Der Tagungskommentar

Diese GWA-Werkstatt hat spürbar zumindest ein zartes Selbstbewusstsein verströmt, weil das Interesse an GWA wieder zunimmt: Indizien dafür sind z.B. eine Reihe neuer Veröffentlichungen wie das „Handbuch Gemeinwesenarbeit“, die Publikation „Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit in der Sozialen Arbeit“ und das „Handbuch Community Organizing“. An vielen Hochschulen wird GWA wieder ein erkennbarer Teil des Curriculums.

Auch das als Förderkulisse für GWA nicht unwichtige Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ ist jüngst mit deutlich größerem Budget ausgestattet worden. Entsprechend war auch diese Werkstatt „voll besetzt“ und zwar mit Teilnehmenden aus vier Ländern: Deutschland, Österreich, Schweiz und Luxemburg.

Nach dem Aus für das Burckhardthaus in Gelnhausen als Tagungsort war lange Zeit fraglich, wie und wo die GWA-Werkstatt als das zentrale Treffen für Gemeinwesenarbeit im deutschsprachigen Raum fortgeführt werden kann. Es ist von großem Wert, dass die BAKD in Person von Frank Dölker die Werkstatt nun kontinuierlich wieder ausrichtet, 2012 in Hofgeismar und jetzt in Eisenach.

In Fortführung der Tradition früherer Werkstätten für Gemeinwesenarbeit wurde ich eingeladen in diesem Jahr die Rolle des Tagungsbeobachters einzunehmen. Diese Rolle konnte ich auf dieser Werkstatt nicht immer konsequent durchhalten. Ich möchte daher vorwegschicken, dass ich hier nicht allein Beobachter, sondern auch mitgestaltender Akteur bin. Mancher Blick von mir ist also möglicherweise durch zu große Nähe zum Gegenstand (der Werkstatt) getrübt zumindest aber gefärbt.

Meinen Kommentar differenziere ich nach Inhalt (also den verhandelten Themen) und der Form (also der Didaktik, wie auf der Werkstatt gearbeitet wurde).

Inhalt:

Das Thema Recht auf Stadt, auf Wohnen auf Infrastruktur war geradezu erstaunlich handlungsleitend für diese Werkstatt und hat diese in allen Poren durchdrungen. Gerahmt war die Werkstatt durch vier fulminante Vorträge zu Beginn und einen weiteren am Schlusstag. Zunächst wurde dabei das Recht auf Stadt kontextualisiert, einmal für professionelle Gemeinwesenarbeit und danach aus der Perspektive Sozialer Bewegungen. Dabei wurde uns als analytischer Zugang eröffnet, das Recht auf Stadt als ein Recht auf Aneignung, auf Zugang und auf Differenz zu begreifen. Handlungspraktisch haben wir am Beispiel der GWA St. Pauli gelernt, wie das Recht auf Stadt nicht nur eine mittelschichtsorientierte Lifestylebewegung bleiben muss, sondern auch Potenzial für die Interessendurchsetzung benachteiligter gesellschaftlicher Milieus bietet.

Deutlich wurde: Bei aller Differenz unserer verschiedenen Verständnisse von GWA (denn „die GWA“ gibt es nicht) scheint ein ganz wesentliches Kern-Prinzip der GWA in der präzisen Analyse gesellschaftlicher Konfliktlagen zu liegen und, darauf aufsetzend, in einer grundsätzlichen professionellen Bereitschaft, sich in diese Konfliktlagen hineinzubegeben. GWA benötigt somit Konfliktkompetenz. Es kann also in der GWA nicht nur um Konfliktbeilegung, Konfliktschlichtung oder um Mediation gehen. Im Gegensatz zu einer dominierenden Rhetorik des Ausgleichs und der Konfliktbeendigung ist es für GWA von hoher Bedeutung, das in Konflikten liegende Potenzial für Veränderungsprozesse stärker anzuerkennen und ihr professionelles Handeln darauf zu richten, Konflikte produktiv zu machen. Für Soziale Arbeit, als eine in ihrer Tendenz konfliktscheue Profession, ist das als Programmatik allerdings sehr herausfordernd.

Ich bin froh (und auch ein wenig stolz) dass es dieser Werkstatt so eindrucksvoll gelungen ist, mit dem Thema Recht auf Stadt die für professionelle GWA erforderliche gesellschaftspolitische Selbstaufklärung so prägnant einzufordern und auch zu leisten. Ich habe den Eindruck, dass aus dieser Werkstatt wieder Kraft und Selbstbewusstsein für die produktive Arbeit an und mit Konflikten im Alltag gewonnen werden konnte. Damit wurde zudem deutlich in Erinnerung gerufen, warum in der Sozialen Arbeit, als eine Erweiterung des traditionell starken Bezugs auf die einzelne benachteiligte Personen in den 1960er/70er Jahren die Orientierung am Gemeinwesen vorangetrieben wurde: Nicht in erster Linie um benachteiligte Stadtteile vor dem weiteren Abrutschen in einer Spirale der Marginalisierung zu bewahren. Sondern um über kollektive Handlungs- und Organisationsformen, auf der Basis kritischer Gesellschaftsanalyse, zumindest ein wenig Zugriff auf die Mitbearbeitung gesellschaftlicher Konflikte zu bekommen.

Derart analytisch munitioniert galt es im weiteren Verlauf der Werkstatt, das Vorgetragene für die Praxis der GWA fruchtbar zu machen. Denn gerade mit dem Werkstattcharakter wird darauf abgezielt, keine rein akademische „Wolkenkuckucksheim-Diskussion“ zu führen, bei der sich heute alle in ihrer kritischen Haltung überbieten, aber morgen wieder ohnmächtig weiter arbeiten. Entsprechend wurde in den Arbeitsgruppen das zuvor vielleicht etwas einseitig auf Aufwertungs- und Verdrängungsprozesse in Metropolen bezogene Recht auf Stadt, pragmatisch zu wenden als ein Recht auf Infrastruktur auch in schrumpfenden oder in ländlichen Regionen. Hier konnten realistische Handlungsmöglichkeiten der GWA entwickelt werden, die durchaus die Ambivalenzen und Verfangenheiten von GWA aufgrund ihrer häufigen „Sandwichposition“ mit berücksichtigen. So wurden auch Handlungsoptionen jenseits der beeindruckenden Beispiele aus dem Vortrag der Kolleg_innen aus Hamburg-St. Pauli entwickelt, neben denen sich zunächst manche GWA’ler_innen im Vergleich möglicherweise etwas unbedeutend vorgekommen waren.

Ziel der Werkstatt war es, über das Thema Recht auf Stadt zu einer Klärung oder Profilierung dessen zu kommen, was (Zitat Einladungstext) „ gegenwärtig als fachlich verbindliches Profil von Gemeinwesenarbeit verstanden werden kann“. Da es „die GWA“ als homogenes Arbeitsfeld nicht gibt, musste ausgelotet werden: Was sind heute ihre Facetten, Chancen, Themen und Handlungsformen? C.W. Müller hatte seinen Tagungskommentar der Werkstatt 2002 damit beendet, dass er die dort geführte Debatte begrüßte (damals ging es um Unterschiede und Gemeinsamkeiten von GWA und Quartiermanagement), weil sich darüber die Identität von GWA schärfen ließ: „Und nur wer sich seiner eigenen Identität einigermaßen sicher ist, der ist auch bündnisfähig gegenüber anderen“ (Müller 2002: 182).

Ich bin jedoch zunehmend weniger überzeugt, dass diese Vorstellung eines Kerns, einer Identität heute für GWA noch trägt. Sind wir noch so etwas wie eine gemeinsame „Zunft“? Ich glaube eher, die Gemeinwesenarbeit ist besonders früh in der Postmoderne angekommen: ein an den Rändern äußerst unscharfes Arbeitsfeld oder professionelles Handlungsprinzip mit relativ klaren Handlungsprinzipien aber durchaus variierenden Heimaten. Das macht zunächst unsicher und unzufrieden, kann auch in die Beliebigkeit führen, kann aber auch großes Potenzial beinhalten, wenn die Akteure der GWA bereit sind, sich als einen Kommunikations- und Handlungszusammenhang zu konstituieren, der immer wieder Anlässe schafft, um Lehrsätze und Leitstandards der GWA einerseits zu hinterfragen und weiter zu entwickeln und andererseits überhaupt erst publik zu machen.

Dazu hätte ich in den drei Tagen gerne noch mehr von Teilnehmer_innen erfahren: Was verbinden sie mit GWA? Was ist ihre Berufsbiographie, ihre Ausbildung? Welche Wissensbestände der GWA sind für hier für wen interessant? In der äußerst lebendigen Diskussion um die Aktualisierung der „Qualitätsstandards der GWA“ nutzten zahlreiche Teilnehmer_innen die Gelegenheit ihre GWA-Zugänge zu akzentuieren. Ich freue mich um das weitere Ringen darum.

Form:

Nach vier Vorträgen zu Beginn, die, trotz ihres frontalen Charakters, mit ihrer intellektuellen Schärfe und Praxisnähe durchaus aktivierenden Charakter hatten, folgten eine Reihe von offenen Formaten. Am ersten Abend präsentierten sich Projekte auf dem Markt der Möglichkeiten und spätestens mit Beginn des zweiten Tages eigneten sich die Teilnehmenden die Werkstatt dann selbstbewusst an: Das war erkennbar, als sich erstaunlich rasch pointierte Themen für das Arbeiten in Gruppen beim Open Space fanden, oder auch daran, dass alle Teilnehmenden in den Arbeitsgruppenphasen „an Bord“ geblieben sind. Z.T. wurde das Recht auf Stadt hier prägnant verdichtet und operationalisiert: „Wem gehört die GWA und ihre Infrastrukturen, die Stadtteiltreffs, Nachbarschaftshäuser?“ „Wer sollte Schlüssel zum Bürgertreff haben?“ „Wem gehören die Themen, die wir bearbeiten und wer setzt die?“. Gleichzeitig boten die Arbeitsgruppen aber auch den Raum für das Aufwerfen anderer Themenschwerpunkte und die Klärung handlungspraktischer Methodenfragen. Insgesamt habe ich auf dieser Werkstatt neben dem offiziellen Programm beobachtet: Lebendige Tischgespräche, gemeinsame Spaziergänge und viel Raum für informelles Gespräch und Networking

Fazit: Als Thema hatten Konflikt und Kontroverse viel Raum auf der GWA-Werkstatt, als Handlungsmodus im miteinander arbeiten nur bedingt. Ob wir uns auch in unserer Konfliktfähigkeit nach innen gestärkt haben, halte ich daher für fraglich, da war der Umgang miteinander vielleicht noch etwas zu vorsichtig. Sicher bin ich mir aber, dass wir die GWA-Werkstatt zu einem Ort gemacht haben, uns als GWA-Akteuren den Mut, die Klugheit und den Rückhalt zu holen für die benötigte Konfliktfähigkeit nach außen.


Literatur:

  • Müller, C. Wolfgang (2002): Die Essentials auf die Tagungsebene herunterbrechen. Der Tagungsbeobachter kommt zu Wort. In: Gillich, Stefan (Hrsg.): Gemeinwesenarbeit. Eine Chance der sozialen Stadtentwicklung. Gelnhausen, S. 172-182