Parteipolitik: Die Progressive Party

Die progressive PARTY war im wesentlichen der politische Ausdruck eines verbreiteten sozial-ökonomischen Unbehagens, begleitet von Forderungen nach gesellschaftspolitischen Reformen. Angeführt vom populistisch agierenden ehemaligen Präsidenten Theodore Roosevelt, war diese Partei ein Sammelbecken verschiedenster, teilweise entgegengesetzter Reforminteressen. Im Wahljahr 1912 war sie ins Leben gerufen worden, um den zwei etablierten Parteien, den zur Zeit über die Mehrheit verfügenden Republikanern und den in der Opposition stehenden Demokraten, den Kampf anzusagen in einer Parteienlandschaft, die traditionell dritten Parteien gegenüber feindlich eingestellt war (und es geblieben ist).
Ein unverblümter Militarist und Imperialist, der die Interessen der USA mit denen der großen Unternehmen der Wirtschaft gleichsetzte, war Theodore Roosevelt für die progressive Reformbewegung eine zwielichtige Führerfigur. Das Porträt indes, das der Historiker Richard Hofstadter von ihm gezeichnet hat, zeigt einen Mann, der auf der Suche nach einer großen Aufgabe für die rein materialistischen Ziele der Monopolkapitalisten Verachtung empfand [HOFSTADTER: 207-228]. In seiner Autobiographie schrieb Roosevelt: «Kapitalgesellschaften wurden in der Geschäftswelt unverzichtbar [...] es war töricht, sie ohne durchgreifende Kontrolle sich selbst zu überlassen [...] die Regierung muß jetzt einschreiten, um die Arbeiterschaft zu schützen und um die großen Handelsgesellschaften dem öffentlichen Wohl unterzuordnen.» [zit. in HOFSTADTER: 226-227*]
Zweifellos unterstützten viele Reformer, so auch Addams, das Parteiprogramm und akzeptierten Roosevelt als die politische Persönlichkeit, die am ehesten die Wahl gewinnen konnte. Zumindest konnte er die sozialen Forderungen des Parteiprogramms einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen [DAVIS, Spearheads: 200; LEVINE: 191-192; LINN: 277].

Das Parteiprogramm und die Wahlversammlung

Theodore Roosevelt kannte Addams als Lobbyistin für ein Verbot der Kinderarbeit; er hatte sie auch in Hull-House besucht [Second Twenty Years: 43-45; [LINN: 272-275]. Als er 1912 aus der Nationalversammlung der Republikaner stürmte, um zu verkünden, er gründe eine neue, eine progressive Partei, war er nicht abgeneigt, die Reformvorschläge der national conference of charities and correction zu berücksichtigen, dessen Vorsitz Addams innehatte. Er berief sie in den Programmausschuß. Die von den Settlement- und Sozialarbeitern ausgearbeiteten Social Standards for Industry wurden zum größten Teil in das Programm aufgenommen. Die progressive PARTY unterstützte somit die Forderungen nach dem Achtstunden-Tag und der Sechstage-Woche, nach Abschaffung der Kinderarbeit, nach Wohnviertelsanierung und nach einer gesetzlichen Alters-, Unfall- und Arbeitslosenversicherung. Das Parteiprogramm forderte auch das Wahlrecht für Frauen und einige grundlegende demokratische Maßnahmen, zum Beispiel die Direktwahl, das Recht auf Gesetzesinitiative und die Einführung des Referendums [DAVIS, Spearheads: 194-197; LINN: 275-277]. Weitere Punkte waren ein Verbot der Arbeit im Verlagssystem und besondere Schutzmaßnahmen für Arbeiterinnen, aber auch der Bau von zwei Kriegsschiffen jährlich und der Ausbau der Militäreinrichtungen am Panamakanal. Unterstützung für Roosevelt kam aus den unterschiedlichsten Richtungen. Weitblickende Großkapitalisten befürworteten Maßnahmen zum Schutz der Arbeitnehmerschaft; sie hielten sie für stabilisierende Faktoren, die letztlich zur Erhaltung der Großindustrie und der Monopolgesellschaften beitragen würden. Populisten fühlten sich von der Befürwortung der politischen Instrumente für eine Basisdemokratie angezogen [HOFSTADTER: 223-225, 232]. Reformer und Arbeiter unterstützten die Arbeiterschutz- und Sozialmaßnahmen. Frauenrechtlerinnen bildeten eine weitere Gruppe der heterogenen Koalition.
Obwohl überzeugte Pazifistin, "schluckte" Addams die zwei Kriegsschiffe und, für sie noch schwerwiegender, den Ausbau des Panamakanals als maritimer Machtbasis [Second Twenty Years: 37-38]. Sie nahm auch den Ausschluß der schwarzen Mitglieder der Südstaatendelegationen hin, und dies, obgleich sie ein Gründungsmitglied der NAACP gewesen war. Aus Gründen der politischen "Machbarkeit" wurde ihr Protest abgewiesen. Zu der tiefen Enttäuschung einiger ihrer Hull-House-Freunde blieb sie im Programmausschuß und sprach sich für Roosevelts Nominierung aus, ohne von der Partei eine Erklärung zur Gleichberechtigung der Rassen verlangt zu haben [ADDAMS, The Progressive Party: 169-174, Progressive Delegate: 162]. Zu ihrem Eintreten für die Nominierung Roosevelts als Präsidentschaftskandidaten während der nationalen Parteiversammlung im Jahre 1912 schrieb sie: «Ich war deshalb da, und ich glaube, viele andere auch, weil das Programm die sozialen Hoffnungen, die Politiker so lange ignoriert hatten, ausdrückte.» [Second Twenty Years: 31*]
Ihrem Biographen James Weber Linn zufolge sei Addams skeptisch in bezug auf Roosevelts Verpflichtung zum Frauenwahlrecht geblieben. Sie habe aber wirklich auf eine Reform der Industriegesellschaft gehofft. Durch die Öffentlichkeitsarbeit, für die der nationale Wahlkampf eine geeignete Kulisse versprach, hoffte sie, die Reformen voranzutreiben [LINN: 274-280].
Addams nahm in der Tat mit Begeisterung die Chance wahr, einer breiten Öffentlichkeit die sozialen Fragen darzustellen. Sie schrieb, redete und legte 7.500 Meilen innerhalb fünf Wochen zurück. [FARRELL: 132]. In Versammlungen erklärte sie die ökonomische, soziale und ethische Bedeutung einer Reform der Strukturen der Industriegesellschaft. Die gewöhnlich positive Reaktion der Menschen, die zu den Versammlungen kamen, bestärkte sie in ihrem Glauben, daß die meisten Mitglieder einer Gemeinschaft bereit wären, soziale Ungerechtigkeiten abzuschaffen, wenn sie nur über die herrschenden Zustände und die Ziele der Reformen ausreichend informiert wären [Second Twenty Years: 38-40].
Als Woodrow Wilson im November 1912 die Wahl gewann, sagte Addams, sie sei weder überrascht noch enttäuscht. Der Wahlkampf habe eine breite Publizität für die Notwendigkeit sozialer Reformen ermöglicht, sie erwarte nun, daß Präsident Wilson die jetzt offensichtlich gewordenen Nöte der Bevölkerung beachte [LEVINE: 197]. Es sollte Addams' letztes parteipolitisches Engagement werden; danach unterstützte sie ausschließlich sozialpolitische Initiativen, Vereine, Komitees und autonom entstandene politische Bewegungen. Politische Parteien, so zitierte sie später einen von ihr nicht genannten Franzosen, seien Erfindungen, um Nominierung und Wahl der Amtsinhaber durchzusetzen [LINN: 281-282].
In mehreren Artikeln stellte sich Addams den Widersprüchen zwischen ihrer pazifistischen Haltung und ihrer Forderung nach Abschaffung der Rassendiskriminierung einerseits und ihrem Eintreten für die progressive party andererseits. Die schlechten Zustände in den Städten und m der Industrie würden mehr Tote, Kranke und Verletzte fordern als Kriege, die gleichzeitig stattfänden, schrieb sie. Die Notwendigkeit, durch Reformgesetze soziale Gerechtigkeit für alle Rassen zu erreichen, sei prioritär gewesen. Ihr Eintreten für die progressive party habe diesem Ziel gedient. [Progressive Delegate: 162-174].
Neue Parteien schrieben die Programme aller Parteien, bemerkte Addams. Die Demokratische Partei habe viele Reformforderungen der Progressiven übernommen, z.B. Maßnahmen zum Schutz der Arbeiter, Verbot der Kinderarbeit, Gründung einer Tarifkommission. Aristoteles, schrieb Addams, soll gesagt haben, Politik sei eine Schule, in der Fragen nicht nach dem Erkenntnis-, sondern nach dem Handlungsinteresse betrachtet würden [Second Twenty Years: 39, 45-46)
Ob Addams derartige Kompromisse «bitter bereute», wie eine Biographin behauptet hat [DEEGAN: 302], ist nicht belegt. Nach 1914 jedenfalls war ihr Pazifismus umfassend und kompromißlos.
Die Sozialreformer, die für die PROGRESSIVE party eingetreten waren, setzten nach der verlorenen Wahl ihre Aufklärungsarbeit mit dem Aufbau eines "Progressive Service" fort. Dieser Dienst sollte Forschungen zu den Themen Sozial- und Industrierecht, Naturschutz, Staatskunde, Lebenshaltungskosten und Kontrolle der Monopolgesellschaften sammeln und die Ergebnisse als Grundlage für Gesetzesinitiativen verwenden. Er sollte auch Redner zu diesen Themen regelmäßig zur Verfügung stellen. Diese Pläne wurden jedoch bald aufgegeben. Die Zeit sei vielleicht noch nicht reif, meinte Addams mit ihrer üblichen entwaffnenden Selbstkritik, oder, was wahrscheinlicher sei, die Reformer hätten die Bedürfnisse und Wünsche der US – Bürger nicht richtig erkannt (Second Twenty Years: 41 – 42).

Quelle: Eberhart, C. (1995) Jane Addams. Rheinfelden und Berlin: Schäuble. S. 170ff.