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Die Marktplatz-Methode: Vom „gut gemeint" zum „gut gemacht"

Geschrieben von Gerd Placke am .

Methode zur Anbahnung von sozialen Partnerschaften zwischen Unternehmen und Gemeinnützigen im lokalen Umfeld


Kontakt:

von Gerd Placke, Bertelsmann Stiftung, Carl-Bertelsmann-Straße 256, 33311 Gütersloh, Telefon: +49 5241 81-81233, Fax: +49 5241 81-681246, Mobile: *491737332122, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Internet: www.bertelsmann-stiftung.dewww.gute-geschaefte.org

Fotos: © Kay Michalak, Bremen/Berlin

Dieser Text ist Teil der Online-Dokumentation der (letzten?) 14. GWA-Werkstatt im Burckhardthaus Gelnhausen, 17.-20.09.2007


Frankfurt am Main im Herbst 2006: Vertreter von jeweils vierzig gemeinnützigen Organisatio­nen und Wirtschaftsunternehmen kommen im Hermann-Josef-Abs-Saal der Deutschen Bank zusammen, um an einer Veranstaltung der etwas ungewöhnlichen Art teilzunehmen. An diesem späten Nachmittag sollen - wie auf einem Markt - Anbieter und Nachfrager zusammen kom­men. Aber anders als marktplatz-methode-1beispielsweise beim Wochenmarkt werden keine handfesten Produkte feilgeboten sondern „Engagementangebote" und „ungewöhnliche Einsichten in Non-for-Profit-Organisationen". Angeregt durch den lebhaften Moderator gibt es viele lebendige neue Begeg­nungen, prüfen die Anwesenden wechselseitig Unterstützungsangebote und -nachfragen, tref­fen Vereinbarungen unterschiedlichster Art. Insgesamt zwei Stunden lang bleiben die Vertreter in dieser dynamischen Atmosphäre zusammen. Zum Marktplatzschluss wird ein monetäres Engagementvolumen in einem äquivalenten Geldwert als Ergebnis verkündet. Es ist die Grundlage geschaffen für verschiedenste zukünftige langfristige Engagementpartnerschaften zwischen Unternehmen und Gemeinnützigen – zum Wohle der Beteiligten und des Gemeinwe­sens.

Noch ist in Deutschland ein solches Szenario für die Anbahnung von Kooperationen zwischen Wirtschaftsunternehmen und gemeinnützigen Initiativen sehr ungewöhnlich, denn das gegen­wärtige Zustandekommen von lokalen Partnerschaften ist eher von Zufälligkeiten geprägt. An dem einen Ort ist es ein engagierter Unternehmer, der den Impuls gibt, an einem anderen Ort ist es erst ein gravierender Missstand, der die lokalen Verantwortlichen zu einer konzertierten Aktion zusammenbringt. Dies wurde jüngst auch durch eine Befragung der Bertelsmann Stif­tung indirekt bestätigt, in der zum Ausdruck kam, dass die fehlenden Kenntnisse über effekti­ves Management von gesellschaftlichem Engagement für etwa jedes fünfte Unternehmen ein Hindernis darstellen aktiv zu werden.[1] Dies alles mündet in das böse Wort, dass viele lokale Bündnisse zwar „gut gemeint", aber nicht „gut gemacht" seien. Wir benötigen demnach gute Rahmenbedingungen für gesellschaftlichen Austausch, insbesondere Gelegenheiten zum Zu­sammentreffen und ein effizientes Projektmanagement, die den Nährboden für den flächende­ckenden Erhalt und den robusten Ausbau gemeinsam übernommener Verantwortung schaffen.

Getragen von der Idee, dass solche Partnerschaften in Deutschland keine Alternative zu sozial­staatlichen Leistungsangeboten darstellen, aber eine unverzichtbare Ergänzung sind, wenn wir alle gesellschaftlichen Möglichkeiten für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft nutzen wollen, will das Projekt „Corporate Social Responsibility" (CSR) mit der Übertragung der in den Niederlanden mit viel Erfolg durchgeführten Marktplatz-Methode[2] zeigen, wie in Deutsch­land Impulse zu einem Aufbau sozialen Kapitals gewinnbringend gesetzt werden können.

Der Charme der Methode, die die Bertelsmann Stiftung mit dem Motto „Gute Geschäfte"[3] verse­hen hat, besteht darin, dass den Formen und Inhalten des vereinbarten Engagements keine Grenzen gesetzt werden. Unternehmen können mit Sachleistungen (Räumlichkeiten, Fahrzeu­gen, Werkzeugen etc.), mit Personalzeit (unentgeltlicher Einsatz von Mitarbeitern) und mit ihrer Kompetenz (unentgeltliche fachliche Dienstleistungen) Unterstützung liefern. Alles ist möglich mit der einen Ausnahme, dass Geld tabu ist. Es geht nicht um Spenden und Sponso­ring, sondern um - bislang - ungewöhliche Konstellationen zur Lösung konkreter gesellschaft­licher Angelegenheiten im lokalen Umfeld.

marktplatz-methode-2Dabei handelt es sich bei den ausgehandelten Arrangements nicht um „Einbahnstrassen". Es ergeben sich vielmehr „Win-Win-Situationen", weil auch die Non-for-Profit-Organisationen den Unternehmen interessante Offerten machen können. So unterschiedlich diese Angebote auch sein können, sie fußen letztlich auf der Vorstellung,  dass die angestrebte gemeinschaftli­che Arbeit für Menschen aus der Firmenwelt von großem Nutzen ist. Die neuen Kooperations­erfahrungen bringen sie in ihren Arbeitsalltag zurück, sie erweitern ihren Horizont, schärfen ihr gesellschaftliches Bewußtsein und ihre Fähigkeit, mit zwischenmenschenlichen Situationen differenzierter umzugehen.

Einige praktische Erfahrungen aus den Niederlanden zeigen die Bandbreite der Kooperations­möglichkeiten und die erzielten Win-Win-Situationen:

  • Der lokale Erste-Hilfe-Club sucht Trainingsräume. Ein Unternehmen stellt für diesen Zweck Räume zur Verfügung. Dafür erhalten drei seiner Mitarbeiter unentgeltlich ein Erste-Hilfe-Training.
  • Ein Sportverein will einen neuen Umkleideraum bauen und findet einen Architekt, der die Planung übernimmt und ein Unternehmen, das (überzähliges) Baumaterial zur Ver­fügung stellt sowie ein Team von Mitarbeitern, die einen halben Arbeitstag für die Bau­arbeiten spenden. Im Gegenzug wird von dem Verein ein Sommersportfest für ver­schiedene Unternehmen organisiert.
  • Ein Unternehmen, das seine PCs gegen Neue austauscht, spendet seine nicht mehr benö­tigten Computer einem Nachbarschaftszentrum, das diese noch gut verwenden kann.
  • Eine Schule erhält Unterstützung bei der Suche nach Praktikumsplätzen für ihre Schüler durch eine Zeitarbeitsfirma, die hierdurch neue Kontakte zu Unternehmen knüpfen kann.
  • Eine Kommunikationsagentur hilft einer Patientenorganisation bei der Neugestaltung ih­res Mitgliedermagazins.
  • Ein Sportverein mit finanziellen Problemen findet einen Schatzmeister, der ihnen bei der Organisation ihrer Buchführung hilft. Dies gibt dem jungen Buchhalter erste exzel­lente Praxiserfahrungen.

Der Beitrag der Bertelsmann Stiftung

Die Erfahrung lehrt, dass Eins zu Eins - Übersetzungen solcher Konzepte und Methoden ohne Berücksichtigung der gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Unterschiede nicht unbedingt fruchtbare Ergebnisse bringen. Daher wird die Marktplatz-Methode in Deutschland im Herbst 2006 mit drei Pilotprojekten erprobt und evaluiert. Die Pilotprojektträger erhalten für ihr Vorhaben eine fundierte fachliche Hilfestellung in der Öffentlichkeitsarbeit sowie Unter­stützung bei der Gewinnung von Akteuren aus der Wirtschaft.

Auf dieser Erfahrungsgrundlage wird dann im Frühjahr 2007 interessierten Gemeinwohlorga­nisationen, Kommunen und Unternehmen das Know-how in Form eines für Deutschland pas­senden Leitfadens für die Gestaltung von solchen Veranstaltungen zur Verfügung gestellt, so dass bald zahlreiche solcher Marktplätze organisiert werden können.

marktplatz-methode-3Die Bertelsmann Stiftung setzt bei der Übertragung auf die Entwicklung von Kompetenzen und auf Vernetzung:

  • Sie will die lokalen Akteure in den Stand versetzen solche Marktplätze eigenständig und erfolgreich umzusetzen. Dazu dient das umfangreiche Material, das neben der Pub­likation auch aus einer DVD-Produktion und weiteren Informationen besteht. Sie ma­chen die Idee „Marktplatz" plastisch und praktikabel.
  • Sie kommuniziert die Methode bundesweit als effektive Form der Anbahnung von neuen sozialen Partnerschaften.
  • Die Bertelsmann Stiftung kooperiert auf der regionalen und der Bundesebene mit Part­nern aus der Wirtschaft und der Politik, die diesen Handlungsansatz unterstützen wollen und sowohl bei der örtlichen als auch der überregionalen Kontaktanbahnung zu Interes­senten aus Politik, Wirtschaft und Wohlfahrt unterstützend tätig werden wollen.
  • Die Bertelsmann Stiftung verbindet diejenigen Akteure, die sich unter dem Kennzei­chen „Gute Geschäfte" versammeln wollen und entwickelt die Methode mit ihnen mit Sinne der Ausformung einer „Marke" weiter – ohne dass die Stiftung dabei einen Alleinvertretungsanspruch für Marktplätze reklamiert. Jeder ist berufen, auf eigene Initia­tive „Gute Geschäfte" unter kreativen Namensfindungen zu veranstalten. Wir sind aber der Überzeugung, dass eine Beteiligung unter dem Schirm „Gute Geschäfte" gewähr­leistet, zielstrebig die Ausbreitung gestalten zu können.

Wie kann man einen Marktplatz organisieren?

Die Bertelsmann Stiftung favorisiert kein bestimmtes Geschäftsmodell, wer die Initiative zur Vorbereitung und Gestaltung von Marktplätzen übernehmen sollte. Dies können viele gesellschaftliche Akteure sein: Sowohl Wohlfahrtsverbände und kommunale Anlaufstellen für Bürgerschaftliches Engagement als auch einzelne Vereine, Mittlerorganisationen wie Freiwilligenagenturen, Agenda-21-Büros, Quartiersmanagement-Agenturen und Bürgerstiftungen, aber auch Handelskammern, Unternehmen, Serviceclubs (Rotarier etc.) und andere Akteure aus der Wirtschaftswelt sind berufen. Unerläßlich für den Erfolg eines Marktplatzes ist es allerdings, dass diese Initiative von Anfang an durch eine verbindliche Kooperation mit unterschiedlichen Akteuren aus Wirtschaft, Kom­munen und Gemeinwohlorganisationen geprägt ist. Diese Notwendigkeit hat ihre Ursache in zwei elementaren Erfahrungen des Projektmanagements von „guten Geschäften":

  • Nur eine zwei- oder dreisektorale Zusammenarbeit in einer festen Projektgruppe gewähr­leistet die Berücksichtung der jeweiligen besonderen Interessen, die auf einem Marktplatz zusammen kommen.
  • Die Gewinnung von Marktplatzteilnehmern hat dann am meisten Erfolg, wenn man sie persönlich anspricht. Eine Ansprache gelingt am besten aus der eigenen sozialen Um­welt heraus. Deswegen: Unternehmer werben Unternehmen und Gemeinnützige werben Gemeinnützige.

marktplatz-methode-3bIm weiteren Verlauf der Organisation gewährleisten folgende Faktoren den Fortschritt des Vorhabens:

  • Botschafter: Wichtige Multiplikatoren aus dem lokalen Umfeld werben im Vorlauf zum eigentlichen Ereignis mit ihrem Renommee für die Veranstaltung.
  • Infoveranstaltungen: Die Projektgruppe informiert bei verschiedenen Gelegenheiten Inte­ressierte aus Wirtschaft, Kommune und Vereinen.
  • Workshops: Potenziell interessierte Unternehmen und Gemeinwohlorganisationen neh­men an Workshops teil, in denen sie auf die wesentlichen Erfolgsfaktoren für eine ge­lingende Anbahnung von Kooperationen aufmerksam gemacht werden.

Der Nutzen von „Guten Geschäften"

Das Motto „Gute Geschäfte" soll deutlich machen, dass für alle Beteiligten die Mitwirkung an einem Marktplatz mit einem Gewinn verbunden ist. Zum Abschluß sei mit Spiegelstrichen auf den vielfältigen Nutzen verwiesen, der bei einer Beteiligung für die Akteure herausspringen kann.

Welches wohlverstandene Eigeninteresse können Unternehmen verfolgen, wenn sie sich an einem Marktplatz beteiligen? Sie können

  • für sich eine passgenaue Zusammenarbeit mit Gemeinwohlorganisationen entwickeln
  • sich ohne großen Zeitaufwand einen Überblick über die lokale Bürgergesellschaft ver­schaffen
  • ohne Geldeinsatz in die Entwicklung des Gemeinwesens investieren
  • Ihren Mitarbeitern in Kooperationsprojekten ungewöhnliche Erfahrungen anbieten und damit die Mitarbeiterzufriedenheit und –bindung steigern und somit Personalentwicklung betreiben
  • mit einer Kooperation eine ungewöhnliche Form von Öffentlichkeitsarbeit gestalten und sich als „gutes Unternehmen" darstellen
  • auf einem Marktplatz mit ähnlich innovativen Unternehmen zusammen kommen
  • über ihr Engagement ein Alleinstellungsmerkmal entwickeln
  • ihre Kompetenzen in anderen Themenfeldern ausprobieren
  • gegebenenfalls neue Kunden finden
  • von Gemeinnützigen und Kommunen lernen

Welche Vorteile hat die Anbahnung neuer sozialer Partnerschaften für Gemeinnützige? Sie können

  • über Kooperationen zusätzliche Ressourcen gewinnen, die Ihnen ermöglichen, besser ihre Ziele zu erreichen
  • Kontakte zu Unternehmen aufbauen
  • Kontakte zu anderen innovativen Gemeinwohlorganisationen aufbauen und vertiefen
  • ihre besonderen Kompetenzen und Fähigkeiten darstellen
  • den Mehrwert präsentieren, den ihr soziales Unternehmen für das Gemeinwesen leistet
  • Public Relation für ihr soziales Anliegen betreiben
  • über ihr Engagement ein Alleinstellungsmerkmal entwickeln
  • das Selbstbewußtsein ihrer Organisation steigern
  • von staatlichen Leistungen unabhängiger werden
  • mit einer Kooperation eine ungewöhnliche Form von Öffentlichkeitsarbeit gestalten
  • von Unternehmen und Kommunen lernen

marktplatz-methode-4Welche Strategieziele können Kommunen verfolgen, wenn Sie sich aktiv in die Vorbereitung von "guten Geschäften" einbringen? Sie können

  • aktuelle Bedarfe in Teilbereichen der sozialen und kulturellen Daseinsfürsorge eruieren
  • sich einen Überblick über die Aktivitäten der lokalen Bürgergesellschaft verschaffen und sie mit gestalten
  • effektiv und zielgerichet Kosten einsparen
  • innovative Unternehmen und Gemeinwohlorganisationen kennenlernen
  • eine sozial-innovative Atmosphäre im Gemeinwesen mit gestalten
  • ungewöhnliche Modelle der Erbringung sozialstaatlicher Leistungen kennen lernen und mit entwickeln
  • sich ebenfalls über ihre Mitarbeiter an Kooperationen mit Gemeinnützigen beteiligen (Stichwort: freiwilliges Mitarbeiterengagement)
  • eine ungewöhnliche Form von Öffentlichkeitsarbeit für sich gestalten
  • von Unternehmen und Gemeinnützigen lernen

Fußnoten:

[1] Bertelsmann Stiftung (Hg.) (2006). Die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen. Detailauswertung. Dokumentiaton einer Unternehmensbefragung

[2] Mehr Informationen unter www.beursvloer.com. Übersetzt heißt „Beursvloer" Börsenparkett.

[3] Mehr Informationen unter www.gute-geschaefte.org