16. Werkstatt für Gemeinwesenarbeit (2014)

 - Editorial & Inhaltsverzeichnis -

Schrumpfungsprozesse in Randgebieten und ländlichen Räumen einerseits und massive Aufwertungsprozesse von angesagten Stadtteilen andererseits bilden die Basis erheblicher Veränderungen mit denen die Gemeinwesenarbeit vor Ort konfrontiert ist. Das Recht auf Stadt, verstanden als ein Recht auf Aneignung, auf Zugang, auf Teilhabe und auf Differenz ist insbesondere für marginalisierte Bevölkerungsgruppen zunehmend brüchig. In perspektivarmen Regionen verlassen Bürger_innen und Institutionen ihre Gemeinden, als letzte Infrastruktur verbleibt oft nur der Zigarettenautomat.

In prosperierenden Stadtregionen bestimmen institutionelle und private Investoren auf der Suche nach dem „Betongold“ mit ihren Logiken zunehmend die Ziele der kommunalen Stadtteilentwicklung und leiten die Verdrängung kapitalschwacher Bevölkerungsgruppen an die Peripherie ein.

Die 16. Werkstatt für Gemeinwesenarbeit  „Das Recht auf Stadt! Wege zu einer solidarischen Stadtentwicklung“ hat zur Auseinandersetzung mit diesen aktuellen Problemstellung eingeladen, um zum einen die gesellschaftstheoretische Analyse der Konfliktursachen voranzutreiben und zum anderen Handlungsoptionen für die Gemeinwesenarbeit zu destillieren.

In den Spannungsfeldern des Rechts auf Stadt wurden folgende Fragen bearbeitet:

  • Welche realistischen Handlungsmöglichkeiten bleiben der Gemeinwesenarbeit, um dafür zu sorgen, dass nicht allein top-down für Quartiere erlassene Planungen bestimmen, was vor Ort diskutiert werden kann und was nicht?
  • Was kann GWA tun, um ihre in randständige Räume verdrängten oder dort verbliebenen Adressat_innen und die zumeist mittelschichtsgetragenen Initiativen gegen Gentrifizierung (z.B. die „Recht auf Stadt“-Bewegung) in Beziehung zu bringen? Welche Berührungen gibt es überhaupt zwischen professioneller GWA und Sozialen Bewegungen?
  • Welche fachlich verbindlichen Standards und Qualitätsmerkmale lassen sich mit der Kontextualisierung von GWA in den Kämpfen um das Recht auf Stadt (wieder-) gewinnen?

Die vorliegenden Texte und Workshop-Beiträge sind hervorgegangen aus der 16. Werkstatt für Gemeinwesenarbeit, die vom 02.-04. 06.2014 mit 80 Teilnehmenden in Eisenach stattgefunden hat. Grundanliegen der Werkstatt war es, Organisations- und Befähigungsperspektiven der Gemeinwesenarbeit zur Teilhabe der Bürger_innen im Kampf um ihre Städte und Gemeinden auszuloten:

  • Recht auf Stadt! Aus Sicht und im Rahmen professioneller GWA
    Sabine Stövesand und Christoph Stoik entfalten in ihrem Auftaktvortrag das Recht auf Stadt als Recht auf Umverteilung, auf Zentralität, auf Aneignung auch für die Schwächsten und Leisesten und entwickeln daraus den Auftrag der Gemeinwesenarbeit an der Durchsetzung eines Rechts auf Stadt mitzuarbeiten. Das erfordert eine dezidierte Konfliktbereitschaft und Konfliktkompetenz der Praktiker_innen und der Institutionen der Gemeinwesenarbeit, die tendenziell im Widerspruch zu vorherrschenden, vorwiegend auf Vermittlung und Interessenausgleich abzielenden Strategien steht. Trotz der Abhängigkeitsverhältnisse, in denen die GWA als „Sandwichprofession“ verfangen ist, müsse es für die GWA um mehr gehen, als nur die Zumutungen im Quartier erträglicher zu gestalten.
  • In ihrem Beitrag leuchtet Ellen Bareis das Recht auf Stadt aus der Perspektive Sozialer Bewegungen aus. Dabei wendet sie sich der Frage zu, warum der Konflikt um die Programmatik der „Unternehmerischen Stadt“ vs. der „Sozialen Stadt“ gerade jetzt entbrennt. Die Dynamiken urbaner Transformation, angeheizt durch die Finanzialisierung der Immobilienökonomie, verlangen es gerade jetzt von der GWA, sich zu erinnern, dass die Orientierung am Gemeinwesen im Kern nicht der Bearbeitung von Nachbarschaftskonflikten dient, sondern der Bearbeitung gesellschaftlicher Konfliktlagen auf der Meso-Ebene.
  • Beteiligung, Auseinandersetzung, Gentrifizierung – und die Rolle der GWA in der Praxis?
    Christina Röthig und Steffen Jörg stellen ihre Erfahrungen aus der Praxis der Gemeinwesenarbeit in den Auseinandersetzungen um das Recht auf Stadt in St. Pauli dar. Sie markieren das Recht auf Stadt nicht als ein juristisches Recht, sondern als ein kollektives Recht auf Aneignung und Differenz, da gerade die Stadt „verdichtete Unterschiedlichkeit“ (Lefèbvre) bedeute. Sehr anschaulich zeichnen Sie nach, wie es Ihnen und Ihren Kolleg_innen gelungen ist, die zunächst auch in St. Pauli eher mittelschichtsorientierte „Recht auf Stadt-Bewegung“ klug für Koalitionen mit Bewohner_innen in prekären Lebensverhältnissen zu öffnen und damit deutliche Machtzuwächse in den Konflikten um die Zerstörung gewachsener Strukturen zu erzielen.
  • Community Organizing und das Recht auf Stadt
    Welche Perspektiven das Community Organizing für die GWA im Spannungsfeld des Recht auf Stadt bereithält, führt Michael Rothschuh in seinem Beitrag aus. Dabei diskutiert er auch aktuelle kritische Einwände gegen das Organizing und differenziert die verschiedenen Traditionen und Stile.

Neben diesen auf den Vorträgen der GWA-Werkstatt beruhenden Texten wurden für die Dokumentation auch Beiträge aus den Workshops verschriftlicht:

  • Organisation der (inklusiven) Quartiersentwicklung von unten
    Anknüpfend an das erfolgreiche Modellprojekt WohnQuartier4 bewegt sich das Beratungs- und Qualifizierungsangebot „Inklusive Quartiersentwicklung“ im Evangelischen Zentrum für Quartiersentwicklung (Düsseldorf) an den Schnittstellen von Alten-, und Behindertenarbeit, umfasst auch Aspekte der Jugend- und Familienhilfe, der Arbeits- und Beschäftigungsförderung und der Integrationsarbeit – ist damit im besten Sinne gemeinwohlorientiert, akteursübergreifend, interdisziplinär und in allen wesentlichen Themenfeldern des Sozialraums angesiedelt
  • City Bound – Kreative Aktivierungsformen in Stadt und Quartier
    City Bound aktiviert seine Teilnehmer und die Teilnehmer aktivieren ihr Umfeld. Diese Kettenreaktion kann besonders quartiersbezogen auf konstruktive Weise Kontakt stiften, Begegnung schaffen und zu neuen Dialogformen anregen. Die Teilnehmer werden aufgefordert, aktiv zu werden, ihre Umwelt zu erkunden, auf fremde Menschen zuzugehen

Als Tagungsbeobachter kommt abschließend Oliver Fehren zu Wort und kommentiert die Ereignisse und die Arbeitsformen der Werkstatt.

Seit fast vier Jahrzehnten ist die Werkstatt Gemeinwesenarbeit der zentrale Ort für Austausch und Diskussion aktueller Entwicklungen der Gemeinwesenarbeit im deutschsprachigen Raum. Im zweijährigen Rhythmus treffen sich Praktiker_innen, Forscher_innen und Lehrende aus Deutschland, Luxemburg, Österreich und der Schweiz um praktisches Handeln, Konzepte und Theorien der Gemeinwesenarbeit fundiert, kritisch und kreativ weiterzuentwickeln. Der Werkstattcharakter drückt sich aus durch abwechslungsreiche Formate der gemeinsamen Wissenserarbeitung- und vermittlung und durch die strukturelle Offenheit des Programms. In diesem Jahr wurde die Werkstatt als Kooperationsveranstaltung der Bundesakademie für Kirche und Diakonie BAKD, der BAG Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit, der Sektion Gemeinwesenarbeit der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit und der Stiftung Mitarbeit durchgeführt.

Wir danken allen Autor_innen für die Mitarbeit in der GWA-Werkstatt und die Bereitschaft ihre Beiträge für diese Dokumentation zu verschriftlichen. Die Tagungsdokumentation der Werkstatt erfolgt nun zum ersten Mal nicht in Form eines gedruckten Bandes sondern ausschließlich online. Wir haben uns für diese Variante entschieden, um einerseits eine größtmögliche Verbreitung zu erzielen und gleichzeitig den redaktionellen Aufwand überschaubar zu halten. Unser besonderer Dank gilt Wolfgang Prauser, der diese erste online-Dokumentation der GWA-Werkstatt auf der Seite stadtteilarbeit.de umgesetzt hat.

  • Frank Dölker (Bundesakademie für Kirche und Diakonie BAKD)
  • Eva-Maria Antz (Stiftung Mitarbeit)
  • Uwe Lummitsch (BAG Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit)
  • Sabine Stövesand, Lothar Stock, Oliver Fehren (Sektion Gemeinwesenarbeit der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit)