Der erste Settlement-Versuch auf deutschem Boden – Eine wechselvolle Geschichte (1. Phase von 1901 – 1920)


Was war das Hamburger Volksheim?

1901 gründete eine Gruppe wohlhabender und zumeist auch promovierter Männer, unter ihnen auch der Kandidat des Predigtamtes » Walther Classen und der Senator und Inhaber der Hamburger Gummiwerke Dr. Traun, das erste Nachbarschaftshaus auf deutschem Boden. Nach dem Vorbild der Londoner Toynbee Hall sollte versucht werden, durch einen Ort der persönlichen Begegnung, eine Brücke zwischen gebildetem Bürgertum und notleidender rebellierender Arbeiterschaft zu schlagen. Ein Settlement im herkömmlichen Sinne war das Volksheim jedoch nie. Von den Mitgliedern war es allein der spätere Professor Walter Classen, der sich tatsächlich auch innerhalb des Arbeiterviertels niederließ.
In seiner mittlerweile über einhundertjährigen Geschichte veränderte sich das Profil des Volksheimes, gewissermaßen im Gleichklang mit der geschichtlichen Entwicklung Deutschlands, mehrmals grundlegend. Um den historischen und inhaltlichen Prozess des Volksheimes und somit auch der deutschen Nachbarschaftshausbewegung dennoch adäquat nachzeichnen zu können, erscheint es sinnvoll, die Entwicklung in vier sich überlappende Phasen einzuteilen. Als Anhaltspunkt dafür dienen die zahlreichen Satzungsänderungen des Vereins Volksheim e.V.. Der erste Abschnitt reicht von der Gründung im Jahr 1901 bis in die Anfänge der Weimarer Republik 1920. Hier beginnt die zweite Phase, die im Jahr 1929 endet. Die darauffolgende dritte Etappe wird unterbrochen durch die Herrschaft der Nationalsozialisten und den Zweiten Weltkrieg. In dieser Zeit steht das Volksheim – ähnlich wie andere gleichgeschaltete Nachbarschaftsheime – voll unter dem Diktat der NSDAP und übernimmt propagandistische, kontrollierende und versorgende Aufgaben. Mit der Neugründung 1945 kommt es vor allem programmatisch zu einer Fortsetzung, der vor der Nazizeit begonnenen dritten Etappe. Schon wenige Jahre später verändert sich das inhaltliche Profil des Volkheimes erneut und mündet wieder in einer Satzungsänderung und in einem neuen Namen. In der damit begonnenen vierten Phase heißt das Volksheim „Kulturelle Vereinigung Volksheim e.V.“.

Idee

Den Anstoß zur Gründung eines Settlements in Hamburg gab der Großindustrielle und spätere Vorsitzende des Volksheimes Dr. Traun. Er war es auch, der die vorangegangene Forschungsreise Classens zu den » Barnetts und den anschließenden halbjährigen Aufenthalt in » Toynbee Hall finanzierte. Classen fasste seine Impressionen und Erkenntnisse später in dem Buch „Soziales Rittertum in England“ zusammen.
Die Motivation, die hinter dem Engagement und der Gründungsabsicht stand, wurde genährt durch den Eindruck der tiefgründigen Spaltung zwischen wohlhabendem und gebildetem Bürgertum auf der einen Seite und weitestgehend mittelloser und kaum gebildeter Arbeiterschaft auf der anderen Seite. Angesichts dieser „sozialen Kluft“, wuchs bei den Initiatoren das (Pflicht-) Gefühl der Verantwortung und der Wunsch, einen geeigneten Beitrag zur Klassenversöhnung zu leisten. Über die Art und Weise dieses Beitrages und den erhofften Effekt heißt es im Gründungsaufruf aus dem Jahr 1901: „...(ein Ort) von wo aus wir unsere persönliche Hülfe, Arbeitskraft, Freundschaft anbieten. Wir wollen zu diesem Zweck mitten in Arbeitervierteln uns ansiedeln, wollen große Räume anmieten oder bauen, um ... persönlich mit den Arbeitern zu verkehren; ihnen mit unseren Kenntnissen, Intelligenz und Einfluss zu dienen und ihre materiellen und geistigen Bedürfnisse kennen zu lernen.“ (von Kietzell in Krahulec, 1993, S. 72f.). Zugleich erhoffte sich der privilegierte Kreis um Dr. Traun und Classen aber auch ein tieferes Verständnis der Arbeiter für die Belange des Bürgertums, welches sie vertraten. Es ist auch davon auszugehen, dass es nicht nur der Riss durch die Bevölkerung war, der die Gründungsmitglieder beunruhigte. Ebenfalls bedeutungsvoll dürfte die potentielle Gefahr gewesen sein, die von einer erstarkenden und organisierten Arbeiterbewegung für die abgesicherte bürgerliche Schicht ausging. In dem Gründungsaufruf wird dieser Aspekt mit der zunehmenden „Gefahr der Verwilderung und Verrohung“ der Arbeiterschaft und ihrer Jugend beschrieben (von Kietzell in Krahulec, 1993, S. 72).
Die Arbeit des Volksheimes, welche bis dahin durch persönliche Begegnung, Geselligkeit und Bildung bestimmt war, sollte gerade in der ersten Phase zu einer Entschärfung des Klassenkonfliktes und seinen beobachtbaren Auswirkungen beitragen. Eine tatsächliche Überwindung der sozialen Spaltung, die unter anderem auf real existierenden gesellschaftlichen Missständen beruhte, konnte und sollte mit der Gründung des Volksheimes nicht erreicht werden (Westerkamp in Soziale Arbeitsgemeinschaft Ost, 1929, S. 10). Das spiegelt sich nicht zuletzt in der Organisationsstruktur des Vereins wieder, in dem bis zur Satzungsänderung 1920 nur Angehörige der Hamburger Bürgerschaft Mitglieder werden konnten. Eben jene Einseitigkeit drückte sich auch in den Bildungsinhalten und thematischen Angeboten der ausschließlich bürgerlichen Referenten aus.
In den Jahren 1914-1918 brachte der 1. Weltkrieg eine zumindest zeitweilige Versöhnung der verschiedenen Klassen und Schichten mit sich. Diese kurze Phase der nationalen Einigkeit, die auch von den Verantwortlichen des Volksheimes in » aggressiv nationalistischer Weise gefeiert und betrieben wurde, fiel jedoch noch vor Ende des Krieges in sich zusammen. Die unmittelbar an den Krieg anschließende Revolution brachte die Grundidee des Volksheimes entgültig ins Wanken. Zu stark war nach Ansicht vieler Mitglieder und Besucher die ursprüngliche Überzeugung von Wunschdenken geprägt. Die Leitidee, eine Überwindung sozialer Gegensätze durch von außen, also durch das Bürgertum, bestimmte Bildungsinhalte und Themen zu erreichen, erwies sich nach über 17 Jahren Volksheim-Arbeit als wenig erfolgreich und nicht konsistent.
Dieser zugegebener Maßen doch recht kolonialistische Ansatz fand sein Ende in den Diskussionen und dem Streit um die zukünftige programmatische Richtung in der Jugendarbeit und mündete letztlich in der Satzungsänderung des Jahres 1920. Von nun an konnte jeder Gruppen- oder Veranstaltungsteilnehmer, der das 15. Lebensjahr vollendet hatte, vollwertiges Vereinsmitglied werden. Damit war zumindest die künstliche soziale Spaltung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in der Organisationsstruktur des Hamburger Volksheimes aufgehoben (siehe Grafik).

Organisationsstruktur 1901 – 1920   Organisationsstruktur nach 1920
 

Grafik: Götze, 2003

Gesellschaftliche Situation

Die Zeit um die Jahrhundertwende war von einer anhaltenden Phase der industriellen Hochkonjunktur geprägt. Durch den Industrialisierungsprozess waren mittlerweile die meisten Beschäftigten in Deutschland Arbeiter im industriellen Sektor (Geißler, 1996, S. 27 ff.). Trotzt stetig steigenden Sozialproduktes und pro-Kopf-Einkommens verteilte sich der geschaffene Reichtum nicht annähernd gleichmäßig.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam es, wie Geißler ausführt, zu einer Umschichtung in der Sozialstruktur. Aus der Ständegesellschaft wurde eine Klassengesellschaft, an deren Spitze nicht mehr der grundbesitzende Adel rangierte sondern das kapitalbesitzende Großbürgertum. Die obere Mitte der Gesellschaft bildete die relativ kleine Gruppe des akademischen Bildungsbürgertums (zu dem i.d.R. auch Geistliche zählten) und das wohlhabende Besitzbürgertum. Die große Mehrheit der Bevölkerung machte die verarmte Unterschicht – das » Proletariat – aus. Unter der noch vielfach zu differenzierenden Unterschicht bildeten die » Industriearbeiter um 1907 den „Kern der Arbeiterklasse ... und auch die quantitativ wichtigste Gruppe im Berufssystem“ (Geißler, 1996, S. 35). Sie waren es auch, die die negativen Folgen der Industrialisierung zum überwiegenden Teil tragen mussten. „Harte Arbeitsbedingungen in lärmigen Fabrikhallen mit kasernenmäßiger Disziplin, niedrige Löhne, Arbeitszeiten von täglich 13 und mehr Stunden, schlecht bezahlte Frauen- und Kinderarbeit, » enge und total überbelegte Wohnungen in schmutzigen Mietskasernen – das sind einige Stichworte zu ihrer Lebenslage“ (Langewiesche/Schönhoven zitiert in Geißler, 1996, S. 35).
die Arbeiter fanden ihre wirtschaftliche und sozialpolitische Interessenvertretung in den » Gewerkschaften und mehrheitlich in den typischen Arbeiterparteien (MSPD später SPD und USPD später KPD). Gerade die Sozialdemokraten erlebten nach der Aufhebung der „Bismarckschen Sozialistengesetze“ einen regen Zulauf und konnten bei der Reichstagswahl 1912 die stärkste Fraktion stellen. Innerparteilich setzte sich mehr und mehr der » revisionistische Flügel um Eduard Bernstein durch, der eine » Abkehr vom marxistischen Revolutionsautomatismus forderte. Zu den Kernforderungen der Sozialdemokraten gehörte die Forderung einer gerechteren Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums zugunsten des Proletariats sowie eine generelle Abkehr vom kapitalistischen Arbeits- und Wirtschaftssystem. Das Bürgertum musste aus diesen parteipolitischen Programmen und Reden zu Recht entnehmen, dass sie „alle ihre Privilegien, (und) ihre Macht verlieren würden, wenn die Partei der Arbeiter stark genug geworden wäre, die Verhältnisse umzustürzen“ (von Kietzell in Krahulec, 1993, S. 74).

Ziele

Das Hauptziel der Volksheim-Arbeit bestand darin, Angebote zu kreieren, welche die Möglichkeit schaffen sollten, Begegnungen zu arrangieren und persönliche Beziehungen zu knüpfen, um so „am großen Werk der sozialen Versöhnung mitzuhelfen“ (ebd., S.73). Man hoffte, durch die Überwindung der gesellschaftlichen Kluft, den auf beiden Seiten vorhandenen Vorurteilen und Feindseligkeiten wirkungsvoll begegnen zu können. Von ihrem eingebrachten sozialen Engagement versprachen sich die bürgerlichen Akteure zudem eine Abkehr der Arbeiterschaft von Sozialdemokratie und Klassenkampf. Gleichwohl überschätzten die Mitglieder des Volksheimes ihre Fähigkeiten nicht. In ihrem Verständnis ging es nicht um eine tatsächliche Beseitigung der beobachteten sozialen Gegensätze, sondern lediglich um ein Vermeidung jeglicher Heftigkeit und Härte in den daraus resultierenden Umgangsformen. So wurde es beispielweise als Erfolg gewertet, „wenn in der Diskussion über das Elend der Arbeiterwohnungen jede Schärfe vermieden wurde“ (ebd., S. 83).
Im Unterschied zu den englischen und amerikanischen Settlements gehörte es nicht zu den Zielen des Hamburger Volksheimes die Lebens- bzw. Arbeitsbedingungen ihrer Nachbarschaft zu beeinflussen oder gar zu verbessern. Die für Settlements typische Forschungsarbeit fand ebenfalls keinen Eingang in das Hamburger Konzept.

Leitbilder

Während es bei den Konzepten von Toynbee Hall und Hull House vorrangig um das Aktivieren von Selbsthilfepotentialen innerhalb der Nachbarschaft ging, lag im Volksheim der Fokus stärker auf persönlicher Begegnung und Entwicklung aufrichtiger zwischenmenschlicher Beziehungen. Gesellschaftliche Integration sollte über Freundschaft und Verständnis zwischen Mitarbeitern und Arbeitern entstehen. Dieser Ansatz basiert auf der Annahme, dass es möglich ist, gegenseitige Toleranz und Akzeptanz sowie solidarisches Handeln unterschiedlich geprägter Menschen über die persönliche Begegnung zu initiieren.
Milde Gaben und jedwede andere Form materieller Unterstützung wurden ähnlich wie bei dem Londoner Vorbild ebenfalls abgelehnt. Die Begründung war freilich eine andere. Nicht der entmündigende und korrumpierende Charakter der Almosen stand im Mittelpunkt der Kritik, vielmehr blockiere jede materielle Unterstützung „den Aufbau einer freundschaftlichen Beziehung“ (von Kietzell zitiert den Jahresbericht 1901/1902, S. 6 in Krahulec, 1993, S. 79).
Geleitet wurden die Mitglieder von den Idealen der Aufklärung, so etwa von der prinzipiellen Gleichheit der Menschen oder der Verpflichtung aller, für das gesellschaftliche Gesamtwohl tätig zu werden. Des Weiteren bestand die Annahme „dass Freundschaft wie Feindschaft in den Herzen der Menschen entstehe“ (von Kietzell in Krahulec, 1993, S.73), und schon deshalb musste der Aufbau von vertrauensvollen Beziehungen zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum im Mittelpunkt der Arbeit stehen. Gleichwohl war das bürgerschaftliche Engagement zumindest in den ersten Jahren des Volksheim motiviert durch die „Angst vor der Macht der Strasse“ und einem gewaltsamen Umsturz der bestehenden Machtverhältnisse (ebd.).
Charakteristisch für die Herangehensweise der sozial engagierten Bürger war die per Satzung ausgeschlossene, politische Parteinahme und Betätigung, sowie deren Thematisierung im Rahmen der Volksheim – Angebote. Von dem Vorhaben keine politischen Parteibestrebungen zuzulassen, versprachen sich die Verantwortlichen eine störungsfreiere und entspanntere Atmosphäre zum Aufbau persönlicher Beziehungen. Aber gerade in einer derart hochpolitischen Zeit kam die Ausblendung aller drängenden sozialen und politischen Fragen einer künstlichen und gewollten Isolation gleich, welche die praktische Arbeit zwanzig Jahre nach der Gründung des Volksheimes in eine schwere innere Krise stürzten sollte.


Umsetzung

Inspiriert von der Jugendarbeit des ebenfalls in Hamburg tätigen Pfarrers Clemens Schultz gründete Walther Classen bereits 1898 den ersten Lehrlingsverein. Bereits kurz nach seiner Rückkehr aus London, wo Classen die Praxis von Toynbee Hall studierte, kam es zu der Gründung des Hamburger Volksheimes. Die erste der späteren sechs Niederlassungen sollte im Hamburger Arbeiterviertel Rothenburgsort entstehen. 1908 eröffnete der Verein sein erstes eigenes Heim in Hamburg-Hammerbrook. Die Zahl der Mitarbeiterlag im Gründungsjahr bei 126. Sie finanzierten gemeinsam mit den Vereinsmitgliedern die Arbeit durch ihre Beiträge und Spenden. 1910 hatte sich die Anzahl der Mitarbeiter bereits fast verdoppelt. Auch die Zahl der Besucher war beachtlich.

Statistik für das Jahr 1910

  • ca. 100 verschiedene Clubs und Vereine für Kinder und Jugendliche mit 1700 regelmäßigen Teilnehmern
  • ca. 30 Clubs für Erwachsene
  • ca. 30 Sonntagsunterhaltungen pro Jahr mit jeweils 200 – 700 Teilnehmern
  • ca. 30 Donnerstags-Vorträge mit jeweils 80 – 200 Zuhörern

Quelle: von Kietzell in Krahulec, 1993, S. 76

Jugendarbeit

Im Zentrum der Volksheimaktivitäten stand in allen Phasen die Jugendarbeit. Sie wurde maßgeblich bestimmt durch Walther Classen und Clemens Schultz und durch das damals vorherrschende Bild der sittlich und moralisch gefährdeten, aber auch gefährlichen Jugend. In diesem Kontext wurde die Jugend „Projektionsfläche für Wünsche wie auch für Ängste“ (Sabelus in Lindner, 1997, S. 95). Man sah in ihr die Zukunft und den Rückhalt des Volkes, zugleich aber auch Chaos und Verwilderung. Deshalb galt es gerade die proletarischen Kinder und Jugendliche an das Volksheim zu binden, um damit für feste Anlaufpunkte und Struktur in ihrem Leben zu sorgen.
Neben den verschiedenen Freizeit-, Mädchen- und Jungenclubs waren es vor allem die sogenannten Lehrlingsvereine, welche die Jugendlichen im besonderen Maße anzogen. Diese Gruppen waren gekennzeichnet durch eine relativ feste Struktur (siehe Grafik), ein vom Gruppenleiter festgelegtes Programm und durch einen autoritären Führungsstil. Classen beschreibt die Rolle des Gruppenleiters wie folgt: „Was er nicht durchsetzten kann, soll er nicht vorschlagen und was geschieht, soll sein Wille sein. Niemals darf er der Geschobene sein“ (von Kietzell zitiert Classen in Krahulec, 1993, S. 84). Als Mitglieder für einen Lehrlingsverein kamen nur diejenigen Jugendlichen in Betracht, die als geistig rege und begabt galten, sowie diejenigen, bei denen die Eltern ihren Erziehungsanspruch nicht allein bewältigten konnten. Es musste also gewährleistet sein, dass der Jugendgruppenleiter Anforderungen an die Zöglinge stellen konnte. Als nächste Stufe in der Angebotshierarchie folgten die Gehilfenvereine, von wo aus die jungen Erwachsenen möglichst nahtlos in die Erwachsenen-Clubs wechseln sollten. Auf diese Weise sollte eine dauerhafte Verbindung der Arbeiterklasse mit dem Volksheim erfolgen. Laut Westerkamp war das jedoch „eine Hoffnung, die sich nur selten erfüllte“ (Westerkamp in Soziale Arbeitsgemeinschaft Ost, 1929, S. 7). Drei Jahre nach der Gründung wurden entsprechende Angebote für Mädchen ins Leben gerufen. Wenn man jedoch der Geschäftsführerin der Sozialen Arbeitsgemeinschaft Berlin Ost Glauben schenken darf, „so wurde deren geringes sozialpolitisches Interesse als hemmend“ empfunden (ebd.).

Quelle: von Kietzell in Krahulec, S. 75, Grafik: Götze, 2003

Bildung

Zur Verwirklichung der Zielstellung wurden etliche Bildungsangebote ins Leben gerufen. Schon bald machten die Vorträge einen der Kernbereiche des Vereinslebens aus. Allerdings stand bei Veranstaltungen nicht die allgemeine Vermehrung des Wissensbestandes der Besucher im Mittelpunkt – oder wie bei Toynbee Hall der Unterricht in lebenspraktischen Dingen – vielmehr sollten die Vorträge der Anregung und Erfrischung der Arbeiter nach einem langen und anstrengenden Arbeitstag dienen. » Themen und Inhalte waren da nur Mittel zum Zweck. Die Auswahl der Wissensgebiete erfolgte nach persönlicher Interessenlage des Referenten und unterlag somit einer gewissen Beliebigkeit. Besonderen Wert wurde auf eine unparteiische, sachliche und neutrale Vortragsweise gelegt. Gleichwohl war es gerade die Bildungsarbeit, die hinter den gesteckten Zielen zurückblieb und die gesellschaftliche Spaltung eher bekräftigte, als sie zu überwinden half. Denn es handelte sich bei den Besuchern des Volksheims – im Unterschied zu denen der Toynbee Hall – nicht um die ärmsten der Nachbarschaft, sondern vielmehr um jenen aufstrebenden Teil der Arbeiterschaft, der sich ohnehin an den Interessen der oberen Gesellschaftsschichte(n) orientierte. Die Arbeiter wurden von den Bildungsangeboten ausdrücklich als Einzelne angesprochen und auf diese Weise aus ihrem Lebenszusammenhang herausgelöst, „wo sie dann nur noch als » Außenseiter leben konnten“ (von Kietzell in Krahulec, 1993, S. 83). Dieser möglicherweise unbeabsichtigte Effekt führte in der weiteren Entwicklung des Volksheimes zur zunehmenden Ablehnung durch das Proletariat.

Rechtsauskunft

Eine der ersten Maßnahmen nach der Gründung des Volksheimes war die Einrichtung einer allgemeinen Rechtsauskunftstelle. Die kostenlosen Beratungsleistungen wurden von ehrenamtlich tätigen Juristen erbracht und fanden erheblichen Zuspruch in der Hamburger Arbeiterbevölkerung. Die Palette der Themen reichte von Mietrechtsstreitigkeiten über Rentenansprüche bis hin zu zivilrechtlichen Klagen gegen Nachbarn.
Für die Juristin Alix Westerkamp war diese Auskunftsstelle „die einzige Tür, die aus dem Hamburger Volksheim zu der eigentlich hilfsbedürftigen Bevölkerung führt ...und bedeuten einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der gemeinnützigen Rechtsauskunft überhaupt“ (Westerkamp in Soziale Arbeitsgemeinschaft Ost, 1929, S. 7). Durch die Lehrzeit in der Rechtsauskunft wurden aber auch viele angehende Richter geprägt. So verwundert es auch nicht, wenn sich die gemachten Erfahrungen und Erlebnisse in einer gewissen Volksnähe der Hamburger Rechtsprechung niederschlugen. Es kann festgehalten werden, dass der ursprüngliche Settlement-Gedanke des gegenseitigen Lernens und Partizipierens an dieser Stelle besonders aufging.

Andere Angebote

Flankierend zu den Kernbereichen Jugend- und Bildungsarbeit installierten die Mitglieder noch weitere settlementtypische Angebote. So gab es beispielsweise in einigen Niederlassungen Spielabende für Erwachsene oder Lesezimmer, die sukzessive zu sogenannten Freibibliotheken ausgebaut werden sollten. Die hier stattfindenden Lesungen wurden im wesentlichen als „Rat zum Lesen der richtigen Bücher“ verstanden (Gerth, 1975, S. 17) und dementsprechend eingesetzt. So sollten hier, wie auch bei den Sonntagsunterhaltungen, nur die Werke der besten und renommiertesten deutschen Schriftsteller und Musiker zum Vortrag kommen.
Zu den beliebten Aktivitäten, vor allem in den Lehrlings- und Gehilfenvereinen, gehörten die Ausflüge in die Hamburger Umgebung. Ähnlich wie in der Toynbee Hall erkannten die Jugendgruppenleiter die beziehungsfördernde Komponente von gemeinsamen Erfahrungen und Erlebnissen, die in nicht alltäglichen Situationen gemacht werden.


Historische Bedeutung

Der große historische Verdienst der Männer um Senator Traun und Pfarrer Classen liegt zuallererst darin begründet, dass sie die Ersten waren, welche die Idee, eine Niederlassung inmitten eines Armenviertels zu gründen, für Deutschland adaptierten. Dennoch, das Hamburger Volksheim war kein Settlement im eigentlichen Sinne. Obwohl es über die Jahre von fast allen Leitern und Geschäftsführern des Vereins wiederholt eingemahnt wurde, war bis auf Walther Classen niemand bereit, tatsächlich unter den Arbeitern zu leben. Das Fehlen dieses wichtigen Elementes ist rückblickend womöglich dafür verantwortlich, dass es zu keiner nennenswerten Einflussnahme auf die katastrophalen Lebensbedingungen in der unmittelbaren Nachbarschaft des Volksheimes kam. An dieser Stelle ist neben anderen grundlegenden Unterschieden wohl auch die größte Abweichung vom Londoner Vorbild festzustellen. Für Dr. Werner Picht, der bereits 1913 die » Konzepte von Toynbee Hall und Volksheim miteinander verglich, liegen die Ursachen für die elementaren Differenzen beider Programme vor allem in der mangelnden Liebe zu den Menschen – die jedoch die Basis der Arbeit ausmachen sollte – und in dem fehlenden Zutrauen in ihre Fähigkeiten. Der Hamburger Weg war für ihn, speziell in der ersten Phase, vor allem durch den Aufbau einer institutionalisierten Organisation gekennzeichnet, die zudem erhebliche Mängel an demokratischer Mitbestimmung aufwies (Picht, 1913, S. 122 ff.).
Ferner muss konstatiert werden, dass das Kernziel, die zumindest lokale Überbrückung der gesellschaftlichen Spaltung, nicht erreicht wurde, ja nicht erreicht werden konnte. Durch strukturelle und programmatische Festlegungen in den Statuten des Vereins konnte und sollte eine Klassenversöhnung bzw. eine wie auch immer geartete Integration der Armutsbevölkerung nur zu den Bedingungen des bürgerschaftlichen Lagers erfolgen. Durch die untergründige Angst der Verantwortlichen, dass ihnen das Heft des Handelns aus der Hand genommen werden könnte, verlor die Leitidee im Laufe der Jahre enorm an Zugkraft. Diese Entwicklung gipfelte letztlich in einer schweren inhaltlichen Krise, die mit der Satzungsänderung 1920 ihr vorläufiges Ende fand.
Gleichwohl ist der soziale Idealismus der Gründer und Mitarbeiter, gerade in einer von gewaltsamen Konfliktlösungen bestimmten Zeit, nicht hoch genug einzuschätzen. Besonders der Mitarbeiterschaft, als tragenden Säule der Volksheim-Arbeit, bescheinigt Alix Westerkamp eine überaus große Beweglichkeit und Flexibilität, wenn es die Situation verlangte (Westerkamp in Soziale Arbeitsgemeinschaft Ost,1929, S. 8ff.).

Abschließend noch ein Zitat von Dieter von Kietzell über den historischen Beitrag des Hamburger Volksheimes:

„Das Hamburger Volksheim hat eine Tradition in Deutschland begonnen, die in den Nachbarschaftsheimen und auch im Arbeitsansatz der Gemeinwesenarbeit bis heute fortgeführt wird: bestimmte gesellschaftliche Gruppierungen des Bürgertums begreifen die gesellschaftliche Ausgrenzung der Armutsbevölkerung als Skandal. Sie wollen der Auseinanderentwicklung der Reichen und Armen entgegenwirken. Sie setzten – anders als die Gewerkschaften – im Wohnbereich und den dort offenkundigen Benachteiligungen an. Das Volksheim begann mit einer in den Nachbarschaftsheimen bis heute fortgesetzten, auf gesellschaftliche Integration zielenden Arbeit, die sich um ein lokales Zentrum entwickelt.“

Quelle: von Kietzell in Krahulec, 1993, S. 79


Fragen zum Hamburger Volksheim der 1. Phase

  • Wie kam es zur Gründung des ersten deutschen Nachbarschaftshauses? Welche Einflüsse waren maßgeblich?
  • Der persönlichen Begegnung zwischen Arbeiter und Bürger räumten die Verantwortlichen des Volksheimes einen besonderen Stellenwert ein. Charakterisieren Sie die damit verfolgten Ziele.
  • Welche Rolle spielte die erstarkende Arbeiterbewegung im Konzept des Volksheims. Was bedeutete in diesem Kontext „Klassenversöhnung“?
  • Stellen Sie die augenfälligsten Unterschiede zwischen dem Volksheim, Hull House und Toynbee Hall überblicksmäßig dar. Liefern Sie anschließend möglich Erklärungen für eventuelle Abweichungen.
  • Führen Sie jeweils ein Beispiel für die praktische Volksheim-Arbeit an.
  • Worin liegt der Beitrag des Hamburger Volksheimes für die Entwicklung der Gemeinwesenarbeit?