Die theoretische Arbeit der SAG

Daneben betrieb die SAG eine theoretische Arbeit. Hier sind einmal die Akademisch-sozialen Abende zu nennen, die ebenso wie die samstäglichen Besichtigungen sozialer Einrichtungen von einem nur juristisch, jedoch nicht faktisch von der SAG getrennten „Akademisch-sozialen Verein" getragen wurden. Zum anderen gehören hierher die dienstägliche Besprechung von Arbeitsfragen und das Sozialwissenschaftliche Seminar, beides nur für Mitarbeiter.
Die Akademisch-sozialen Abende waren ursprünglich eine interne Einrichtung für die Mitarbeiterschaft. „Als die ersten Studenten mit Siegmund-Schultze 1911 nach Berlin-Ost zogen und dort im Zusammenwohnen und Zusammenleben mit der ihnen bis dahin völlig fremden und in so ganz anderen äußeren Verhältnissen lebenden Menschenumwelt erfuhren, dass die Unkenntnis der Dinge, die tagtäglich auf sie einstürmten, sie in ihrem Umgang mit diesen so wesentlich anders denkenden und empfindenden Menschen behinderte und sie Schritt für Schritt ihre Ohnmacht gegenüber der materiellen und geistigen Not spüren ließ, wurde das Verlangen in ihnen immer stärker, die selbstgeschauten Einzelbeobachtungen in größeren Zusammenhängen zu sehen. Der kleine Mitarbeiterkreis fand sich in Sozialen Informationsabenden zusammen, an denen man sich von Männern der Wissenschaft und Praxis Einführungen in soziale Wissensgebiete geben ließ, um Rüstzeug für die praktische Arbeit zu sammeln. Diese Informationsabende fanden bald Interesse in weiteren Kreisen der Studentenschaft, und der Teilnehmerkreis vergrößerte sich. Es ergab sich die Notwendigkeit, diesem losen Gebilde eine festere, kontinuierliche Form zu geben; es kam zur Gründung des Akademisch-sozialen Vereins an der Berliner Universität."
Die Akademisch-sozialen Abende fanden regelmäßig donnerstags abends statt, meistens in den Räumen der SAG; die samstäglichen Besichtigungen schlössen sich eng an das Thema lies Referates an. So informierte man sich über Kinos, über verschiedene industrielle Großbetriebe, über Wohlfahrtsverbände, Gewerkschaften, Obdachlosenunterkünfte, das Polizeipräsidium und seine Aufgaben, Strafanstalten und Fürsorgeerziehungsheime, Reformwohnungen, Volksküchen und alkoholfreie Gaststätten, Wohnheime für Arbeiter und Arbeiterinnen und schließlich auch über Kneipen, die als Treffpunkte der Kriminellen bekannt waren. Zu diesen Referaten fanden sich in der Regel auch jeweils Fachleute bereit; die Liste der Referenten liest sich wie eine Auswahl der politischen und sozialpolitischen Elite der Vorkriegszeit. Gewerkschaftsführer, Fraktionssekretäre der verschiedenen Parteien und Theologen stehen neben dem Vorkämpfer für die Jugendgerichtsbewegung Dr. Köhne; Politiker wie Naumann arbeiteten ebenso mit, ebenso Dr. Sonnenschein, damals noch Leiter des Katholischen Sozialen Studentensekretariats. Blieb der Ablauf dieser Abende immer gleich: Bekanntmachungen - Referat - Diskussion, wobei die Diskussion sich nach vorliegenden Berichten und Protokollen mehr als ein Ausfragen der Fachleute darstellte, so änderte sich jedoch die Art der Themenzusammenstellung bald. An die Stelle von ungeordnet aufeinanderfolgenden Sachbereichen wurden bald für jedes Semester bestimmte Oberthemen ausgewählt (Probleme der Arbeiterfrage, Probleme der Jugendpflege, Soziale Reformen), die in ihren verschiedenartigen Ausfaltungen dargestellt wurden. Zeitweise ging man dazu über, bestimmte sozialpolitische Gebiete in kleinen Seminargruppen zu bearbeiten. Alle diese Veranstaltungen waren von jeweils etwa 40 Studenten besucht. Hier wurden nicht nur soziales Verständnis und Wille zur sozialen Arbeit in der SAG geweckt, von hieraus gingen auch Impulse an die anderen Hochschulen Deutschlands, so dass beim Ausbruch des Krieges 1914 an 18 Universitäten Soziale Studienkreise oder ähnlich bezeichnete Institutionen mit enger Anlehnung an die SAG Berlin-Ost bestanden.

Quelle: Gerth, F. J. (1975) Bahnbrechendes Modell einer neuen Gesellschaft. Hamburg: Herbert Reich Evangelischer Verlag. S. 31f.