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City Bound – Kreative Aktivierungsformen in Stadt und Quartier

Geschrieben von Christian Wustrau am .

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Christian Wustrau, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!; Internet: www.citybound.org

Dipl. Sozialarbeiter und City-Bound Trainer. Nach langjähriger Tätigkeit als Jugendbildungsreferent arbeitet er heute in der Mobilen Jugendarbeit in Gießen. Er ist Mediator, Traumapädagoge (DeGPT) und Lehrbeauftragter an der ev. Hochschule Darmstadt und der Hochschule Fulda. Vom Autor und seiner Kollegin Tanja Klein  ist in diesem Jahr im Klett/Kallmeyer Verlag eine Methodensammlung zu City Bound erschienen: Abenteuer City Bound – Spielideen für soziales Lernen in der Stadt. (ISBN: 978-3-7800-4801-1)

Dieser Beitrag basiert auf einem Workshop des Autors bei der 16. Werkstatt Gemeinwesenarbeit (02.-04. Juni 2014 in Eisenach).


Bereits seit den 50er Jahren halten erlebnispädagogische Methoden Einzug in die Soziale Arbeit und gehören heute, insbesondere im Bereich der Jugend- und Jugendsozialarbeit, zum gängigen pädagogischen Repertoire. Neben den klassischen erfahrungsorientierten Lernkonzepten der Abenteuer- und Erlebnispädagogik (z.B. Klettern, Kanufahren, etc.), die natursportliche Aktivitäten mit herausfordernden Situationen und dem Lernen in der Gruppe (Outward Bound) verbinden, hat sich seit den 60er Jahren auch eine Stadtvariante entwickelt, City Bound. Im Gegensatz zur klassischen Erlebnispädagogik nutzt City Bound die Stadt anstelle der Natur und schafft hier erfahrungsintensive und herausfordernde Situationen, die den Teilnehmern Gelegenheiten bieten, neue Perspektiven wahrzunehmen, kreative Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln und eigene Ressourcen zu entdecken bzw. zu erweitern. Hierzu werden den Teilnehmern meist ungewöhnliche, alltagsfremde Aufgaben gestellt, die sie alleine oder in der Gruppe lösen sollen. Das pädagogische Potential hierbei ist immens: Die Förderung von Orientierung und Mobilität, von Kommunikationsfähigkeit wie auch Selbst- und Fremdwahrnehmung, die Stärkung von Konfliktlösungskompetenz sowie die Entwicklung von Selbstbewusstsein und Teamfähigkeit sind nur einige Schlagwörter, die die pädagogischen Ziele umreißen. City-Bound-Aktionen eignen sich dabei für quasi jede Zielgruppe und viele thematische Schwerpunkte.  Denkbar sind zum Beispiel Themen wie Berufsorientierung, Gruppenfindung oder auch die Erkundung von Lebenswelten, zudem sind sie einfach und kostengünstig umzusetzen. City-Bound-Aufgaben werden nicht nach ihrem Unterhaltungswert ausgewählt, sondern orientieren sich an den Themen und Bedürfnissen der Teilnehmer. Durch ihren ungewöhnlichen und alltagsfremden Charakter fordern City Bound-Aufgaben die Teilnehmer heraus und regen zur eigenverantwortlichen Entwicklung von Lösungsstrategien an. City Bound ermöglicht es, eigene Rollen, Muster und Gewohnheiten aus neuer Perspektive zu betrachten und schafft somit intensive Lern- und Erfahrungsräume. Engmaschige Reflexion begleitet die Teilnehmer darin, Konsequenzen und Erkenntnisse aus ihrem eigenen Handeln zu ziehen. Da die Aufgaben meist alleine oder in Gruppen ohne Anwesenheit der Leitung durchgeführt werden, werden Berichte, Informationen und Emotionen der Adressaten als Basis für die Reflexionsarbeit genutzt.

Als kreative Aktivierungsform überzeugt City Bound in doppelter Hinsicht, denn: City Bound aktiviert seine Teilnehmer und die Teilnehmer aktivieren ihr Umfeld. Diese Kettenreaktion kann besonders quartiersbezogen auf konstruktive Weise Kontakt stiften, Begegnung schaffen und zu neuen Dialogformen anregen. Die Teilnehmer werden aufgefordert, aktiv zu werden, ihre Umwelt zu erkunden, auf fremde Menschen zuzugehen. Begegnungen, soziale Lernprozesse wie auch Selbst- und Fremdwahrnehmung finden somit sozusagen auf der Straße statt. Der sichere Raum im Jugend- oder Gemeindezentrum dient nur der Vorbereitung bzw. Reflexion im Nachhinein. Hierdurch entsteht ein Setting, in dem die Teilnehmer wirklich selbst Gestalter der Prozesse werden. Ihre Ideen zur Lösung, ihre Kreativität, ihre Kompetenzen und Ressourcen fließen direkt in die Abläufe ein. Die Leitung versteht sich dabei lediglich als Prozessbegleiter. Sie hilft, Gefühle und Erfahrungen in Sprache zu bringen und das Erlebte für den Alltag nutzbar zu machen. Die Transfereffekte liegen hierbei auf der Hand: City Bound ermöglicht ein spielerisches Erfahren von Selbstbemächtigung, Selbstwirksamkeit und Begegnungsstärke. Gleichzeitig besteht die Möglichkeit, auch misslungene Aufgaben, Frustration, Spannungen in der Gruppe etc. in einem wertschätzenden Rahmen und mit einer sensiblen Begleitung zu begegnen und als Entwicklungsmöglichkeiten zu begreifen. Bei City Bound geht es demnach um Wirkung, nicht um Mitwirkung, um Teilhabe, nicht um Beteiligung.

In der Quartiersarbeit hat City Bound zusätzliches Potential. Zum einen lassen Fotorallye, Geocaching und Co. einen ganz neuen Blick auf das scheinbar so vertraute Terrain zu, zum anderen fördert der Ansatz Begegnungen, die sich im Alltag wohl nicht ergeben würden. So sieht man eines Winters eine Gruppe Jugendlicher mit einem kleinen Tannenbaum durch die Gießener Weststadt laufen. Die Aufgabenstellung hierzu: „Findet Personen im Stadtteil,  die einen Beitrag zum Weihnachtsschmuck leisten.“  Diese kleine City-Bound-Aktion der Kollegen eines Gießener Gemeinwesenzentrums zeigt, welche große Wirkung Erlebnispädagogik in der Stadt entfalten kann: Die Teilnehmer werden selbst aktiv, erleben sich als die Handelnden im Lösungsprozeß, als Teilnehmer im Gruppenprozess; sie erfahren im Kontakt mit den Menschen unmittelbar authentische Reaktionen ohne pädagogisches Zutun, sie setzen sich ggf. mit Unsicherheit und Nervosität auseinander. Gleichzeitig begegnen sich verschiedene Akteure im Sozialraum ganz konkret. Nachbarn erleben Jugendliche nicht als störende Clique an der Bushaltestelle, sondern als Anwohner mit einem Interesse und mit der dazugehörigen Dialogbereitschaft. Die Bewohner selbst werden überrascht, haben die Möglichkeit, selbst zur Lösung der Aufgabe beizutragen, die Jugendlichen aus einer anderen Perspektive kennenzulernen. Es entstehen Kontakte, die auch anschließend weiter genutzt werden können.

Gerade im eigenen Quartier lassen sich über niedrigschwellige und spontane Aktionen wieder Kontakte herstellen, die positiv besetzt und von Gemeinsamkeiten geprägt sind. Ob im Jugend- oder Gemeindezentrum, oftmals herrschen vor Ort noch Angebote mit einer sog. „Komm-Struktur“ vor. Wir als Pädagogen und Sozialarbeiter überlegen uns Aktionen, erarbeiten Konzepte, wenden uns über Flyer oder die Presse an die Zielgruppe. Und gleichzeitig scheint es zunehmend schwieriger zu werden, bestimmte Adressaten über solche Zugänge zu erreichen. City Bound vereint das spielerische und wertschätzende Element der Erlebnispädagogik mit den Grundprinzipien der mobilen Ansätze in der Sozialen Arbeit. Da die Aktionen im öffentlichen Raum stattfinden, ist die „Geh-Struktur“ quasi immanent.  Somit kann City Bound sowohl für die Mitarbeiter in den Einrichtungen und ihre Zielgruppen als auch für die Anwohner und Passanten Impulse setzen, den eigenen Sozialraum wieder neu zu entdecken und sich wirklich als Gemeinwesen zu erleben.