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KiezAktivKasse

Geschrieben von Markus Runge am .

Kontakt:

Markus Runge, Nachbarschaftshaus Urbanstraße e.V. (Berlin - Kreuzberg), Urbanstr. 21, 10961 Berlin, Tel.: 030 / 690497-21, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Die "KiezAktivKassen" sind ein Projekt der Jugend- und Familienstiftung des Landes Berlin gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung (während der zwölfmonatigen Startphase) und dem Verband für sozial-kulturelle Arbeit, Landesverband Berlin


Auf einer "Gemeinsinn-Werkstatt" der Bertelsmann-Stiftung im Jahr 2001, an der unter anderem auch Mitarbeiter der Jugend- und Familienstiftung des Landes Berlin teilnahmen, wurde die Idee der "Youth Bank UK" vorgestellt: Jugendliche verwalten in dieser "Youth Bank" ein Budget ihrer Kommune. Sie selbst entscheiden, welche Projekte verwirklicht werden sollen und begleiten ihre Umsetzung. Die Jugend- und Familienstiftung des Landes Berlin hat an dieser Idee Gefallen gefunden. Mit dem Blick auf Familie und Stadtteil sowie Überlegungen zur Übertragbarkeit der Idee auf eine erweiterte Zielgruppe gab es Gespräche der Stiftung mit dem Verband für sozial-kulturelle Arbeit - Landesverband Berlin, dem Dachverband der Nachbarschaftseinrichtungen in Berlin.
Bei einem Startworkshop im Juni 2003, an dem zahlreiche Nachbarschaftseinrichtungen teilnahmen, wurden die Vorüberlegungen der Jugend- und Familienstiftung mit den Erfahrungen, Einschätzungen und Ideen der MitarbeiterInnen von Nachbarschaftseinrichtungen verbunden. Was ist leistbar, denkbar und gewünscht von Seiten dieser? Was könnte die Zielrichtung solcher Kassen aus ihrem Erfahrungshintergrund heraus sein?
In einer anschließenden Bewerbungsphase konnten sich Nachbarschaftseinrichtungen für die Organisation einer Pilotphase bewerben. Das Nachbarschaftshaus Urbanstraße e.V. war schließlich eine der fünf ausgewählten Organisationen. Durch unsere jahrelange gemeinwesenorientierte Arbeit hatten wir zahlreiche Zugänge und Einblicke sowie Kenntnisse über Problemlagen und Bedarfe im Stadtteil. Nach unserer Erfahrung gibt es von Seiten der BewohnerInnen viele Ideen für ein besseres Zusammenleben im Kiez und die Förderung einzelner Zielgruppen (z.B. Kinder, Frauen). Fehlende finanzielle Möglichkeiten verhinderten oder erschwerten jedoch oft die Umsetzung.
Die Idee der Stiftung ist folgende: Nachbarschaftseinrichtungen mit ihrer Kenntnis der Stadtteile, der Probleme und Bedürfnisse aber auch mit ihren Zugängen in den Stadtteil hinein – zu BewohnerInnen, Gewerbetreibenden, Organisationen und Netzwerken - werden sogenannte Gastgeber einer KiezAktivKasse. Ziele der KiezAktivKasse sind die Unterstützung lokaler gemeinwesenorientierter Aktivitäten, die Förderung des Zusammenlebens der Generationen und der Familienfreundlichkeit sowie die Unterstützung bürgerschaftlichen Engagements im Stadtteil.
Die gastgebenden Einrichtungen haben bei der Organisation ihrer KiezAktivKasse verschiedene Aufgaben. Sie sollen Räume bereitstellen, ein Postfach und ein Bankkonto. Sie dienen als Ansprechpartner für Kontakt und Beratung. In der Phase des Aufbaus der KiezAktivKasse organisieren sie die persönliche Ansprache, die Information über das Projekt, die Aktivierung und Jurybildung. Beraten sollen sie bezüglich möglicher Kooperationen sowie in Konfliktfällen vermitteln. Sie unterstützen die Vernetzung sowie die Öffentlichkeitsarbeit, machen Fundraising für das Projekt sowie die Dokumentation des Projektverlaufes.
Das Nachbarschaftshaus Urbanstraße e.V. versteht sich als Dienstleister der KiezAktivKasse Kreuzberg. Jedoch arbeiten die gastgebenden Einrichtungen in Berlin ganz unterschiedlich nah und intensiv mit ihren KiezAktivKassen.
Nach einer ersten Bewerbungsrunde wurden 2003 insgesamt 5 KiezAktivKassen gegründet. Dabei suchte die Stiftung sehr unterschiedliche Nachbarschaftseinrichtungen (bezogen auf Größe und Standort innerhalb des Stadtgebietes) als gastgebende Einrichtungen unter den Bewerbern aus. 2005 kamen noch einmal weitere drei Einrichtungen hinzu.
Jede Kasse wird von der Stiftung mit 5000 € gefüllt. Vorgabe der Stiftung ist, dass die maximale Förderung pro Projektantrag 750 € nicht überschreiten darf. Folgender Tatbestand ist besonders erwähnenswert: Es gibt bis heute keinen Stichtag der Abrechnung. Das heißt, dass diese 2003 jeder KiezAktivKasse zur Verfügung gestellten 5000 € bis heute nicht ausgegeben sein müssen. Und es gibt tatsächlich Projekte, die seit Ende 2003 oder Anfang 2004 laufen, aber dadurch, dass sie freiwillig/ehrenamtlich umgesetzt werden, nicht abgeschlossen sind und damit ihr bewilligtes Geld auch noch nicht ausgegeben haben. Das hat zum Teil mit Verzögerungen, zum Teil mit langen Zeiträumen der Projektumsetzung zu tun. Damit kann die KiezAktivKasse ProjektvertreterInnen zusichern, dass sie ihr Geld – anders als oft üblich - nicht bis zum Jahresende ausgegeben haben müssen.
Die Stiftung formuliert als wünschenswert eine Vergrößerung der Mittel der KiezAktivKasse durch Fundraising und Spenden. Diese Erwartung haben bisher nur wenige KiezAktivKassen erfüllt. Ein Beispiel dafür ist die Spende einer Hauseigentümerin anlässlich ihres runden Geburtstags. Eher kommt es vor, dass durch das vorhandene Startgeld zusätzliche Gelder eingeworben werden.
Für die Gastgeberaufgaben erhalten die Nachbarschaftseinrichtungen einmalig 300 €. Darin eingeschlossen sind Kontogebühren, Kopierkosten, Raumnutzung, Begleitung der KiezAktivKasse, etc. Ein kritikwürdiger Punkt, wenn damit auch der Anspruch an die Nachbarschaftseinrichtungen verbunden wird, noch zusätzliche Gelder einzuwerben. Oder sind es die Akteure im Stadtteil oder in der Jury, die das Fundraising für die KiezAktivKasse tatsächlich langfristig realisieren sollen und können? Benötigen sie nicht in jedem Fall die Unterstützung durch die gastgebenden Nachbarschaftseinrichtungen? Der beträchtliche Gewinn der Nachbarschaftseinrichtungen mit dem Projekt KiezAktivKasse wird damit keineswegs in Frage gestellt, sondern weiter unten ausgeführt.
Das Projekt KiezAktivKasse zeigt seine Wirkungen in vier verschiedene Richtungen. Der Focus der Förderung bürgerschaftlichen Engagements betrifft dabei nicht nur den Stadtteil und seine BewohnerInnen sondern auch die Mitglieder der Jury. Wirkungen zeigt das Projekt auch auf die Nachbarschaftseinrichtungen und die Stiftung selbst. Bei der folgenden Betrachtung werden einzelne Aspekte angesprochen, jedoch kein vollständiges Bild der Wirkungen gezeichnet.
Der Ansatz KiezAktivKasse ist zunächst unter dem Blickwinkel interessant, dass engagierte Menschen hier Geld erhalten, welches sie selbst verwalten und für Projekte in ihrem Stadtteil freigeben. Die Stiftung benennt damit Vertrauen und ein hohes Maß an Gestaltungsfreiheit als förderliche Kriterien für Bürgerschaftliches Engagement.
Wie bildet sich die Jury und was verändert sich durch das Engagement in der Jury? Das Vorgehen bei der Jurybildung war von der Stiftung nicht vorgegeben. Nur einen Wunsch gab es, dass die Jury möglichst den Querschnitt der Bevölkerung im Stadtteil abbildet. So gab es in den Nachbarschaftseinrichtungen auch ganz unterschiedliche Prozesse. Manche machten öffentliche Aushänge, warben um Menschen, die Interesse und Zeit hätten, in solch einer Jury mitzuarbeiten. Das waren Prozesse, die längere Zeit brauchten, aber durchaus zu interessanten Zusammensetzungen der Jury führten. Das Nachbarschaftshaus Urbanstraße entschied sich für ein anderes Vorgehen. Durch die zahlreichen Zugänge zu Menschen und Netzwerken im Stadtteil wurden gezielt einzelne Menschen angesprochen:

  • ein Kneipier, zugleich Familienvater und Mitglied einer Kiezinitiative
  • ein Hauseigentümer
  • eine Frau aus dem Förderverein einer Grundschule, zugleich eine Frau mit Migrationshintergrund und Mutter
  • ein Handwerker
  • eine Bewohnerin mit Migrationshintergrund, engagiert in einer arabischen Frauengruppe
  • eine Bewohnerin, die sich in einem Stadtteilfest engagierte
  • eine Mitarbeiterin einer Kirchengemeinde, die sehr stadtteilorientiert arbeitet
  • eine Anwohnerin, die in einem Stadtteilzentrum engagiert mitarbeitete, zugleich Mutter.

Wir bekamen ein positives Echo und diese acht Personen erklärten sich bereit, mitzuarbeiten. In einem ersten Treffen gab es die Möglichkeit, sich untereinander kennenzulernen und auszutauschen, erste Überlegungen anzustellen, wie die KiezAktivKasse arbeiten könnte. Methoden der Öffentlichkeitsarbeit wurden besprochen, ein Antragsformular entwickelt und abgestimmt, die Rolle des Nachbarschaftshauses geklärt. Jurytreffen werden nach Bedarf verabredet. Andere KiezAktivKassen treffen sich ganz fest jeden Monat an einem bestimmten Tag und Ort.
Die wenigen Förderkriterien, die die Stiftung vorgegeben hatte, wurden im wesentlichen angenommen (z.B. die Stimmenthaltung als Jurymitglied bei eigener Antragstellung). Eine schöne Idee aus anderen Jurys ist die Verabredung von Projektpatenschaften. Das heißt, ein Jurymitglied ist zuständig für ein Projekt, begleitet, berät, evaluiert, etc.
Interessant sind zwei Wirkungen der Mitarbeit der Jurymitglieder: Einerseits formulieren sie selbst, dass sich ihr Blick auf den Stadtteil verändert. Sie machen sich kundig über ihren Stadtteil, gehen bewusster durch ihren Stadtteil. Andererseits ist eine durchaus kritische Beurteilung der Projektanträge besonders der beantragten Geldhöhen festzustellen. Spürbar ist eine hohe Ernsthaftigkeit in der Vergabe der Projektgelder.
Die KiezAktivKasse ist auch unter dem Aspekt interessant, dass sie viele kleine Projekte im Stadtteil ermöglicht. In Kreuzberg sind es vor allem Projekte aus dem Bereich Kultur oder mit Stadtteilbezug. Teilweise sind es Projektideen, die schon länger im Raum stehen, aber für die es bisher keine Umsetzungsmöglichkeit oder Ansätze dazu gab. Das kleine Startgeld erweist sich als Impulsgeber, ein Projekt tatsächlich anzugehen. Mit einem unkomplizierten Antragsverfahren (zweiseitiges Antragsformular) gelingt es, die Realisierung einer Idee in die Möglichkeit des Wahrscheinlichen zu stellen. Da ist leicht Geld greifbar, was offensichtlich Menschen positiv bewegt, loszulegen. Ein Beispiel dazu ist das Thema Verkehrsberuhigung. Mit einer Zusage von der KiezAktivKasse Kreuzberg wurden BewohnerInnen aktiv, sich für die Durchsetzung von Verkehrsberuhigung in ihrem Stadtteil einzusetzen. Nach einer Versammlung von BewohnerInnen und Verwaltung mit der Zusage der Verwaltung zu einem Modellversuch "Bodenschwellen" sammelten die BewohnerInnen fast 2000 € Spenden. Im Gegenzug sorgte die Verwaltung für eine kostenlose Anbringung. Inzwischen ist das Projekt sogar auf weitere Stadtteile innerhalb des Bezirkes ausgeweitet worden, teilweise erneut mit hohem bürgerschaftlichen Engagement.
Die KiezAktivKasse ist zugleich auch so etwas wie ein Versuchslabor. Ein Theaterpädagoge aus Kreuzberg hatte die Idee eines Kieztheaters, um in einer anderen Art und Weise die Kommunikation im Stadtteil anzuregen. Das Kieztheater mischt sich mit Mitteln des Forumtheaters in das Stadtleben in Kreuzberg ein. Es bezieht das Publikum in die Performance mit ein und bietet die Möglichkeit im und mit dem Theater die eigene Kiezwirklichkeit zu reflektieren und in diese einzugreifen. In einem Wochenendworkshop und einer anschließenden Aufführung auf einem Stadtteilfest wurde diese Form der Kommunikation ausprobiert. Dabei gab es viele positive Rückmeldungen. Inzwischen hat das Projekt eine einjährige Finanzierung durch die Jugend- und Familienstiftung erhalten.
Was bringt das Projekt KiezAktivKasse einem Nachbarschaftshaus bzw. einem Stadtteilzentrum? Neben der Förderung des Bekanntheitsgrades und des Images der Nachbarschaftseinrichtung wird über das Projekt zusätzliches Potential im Stadtteil geweckt. Die KiezAktivKasse entspricht dem Verständnis von Nachbarschaftsarbeit des Nachbarschaftshauses Urbanstraße e.V. in zweierlei Hinsicht in besonderem Maße. Der Ansatz, Ideen von BewohnerInnen des Stadtteils aufzugreifen und zu unterstützen, wird durch die KiezAktivKasse besonders gefördert. Das oben erwähnte Kieztheater kann dazu als Beispiel dienen. Das über die KiezAktivKasse geförderte Projekt mit dem Ziel der Förderung der Kommunikation im Stadtteil bekam so viel positive Resonanz im Stadtteil, dass wir uns mit dem Theaterpädagogen über eine mögliche Fortsetzung des Theaters zusammensetzten und das Nachbarschaftshaus inzwischen selbst Träger eines einjährig geförderten Projektes "Kieztheater Kreuzberg" ist. Der Ansatz, mit Projekten im Stadtteil zu kooperieren, wird durch die KiezAktivKasse ebenso gefördert. Zugänge zu Initiativen und Organisationen werden eröffnet, zu denen über die KiezAktivKasse hinaus Kooperationen aufgebaut werden können.
Nicht unerwähnt bleiben sollen die Wirkungen dieses Projektes auf die Arbeit der Stiftung. Neben der anerkennenden Zuschreibung der KiezAktivKasse als innovatives Projekt und der damit verbundenen Imageförderung der Jugend- und Familienstiftung des Landes Berlin erhält die Stiftung über das Projekt die Möglichkeit, zahlreiche Einblicke in Bedarfe und Entwicklungen in der Stadt zu nehmen. Was braucht es in den unterschiedlichen Stadtteilen, welche Projekte werden positiv beschieden, mit welchen Argumentationen werden Gelder bewilligt? Die Chance, in solche Zusammenhänge hinein zu schauen, bietet der Stiftung die Möglichkeit, ihr Profil für die reellen Anliegen, bezogen auf Jugend und Familie in der Stadt, zu schärfen!
Die Frage der Nachhaltigkeit des Projektes KiezAktivKassen lässt sich unterschiedlich beantworten: Mit Sicherheit sind einige realisierte Projekte tatsächlich nachhaltig in ihrer Wirkung, in ihrem Impuls für den Stadtteil und die Menschen, die dort leben. Das ist bereits als Erfolg zu bewerten.
Wenn das Projekt KiezAktivKasse jedoch insgesamt nachhaltig werden soll, dann müsste der Focus der Stiftung gemeinsam mit den Nachbarschaftseinrichtungen und den Jurys stärker dahin geleitet werden, wie ein wiederholtes Auffüllen der Kasse aus dem Stadtteil heraus gelingen kann. Dafür braucht es im Stadtteil eine stärkere Wahrnehmung für diese Idee und eine Unterstützung dieser – auch monetär. Eine mögliche Vision ist folgende: Gewerbetreibende, Bewohner, Hauseigentümer und Projekte im Stadtteil finanzieren sich ihre KiezAktivKasse selbst, weil sie die Einsicht in die Notwendigkeit dieses Ansatzes erkannt haben, weil das Projekt tatsächlich auf breiter Ebene Wirkung und Akzeptanz zeigt. Der Weg bis dahin ist noch ein längerer.
Interessant sind gerade in diesem Zusammenhang die Werkstätten, die die Stiftung in regelmäßigen Abständen gemeinsam mit allen KiezAktivKassen (VertreterInnen der Nachbarschaftseinrichtungen, der Jurys und geförderter Projekte) durchführt und in denen solche Überlegungen auch bereits mit der Stiftung besprochen werden. Eine Offenheit der Stiftung ist spürbar, solche Belange in ihre Überlegungen stärker mit einzubeziehen.

Abschließend noch ein paar Zahlen zur KiezAktivKasse:

Programmumfang für Berlin:

  • zu Beginn ca. 32.000 €
  • in 2005 ca. 39.000 €
  • Durchschnittlich Fördersumme pro Projekt: 421 € (Stand 12/2004)

KiezAktivKasse Kreuzberg 2003 - 2005

  • 8500 €
  • 25 Anträge
  • 16 Bewilligungen
  • Durchschnittliche Fördersumme: 428 €

Weitere Informationen: