr dem Prozess öffnen. Mit einem positiven Rückhall in der Presse, entsteht eine positive Bürgerstimmung, die für die dann anschließende zustimmende Haltung des Rates sicher nicht unbedeutend ist. Es handelte sich daher um ein erfolgreiches Instrument der Bürgerbeteiligung, das allerdings wegen seines Aufwandes nur auf ganze Stadtteile oder besonders konfliktreiche Planungsfälle, wo der Kreis der Betroffenen schwer auszumachen ist und die Interessenslagen entsprechend kontrovers sind, beschränkt bleiben sollte.
Darüber hinaus ist es sinnvoll, schon eine umfangreiche Vorarbeit über die Ausgangslage, Problembeschreibung und gewisse kommunale Zielsetzungen geleistet zu haben (d. h. die Richtung der angepeilten allgemeinen Nutzung), da sonst die Bürgerenttäuschung vorprogrammiert ist.
Es ist insoweit für den Erfolg des Gesamtverfahrens entscheidend, dass bei der weitergehenden Planbearbeitung die Beteiligung der Öffentlichkeit fortgesetzt wird.

Es sollen weitere Ausstellungen und öffentliche Anhörung folgen. Unter neutraler Moderation soll z.B. der Unterstützerkreis mit 3 - 4maliqen Treffen pro Jahr fortgesetzt und durch neue interessierte Institutionen ergänzt werden. Zur engeren Projektbetreuung ist eine Steuerungsgruppe unter Leitung der Verwaltung einzusetzen sinnvoll, und für die Realisierung evtl. eine Entwicklungsgesellschaft aus Beteiligten von Wohnungsbau-Unternehmen, Stadt und Wirtschaft zu gründen. Diese Entwicklungsgesellschaft übernimmt die Grundstücke und das wirtschaftliche Risiko der Gesamtmaßnahme, die Stadt bearbeitet die Bauleitplanung und begleitet den gesamten Prozess vorrangig. Es können Expertenworkshops zu Verkehr und innovativen Wohnkonzepten folgen, wobei die besondere Betonung dabei auf ökologischen Elementen für das zukünftige Bauen liegen könnte. Mit den Anrainern über Wettbewerbe und Umbauplanungen konkret und effektiv die begonnene Kommunikation fortzusetzen, ist ebenfalls für den weiteren Erfolg wichtig.
Planungsverwaltungen ebenso wie viele Aktive der Planungswerkstätten halten diese Verfahren für geeignet, in besonders komplexen und konfliktreichen Planungsfällen eine gemeinsame Ausgangsbasis und Zielfindung im Konsens zustande zu bringen.