Proletariat

Die große Mehrheit der Bevölkerung gehörte zu den Unterschichten, für die in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts der Begriff „Proletariat" auftauchte. Gemeinsam war allen Proletariern, dass sie über kein Eigentum verfügten und, sofern sie überhaupt einen Arbeitsplatz hatten, lebenslänglich Lohnarbeit verrichten mussten. Ansonsten war das Proletariat keine einheitliche oder unstrukturierte Masse, sondern setzte sich aus vielen Gruppen mit sehr unterschiedlichen Lebensbedingungen und Mentalitäten zusammen (vgl. Kaelble 1983a, 188). Zu ihnen gehörten Landarbeiter und Fabrikarbeiter, das Gesinde auf den Bauernhöfen und das Dienstpersonal der feinen Bürgerhäuser, Handwerksgesellen und Heimarbeiter, Tagelöhner auf dem Bau und Gelegenheitsarbeiter, Vagabunden, Asylbewohner und Prostituierte. In Preußen machten die erwerbstätigen Gruppen des Proletariats im Jahre 1860 74% der arbeitenden Bevölkerung aus (Rürup 1984,96), die Erwerbsstatistik des Deutschen Reiches weist ihren Anteil im Jahre 1907 mit 69% aus - 63% „Arbeiter" und 6% „häusliche Dienste" (Ritter/Kocka 1974, 243f.). Große Teile des Proletariats lebten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verarmt und in bedrückender Not. In den Unterschichten breitete sich das Massenelend aus, der Pauperismus, der in Deutschland wie auch in den anderen europäischen Gesellschaften beim Übergang zur Industriegesellschaft wegen des Überangebots an Arbeitskräften auftauchte (Conze 1981, 113). 
Quelle: Geißler, R. (2. neubearbeitete und erweiterte Auflage 1996) Die Sozialstruktur Deutschlands. Opladen: Westdeutscher Verlag. S. 23