Wissenschaftliches Arbeiten in Hull-House

Als Addams und Starr ihre neue Wohnung einrichteten, nahmen sie wohl kaum an, daß wissenschaftliche Forschungen zu einem der wichtigsten Arbeitsgebiete des Settlements werden sollten. Bald wurde ihnen allerdings deutlich, daß die Mißstände, die sie umgaben, durch punktuelle und individuelle Hilfe nicht zu beseitigen waren. Ursachenerforschung des spätkapitalistischen Großstadtelends war aber zum Teil Neuland; empirische Untersuchungen waren notwendig, um politischen Maßnahmen eine Grundlage zu geben. Forschungsaktivitäten wurden daher ein wichtiger Auftrag für Hull-House, das sich 1903 so verstand:
»Hull-House soll ein Zentrum für das höhere Gemeinde- und Gesellschaftsleben sein, pädagogische und philanthropische Unternehmungen einrichten und unterhalten und die Zustände in den Industriegebieten Chicagos untersuchen und verbessern.» [HULL-HOUSE BULLETIN, in KELLEY, Autobiography: 75*]
In ihrer Autobiographie, Twenty Years at Hull-House, beschreibt Addams einige der frühen Untersuchungen, die von ihr und anderen Mitarbeitern, manchmal im Auftrag einer offiziellen Untersuchungskommission, durchgeführt wurden. Das erste große Vorhaben dieser Art, das als Hull-House Maps and Papers veröffentlicht wurde, wird später näher beschrieben. Als weitere Projekte sind z.B. zu erwähnen: eine Untersuchung des Kreisarmenhauses durch Addams, Kelleys Untersuchungen des "sweating Systems"7, Grace Abbotts systematische Prüfung der zur Verfügung stehenden Mittel des Chicagoer Arbeitsamtes und Hamiltons Forschungen auf den Gebieten des Zusammenhangs zwischen Wohnungsnot und Tuberkulose sowie zwischen fehlenden sanitären Anlagen und Typhus. Andere wissenschaftlich erforschte Gebiete waren die Müllabfuhr, Probleme des Schulschwänzens, die Lebensbedingungen der Zeitungsjungen, die gesellschaftliche Bedeutung der Bars und die Säuglingssterblichkeit [Twenty Years: 125, 150, 163, 202, 209-210]. Jede dieser Untersuchungen wollte einen sozialen Mißstand aufdecken und dazu beitragen, diesen zu beseitigen. Die Industrie-Untersuchungen Kelleys und Hamiltons führten direkt zu Gesetzesvorlagen, die mehr oder weniger Erfolg im Landesparlament und später vor Gericht hatten. Die Müllabfuhruntersuchung brachte die Aufsicht der bislang privaten Müllabfuhr unter staatliche Kontrolle.

Hull-House Maps and Papers

Viele Hull-House-Mitarbeiter schrieben für wissenschaftliche Journale, z.B. für das AMERICAN journal OF sociology. Die umfangreichste Studie, die in Hull-House selbst entstand, war die 1895 erschienene Aufsatzsammlung Hull-House Maps and Papers.
Maps and Papers enthält Karten, die die Herkunft und Lebenssituation der um Hull-House lebenden Menschen darstellen, und von ver­schiedenen Hull-House-Bewohnern verfaßte Aufsätze, die, nach Addams, «verschiedene Nachbarschaftsthemen, mit Aufrichtigkeit und ehrlichem Engagement, wenn nicht mit Geschicklichkeit behandeln» [Twenty Years: 116-117*].
Der bescheidenen Einschätzung dieser frühen Arbeit durch Jane Addams widerspricht Mary Jo Deegan. Sie nennt das Werk ein «soziologisches Meisterstück» und «ein brillantes soziologisches Dokument, [das] einen monumentalen Einfluß auf die Chicagoer Soziologie hatte» [DEEGAN: 55*]. Sie begründet diese Bewertung mit der in Maps and Papers dargestellten Entwicklung von Addams' sozialtheoretischem Standpunkt und dessen Einfluß auf die Chicagoer Schule. Methodologisch war die Studie in der Tat wichtig, weil die Eintragung von demographischen Informationen auf einen Stadtplan als eine Innovation der Chicagoer Soziologie bekannt wurde. Ferner hat, nach Deegan, Maps and Papers die Chicagoer Tradition des Studiums der Stadt und ihrer Einwohner etabliert und die zentralen Themen der Studie - Immigranten, Armut und Beschäftigungsstrukturen - als die Hauptforschungsinteressen der Chicagoer Schule festgelegt. Schließlich erblickt Deegan in der späteren Nichtbeachtung des Werkes einen Beweis für die feindselige Gesinnung männlicher Soziologen gegenüber Addams und anderen Soziologinnen [DEEGAN: 55].
Die Studie umfaßt zehn Aufsätze von verschiedenen Autoren, einen Anhang und zwei Karten. Die Karten zeigen erstens die Aufteilung der achtzehn Volksgruppen um Hull-House und zweitens die Lohn- und Berufsstrukturen und die Wohnsituation dieser Gruppen. Kelley schrieb zwei Kapitel über das "sweating-system" und die Kinderarbeit, Starr steuerte ein Kapitel über den sozialen Zusammenhang von Kunst und Arbeit bei, Zeublin schrieb über das Ghetto; Addams war für die Einführung, den Nachtrag über die Arbeit Hull-House und einen Aufsatz mit dem Titel "Das Settlement als Faktor in der Arbeiterbewegung" verantwortlich [SPC, Reel 54, 0017-0130].
Die Hull-House-Mitarbeiter hatten die Kartentechnik nicht erfunden, sie aber offenbar in den soziologischen Gebrauch Chicagos eingeführt. Die Kunstsoziologie wurde nie ein Thema der Chicago-Soziologie, aber die anderen Aufsätze griffen Probleme auf, die in der Tat ureigene Themen der "urban sociology" werden sollten. Dies wurde von Soziologen, z.B. Ernest Burgess und Louis Wirth, später anerkennend erwähnt [DEEGAN: 58-63]. Im allgemeinen war das Anliegen der Studie nicht das Sammeln von Daten zum Zweck einer "wertfreien" Analyse, wie sie die Chicagoer Schule später anstrebte; die Arbeiten verstanden sich wissenschaftlich eher im marxistischen Sinne. Die objektiv zusammengetragenen Daten wurden ausgewertet als Grundlagen für die Aufdeckung und Analyse industriellen und urbanen Übels und führten zu fundierten und dezidierten Konzepten für ihre Beseitigung.
Das "sweating System" war eine besonders üble Form des Verlagssystems. Textilien oder andere Materialien wurden meistens in Kellerräumen oder in anderen, unzurei­chend belüfteten Stuben (daher "sweatshops") unter extrem schlechten Bedingungen verarbeitet. Der Arbeitgeber (Verleger) besorgte die zu verarbeitenden Rohmaterialien, verteilte die Arbeit und verkaufte die fertigen Waren. Die Arbeitnehmer waren von der Gunst des Verlegers völlig abhängig.

Quelle: Eberhart, C., (1995) Jane Addams. Rheinfelden und Berlin: Schäuble. S. 80f.