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StadtteilAktivKassen

Geschrieben von Carmen Scholz am .

– ein erfolgreiches Konzept zur Förderung des bürgerschaftlichen Engagements in sozial benachteiligten Wohngebieten


logo-lagKontakt:

Fragen zu StadtteilAktivKassen können gerne gerichtet werden an: Carmen Scholz, Landesarbeitsgemeinschaft Soziale Brennpunkte Niedersachsen e.V., Stiftstr. 15, 30159 Hannover, Telefon: 0511 - 12 312 769 (Durchwahl) oder 0511 - 701 07 09 (Zentrale), mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Die Landesarbeitsgemeinschaft Soziale Brennpunkte e.V. fördert die Verbreitung der StadtteilAktivKasse durch Beratung und Information zu diesem Konzept. Ein ausführlicher Bericht zum Modellprojekt befindet sich auf der Internetseite www.lag-nds.de/stadtteilaktivkassen.html


Menschen für Bürgerschaftliches Engagement zu gewinnen ist eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Für ein Engagement in sogenannten „sozial benachteiligten" Staddteilen zu werben, ist dabei eine besondere Herausforderung. Die Bewohner dieser Wohngebiete über nachbarschaftliche, kulturelle und strukturelle Hemmnisse hinweg für ein Engagement in ihrem direkten Lebensumfeld zu gewinnen, ist jedoch aus der Sicht vieler Gemeinwesenarbeiter und nachbarschaftlicher Initiativen eine große Hürde. Das Land Niedersachsen hat in Kooperation mit der Landesarbeitsgemeinschaft Soziale Brennpunkte Niedersachsen e.V. und sieben Modellstandorten in den Jahren 2006 – 2008 einen innovativen und erfolgreichen Ansatz erprobt, um das ehrenamtliche Engagement von Bewohner/innen für ihr Wohnumfeld zu stärken: die StadtteilAktivKasse.

Die StadtteilAktivKasse versteht sich als Förderprogramm für bürgerschaftliches Engagement. Kerngedanke dabei ist, dass lokale, gemeinwesenorientierte Einrichtungen und Projekte ein gebietsbezogenes Budget erhalten, um z.B. das Zusammenleben der Generationen, der Einheimischen und der Zugewanderten, die Kinder- und Familienfreundlichkeit und das Wohnumfeld in ihrem Stadtteil zu verbessern. Erreicht werden soll dies durch Kleinstprojekte, die die Bewohner der betreffenden Gebiete selber planen und umsetzen.

Der Förderbetrag im Rahmen des Modellprojektes von 5000 Euro je Gebiet setzte sich zusammen aus 2500 Euro Landesanteil und mindestens 2500 Euro, die von den projektdurchführenden Einrichtungen und Bewohnern im Stadtteil eingeworben wurden. Sponsoren waren beispielsweise die Kommunen oder Geschäftsleute der Nachbarschaft. Das „Basis-Budget" von 2500 Euro erleichterte es den Bewohnern sehr, für ihr Projekt zu werben. Hierdurch hatten sie weniger das Gefühl um Spenden bitten zu müssen, stattdessen sahen sie sich mehr als Verhandlungspartner auf Augenhöhe. Dies verminderte die Hemmschwelle für ein freiwilliges Engagement erheblich.

Nach Ablauf der Modellphase stehen die Stadtteileinrichtungen nun vor der Aufgabe, ein Basis-Budget komplett durch andere Quellen zu finanzieren. Denkbare Förderer sind hier Gemeinden, Verbände, Wirtschaftsunternehmen oder Wohnungsgesellschaften. Das Konzept, dieses Basis-Budget durch Einwerben von Spenden im Stadtteil auf die doppelte Summe zu erhöhen bleibt jedoch bestehen.

Über die Vergabe der Gelder entscheidet eine aus Freiwilligen zusammengesetzte „Jury" von Bewohnern eines bestimmten Wohngebietes selbst. Dieses Jury-Konzept ermöglicht eine schnelle und unbürokratische Ausgabe des Geldes für die Umsetzung von Ideen sowie die direkte Mitentscheidung über eigene Belange, die oft in der aktiven Stadtteilarbeit vernachlässigt wird. Zudem dient es als Mittel zur Aktivierung und Beteiligung von Bewohnern.

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Kinder und Erwachsene beim gemeinsamen Schach-Spiel des StadtteilAktivKasse-Projektes „Spiele-Café“ in Delmenhorst-Düsternort

Gelder der StadteilAktivKasse dürfen von allen Bewohnern beantragt werden, ebenfalls von Kinder- und Jugendgruppen in eigener Organisation, von Haus- und Straßengemeinschaften sowie von Bewohner- und Nachbarschaftsgruppen. Nicht antragsberechtigt sind öffentliche und soziale Einrichtungen wie z.B. Schulen, Kindergärten, Jugendhäuser und größere Träger, da diese über ihre eigenen Finanzstrukturen verfügen. Das beantragte Projekt darf die Budgetgrenze von 750 Euro nicht überschreiten und sollte die reinen Sachkosten beinhalten. Diese Summe verdeutlicht, dass es sich bei den initiierten nachbarschaftlichen Aktivitäten um Kleinstprojekte handelt, deren Ausführung absichtlich niedrigschwellig gestaltet ist, um den Menschen im Stadtteil die Angst vor dem Engagement und seinen möglicherweise zu hohen Anforderungen zu nehmen.

Die Projekte sollen der Förderung der Selbsthilfe/-organisation im und für den Stadtteil dienen, zur Verbesserung des Zusammenlebens im Stadtteil beitragen, die Förderung aktiver Nachbarschaften unterstützen und sich an die Bewohner des Stadtteil und bzw. im Stadtteil tätigen Personen richten. Wichtig ist, dass die Projekte von den Bewohnern selbst getragen und durchgeführt werden.

Die StadtteilAktivKasse ermöglicht eine große Spannbreite von Vorhaben aus dem Bereich des bürgerschaftlichen Engagements. Mögliche Projekte können dabei die Durchführung eines Straßenfußballturniers, Nachbarschaftsfeste, Müllsammelaktionen im Stadtteil, Freizeitaktivitäten mit und für Kinder und Jugendliche, die Einrichtung eines Bolzplatzes, Graffiti-Aktionen oder die Einrichtung einer ehrenamtlichen Fahrradwerkstatt sein – alles keine Selbstverständlichkeiten im Bereich der Eigeninitiative in benachteiligten Stadtteilen.

Ein Projekt im Rahmen der Modellphase der StadtteilAktivKasse, das nicht nur ein soziales Netzwerk aufbaute, sondern auch der Gesundheitsförderung diente, war zum Beispiel das „Eichhörnchen-Projekt" in Hannover-Linden-Süd. Inhalt war die Verwertung von Obst und Gemüse, welches im Stadtteil angebaut wurde. Einige Besitzer der hiesigen Gärten waren durch ihren Gesundheitszustand nicht mehr in der Lage, sich alleine um ihre Ernte zu kümmern. Das erledigte nun ein Bewohner gemeinsam mit anderen, darunter einige Arbeitslose. Sie gingen in die Gärten, pflückten Obst und Gemüse und verkauften es weiter. Die Jurymitglieder gaben dabei Tipps, wann es Events im Stadtteil gab, wo ein Stand aufgebaut werden konnte.

Teilweise wurde das Obst auch verwendet, um Marmelade einzukochen, die ebenfalls weiter verkauft wurde. Die Hälfte des Erlöses ging dabei an die Gartenbesitzer, ein weiterer Teil an die Helfenden. Finanziert wurden von der StadtteilAktivKasse lediglich der Einkochtopf, ein Fahrradanhänger zum Transport des Obstes und einige Kleinteile zum Einkochen. Dieses Projekt zeigt, dass eine einfache Projektidee im wahrsten Sinne des Wortes „Früchte tragen" kann.

Ein weiteres Projekt der Modellphase, das durch gemeinsame Freizeitgestaltung das Miteinander der Bewohner stärkte, war das „Spiele-Café" in Delmenhorst-Düsternort. Der Wunsch von Kindern und Erwachsenen Zeit miteinander zu verbringen und gemeinsam Spaß zu haben stand bei den zweiwöchentlich stattfindenden Treffen im Vordergrund. Hierzu wurden mit den Mitteln der Stadtteilaktivkasse Gesellschaftsspiele angeschafft. Das Nachbarschaftsbüro in Düsternort stellte seine Räumlichkeiten zur Verfügung. Ein Ehrenamtlicher bot in diesem Rahmen eine Schachgruppe für Kinder an. Das Angebot des Spiele-Cafés wurde gut angenommen. Kinder und Jugendliche, Frauen und Männer verschiedener Nationen kamen hierdurch zusammen. Dabei wurden quasi nebenbei Kontakte geknüpft und kulturelle Barrieren beseitigt.

Die StadtteilAktivKasse hat sich als ein erfolgreiches Konzept erwiesen, dass die Eigeninitiative in Bezug auf die Verbesserung von Wohnumfeld und Nachbarschaften motiviert. Die Bereitschaft zum eigenverantwortlichen Handeln von engagierten Gruppen, Nachbarschaften, Hausgemeinschaften, Kinder- und Jugendgruppen im Stadtteil wird unterstützt und ihre Aktivitäten erfahren eine erhöhte Wertschätzung.


Leitfaden für die StadtteilAktivKasse (pdf, 22 Seiten):