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Gehen Sie baden! Öffentliche Bäder in Bürgerhand

Geschrieben von Andreas Roters am .

Kontakt:

Andreas Roters, Geschäftsführer Städte-Netzwerk NRW, Nicolaistr. 3, 59423 Unna, Tel: (02303) 969311, Internet: www.netzwerk.nrw.de, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Allein in Nordrhein-Westfalen gibt es über 50 Vereins- und Bürgerbäder. Inzwischen verändert die Alternative zur Schließung sogar ein wenig die Freibad-Kultur - die alte 'Badeanstalt' öffnet jetzt auch nachts!

Wer das Elsebad der Ruhrgebiets-Stadt Schwerte-Villigst betritt, wird schnell entdecken, dass es sich hier nicht um ein "normales" Freibad handelt. Das sonst übliche pflegeleichte Friedhofsgrün städtischer Bäder ist einer Vielfalt an heimischen Pflanzen gewichen. Das wurde möglich, weil viele Besucher Ableger von Zuhause mitbrachten. Was vor sechs Jahren aus Geldmangel organisiert wurde, trägt heute zum Eindruck bei, sich an einem besonderen Ort zu befinden. Dieser Eindruck entsteht auch durch lustige Figuren, die auf Hausdächern, in Büschen und am Beckenrand zu entdecken sind. Engagement ist ansteckend. Die Identifikation der Bürgerlnnen mit ihrem Bad hat auch Vereine und Initiativen "infiziert": Sie stellten im Elsebad bunte Figuren auf und steckten Beachvolleyball-Felder ab, veranstalteten Mitternachtsfeten oder Cinema-Nächte und sogar ein Museumsdorf mit Geschichtswerkstatt.


Vor der Eröffnung stand die Schließung

Begonnen hatte alles mit der Schließung des städtischen Bades. Ein Bürgerbegehren wurde mit Erfolg initiiert. Der Erfolg bestand aber nicht nur darin, dass sich eine deutliche Mehrheit für den Erhalt des Bades aussprach, sondern sich viele Menschen langfristig dafür mobilisieren ließen. Denn der Betrieb des Freibades war nur zu sichern, wenn sich viele dauerhaft engagieren. Sechs Jahre nach der Wiederaufnahme des Betriebs kann von einer eindrucksvollen Erfolgsstory gesprochen werden. Auch weiterhin werden die meisten Arbeiten im Bad vom unbezahlten Engagement getragen. Stetig wachsende Besucherzahlen - in diesem Sommer waren es über 130.000 Badegäste - tragen auch zu einem beachtlichen wirtschaftlichen Erfolg bei. Statt ca. 400.000 Euro jährlicher Betriebskosten in vergleichbaren städtischen Bädern zahlt die Stadt Schwerte seit Jahren nur einen Zuschuss von 50.000 Euro. Dabei beschäftigt das Elsebad zwei hauptamtliche Schwimmmeister und trägt auch die Unterhaltung der eigenen Gebäude.

Schwimmbecken und Freiflächen vermitteln keinesfalls den Eindruck finanzieller Not. Die Eintrittspreise halten dem Vergleich mit städtisch Bädern stand: Erwachsene zahlen drei Euro, Kinder die Hälfte. Die Jahreskarte kostet 46 bzw. 28 Euro.

Nicht nur in Zeiten knapper öffentlicher Kassen sind Vereins- und Bürgerbäder ein interessantes Thema für Bürger und Kommune. Mittlerweile gibt es mehr als 50 Bäder - zumeist Freibäder in NRW. Ihre Attraktivität erklärt sich aus einem Mix aus Bürgerengagement und " Unternehmens-Lust". Das wird an der Gestaltung der Einnahmen und Ausgaben deutlich, lässt sich aber z. B. auch an den Öffnungszeiten beobachten. Sie sind zumeist umfangreicher und flexibler. So muss man in warmen Sommernächten nicht mehr über den Zaun klettern, sondern wird zum Mondschein-schwimmen mit Musik und Lichtinspirationen ins Bürgerbad eingeladen.


Tipps vom Städte-Netzwerk

Das Städte-Netzwerk NRW unterstützt Vereins- und Bürgerbäder ebenso wie Städte und Initiativen, die die Übertragung eines städtischen Bades in Erwägung ziehen. Es bündelt das Erfahrungswissen der bestehenden Bäder und organisiert den systematischen Erfahrsaustausch. Mussten die ersten Bürgerbäder ins 'kalte Wasser' springen und viele oft schmerzhafte Erfahrungen machen, um ein öffentliches Bad vor der Schließung zu retten, können heute alle Beteiligten von den gemachten Erfahrungen profitieren. Neben dem Erfahrungsaustausch berät das Städte-Netzwerk NRW Kommunen und Initiativen auch vor Ort bei der Umorganisation ihres Bades.


Klimawandel

Heute zeichnet sich eine neue Generation von Vereins- und Bürgerbädern ab. Bisher musste der Erhalt der meisten Bäder - wie in Schwerte - konfliktreich gegen den Willen von Kommunalpolitik und -verwaltung erkämpft werden. Nun erkennen immer mehr Kommunen die Bürgerbäder als Chance. Das ist sicher in Verbindung mit der möglichen Einsparung öffentlicher Mittel zu sehen. Unverkennbar kommen aber immer mehr Kommunen ebenfalls zu der Erkenntnis, dass die Übertragung der Bäder zu mehr Qualität und zu einer neuen Form der Beteiligung der Bürgerlnnen an der Gestaltung ihrer Stadt beiträgt.

Für uns wird dieser Wandel an dem veränderten Klima bei Verhandlungen zwischen Kommunen und möglichen zukünftigen Betreibern durch engagierte Bürgerlnnen deutlich. Auch die Formen der vertraglichen Zusammenarbeit ändern sich. Danach besteht aus Sicht der Kommunen das beste Ergebnis einer vertraglichen Übertragung nicht darin, möglichst viel Geld einzusparen. Vielmehr zeichnet sich ab, dass den Kommunen ein qualitätsvoller und nachhaltig gesicherter Betrieb zunehmend wichtiger ist - eine ebenso erfreuliche wie unspektakuläre Entwicklung, die vielleicht auf ein neues Verhältnis von Staat und Gesellschaft hindeutet.


Mehr Infos

zum Elsebad gibt es unter www.elsebad-schwerte.de