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Stadtteilentwicklung und Bürgergesellschaft (Thesen)

Geschrieben von Konrad Hummel am .

Kontakt:

Dr. Konrad Hummel, Sozial- und Jugendreferent der Stadt Augsburg, Maximilianstraße 4, 86150 Augsburg, Tel.: 0821/324-2107, Fax: 0821/324-3044, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


  1. Der zivilgesellschaftliche Doppelauftrag des Quartiersmanagers (oder Profis der Stadtteilentwicklung) besteht darin, die Betroffenen zu stärken (Mandatsarbeit/Anwalt/Empowerment) und ggfs. auch mit und gegen sie dem Gemeinwohl eine Stimme zu geben (ausgehend davon, dass wir in einer Konkurrenzgesellschaft leben und gegen jedes Einzelinteresse sich Entgegengesetzte finden lassen).
    Der Leitgedanke von Quartiersmanagement ist nicht der ambivalente Sozialstaat, wie er derzeit vorherrscht. Ein Sozialstaat, den wir beschwören mehr Geld für Brennpunkte etc. auszugeben und den wir gleichzeitig scharf kritisieren, weil er u. E. dies halbherzig tut und ständig neue Brennpunkte hervorruft.
    Nachhaltig ist der Arbeitsansatz, wenn sich das soziale Produkt der Arbeit (z. B. die Gemeinschafsaktion im Quartier, die Kindergartenquote, Selbst- und Nachbarschaftshilfe) als marktfähig, bedarfsgerecht und entwicklungsoffen darstellt, so dass sich solche Produkte/Aktionen neben den Produkten anderer Träger oder Quartiere als sinnvoll herausstellen. Das muss nicht eine Neugründung autonomer sozialer Dienste sein. Es kann auch die erfolgreiche Integration in größere Vereine sein, allerdings ohne Aufgabe der eigenen ethnischen, quartiersbezogenen Identität.
  2. Die Mobilisierung der Betroffenen ist ein Instrument, ebenso die Bedürfnisorientierung (abholen, wo sie stehen) jedoch nicht das Ziel. Ziel ist, dass sowohl durch die Eigenverantwortung und Eigenaktivität der Betroffenen sie weite Teile ihres Alltags wieder stärker in die Hand nehmen, wozu ihnen die Politik die Tore zu öffnen hat. Bereitstellung von Treffpunkten, Werkstätten, Umbaugelegenheiten, Arbeitsmarktprojekten.
    Zu bewähren haben sich auf dem Platz die Betroffenen. In der Bürgergesellschaft, resp. Bürgerstadt und ihrer Stadtteile. Nachhaltig muss für alle eine Zugewinnsituation entstehen (z. B. durch konsequente Chancenförderung), statt eine reine Umverteilung der Mittel. Es braucht deshalb ein Ringen im Teilprojekt um das WIR, dass was für alle Stadt ausmacht. In vielen Fällen lässt ich dies nicht verbal-abstrakt erklären, sondern nur durch konkrete Praxis. Was können alle beitragen zur Stadt, statt die Frage, wie viel die Stadt für sie tun kann.
  3. In den Stadtteilen muss um die Akzeptanz bei den Betroffenen gerungen werden, sie selbst aber mit den Widersprüchen des Systems konfrontiert werden (weniger Steuern wollen, aber mehr staatl. Leistung fordern; mehr Unterstützung für ethnische Randgruppen fordern, aber nichts für den Deutsch-Unterricht tun) – Anspruch und Wirklichkeit, Teilhabe und Selbstverwaltung müssen in Verbindung zueinander gesetzt werden. Stadtverwaltungen müssen in ihrer Raumentwicklung dafür viel mehr Freiheit geben.
  4. In Augsburg fordern wir in den definierten Sozialräumen alle Berufsgruppen miteinander dazu auf, Einzelfallhilfe und Gemeinwesenarbeit, Fachlichkeit und Bürgerschaftlichkeit gleichwertig zu sehen. Deshalb haben wir ein ideelles Bündnis für Augsburg als Dach geschaffen, um auf allen generationsübergreifenden Feldern Projekte entstehen zu lassen, in denen über Träger, Fachlichkeit und Themen hinweg sozialräumlich Verantwortung organisiert wird. Quartiersmanager sind deshalb nicht nur für und mit Betroffenen tätig, sondern auch für die Inszenierung von Verantwortungsräumen.