Der Pullman-Streik

Im Eisenbahnknotenpunkt Chicago war George C. PULLMAN's PALACE CAR COMPANY (Eisenbahnwaggonbau) mit 5.000 Arbeitern eine Schlüsselindustrie. Pullman verhielt sich wie ein Feudalherr. Seine Arbeiter waren nicht nur aufgrund ihres Beschäftigungsverhältnisses von ihm abhängig; sie mußten auch in der von ihm gebauten "Modellstadt Pullman" wohnen und in den der Firma gehörenden Geschäften dieser Stadt einkaufen. Wasser und Gas kaufte die Firma von der Stadt Chicago, um sie an die Arbeiter weiterzuverkaufen. Die "Modellstadt" hatte Schulen, ein Theater, einen Park, Kirchen und ein Postamt. Die Wohnungen, ordentliche kleine Backsteinhäuser, hatten kein fließendes Wasser; die Mieten waren um 25 % höher als in den Nachbargemeinden.
Im Depressionsjahr 1893 wurden 3.000 Arbeiter entlassen; die Löhne der verbleibenden 2.000 um 25% bis 40% gekürzt. Die Mieten aber blieben gleich hoch. Es wird erzählt, ein Arbeiter habe nach Abzug der Miete und anderer Kosten genau zwei Cents in seiner Lohntüte noch gehabt. Als die wirtschaftliche Situation sich besserte, wurden 2.000 der Entlassenen wieder eingestellt, allerdings zu den niedrig gebliebenen Löhnen und den unverändert hohen Mieten. Im Mai 1894 formierte sich ein Komitee von Arbeitern, das Pullman bat, mit ihnen über dieses Problem zu sprechen. Pullman behauptete, die Firma sei noch in den roten Zahlen, und entließ drei der Komiteemitglieder. Daraufhin streikten die Pullmanarbeiter, die von Eugene Debs und seiner AMERICAN railway UNION organisiert worden waren. Pullman weigerte sich, eine Schlichtung zu akzeptieren. Er sperrte sämtliche Arbeiter aus und schloß seine Fabrik.
Mitglieder der Bahngewerkschaft weigerten sich, von Pullman gebaute Waggons an die Züge anzuschließen. Die General Managers Association der 24 Bahnlinien, die Chicago bedienten, verfügte die Entlassung jedes Arbeiters, der Pullmanwaggons abhängte. Als ein Arbeiter aus diesem Grund tatsächlich entlassen wurde, ging die ganze Arbeitskolonne in den Streik. Bis Ende Juli war das gesamte Eisenbahnsystem des Mittelwestens in Mitleidenschaft gezogen, und die Bahngewerkschaft, erst 1892 gegründet, zählte 150.000 Mitglieder [DULLES, Labor. HI-174].
Addams wurde Mitglied eines Schlichtungsausschusses, der vergeblich zu vermitteln versuchte. «Daß das Settlement die Kommunikation mit beiden Seiten aufrechterhalten konnte, schien lediglich die Bitterkeit und Spaltung an den Klassenfronten erkennen zu lassen.» [Twenty Years: 158*]
Gegen den Willen des Gouverneurs von Illinois, Altgeld, rief US-Präsident Cleveland die Nationalgarde. Der Streik wurde zerschlagen und Eugene Debs für sechs Monate ins Gefängnis geschickt, wo er Sozialist wurde [DULLES: Labor: 176-179].
Zu ihrem Engagement in dem Pullman-Streik schrieb Addams einen brillanten Artikel, A Modern Lear, der, als er erschien, in der ganzen Nation Beachtung fand. Sie verglich Pullman mit dem autokratischen König Lear aus Shakespeares Drama und die streikenden Arbeiter mit dessen nach Emanzipation strebenden Tochter Cordelia. Die Atmosphäre war aber nach dem Streik so aufgeheizt, daß der Artikel erst 1912, achtzehn Jahre danach, veröffentlicht werden konnte. A Modem Lear, weder von Pullman noch von der Gewerkschaft mit Beifall zur Kenntnis genommen, ist für Addams' Standpunkt aufschlußreich. Aus dem Artikel gehen ihre tiefe Sympathie und ihr Verständnis für die Motive und Aktionen der Arbeiterbewegung hervor. Gleichzeitig werden die Grenzen ihrer Analyse der industriegesellschaftlichen Entwicklung deutlich.
Pullman, schrieb Addams, habe nicht bloß das Arbeitsleben, sondern auch das gesamte gesellschaftliche Leben seiner Arbeiter bestimmen wollen. Er habe geglaubt, aus philanthropischen Motiven zu handeln, die ohne Tadel gewesen seien. Tatsächlich habe er, ohne auf industrielle und gesellschaftliche Entwicklungen Rücksicht zu nehmen, letzten Endes nur seine kommerziellen Interessen wahrgenommen.
Die Pullmanarbeiter streikten, um ihre materielle Existenz zu sichern und auch selbst über ihr Leben bestimmen zu können. Die Sympathiestreiks in anderen Eisenbahngesellschaften waren von den Ideen der Brüderlichkeit, der Unterordnung individueller Interessen unter das Wohl der Arbeiterklasse und der Emanzipation des Arbeiters getragen. Die von Pullman vertretenen Werte hingegen waren nicht nur unzureichend, sondern auch negativ; er predigte nur Sauberkeit, Sparsamkeit und alkoholische Abstinenz.
Emanzipation, schrieb Addams, gelinge nur, wenn sie für alle Mitglieder der Gesellschaft gelte, wenn Selbstbestimmung von denjenigen, die meinen, etwas dabei zu verlieren, genauso akzeptiert werde wie von denen, die sich daraus einen Vorteil erhoffen. Reformen könne man nur mit dem Einverständnis der Betroffenen durchführen. Gemeinsame Interessen auf der Grundlage der interpersonellen Beziehungen und Pflichten, die die industrielle Gesellschaft bestimme, könnten allem zu Fortschritten führen und weitere Tragödien verhindern [Modern Lear. 107-123].
Addams' Vision, der gesellschaftliche Fortschritt könne nur mit allen gesellschaftlichen Gruppen vollzogen werden und nütze letzten Endes allen Gruppen, ist in sich logisch. Der Bruch in ihrer Analyse ist hier, wie in anderen Schriften, an der Stelle, an der sie die Ansicht vertritt, daß die Machthabenden zur Erkenntnis gelangen sollten, es sei zu ihrem Vorteil, ihre Macht mit allen Gesellschaftsmitgliedern zu teilen. Addams glaubte, dieses würde sich durch ein immer weiterreichendes Netz zwischenmenschlicher Beziehungen und durch Aufklärung allmählich erreichen lassen. Wie diese weitreichende gesellschaftliche und auch individuelle Entwicklung vor sich gehen konnte, blieb unklar.

Quelle: Eberhart, C. (1995) Jane Addams. Rheinfelden und Berlin: Schäuble. S.164ff.