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Mit Bürgern gemeinwesenbezogen arbeiten: Perspektiven statt Visionen

Geschrieben von Wolfgang Hinte am .

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Prof. Dr. Wolfgang Hinte, Brüderstr. 22, 46145 Oberhausen, eMail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


Was ist bloß mit den Betroffenen los? Einige Szenen aus dem prallen Leben sozialer Arbeit:

  • Nachdem sich benachteiligte Bevölkerungsgruppen in weiten Teilen jahrelang als nahezu aktivierungsresistent erwiesen haben, klappt derzeit die allseits gewünschte Selbstorganisation ganz hervorragend. Wenn nämlich die Unterbringung von asylsuchenden Menschen in dem jeweiligen Wohngebiet ansteht, entwickeln unterprivilegierte deutsche Bevölkerungsgruppen in Windeseile nahezu beängstigende autonome Selbstorganisationsfähigkeiten. Unter Zuhilfenahme sämtlicher Errungenschaften der konfliktorientierten Gemeinwesenarbeit begehen sie Regelverletzungen, attackieren das System und artikulieren und organisieren sich. Sie wollen nämlich nicht, dass Leute, denen es noch dreckiger geht als ihnen, vor ihrer Haustür liegen und sie und speziell ihre Kinder von dort mit fremdländischem Aussehen, angeblich mangelhaften Tischsitten und Sozialhilfebetrügereien belästigen. Wie verhält man sich angesichts von so viel subversivem Widerstandswillen als parteilicher Sozialarbeiter? Wo "stehe" ich denn da, wo sitzt der Feind, wen soll ich denn nun aktivieren?
  • Während früher benachteiligte Bevölkerungsgruppen selbst angesichts äußerst widriger Bedingungen nicht zum Widerstand zu bewegen waren, gehen sie heute für alles Mögliche auf die Straße. In einem Stadtteil mit einem hohen Anteil an ausländischer Wohnbevölkerung organisieren sich türkische Familien gegen die Wohnungsbaugesellschaft, weil diese ihnen das Anbringen von Satellitenschüsseln auf ihren Häusern verbietet. Die TürkInnen schreiben Briefe, machen sich rechtskundig und treffen sich regelmäßig: Selbsthilfe reinsten Wassers. Und was macht der aufgeklärte Sozialarbeiter? Er weiß, dass die TürkInnen wegen fünf türkischer Fernsehprogramme, also auch wegen eines Stücks türkischer Kultur, diese Satellitenschüsseln fordern. Und er weiß, welche Bedeutung Kultur hat, speziell angesichts der Ausgrenzung der türkischen Wohnbevölkerung von deutschen kulturellen Angeboten. Aber was bringen diese Schüsseln nicht sonst noch alles ins Haus? RTL, SAT 1, Porno-Kanäle und stupide Sportprogramme - der medienkritische Sozialprofi kann selbst bei größter Anstrengung die emanzipatorische Bedeutung von Satellitenschüsseln nicht erkennen. Sind die Armen wirklich die Experten für ihre jeweilige Situation? Oder sind sie  durch diesen spätkapitalistischen Medienzauber so verdorben, dass man ihrem gern beschworenen Gefühl für die jeweils eigenen Bedürfnisse nicht mehr trauen kann?
  • Besonders kompliziert wird es, wenn ein Wohnquartier zum Austragungsort ungelöster und vielleicht kurzfristig auch nicht lösbarer Widersprüche wird. Wenn etwa ein Stadtteil von der Schließung einer dreckschleudernden Kokerei insofern betroffen ist, dass dort 1.200 Arbeitsplätze abgebaut werden - wie verhält sich dann der Gemeinwesenarbeiter in der folgenden Situation? Die IG Bergbau fordert zunächst den Erhalt der Arbeitsplätze (und damit der umweltbelastenden Kokerei) und in einem nächsten Schritt den Bau eines  Kohlekraftwerks (ökologisch zumindest bedenklich) und hat damit den größten Teil der Stadtteilbevölkerung (auf deren Seite wir ja parteilich stehen sollen) hinter sich. Ökologische Positionen, aus denen heraus für einen langsamen Strukturwandel, andere Konzepte der Arbeitsplatzsicherung sowie im Zweifelsfall für einen zwar nicht begeisternden, aber dennoch akzeptablen Sozialplan plädiert wird, sind zwar nach allen Kriterien eines aufgeklärten links-ökologischen Bewusstseins plausibel, gehen jedoch ziemlich an der Betroffenheit der Wohnbevölkerung vorbei. Was tun?   

Stichworte zur gesellschaftlichen Situation

Viele der für soziale Arbeit relevanten Facetten der gesellschaftlichen Situation der späten 80er und sicherlich auch eines Großteils der 90er Jahre sind mittlerweile oft und zutreffend skizziert worden (lesenswert dazu: Oelschlägel 1993, S. 5-7). Soziale Ungleichheiten verschärfen sich (es gibt immer mehr reiche und immer mehr arme Menschen); wir konstatieren eine Pluralisierung von Lebenskonzepten und Lebensformen sowie einen fortschreitenden Zerfall herkömmlicher Familienstrukturen (Lebensabschnittspartner statt Lebenspartner, Anstieg der Scheidungsquoten sowie der Zahl von Ein-Elternteil-Familien); Politik und Wirtschaft schaffen weder Arbeitsplätze noch Wohnungen in hinreichendem Maße, und zudem finden sich neben den "klassischen" Armen immer mehr "neue" Arme (etwa Menschen, die bisher einen relativ gesicherten Arbeitsplatz hatten und durch dessen unerwarteten Verlust völlig aus der Bahn geworfen werden). Zum Teil dadurch bedingt, zum Teil damit einhergehend, sinkt das Vertrauen in Politik und soziale Marktwirtschaft, gewinnen rechtsextreme Gruppierungen sowohl an den Stammtischen als auch in den Medien an Boden, die aggressive Jagd auf Sündenböcke verschärft sich, und gewalttätige Auseinandersetzungen als Mittel, aufzufallen oder sich durchzusetzen, gehören immer mehr zum konkreten und auch (medial) vermittelten Alltag. In dieser krisenhaften Situation vermehren sich die vorfindbaren Subkulturen, driften auseinander, zersplittern, differenzieren sich (speziell an den Rändern) und verlieren immer mehr gemeinsame Werte und Nenner. Die Kluft zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen wächst, ihre ohnehin schwach ausgeprägte Konsensfähigkeit nimmt angesichts sich verschärfender Verteilungskämpfe um knapper werdende Ressourcen weiter ab, und einst bindungsfähige Instanzen  wie Religionen, Parteien und Ideologien verlieren an Bedeutung. Wir stehen vor einer ausufernden Überkomplexität in Wohnquartieren, Kommunen und darüber hinausreichenden Systemen.
Die allerorten diagnostizierte Spaltung der Gesellschaft in ein benachteiligtes, unterprivilegiertes Drittel und zwei wohlhabende oder zumindest am gesellschaftlichen Reichtum partizipierende Drittel ist heute - anders als in den 80er Jahren (s. dazu Oelschlägel 1986) - nur noch sekundär das Problem, vor dem soziale Arbeit, aber auch verantwortungsvoll handelnde Politik stehen. Bedeutsamer, weil in ihren Auswirkungen erheblich dramatischer, ist die Spaltung des unteren Drittels der Gesellschaft in eine Vielzahl konkurrierender, sich bekämpfender und sich gegenseitig bedrohender Grüppchen und Subkulturen. Arbeitslose deutsche Jugendliche bekämpfen in Deutschland lebende TürkInnen, linke Autonome sehen sich von rechten Skinheads bedroht, Obdachlose organisieren sich gegen Flüchtlinge, und türkische Jugendbanden machen Jagd auf deutsche Gangs. Die Schlachten und damit die bedeutungsvollen Zersplitterungprozesse finden auf dem Hinterhof der Wohlstands-Gesellschaft statt - also nicht unter den am Luxus der Metropolen partizipierenden Reichen, sondern unter den in der marginalisierten Stadt lebenden Armen, Arbeitslosen und AusländerInnen. Folgerichtig wurden zu Beginn der 90er Jahre die Profiteure der Ein-Drittel/Zwei-Drittel-Spaltung sowie diejenigen, die sie mit herbeigeführt hatten, unsanft von den Folgen ihrer Taten eingeholt: die Armen machten so nachhaltig auf sich aufmerksam, dass der allseits geschätzte "Wirtschaftsstandort Deutschland" in Verruf geriet - zwar nicht ob der ungerechten Verteilung gesellschaftlichen Reichtums, sondern angesichts der Gefährdung der so genannten "inneren Sicherheit", die potentiellen Investoren nicht mehr das Geld aus der Schatulle, sondern die Besorgnis in die Augen trieb. Der "Widerstand aus der Hinterwelt"  (Kühn/Preis 1979) richtet sich zwar nicht - wie einst erträumt - direkt gegen das Establishment, sondern geht eher nach innen los, jedoch treffen die Folgen der Turbulenzen die Restgesellschaft an mehreren empfindlichen Stellen.
So folgte  der Spaltung der Städte die ausufernde Spaltung der Armutsbevölkerung, die wiederum zwar ursächlich mit der Ein-Drittel/Zwei-Drittel-Spaltung zusammenhängt, aber akut nur in beiden Dimensionen bearbeitbar ist, nämlich einerseits durch die Suche nach kleinsten gemeinsamen Nennern innerhalb der Armutsbevölkerung und andererseits durch eine gerechtere Verteilung von Ressourcen innerhalb der Gesamtgesellschaft.
Sozialpolitisch ist folglich angesagt, diejenigen  Lebenswelten zu unterstützen, die durch immer knappere Ressourcen geprägt sind und in denen infolgedessen in Ermangelung anderer Widerstandsformen bisweilen Mord und Totschlag herrschen. Konkret geht es dabei um die Gestaltung bzw. Aufforstung von solchen Stadtteilen, Wohnquartieren und Milieus, die durch eine Anhäufung von "Belastungsfaktoren" gekennzeichnet sind (s. dazu Stadt Essen 1991) und in denen sich soziale Ungleichheit durch mangelnde Wohn- und Infrastruktur-Bedingungen zeigt wie auch durch eine Konzentration benachteiligter Bevölkerungsgruppen, die nur noch über geringen Lohn oder unzureichende Transfer-Einkommen am gesellschaftlichen Reichtum partizipieren.    
Indes haben die klassischen Adressaten sozialer Arbeit wie eh und je schlechte Karten. In ihrer gesellschaftlich ausgegrenzten Situation sind sie durch wachsende Zersplitterung untereinander zusätzlich geschwächt und zudem aufgrund ihrer wachsenden Entfernung von den Machtzentren in Politik und Verwaltung benachteiligt. Gleichzeitig sinkt ihr  Einfluss auch durch sich in apathischem oder auch gewalttätigem Verhalten äußernde Demoralisierungsprozesse, die wiederum dazu führen, dass das Einklagen berechtigter Ansprüche mangels kollektiv definierter Interessen sowie einer im gesellschaftlichen Diskurs relativ unscharfen Ausdrucksfähigkeit unterbleibt.  Angesichts der Spaltung der Benachteiligten  nimmt die Kluft zwischen der Lebenswelt benachteiligter Bevölkerungsgruppen einerseits und den Macht- und Entscheidungszentralen in Industrie, Politik und Verwaltung andererseits enorm zu. Die letzteren wiederum leiden - aus unterschiedlichen Gründen - an ihrem wachsenden Legitimationsverlust sowie der von ihnen durchaus wahrgenommenen Distanz zu dem Teil der Bevölkerung, dem sie sich doch verpflichtet fühlen oder den sie aus eigennützigen Motiven für sich funktionalisieren wollen.


Reaktionen

Grob skizziert lassen sich als Reaktionen auf die derzeitige gesellschaftliche Situation vier grundsätzlich problematische Alternativen beobachten:

  • Es bilden sich weitere Gruppen und Subkulturen. Wer sich in dem zerfasernden Gestrüpp an Interessenvertretungen nicht umfänglich aufgehoben sieht und angesichts des wachsenden Durcheinanders nirgendwo "Heimat" findet, bildet einen neuen Verein, eine Initiativgruppe, eine Sekte, eine neue Jugendkultur, eine neue wissenschaftliche Schule, einen eigenen Fernsehkanal oder begründet eine neue Modeform. Das stärkt möglicherweise die einzelnen (Gruppen gründenden) Individuen, führt aber  zu weiterer Unübersichtlichkeit.
  • Man verhärtet die Fronten, indem man die Gruppierungen gegeneinander aufs Feld schickt (etwa Türken gegen Kurden, junge Deutsche gegen junge Türken, Autonome gegen Linke) und ihnen erklärt, es ginge darum, den Kampf zu gewinnen. Die Verhärtung der Fronten, geboren aus der Absicht, eigene Standpunkte hundertprozentig zu verwirklichen oder gar andere Menschen flächendeckend  von der Richtigkeit der eigenen Ansichten zu überzeugen, führt zu mehr irrationaler und bisweilen auch gewalttätiger Auseinandersetzung.
  • Man spricht den Verstand der Menschen an ("Aufklärung") und erklärt ihnen, wir seien in einer schwierigen gesellschaftlichen Situation (Folgen der Wiedervereinigung usw.), eine multikulturelle Gesellschaft sei eine Bereicherung für alle, nationalistische Parolen seien insbesondere auf dem Hintergrund der deutschen Geschichte verhängnisvoll, und Asylsuchende seien doch in ihren Heimatländern verfolgt und hätten hier ein  Recht auf Schutz und menschenwürdiges Dasein. Alles richtig - aber es sind durchweg Argumente, die pädagogisierend den Kopf ansprechen und auf den Verstand zielen; indes scheren sich emotional oder materiell zu kurz gekommene Menschen einen  Dreck um rationale Argumente einer zivilen Bürgergesellschaft. Sie sind gebeutelt durch eine unsolidarische Gesellschaft, getroffen und verletzt durch entwürdigende Wohnbedingungen, Arbeitslosigkeit, Armut oder emotionale und körperliche Misshandlung und schreien nach Beachtung und Anerkennung, nicht nach Argumenten und erzieherischen Maßnahmen.
  • Eine andere Variante der Reaktionen besteht in Moralisieren und Harmonisieren: Man appelliert an Verständnis, Konsens, Friedfertigkeit, christliche Werte oder politische Ideale und sagt damit im Grunde: "Steckt Eure Ansprüche zurück, denn Eure Bedürfnisse sind zu hoch; Ihr seid nicht in Ordnung, weil Ihr derartige Bedürfnisse bzw. triebhafte Impulse habt." Der Appell sabotiert die Intention seines Inhalts; dem ist nichts hinzuzufügen. 

Zur Akzeptanz von Widersprüchen: der Abschied von der Vision

Nun lehren uns seit den 80er Jahren erziehungskritische Positionen, dass die Konstruktion eines Bildes über den wünschenswerten Zustand eines Menschen, vorgenommen durch externe Instanzen zum Zweck eines visionsgestützten methodischen Vorgehens, entweder den Gegenteileffekt auslöst oder aber zumindest den Blick auf das jeweils aktuell zwischen den Beteiligten Aushandelbare verstellt (s. dazu Hinte u.a. 1995).  Mittlerweile wird dieses Prinzip der Entwicklung von Bildern auch auf anderen Ebenen gesellschaftlicher Ordnung zunehmend obsolet. Wenn zwei Menschen in einer Partnerbeziehung eine Vision davon entwickeln, wie diese Beziehung "eigentlich" sein sollte (schlimmer noch: wenn nur einer der beiden Partner diese Vision entwickelt), wird das unweigerlich dazu führen, dass einerseits alle Beteiligten daran leiden, dieser Vision ständig hinterherzuhinken und dass andererseits die alltäglich vorzunehmenden Aushandlungen über das vermeintlich Banale, die immer wieder neu zu führende Diskussion über den "nächsten Schritt" (etwa die Aufgabenverteilung bei der Hausarbeit, den Kauf eines Autos oder die Planung des Urlaubs) erheblich belastet werden. Eine Vision ist in der Regel abstrakt, fern von den Notwendigkeiten des Alltags entwickelt, oft gar ein Ausfluss psycho-dynamisch verzerrter Wünsche oder Wahrnehmungsverzerrungen. Die Vision ist bestenfalls überflüssig, schlimmstenfalls entmutigt sie oder verzerrt den Blick für die Realität. Konstruierte Bilder über eine ferne Zukunft führen weg von der Gegenwart, sie vernebeln den klaren Blick für das Hier und Jetzt und schwächen die Kraft für die Gestaltung der Realität.
Ähnliches gilt für das Leben in einem sozialen Raum wie etwa einem Stadtteil. Visionäre Vorstellungen über ein harmonisches, solidarisches, gerechtes oder gar konfliktfreies Miteinander zwischen in einem Wohnquartier lebenden Menschen mögen zwar dem Charakter eines religiös, weltanschaulich oder politisch motivierten "Wort zum Sonntag" dienlich sein, sie verfehlen indes die konkreten Lebenslagen, Widersprüche, Widrigkeiten, Emotionen und die Lebendigkeit der Menschen in einem Wohnquartier. Der Versuch, eine Vision zu realisieren, wird immer dazu führen, die Wirklichkeit zu formen, sie gegen ihre eigene Dynamik zu bearbeiten und ihr ein Korsett überzustülpen, dem sie sich über unterschiedliche Schlupflöcher entziehen wird. Menschen in einem Wohnquartier gestalten ihre Realität nicht nach Visionen, sondern nach Interessen, Bedürfnissen, sich ändernden Handlungsabsichten, Wünschen, Abneigungen und Sympathien: das Gemeinwesen ist eine nur lose verkoppelte Anarchie.
Den daraus erwachsenden, alltäglich ablaufenden Aushandlungsprozess nach jeweils zu klärenden Regeln (bzw. auch Werten oder ethischen Überzeugungen)  zu gestalten, ist die dauerhaft anfallende Aufgabe in einem sozialen Raum. Dabei helfen Utopien und Visionen oder Vorstellungen von einer heilen Welt mitnichten, im Gegenteil: sie verurteilen implizit die scheinbar trübe Realität und verweisen auf ein zukünftiges Paradies, ohne die momentane Lebensfähigkeit der Menschen zur Kenntnis genommen und sich ihr gestellt zu haben. Natürlich bedarf die Gestaltung des Aushandlungsprozesses möglichst verbindlicher und akzeptierter Werte, vielleicht gar sanktionierbarer Regeln oder von einer Mehrheit geteilter ethischer Überzeugungen: etwa der Akzeptanz körperlicher Gewaltlosigkeit oder der Abmachung, den anderen aussprechen zu lassen oder sich überhaupt einem Gespräch zu stellen. "Charakteristisch für einen zivilen Umgang ist die Wahrung von Würde und Respekt." (Wendt 1995, S. 233) Derartige Vereinbarungen dürfen jedoch nicht gleich in Visionen verlängert werden: Sie verselbständigen sich dann und helfen nicht mehr bei der konzentrierten Zuwendung auf die jeweils aktuelle Lage. Die wachsende Unübersichtlichkeit gesellschaftlicher Zusammenhänge fordert immer wieder, Normen und Werte des Zusammenlebens situativ auszuhandeln und sich auf den nächsten Schritt zu konzentrieren, vereinfacht gesagt: das anstehende Problem so zu bewältigen, dass möglichst viele der Beteiligten zufrieden sind und abweichende Meinungen soweit toleriert werden, dass ein weiterhin geordnetes Zusammenleben nicht verunmöglicht wird. Das Schielen auf grundsätzliche Lösungen oder die Entwicklung einer "richtigen" anzustrebenden Wirklichkeit hat ja auch auf der Ebene von Staaten und Gesellschaftssystemen eher zu Verwirrung bis hin zu Katastrophen  geführt: das gilt für den Nationalsozialismus ebenso wie für den DDR-Sozialismus. Das Streben nach Vollkommenheit, die starre Fixierung auf eine entfernte Vision haben ausnahmslos unmenschliche Folgen - der Blick auf den nächsten Schritt, die Konzentration auf einen fairen Aushandlungsprozess, die Suche nach kleinsten gemeinsamen Nennern eröffnen zumindest kurzzeitig die Chance für eine allseits zufrieden stellende Gestaltung der anstehenden Wirklichkeit. Und was für die westliche Welt insgesamt konstatiert wird, gilt ähnlich auch etwa für die Arbeit im Stadtteil: "Es gibt nur diese eine, unvollkommene Wirklichkeit, und der zivilisierte Umgang mit scheinbar überwältigenden Problemen muss täglich neu ausgehalten und gelernt werden. Die Krise kann nur ein ums andere Mal überwunden werden, aber nicht ein- für allemal, es gibt keine absoluten Lösungen, sondern nur den permanenten Versuch der Katastrophenminderung." (Herzinger/Stein, 1995, S. 11) Wir brauchen erreichbare Perspektiven, Erfolg versprechende Strategien und jeweils abzugleichende Verständigung und auszuhandelnde Lösungen. Demokratische Regeln als möglicherweise kleinster gemeinsamer Nenner für einen Aushandlungsprozess sind vielleicht schon die Kür, und die täglich erneut zu absolvieren, erfordert eine Menge Anstrengungen. Der Blick aufs Paradies dagegen wird uns immer wieder ins Straucheln bringen oder vor die Bande laufen lassen. Visionen blenden, sie trüben das Augenlicht und schwächen den Sehnerv. Die tastende Gestaltung einer immer unvollkommenen Realität unter möglichst breiter demokratischer Beteiligung verspricht mehr an Humanität als die programmatische Entwicklung von Utopien, mit denen die Menschen eher belästigt werden und die sie kurzerhand ignorieren oder gar - glücklicherweise - ihrer Abstraktheit oder auch Inhumanität entkleiden.
Vielleicht ist das Problem der Utopien ihr implizierter Drang nach Totalität und Vollkommenheit: ich glaube, die zu lernende Lektion beinhaltet eher die Konfrontation mit und Akzeptanz von Widersprüchlichkeit, Unberechenbarkeit und nicht domestizierbarer  Lebendigkeit. Und das wäre nicht eine aus der Not geborene resignative Zurücknahme von Idealen, sondern die Einsicht in menschliche Unvollkommenheit und die von Spannung und Interesse begleitete Akzeptanz menschlicher und gesellschaftlicher Ecken und Kanten.
"Ein zivilisierter Mensch ist für mich einfach jemand, der Widersprüche und eigene Unvollkommenheit tolerieren kann. Ein Mensch, der kein Bild davon hat, wie er als Person sein sollte. Ich denke, es ist eine Falle, eine endgültige und kohärente Identität zu haben - sei es nun in Bezug auf Rasse, Herkunft, oder sexuelle Neigungen. Man entzieht sich damit der Erfahrung des Zwiespalts und Nichtkennens der eigenen Person. Zivilisation ist für mich die Fähigkeit, viele Erfahrungen gleichzeitig zu leben und sich nicht in eindeutige Kategorien - z.B. homosexuell oder heterosexuell - einordnen zu lassen." (Sennett, 1995, S. 38)


Was bedeutet das nun für soziale Arbeit?

Partizipation im Gemeinwesen

Die  Analysen häufen sich, in denen auf den Verfall des Parlamentarismus, den Legitimationsverlust demokratisch gewählter Instanzen sowie - im Extremfall - auch das "Ende der repräsentativen Demokratie" verwiesen wird; aber auch ohne entsprechende Forschungsergebnisse deuten Phänomene wie Politikverdrossenheit, Wahlverweigerung, sinkende Stimmenanteile für die großen Volksparteien, wachsende Apathisierung weiter Bevölkerungsschichten oder auch Gleichgültigkeit bzw. stillschweigende Billigung gegenüber gewalttätigen Übergriffen gegen benachteiligte Randgruppen auf eine Entwicklung hin, in der grundsätzliche sinnstiftende und Gemeinschaft schaffende Werte in Frage gestellt werden und sich Sprachlosigkeit sowie oberflächliche Gleichgültigkeit Menschen und Dingen gegenüber vermehrt ausbreiten.
In dieser Zeit versagen die klassischen Organisations- und Steuerungsinstrumente staatlicher Politik. Bundestag, Landesparlamente, Stadtparlamente, Verwaltungen und Bezirksvertretungen scheinen keine die Menschen nachhaltig beeindruckenden Instrumente zu sein, um einen demokratischen Willensbildungs- und Aushandlungsprozess zu organisieren. Es fehlt vielmehr an nachvollziehbaren Möglichkeiten zu unmittelbarer Partizipation im konkreten Lebensumfeld sowie an im Alltag angesiedelten Feldern, in denen BürgerInnen sich ernst genommen fühlen und ihre Interessen gehört und organisiert werden. Obwohl es inzwischen eine breite Palette an rechtlich verbrieften Partizipationsmöglichkeiten gibt, werden diese von BürgerInnen nur spärlich wahrgenommen. Dies liegt zum einen an der wachsenden Unübersichtlichkeit angesichts vielfältiger Gremien, komplizierter Verfahren und rechtlicher Vorschriften, andererseits aber auch an unzureichender Unterstützung bei der Organisation des lokalen Kommunikationsprozesses und dem Prozess der Aneignung und Nutzung vorhandener Einflussmöglichkeiten.
So sind etwa keine Instanzen vorgesehen, die - angesiedelt in der Lebenswelt von  BürgerInnen - einen kommunikativen Prozess organisieren, in dessen Verlauf Menschen sich (über die offiziell legitimierten Organisationen hinaus) in politische Willensbildungsprozesse einklinken und somit der den Alltag oft erdrückenden Komplexität ein Stück Ordnung und Überschaubarkeit entgegensetzen können. Es bedarf indes solcher außerparlamentarischer Instanzen, die ausdrücklich mit politisch legitimierten Gremien und Institutionen kooperieren bzw. von diesen eingesetzt werden. Dort arbeiten Fachleute für Kommunikation, eine Fähigkeit, die vielen politischen und administrativen Instanzen abhanden gekommen ist. Sie organisieren sowohl Prozesse des Austauschs und der Entscheidungsfindung auf Bürgerebene als auch Aushandlungsprozesse zwischen repräsentativen Instanzen und VertreterInnen der Bürgerinteressen. Sie sind nicht Sprachrohr der BürgerInnen, aber sie helfen ihnen, ihre Stimme zu erheben. Sie sind nicht der verlängerte Arm der Verwaltung, aber sie helfen der Verwaltung, ihre Aufgabe bürgernäher und damit effektiver zu gestalten. Genau dies ist die Funktion einer über den Einzelfall hinausgehenden sozialen Arbeit im Gemeinwesen: sie unterstützt benachteiligte Lebensräume und bildet in diesem Sinne ein "Gelenkstück" zwischen BürgerInnen einerseits und BürokratInnen und politischen EntscheidungsträgerInnen andererseits.

Soziale Arbeit statt individualisierender Pädagogik

Soziale Arbeit ist hierzulande immer noch vornehmlich von einer Sichtweise geprägt, die das "auffällige" Individuum mit seinen "Defiziten" und "Bedürftigkeiten" in den Mittelpunkt stellt (s. dazu Hinte 1991b). SozialarbeiterInnen helfen mit bei der Regelung von Scheidungen, schützen misshandelte Kinder, sorgen sich um die MisshandlerInnen, stehen Jugendlichen vor Gericht bei, klären finanzielle Fragen bei überschuldeten Familien, organisieren Kinderfreizeiten, Schulaufgabenhilfen sowie Senioren-Kaffeetrinken und lauschen geduldig dem Leid von Alkoholabhängigen, Drogensüchtigen und Arbeitslosen. Bei all diesen Tätigkeiten geht es um unterschiedliche Formen von Beistand für Menschen, die deshalb in Not geraten sind, weil sie mit einer Umwelt konfrontiert wurden, der sie nicht gewachsen waren, die ihnen keine ausreichende Stützung geben konnte, die sich anregungsarm,  feindlich oder gar brutal präsentierte, oder die ihnen keinen Raum ließ für Individualität, Kreativität und Eigensinn. Neben stützenden Maßnahmen verfährt soziale Arbeit indes mit  ihren KlientInnen immer noch pädagogisierend: Sie will Menschen verändern, auf den "rechten" Weg bringen, sie bessern oder "etwas aus ihnen machen".
Wenn nun ein Großteil sozialer, sich individuell abbildender Probleme durch die Bedingungen im gesellschaftlichen und sozialen Umfeld verursacht werden, macht sich soziale Arbeit geradezu einer Idealisierung sozialer Probleme sowie einer fahrlässigen Individualisierung persönlicher Not schuldig, wenn sie sich weiterhin ausschließlich auf die Linderung individueller Not in sozialen Zusammenbruchsituationen durch Betreuung, Pädagogisierung, Therapeutisierung und auf Linderung zielende Beratung konzentriert. Angesichts der Zuspitzung der sozialen Lage hierzulande muss soziale Arbeit wieder mehr vor Ort gehen, mehr bei den Menschen sein, mehr am Puls der Leute - nicht eingreifend, belehrend, störend und pädagogisierend sondern vermittelnd, klärend, organisierend, Hilfsmittel anbietend, Kontakte fördernd und Lebensalltag unterstützend. Soziale Arbeit betreibt in dieser Funktion aktive Stadtteilentwicklungspolitik: kommunikativ kompetent und mit sichtbaren materiellen Folgen (s. dazu Hinte 1992).
Aus diesen, aber auch aus anderen Gründen, erhält das Gemeinwesen wieder verstärkt Bedeutung. Der über viele Jahre hinweg feststellbare Funktionsverlust und -wandel der Familie (s. dazu Peukert 1991), begleitet von der Aushöhlung anderer sinnstiftender Instanzen wie etwa Religion, Politik oder Ideologien, führt zu wachsender Orientierungslosigkeit bei vielen Menschen. Der "Rückzug ins Private" wird häufig zu einem Marsch in die Einöde: Soziale Beziehungen sind verarmt, innerfamiliäre Beziehungen nachhaltig gestört, und emotionale Akzeptanz sowie Eingebundenheit in ein überschaubares tragendes Netz finden sich nur noch selten. Parallel dazu werden immer mehr Menschen  von der Erwerbsarbeit durch Arbeitslosigkeit freigesetzt, oder die Arbeitszeit wird verkürzt, so dass Menschen über ein Maß an freier Zeit verfügen, das sie sich zwar häufig gewünscht hatten, auf das sie jedoch nur in den seltensten Fällen genügend vorbereitet sind. Wenn nun die Familie nicht mehr nur das Bindeglied zwischen Individuum und Gesellschaft darstellt, müssen andere Instanzen diese Funktion füllen. Hier liegt die Bedeutung einer emotionalen Verankerung in einem tragenden Netz von Nachbarschaft, Wahlverwandschaft oder Stadtteilgruppen, die die oft undurchschaubare Komplexität gesellschaftlicher Zusammenhänge für den Einzelnen reduzieren und ihm Geborgenheit, Akzeptanz und Unterstützung bieten. Die Organisation solcher außerfamiliärer Netze, als "Pflichtaufgabe" leider an keiner Stelle gesetzlich verankert, bedarf staatlich gestützter und von akzeptierten gesellschaftlichen Gruppen getragener Instanzen, die - angesiedelt in der Lebenswelt - lokale Aktivierungs- und Organisationsarbeit leisten und somit präventiv verhindern, dass klassische, Einzelfall bezogene soziale Arbeit im derzeitigen Umfang notwendig wird.

Soziale Arbeit als intermediäre Instanz

Traditionelle Formeln mit visionärem Anstrich helfen also nicht weiter. Parteilichkeit, Solidarität, Politisierung, Kommunitarismus - gewichtige Vokabeln von konzeptionellem Wert, die aber angesichts des oben beschriebenen Befundes kaum noch Handlungsimpulse für praktische Tätigkeit vermitteln. Soziale Arbeit muss einerseits mehr und mehr Abschied nehmen vom Problem lösenden Experten, vom Fachmenschen für souveräne Regelungen, ausgestattet mit institutioneller Macht und interaktivem Imponiergehabe, andererseits aber auch vom naiv-parteilichen Gemeinwesenarbeiter, der immer auf Seiten der Betroffenen ist, wenn sie sich auch noch so bescheuert verhalten. Moderation, Ressourcenerschließung, Konsenssuche,  Auseinandersetzung und der Blick auf den nächsten Schritt sind gefragt - kurz gesagt: "Dialogmanagement" (s. dazu Springer 1993). Denn die Lebenswelt ist nicht die heile Welt, fein sortiert nach gut und böse, arm und reich oder unterpriviligiert und Sonnenseite; die Lebenswelt ist vielmehr ein hochkomplexes Gebilde, das sich einer Überschaubarkeit suggerierenden Analyse entzieht und sich sowohl über gesellschaftliche Einflüsse außerhalb konstituiert als auch über interne Aushandlungsprozesse, Machtverhältnisse, Ressourcenverteilung und  schlichte Zufälligkeiten. Und häufig regiert nicht der kleinste gemeinsame Nenner, sondern der größte gemeinsame Zankapfel.
"Management" - dieser Begriff kann helfen, die Funktionen sozialer Arbeit in den 90er Jahren zu beschreiben. ManagerInnen erspähen  vorhandene Ressourcen,  führen sie zusammen und erweitern sie, nutzen sie kreativ und helfen dabei, neue zu entwickeln. Benachteiligte, entrechtete Bevölkerungsgruppen und somit auch eine an sozialstaatlichen Gedanken orientierte Politik sind verstärkt angewiesen auf "managende", vermittelnde Instanzen zwischen der Lebenswelt und den Interessen der BürgerInnen einerseits und den Entscheidungsträgern und steuernden Instanzen in Politik, Verwaltung und Unternehmen andererseits. Solche vermittelnden Instanzen dürfen ausdrücklich nicht dem akuten Handlungsbedarf eines großen bürokratischen Apparates unterliegen oder in Entscheidungszentralen angesiedelt sein. Sie agieren dezentral als loyale Sachwalter einer sozialen, gerechten und am Wohl einer Stadt orientierten Politik. Die Leute in solchen Funktionen kann man nicht kaufen (das widerspräche dem Grundgedanken der Unabhängigkeit dieser Instanzen), aber man kann sie bezahlen und dafür eine Leistung verlangen. Soziale Arbeit, speziell Ansätze in der Tradition der Gemeinwesenarbeit, kann hier wesentliche Beiträge leisten: weg von der traditionellen Funktion als Einsatzstelle im Bereich des sozialen Zusammenbruchs mit der damit einhergehenden Mentalität einer nachgeordneten hin zu einer sich in gesellschaftliche Prozesse einmischenden Instanz, die ihre Fachkompetenz auch für nicht dem Sozialwesen zugerechnete Bereiche verdeutlicht sowie sich in andere Politikbereiche einmischt mit einer je nach Bedarf konfrontierenden, integrierenden oder moderierenden Haltung. Ich habe dafür - in Anlehnung an andere Autoren - mehrfach den Begriff der "intermediären Instanz" gebraucht (s. dazu Hinte 1991a; zu Möglichkeiten intermediärer Organisationen s. ausführlich Froessler u.a. 1994).
Was tun SozialarbeiterInnen als vermittelnde Instanzen? Auf der einen Seite müssen sie für Politik und Verwaltung seriöse Zustandsbeschreibungen liefern, nicht im Sinne von Denunziation oder Tratscherei, sondern im Sinne einer aufklärenden, aus der Sicht der betroffenen Menschen vorgenommenen Information (etwa kleinräumige Sozialberichterstattung), die schriftlich und mündlich in einer Sprache transportiert wird, die Politik und Verwaltung verstehen (s. etwa Stadt Essen/ISSAB 1993). Auf der anderen Seite müssen sie bei den BürgerInnen Aufklärungs- und Organisationsarbeit leisten: Wie funktioniert städtische Politik, welche PolitikerInnen kann man wofür ansprechen, wie erhält man Leistungen aus Ämtern usw.? Sie sind Fachmenschen für Kommunikation und Organisation innerhalb des Gemeinwesens. Sie betreiben wechselseitige Aufklärung, ­"Inszenierung von Solidarität" (Wendt 1995) und  Dialogmanagement, und zwar mit Blick auf eine Form der Kooperation und Partizipation, die basisdemokratische Forderungen nach demokratischer Beteiligung aller Bevölkerungsgruppen realisiert und versucht, Bedeutungsverlust und Selbstbezogenheit parlamentarischer Instanzen und administrativer Verfahrensweisen durch Formen von direktem Kontakt und Diskurs auszugleichen (s. dazu Langer 1988).
Intermediär agierende Professionelle bemühen sich verstärkt um Einfluss auf andere Politik- und Verwaltungsbereiche. Sie sind auf der Ebene der Lebenswelt akzeptierte Personen, die die vielfältigen dort vorhandenen Ressourcen zusammenführen, Menschen an einen Tisch bringen, Bedarfe eruieren und Interessen organisieren, sind aber auf der anderen Seite gleichsam ein Bindeglied zwischen Ressourcen von Verwaltung, Unternehmen und anderen Einrichtungen sowie der Lebenswelt der BürgerInnen: vergleichbar mit einem Gelenkstück, über das auf allen Ebenen und zwischen verschiedenen Ebenen Vernetzungen hergestellt werden. Sie konfrontieren die institutionell-bürokratische Welt immer wieder mit den Realitäten der Lebenswelt und helfen mit, die dort in der Regel völlig verstreut liegenden Ressourcen so zu bündeln, dass sie im Sinne der Betroffenen "unten" ankommen.

Konflikt oder Kooperation - eine anachronistische Alternative

Bedeutsam für die Effektivität der Arbeit erscheinen mir nach Auswertung zahlreicher Praxiserfahrungen die innere Haltung und die eigene Funktionsdefinition der Professionellen: Sehen sie sich in einem dauernden Frontenkampf auf Seiten der Benachteiligten gegen das Establishment oder verstehen sie sich als parteiliche Vermittler, kommunikativ kompetent und am Wohle der Lebenswelt orientiert, zwischen verschiedenen Macht- und Einflusssphären, die wechselseitig voneinander abhängig sind und ständiger Abstimmung bedürfen (wobei "Abstimmung" durchaus auch in einen handfesten Konflikt ausarten kann)? Im letzteren Fall wird etwa die nach Überschaubarkeit und Rezeptologie heischende Frage: "Ab wann beginne ich denn einen Konflikt?" der Komplexität selbst kleinster Situationen nicht gerecht. Der Ameisenhaufen "Lebenswelt" lässt klare Grenzziehungen und Zuordnungen nur in wenigen Fällen zu (anschaulich beschrieben bei Preis 1990). Zum einen gibt es nur selten eindeutige, abgestimmte Interessenartikulationen von Bevölkerungsgruppen, zu denen sich klare Parteilichkeit  entwickeln lässt. Auf wessen Seite bin ich denn, wenn in einem benachteiligten Wohnquartier alte Leute (benachteiligte Randgruppe!) mittags schlafen wollen und gleichzeitig durch engen Wohnraum bedingt Kinder (benachteiligte Randgruppe!) vor deren Fenstern toben wollen?  Zum anderen erscheinen die jeweils beteiligten Interessengruppen (seien es nun Betroffene oder auch Institutionen wie die Stadtverwaltung oder eine Wohnungsbaugesellschaft) selten als monolithische Blöcke, die sich einheitlich an einer Front präsentieren. Da besteht dann die Kunst darin, Schattierungen auszumachen, Bundesgenossen auch auf der jeweils anderen Seite zu suchen, die Lethargie in den eigenen Reihen nach außen hin zu tarnen oder die in den jeweiligen Parteien an einer Lösung Interessierten an einen Tisch zu bringen. Die Formeln von gestern ("Parteilichkeit", "Politisierung") helfen nicht bei den Problemen von heute. Sogar im Verlauf scharf ausgetragener Konflikte ergibt sich immer noch die Möglichkeit des Aushandelns, und auch in Aushandlungsprozessen bedarf es an manchen Stellen klarer Machtdemonstrationen, damit die andere Seite ernsthaft verhandelt.

Einfluss statt Macht

Soziale Arbeit als vermittelnde Instanz im Gemeinwesen verzichtet ausdrücklich auf Macht, übt aber auf vielen Ebenen Einfluss aus. Sie konfrontiert die MachtträgerInnen mit Ideen, kreativen Vorschlägen und Konzepten, aber sie ist darauf angewiesen zu überzeugen, denn sie kann sich nicht auf feste Mehrheiten oder Posten stützen. Vermittelnde Instanzen sind unabhängig, aber im Herzen parteilich und in vielen Szenen akzeptiert. Sie haben klare Positionen und sind nicht käuflich, aber sie machen Geschäfte und holen das Beste für das Gemeinwesen heraus. Vermittelnde Instanzen heulen zu diesem Zweck nicht mit den Wölfen, aber sie sind in der Lage, mit dem Wolf zu tanzen. 
Und da Boshaftigkeit und Inkompetenz erfreulicherweise flächendeckend verteilt sind, kann man weder PolitikerInnen und Verwaltungsleute noch Professionelle der sozialen Arbeit und entrechtete Betroffene ausnehmen. In allen Gruppen finden wir einige Exemplare, die nur mit allergrößter Selbstdisziplin oder in betrunkenem Zustand zu ertragen sind. Wechselseitige Vorurteile lassen sich am effektivsten darüber bearbeiten, dass man Kooperationen, Verbindungen und Vernetzungen schafft und zwar auf der Grundlage einer Haltung kritischen Vertrauens. Dies entwickelt sich über Personen (man weiß in lokalen Kontexten in der Regel, wem man trauen kann und wem nicht) und über ausgewiesene Institutionen (hier liegt auch die Chance der Freien Träger, wenn ihre Binnenstruktur Kontinuität, Fachlichkeit und Kooperationsbereitschaft garantiert).

Soziale Arbeit als Dienstleistungsinstanz

Soziale Arbeit hat durchaus auch den Charakter einer Dienstleistungsinstanz sowohl für BürgerInnen als auch für Politik und Verwaltung: nicht im Sinne einer abhängig-dienenden Funktion sondern eher verstanden als Instanz, die selbstbewusst eine definierbare Leistung erbringt und über das, was sie tut und wofür sie bezahlt wird, Rechenschaft ablegt. Diese Vorstellung von sozialer Arbeit als Dienstleistungsinstanz entspricht allerdings in der Regel nicht den Vorstellungen vieler Professioneller. Speziell die GemeinwesenarbeiterInnen  wollten immer von der Politik bezahlt werden und für die BürgerInnen die Dienstleistungen erbringen. Man war grundsätzlich auf Seiten der BürgerInnen, auch wenn die ganz woanders waren. Man rackerte sich ab, immer im Interesse der Armen und Entrechteten, und war bisweilen ziemlich enttäuscht, wenn die Benachteiligten das Leben viel leichter nahmen als die schwermütigen und von der Not der Welt gebeutelten Professionellen. Auch soziale Arbeit als "Gelenkstück" zwischen oft unbeweglichen Subkulturen muss als Dienstleistung denjenigen gegenüber begründet werden, die die Musik bezahlen. Der schlichte Verweis darauf, dass man armen Menschen helfe und engagierte Arbeit betreibe, reißt heute keinen Kommunalpolitiker mehr vom Hocker. Die Darstellung der Notwendigkeit etwa gemeinwesenbezogener Arbeit muss deshalb professionell betrieben  werden: nicht moralisierend, lamentierend und mit apokalyptischer Düsternis, sondern mit dem Hinweis auf die Herstellung sozialer Gerechtigkeit durch den in Rede stehenden Ansatz, unter Klärung fachlicher Standards für die zu leistende Arbeit sowie mit einer fiskalisch angelegten Kosten-Nutzen-Rechnung, die der Politik zeigt, warum sich die jeweilige Arbeit "lohnt". Die vielfältigen Konzepte der so genannten "Neuen Steuerung" im Rahmen der um sich greifenden Bemühungen zur Verwaltungsreform bieten hier lohnende Ansätze (zu den Gefahren s. Hinte 1995), auch wenn ihre analytische Aussagekraft bisweilen hinter ihrer strategischen Bedeutung zurückbleibt (s. dazu Merchel 1995).
Wenn wir selbstbewusst davon überzeugt sind, dass soziale Arbeit von herausragender gesellschaftlicher Bedeutung ist, dann müssen wir das auch fachlich und fiskalisch begründen können, und das gerade in Zeiten, in denen die Verteilungskämpfe härter werden und der Abbau sozialer Leistungen immer offener betrieben wird.


Literatur:

  • Bauer, Rudolph: Lokale Politikforschung und Korporatismus-Ansatz - Kritik und Plädoyer für das Konzept der Intermediarität. In: Heinelt, Hubert/Wollmann, Hellmut (Hg.), Brennpunkt Stadt, Basel/Boston/Berlin 1991
  • Froessler, Rolf u.a. (Hg.): Lokale Partnerschaften, Basel/Boston/Berlin 1994
  • Herzinger, Richard/Stein, Hannes: Endzeit-Propheten, Reinbek 1995
  • Hinte, Wolfgang: Sollen Sozialarbeiter hexen? Stadtteilarbeiter zwischen Bürokratie und Bewohneralltag. In: sozial extra 9/1991(a)
  • ders.: Stadtteilbezogene Soziale Arbeit und soziale Dienste - Lebensweltbezug statt Pädagogisierung, in: Brennpunkte sozialer Arbeit, Sozialarbeit deutsch-deutsch, Neuwied 1991 (b)
  • ders.: Von der Stadtteilarbeit zum Stadtteilmanagement - Sozialraumorientierung als methodisches Prinzip sozialer Arbeit. In: Blätter der Wohlfahrtspflege 5/1992
  • ders.: Neue Steuerung: alte Falle oder neue Chance für sozialarbeiterische Fachlichkeit? In: Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit 4/1995
  • Hinte,W.,/Karas, F.: Studienbuch Gruppen- und Gemeinwesenarbeit, Neuwied/Frankfurt a.M. 1989
  • Hinte, Wolfgang/Preuß, Otmar/Sensenschmidt, Bernd: Vertrauen überwindet Angst, Frankfurt a. Main 1995
  • Huber,Joseph: Wer soll das alles ändern?, Berlin 1986
  • Kühn, Max/Preis, Michael: Widerstand aus der Hinterwelt, Berlin 1979
  • Institut für Stadtteilbezogene Soziale Arbeit und Beratung (Hg.): Zwischen Sozialstatt und Selbsthilfe. Essen 1989
  • Langer, Yaroslav: Die Grenzen der Herrschaft, Opladen 1988
  • Merchel, Joachim: Sozialverwaltung  oder Wohlfahrtsverband als "kundenorientiertes Unternehmen": ein tragfähiges, zukunftsorientiertes Leitbild? In: Neue Praxis 4/1995
  • Oelschlägel, Dieter: Berufliche Strategie der Sozialarbeit unter veränderten Rahmenbedingungen. In: Blätter der Wohlfahrtspflege 7-8/1986
  • ders.: Gemeinwesenarbeit. Zwischen stadtteilorientierter Dienstleistung und Hilfe zur Selbsthilfe. In: Soziale Arbeit 1/1993
  • Peuckert, Rüdiger: Familienformen im sozialen Wandel, Opladen 1991
  • Preis, Michael: Der Stadtteil als Wespennest. In: sozial extra 2/1990
  • Selle, Klaus: Mit den Bewohnern die Stadt erneuern, Dortmund 1991