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Wenn Beteiligung im Stadtteil gelungen ist – Engagement braucht Strukturen

Geschrieben von Johanna & Dieter Nolte am .

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Dieser Text ist Teil der Online-Dokumentation der (letzten?) 14. GWA-Werkstatt im Burckhardthaus Gelnhausen, 17.-20.09.2007.


Bewohnerbeteiligung, Aktivierung und Partizipation, Aufbau selbsttragender Strukturen – Stichworte, die eines verdeutlichen: Ohne die Bewohner eines Stadtteiles ist ein Prozess der Stadt(teil)entwicklung undenkbar. Sie sind Ausgangspunkt und Ziel des Handelns der Gemeinwesenarbeit, ihre Ideen und Möglichkeiten sind Motor für eine neue Identifikation mit dem eigenen Lebensumfeld, für eine andere Kultur des Sich-Einmischens.

Aktuell gewinnt die Diskussion und Überlegung über die aktiven Bürger noch mehr an Relevanz: über den Aufbau „selbsttragender Strukturen" wird eine Möglichkeit gesehen, auch nach Ende von Förderzeiträumen (z.B. des Bund-Länder-Programms der Sozialen Stadt) die entstandenen Projekte und Anlaufstellen zu erhalten.

Tatsächlich bergen Bewohnerinitiativen, Bürgervereine, Fördervereine, gewählte Bürgervertretungen etc. ein enormes Potential für den Stadtteil. Sie sind in den Stadtteilen feste Säulen des Lebens, übernehmen ehrenamtlich das Kontaktcafé, bauen Umsonstläden und Nachbarschaftsnetzwerke auf, organisieren Stadtteilzeitung und Feste, haben Hausaufgabenhilfe und Schulmensa in ihrer Regie.

Aus den zu aktivierenden Bewohnern sind an vielen Stellen aktive, sich einmischende Bürger geworden, aus der Partizipation an Stadtteilprozessen ist bürgerschaftliches Engagement gewachsen.

Ist damit alles erreicht?

Ein Beispiel: Eine Kirchengemeinde in einem Gebiet der Sozialen Stadt organisiert eine Tafel vor Ort. Mit über 60 Helferinnen und Helfern stemmen sie einen immensen Organisationsaufwand und immer mehr Menschen im Stadtteil nehmen die Tafel in Anspruch. Ein neu gegründeter Verein wird Träger der Tafel, die Geschäftsführung übernimmt ein Gemeindemitglied ehrenamtlich.

Doch es gibt große Herausforderungen. Es geht um Einteilung der Schichten, das Fundraising braucht eine Konzeption, es geht um eine augenscheinliche Machtkonzentration beim ersten Vorsitzenden, es geht um das Verhältnis der Tafelarbeit zum Gemeindeleben.

Die Arbeit des Quartiersmanagers hat sich an dieser Stelle verändert. Statt Aktivierung der Menschen steht die Unterstützung des Vereins in den Strukturprozessen im Vordergrund, anstelle der Umsetzung von Ideen aus dem Stadtteil steht die aktive Suche nach neuen Partnerschaften für die Schulung von Ehrenamtlichen. Die Frage, wie dieses Angebot ohne professionelle Unterstützung gehalten werden kann, ist greifbar im Raum, an Rückzug des Quartiermanagers ist im Moment nicht zu denken – trotz der Forderungen der Kommune nach sich selbst tragenden Projekten.

Eines von vielen Beispielen, in denen sich zeigt: Nach der Arbeit ist vor der Arbeit, jedes Engagement braucht einen Rahmen.

Die Themen sind gefunden, verschiedene Engagementfelder aufgetan, verschiedene Menschen in verschiedenen Zusammenhängen bringen sich in das Stadtteilgeschehen ein – nun geht es um Hilfe beim Aufbau von tragfähigen Strukturen, um den sicheren organisatorischen Rahmen, um den Schutz vor Überforderung und einer guten Abgrenzung der Engagierten, um Schulung und Supervision, um die Bereitstellung von Ressourcen und um Systemkenntnis in Verwaltung und Politik.

Freiwilligenkoordination als Handlungsfeld der GWA kann also bedeuten, die bestehenden professionellen Träger vor Ort in Kontakt und in Partnerschaften mit den neu entstandenen Projekten zu bringen – was bedeutet, dass sich die bestehenden professionellen Strukturen vor Ort mit allen Trägern und Angeboten der neuen Aufgabe stellen: die Miteinbeziehung eines ungewohnten Players: dem aktiven Bürger.

In landesweiten Vernetzungstreffen von aktiven Bewohnerinitiativen in Niedersachsen und Schleswig-Holstein sowie in vielen Diskussionsrunden, in denen es um die Verstetigung des Erreichten geht, werden als Notwendigkeiten von Bewohnerseite immer wieder genannt:

  • Finanzielle und räumliche Ressourcen
  • Politische Würdigung und Unterstützung, erkennbarer politischer Wille
  • Professionelle Ansprechpartner im Stadtteil, Berater und Impulsgeber vor Ort.

Eine spürbare Angst, alleine gelassen zu werden, beherrscht die für die Bewohner emotionale Auseinandersetzung mit dem „Danach". Viel Mühe, Überwindung und Aufbauarbeit wird investiert – die Idee des Fortführens ohne Flankierung ist schwer.

Die Herausforderung liegt im Dialog zwischen Professionellen und Bewohnern.

Soziale Organisationen sind enorm gewachsen und haben ein riesiges Spektrum an Aufgabenfeldern. Die Professionalisierung und Spezialisierung ist hoch, der Kosten- und Rechtfertigungsdruck auf das eigene Tun wächst. Ohne Ehrenamtliche wäre vieles nicht mehr leistbar – die klare Differenzierung verschwimmt im gleichen Maße wie sie hervorgehoben wird.

Parallel dazu verändert sich die Landschaft der Engagierten. Sie haben eine eigene Stimme, viele unterschiedliche Motivationsgründe, fordern Betreuung und hinterfragen den Verwaltungsapparat.

Bürgerschaftliches Engagement – so eine These der Tagung „Mitmachen – Mitgestalten – Mitentscheiden", die im Januar 2008 in Hannover unter Federführung des Bundesnetzwerkes Bürgerschaftliches Engagement stattfand – ist nach dem Höhepunkt im Internationalen Jahr der Freiwilligen 2001 trotz vieler Projekte und Stellen politisch aus dem Enthusiasmus in der Realität angekommen.

Zwar engagieren sich viele Menschen in vielen Feldern, die Herausforderungen in den Institutionen, Verbänden und Kommunen erfordern aber einen langen Atem, eine Organisationsentwicklung auf allen Ebenen, ein trag- und konsensfähiges Leitbild und strategische Planung.

Freiwillige gibt es – aber nicht umsonst.

Ausgangspunkt für jede Beschäftigung mit dem Thema Freiwilligkeit in den Einrichtungen ist die Frage nach den Motiven, die Menschen dazu bewegen, sich ehrenamtlich in gesellschaftliche Kontexte einzubringen.

Die Unterscheidung der unterschiedlichen Motive nach dem Bericht der Enquete – Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" (2002) bzw. des Freiwilligensurveys von 2004 kann dabei sehr hilfreich sein.

Erstes und wichtiges Ergebnis daraus ist, dass sich Menschen aus verschiedenen Altersgruppen, aus verschiedenen Schichten und differenziert nach dem Geschlecht aus ganz vielfältigen, jedoch auch sehr unterschiedlichen Motiven heraus engagieren.

Die altruistischen Motive wie Mitgefühl und Mitleid führen dazu, dass Freiwillige benachteiligten Menschen im weitesten Sinne helfen wollen. Auch moralische Motive wie religiöses Pflichtgefühl sind ein sehr starkes Motiv für das Engagement von Freiwilligen, besonders in der kirchlichen Arbeit.

Die jüngeren Freiwilligen hingegen sehen ihre Motive eher in instrumentellen Motiven verankert, wie z.B. die sinnvolle Nutzung der Freizeit, praktische Erfahrungen neben dem Studium sammeln und damit neue und nachweisbare Fähigkeiten zu erlangen, sowie neue Menschen kennen zu lernen und das eigene Netzwerk auszubauen. Immer wieder aber wurde auch der „Faktor Spaß" als ein wesentliches Motiv genannt, dass über den Fortgang oder das Ende des freiwilligen Engagements mit entscheidet.

Für die langfristige Arbeit mit Freiwilligen ist es sehr wesentlich, die unterschiedlichen Motive und Erwartungen zu kennen, die ein freiwilliges Engagement erst ermöglichen.

Besonders in der Beschreibung von Aufgabenprofilen, von Anforderungskatalogen und von Schulungsinhalten, aber auch im täglichen Miteinander ist es hilfreich, folgende fünf Motivgruppen im Blick zu haben:

  • altruistisches Motiv wie Pflichterfüllung und Gemeinwohlorientierung
  • gemeinschaftsbezogene Motive wie Kommunikation, soziale Integration und auch Spaß an der Sache
  • gestaltungsorientierte Begründungen wie die aktive Partizipation und Mitbestimmung
  • problemorientierte und damit feldorientierte Motive spielen eine große Rolle bei der Veränderung gesellschaftlicher Missstände und evtl. eigener Erfahrungen
  • entwicklungsbezogene Gründe wie Selbstverwirklichung und eigenes Fortkommen werden in der Zukunft immer wichtiger und fordern heraus, einen „Karriereplan" auch für Freiwillige in den Blick zu nehmen.

Auch in Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf werden alle Motive vertreten sein, in unterschiedlichen Mischungen und Ausprägungen.

Neben den Motiven, sich in ein Engagement zu begeben, geben auch die Hindernisse für Menschen, eben dieses nicht zu tun, wichtige Denkanstösse.

Zeitproblematiken und die Befürchtung, in langfristige, nicht mehr auflösbare Verpflichtungen zu geraten, sind ein Hindernisgrund für Viele. Freie Zeit ist rar, deren Nutzung ist entscheidendes Merkmal für das subjektive Lebensgefühl. Freiwilligenengagement muss daher die Möglichkeit einer flexiblen Gestaltung der zeitlichen Ressourcen bieten bzw. klare Aussagen zum tatsächlichen erforderlichen Zeitaufwand machen. Befristungen sowie deutliche Abschnitte im Sinne von Projektarbeiten machen zusätzlich deutlich, dass jedes Engagement wertvoll ist und schon lange nicht mehr von „lebenslangen Ämtern" ausgegangen werden kann.

Gerade in der Zusammenarbeit mit Menschen, die bislang wenig Erfahrung mit einem Engagement im Stadtteil haben ist dieses wichtig.

Eine weitere immer wieder genannte Schwierigkeit ist das Gefühl der Nicht-Information. Wo bekommen Menschen unverbindlich Einblick in potentielle Tätigkeitsfelder, ohne sich direkt einlassen zu müssen? Wo werden Optionen geöffnet für verschiedenste Tätigkeiten in unterschiedlichstem Umfang? Wo werden auch Strukturen und Zielsetzungen einer Arbeit deutlich? Wo können Befürchtungen etc. im Vorfeld Thema werden?

Viele Menschen formulieren außerdem Angst vor Überforderung und das Gefühl von (noch) fehlender Kompetenz. Daher hat der Bereich der Schulung und Fortbildung zum einen ein großes Gewicht im Hinblick auf die mögliche (Selbst-) Überforderung der Engagierten, zum anderen auch im Hinblick von Wertschätzung und Anerkennung.

Wenn also mit Trägern im Stadtteil über deren „Öffnung in den Sozialraum" diskutiert wird, so bedeutet dieses auch eine innerinstitutionelle Aufforderung, sich mit Konzepten der Begleitung von aktivierten Bewohnern auseinanderzusetzen und Position zu beziehen.

Im Kontext von geführten Diskussionen um Konkurrenz, Überschneidung der Angebote und einer Entwertung der professionellen Arbeit bzw. einer Überforderung der ehrenamtlichen Arbeit sind die Organisationen der Sozialen Arbeit in den Stadtteilen, aber auch in der Gesamtstadt dazu aufgefordert, eigene Bilder und Aufträge umzudefinieren.

Freiwillige Arbeit gibt es nicht umsonst – die professionelle Begleitung von ehrenamtlichen Projekten ist kein neues Handlungsfeld, es muss in seiner Wichtigkeit jedoch neu erkannt werden.

Die Gemeinwesenarbeit könnte hierbei die Instanz des Dialogmanagements sein. Die zentralen Akteure im Stadtteil haben vielerorts neue Qualität und neue Gesichter bekommen und die Arbeit auf Augenhöhe bedeutet nicht länger die reine Anwaltschaft für Bewohner, sondern ebenso ein Fitmachen der Bewohner und der Träger für eine neue Art der Zusammenarbeit. Übersetzungsarbeit ist gefragt.

Inzwischen gehen viele Kommunen und auch Bundesländer den Weg einer gemeinsamen Anerkennung über „Ehrenamtskarten", „Ehrenamtskoffern" und Ähnlichem, die mit Vergünstigungen im Nahverkehr, in Kulturbereichen etc. verbunden sind. Diese Anerkennungssysteme auf politischer Ebene können als Ergänzung zu den eigenen Systemen stehen, aber nur als ein weiterer Baustein.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Motivation von Freiwilligen und deren Identifikation mit dem Stadtteil in dem Maße steigt, in dem ein adäquates Anerkennungssystem eingeführt und gepflegt wird. Die alten Vorstellungen vom Ehrenamt, in dem sich die Ehrenamtlichen schämten, eigene Fahrt- oder Telefonkosten zurückzuverlangen, sind längst überholt. Klarheit, Offenheit und Transparenz im Umgang miteinander und mit den vielen zu klärenden Fragen helfen hier allein weiter.

Wichtig ist jedoch, die Anerkennungsinstrumente nicht zufällig bleiben zu lassen, sondern sie ganz im Sinne eines Managements in die Abläufe zu integrieren und als einen wichtigen Bestandteil der Freiwilligenarbeit zu benennen.

Im Stadtteil sind dies gemeinsame Entscheidungen, die auf Grundlage der Bedingungen des Sozialraumes und des Organisationsgrades von Freiwilligen stehen müssen.

Der Gemeinwesenarbeit und dem Quartiersmanagement kommen hierbei wichtige moderierende Rollen zu. Als Experten für die Aktivierung und Partizipation sind sie mit ihren Erfahrungen in der Arbeit mit den Bewohnern gefragt, um Brücken zu den bestehenden Einrichtungen zu schlagen.

Ehrenamtliche Helfer in den Schulen, Modelle der Elternbildung in der Kindertagesstätte, Projektangebote bei den freien Trägern im Stadtteil: Die Konzeption für einen Umgang mit Freiwilligen unter dem Aspekt der Motivation und Wertschätzung ist v.a. eine Frage der sich verändernden Haltung und der engagementförderlichen Strukturen.

Welche Vernetzungsrunden gibt es, in denen die Bürgervertreter mit ihren Anliegen Raum und Ansprechpartner haben? Welche Teams haben engagierte Vereinsvorstände desselben Bereiches mit dabei? Wer übernimmt die Schulung und Einarbeitung, wer unterstützt bei der Öffentlichkeitsarbeit und dem Fundraising?

In vielen Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf sind bereits Ansätze eines Verständnisses entstanden, die zum Audruck bringen, dass es sich lohnt für eigene Belange einzustehen.

Es leben Menschen in den Stadtteilen, die sich auch für die Interessen ihrer Mitbewohner im Stadtteil einsetzen. Freiwillige setzen sich ein und entwickeln hilfreiche und umsetzbare Lösungen. Damit werden Stadtteile bunter und aktiver– jetzt ist es an den Professionellen, dem Elan vieler Bewohner Flügel zu geben, die tragen. Dazu gehört auch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einer tragenden Struktur in den Einrichtungen und den Stadtteilen. Es braucht den berühmten „Kümmerer", aber auch sich Kümmernde. Beide sind wichtig.