Zwangsarbeit im Arbeitshaus


Tretmühle und Holzhacker im Arbeitshaus Hamburg
Quelle: Müller, C. W. (1991, 3. unveränderte Auflage) Wie Helfen zum Beruf wurde. Weinheim und Basel: Beltz. S. 39


Englisches Arbeitshaus. Kupferstich und Radierung von William Hogarth, 1732.
„Lieber arbeiten als so zu stehen“ steht links auf dem Pranger.
Quelle: Müller, C. W. (1991, 3. unveränderte Auflage) Wie Helfen zum Beruf wurde. Weinheim und Basel: Beltz. S. 36

In aller Regel wurden die arbeitsfähigen Ernährer der Familie, die um Hilfe nachsuchte, in ein Arbeitshaus eingewiesen, damit dort ihre Arbeitswilligkeit getestet werden konnte. Dies war die Voraussetzung für die Unterstützung der übrigen Familienmitglieder durch Naturalien und teilweise Geld. Diese Einrichtung des Arbeitshauses erwies sich im 19. Jahrhundert als das einzig probate Instrument, die Armen wirklich wirkungsvoll von der Armenhilfe abzuschrecken. Die Frauen verhungerten lieber, als um Hilfe zu bitten, und die Männer stahlen lieber, als ihren Frauen zu gestatten, Armenhilfe zu beantragen und dabei (mehr oder weniger automatisch) ins Arbeitshaus eingewiesen zu werden. Denn das Arbeitshaus, das seit 1865 obligatorisch zu jedem der 647 Armenpflege-Distrikte von England und Wales gehörte und aus Mitteln der Armensteuer unterhalten werden mußte, war eher ein Zuchthaus denn ein Ort, wo Erwerbslosen öffentliche Arbeit »angeboten« worden wäre. Selbst Aschrott, der sich in der Tendenz über die abschreckende Wirkung dieser Einrichtung recht befriedigt zeigt, kritisiert die unproduktive und unrationelle Arbeit, die im Arbeitshaus zu verrichten sei. Zwar hält er die Insassen der Londoner Arbeitshäuser, die er selbst besucht hat, für hoffnungslose Fälle: Dennoch regen sich bei unserem deutschen Gewährsmann erste »sozialpädagogische« Gedanken, die ihm mindestens die Art der Arbeit der Arbeitshäuser unrationell erscheinen lassen.

Quelle: P. F. Aschrott zitiert in Müller, 1991, S.34ff.

»Es ist noch nicht lange her, daß das Wergzupfen (oakum picking) fast die einzige Beschäftigungsart in den Workhouses war und noch heute bildet dasselbe jedenfalls die Hauptbeschäftigung. Dieses Aufdrehen und Zerzupfen von alten Schiffstauen muß von jedem Standpunkte aus, den man bei der Arbeitsanordnung in das Auge fassen mag, als irrationell erscheinen ... Der Erlös der Arbeit ist ein geradezu minimaler. Läßt man diesen ökonomischen Standpunkt ganz außer Betracht und verfolgt bei der Wahl der Arbeit vielmehr den Zweck der Abschreckung - wie man dies in England besonders in der ersten Zeit nach dem Gesetze von 1834 thun zu müssen glaubte, um dadurch, daß man den Unterstützten zu einer unangenehmen Arbeit anhielt, das Workhouse Test noch weiter zu verschärfen - so stellt sich auch hier das Wergzupfen als ungeeignet heraus, denn es ist eine unangenehme Arbeit nur für denjenigen, der nicht daran gewöhnt ist... Am meisten verwerflich erscheint diese Beschäftigungsart aber von dem Standpunkte aus, welcher bei einem eigentlichen Arbeitshause vor allem in Berücksichtigung gezogen werden sollte, nämlich: durch die Arbeit einen erzieherischen Einfluß dahin auszuüben, daß der Betreffende an der Arbeit selbst ein Vergnügen findet, und daß durch die Arbeitsleistung in ihm die Lust zur Arbeit erweckt wird«.
Aber auch aus einem anderen Grunde verfehlten die Arbeitshäuser ihre (mögliche) volkserzieherische Wirkung, denn, wie schon gesagt, die meisten arbeitsfähigen Erwerbslosen verhungerten lieber oder fristeten ihr Leben durch Mundraub und Diebstahl, als daß sie sich einweisen ließen. Offenbar traurig bemerkt Aschrott, die Arbeitshäuser der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts machten in der Tat nicht den Eindruck wirklicher Arbeitshäuser, weil sie schlicht leer seien. »Ein trefflicher Beleg für diese Tatsache ist es, daß in der Metropolis (= London) eine große Zahl von Armenverbänden zusammengetreten ist, um alle arbeitsfähigen Armen ihrer Bezirke in einem einzigen Workhouse unterzubringen, und daß dies letztere Workhouse regelmäßig noch nicht einmal zur Hälfte besetzt ist«. Abschreckung von der Armenhilfe und Arbeitserziehung sind also offensichtlich schon damals zwei Prinzipien gewesen, die sich gegenseitig ausschließen.
Quelle: Müller, C. W. (1991, 3. unveränderte Auflage) Wie Helfen zum Beruf wurde. Weinheim und Basel: Beltz. S.34ff.