Dr. Werner Picht
Toynbee Hall und die englische Settlement-Bewegung

Tübingen 1913

Das Volksheim in Hamburg — eine deutsche Toynbee Hall?

Bei der Betrachtung der Settlement-Bewegung drängt sich die Frage auf, ob und inwieweit es sich dabei um ein spezifisch englisches Unternehmen handelt, das zwar eine erfolgreiche Nachahmung in Amerika finden konnte '), aber auf dem europäischen Kontinent und speziell in Deutschland keine Zukunft hätte.
Eine bündige Antwort darauf lässt sich kaum geben; denn wenn es auch z. B. in Deutschland überhaupt keine Setllements gibt und die Versuche, sie nach Frankreich zu verpflanzen, relativ erfolglos waren, so kann man daraus bei so ganz auf Persönlichkeiten gestellten Institutionen doch noch nicht ohne weiteres folgern, dass hier wie dort der Boden für sie überhaupt nicht geeignet sei. Gewisse Anhaltspunkte aber für die Beurteilung der Möglichkeiten eines Settlements in Deutschland gibt die Entwicklung des Hamburger »Volksheims«, zu dessen Gründung Toynbee Hall die Anregung gab. Es soll hier keine ausführliche Darstellung der Anstalt und ihrer Wirksamkeit gegeben werden. Das wäre nur möglich auf Grund einer ins Einzelne gehenden und auf längerer Erfahrung beruhenden Kenntnis ihrer Arbeitsmethoden, die mir nicht zu Gebote steht. Auch stellt das Folgende keine »Würdigung« des Volksheims dar, in dem, trotz prinzipieller Mängel, viel erfolgreiche und ausgezeichnete Arbeit getan wird. Vielmehr sollen nur einige charakteristische Züge hervorgehoben werden, durch welche das Volksheim sich von den englischen Settlements unterscheidet.
Im Jahr 1900 unternahm ein Hamburger Kandidat der Theologie, Walter Classen, eine Reise nach England, um die dortigen Settlements und speziell Toynbee Hall kennen zu lernen. Er hatte ein Gefühl für die Gefahr, welche in der Spaltung des Volks in zwei völlig getrennte Hälften, in die »zwei Nationen« nach dem Wort Disraelis, liegt, und er wollte sehen, ob man von den Engländern lernen könne, die Klassengegensätze zu überbrücken. Das Ergebnis seiner Studien hat er niedergelegt in einer kleinen Schrift *), die den Stimmungsgehalt der Settlement-Bewegung wiederzugeben sucht und in der Aufforderung zur Gründung eines Hamburger Settlements gipfelt. Die Verfassung von Toynbee Hall wird als vorbildlich empfohlen.
Die Anregung fand ein Echo, umso mehr da ihr Urheber mit seiner Person rückhaltlos für ihre Verwirklichung eintrat, und als es gelang, den durch seine sozialen Interessen bekannten Senator Traun für den Gedanken zu gewinnen, war das Gelingen des Unternehmens fürs erste gesichert.
Toynbee Hall blieb zunächst ausgesprochenerweise das Vorbild. In einem »Programm-Entwurf für eine Niederlassung in einem Hamburger Arbeiterdistrikt nach der Idee von Toynbee Hall in Ost-London« sind die Gedanken ausgesprochen, welche die Gründer des Volksheims damals erfüllten. Es heißt da:

"Niemals ist bei der Hamburger Bevölkerung der Wunsch reger gewesen, aus eigener Anschauung die Verhältnisse und Gewohnheiten der weniger bemittelten Klassen kennen zu lernen, als gerade jetzt, niemals auch ist der Wunsch und das Bestreben lebhafter gewesen, als gerade jetzt, mitzuhelfen bei der Beseitigung der die ärmere Bevölkerung bedrückenden Sorgen und Lasten. Bisher ist dieses Bestreben gehindert worden, vorzugsweise durch den Mangel persönlichen Vertrauens zwischen Wohlhabenden und Unbemittelten. Und selbst den vielfachen Bemühungen, persönlich zu helfen bei Kinderverpflegung und Erziehung, durch Beschaffung von Arbeit, fehlt es an Zusammenfassung und Einheitlichkeit. Endlich bleibt neben den schon bestehenden Einrichtungen noch manches zu tun, um kein Lebensgebiet, auf welchem sich durch Verkehr ein gegenseitiges Vertrauen, eine gegenseitige Kenntnis heranbilden kann, unberührt zu lassen. Hierzu gehört aber auch, dass sich solche Einrichtungen in den Arbeitervierteln selbst niederlassen. Weitgehende Versuche in dieser Richtung sind gemacht worden in England und Amerika und haben die günstigsten Erfolge gezeitigt.
Inmitten der ärmsten Distrikte großer Städte sind Niederlassungen errichtet worden, in welchen eine Reihe junger und älterer gebildeter Leute ständig wohnen, in welchen Versammlungen, Vorträge und Feste abgehalten werden, und wo jene gebildeten Leute als Ratgeber und Helfer, als Lehrer und Freunde inmitten der bedürftigen Bevölkerung wohnen.
Es wird nicht möglich sein, ohne weitere Grundlegung Institutionen wie diese englischen Niederlassungen zu schaffen, schon deswegen nicht, weil man nicht von vornherein weiß, ob das Bedürfnis unseres Volks diesen Bestrebungen in gleicher Weise entgegenkommt. Wo aber die Notwendigkeit ähnlicher Einrichtungen für uns besteht, heißt es, nun auch unsererseits die Grundlagen zu legen, um praktisch zu erproben, wo und wie zu helfen sei."

Trotz der vorsichtigen Formulierung geht daraus klar hervor, dass das englische Settlement den Gründern des Volksheims als Ideal vorschwebte. Von vornherein aber fanden sich wenige bereit, in die Armenviertel hinauszuziehen, und so kam es nur zur Schaffung von Mittelpunkten sozialer Arbeit im "slum", nicht zur Gründung eines Settlements.
Auch später ist es dabei geblieben. Trotz immer wiederholter Hinweise auf die Wichtigkeit des Draußenwohnens, das allein eine wirkliche Fühlungnahme mit der Arbeiterschaft ermögliche (vgl. z.B. den Jahresbericht 1905/06 S. 16 ff. und 1910/11 S. 48 ff.), haben sich stets nur Vereinzelte dazu entschlossen. Die 1905/06 geschaffene Mitarbeiter-Wohngelegenheit in Rotenburgsort musste 1908/09 wieder aufgegeben werden.
Damit war das Schicksal des Unternehmens in gewisser Hinsicht besiegelt: es war zur Organisation verdammt, und die — Lob und Tadel umschließende — sprichwörtliche Bezeichnung des Deutschen als eines Organisators fand auch hier wieder ihre Bestätigung. Die Mängel dieses Zustandes mussten um so fühlbarer werden, je mehr das Werk sich ausdehnte.
Der Verein »Volksheim« hat heute — von kleinen Zweigunternehmungen abgesehen — drei Zentralen: Rotenburgsort, Hammerbrook und Barmbeck, welche als ohne innere Berechtigung in eine Organisation zusammengespannt erscheinen.
Das geistige Leben Deutschlands ist sehr viel zerrissener als das englische: in England finden sich auch die Vertreter verschiedener politischer und religiöser Richtungen auf einer verhältnismäßig wenig erschütterten gemeinsamen Basis sittlichen und nationalen Empfindens zusammen. Und zudem ging dort der Anstoß zu sozialem Handeln von einer das ganze Volk durchzitternden geistigen Bewegung aus. So sind an sich die Schwierigkeiten, welche einer gemeinsamen sozialen Tätigkeit entgegenstehen, bei uns viel größer, und es ist nicht zu verwundern, dass die geistige Atmosphäre in den drei Hamburger "Volksheimen" eine gänzlich verschiedene ist: Hammerbrook steht unter der Leitung Walter Classens, der die durch einen August Hermann Francke, einen Wichern repräsentierte protestantische Tradition fortführt. Daraus ergab sich, wie schon eine sorgfältige Lektüre der Publikationen des Volksheims deutlich erkennen lässt, eine gewisse geistige Isolation und eine Oppositionsstellung gegenüber maßgebenden Volksheimkreisen. — An der Spitze von Barmbeck steht der liberale Geistliche des Bezirks, ganz Mensch der Tat und Optimist, ein Typus des "modernen Pfarrers". — Rotenburgsort endlich repräsentiert den "sozialen Geist" ohne spezifisch christlichen Beigeschmack. Die religiöse — wie politische — Neutralität wird übrigens auch in den anderen Niederlassungen streng gewahrt.
Unter diesen Umständen ist es klar, dass es lediglich eine Legende ist, wenn immer wieder versichert wird, es gebe einen gemeinsamen »Volksheim-Geist«. Vielmehr wird bei starken inneren Spannungen aus taktischen und finanziellen Gründen eine äußerliche Einheit aufrecht erhalten.
Wenn Walter Classen meint, als Gemeinsames stehe über dem Volksheim die »Ethik der Humanität« 1), so wird selbst das Bestehen dieses, wie man denken sollte, freilich bei solcher Tätigkeit unentbehrlichen Bandes widerlegt durch wiederholte Ausführungen in den Jahresberichten, die einen alles andere als humanen Charakter tragen. So enthält der 5. Bericht (1905/06) einen Artikel über "Die Entwicklung der Volksheimidee in der Praxis", der so bezeichnend ist, dass einige Äußerungen daraus ohne weiteren Kommentar zitiert seien. Es wird berichtet von erfolgreichen und viel versprechenden Versuchen Classens, eine besonders tief stehende Schicht von Knaben im Alter von 10—14 Jahren zu erreichen. Aber es wird als fraglich hingestellt, ob diese Arbeit fortgeführt werden könne, und zwar mit folgender Begründung: "Wir dürfen schließlich unsere Fürsorge für Minderbegabte und Benachteiligte aller Art nicht zu sehr ausdehnen, schon um nicht in den Ruf einer Fürsorge- oder Besserungsanstalt zu kommen."
Weiterhin heißt es: "Wir haben die Überzeugung, dass unser Stadtteil Rotenburgsort der richtige Boden für uns ist. Hier fehlt eine direkt verelendete und entartete Masse, wie sie z. B. in der Gegend der Steinstraße zu finden ist. Ob es noch möglich ist, diese wieder geistig und sittlich zu heben ? Wir vermögen es kaum zu glauben.
Wer es aber bedauert, dass wir nicht bei den tiefsten Schichten unsere Arbeit eingesetzt haben, der verkennt, dass wir nicht nur geben, sondern auch empfangen wollen; er verkennt, dass es nur möglich ist, wenigstens in der Anlage vorhandene Kräfte zu wecken und zu fördern; er verkennt endlich, dass wir nicht eine humane und philanthropische, sondern eine soziale, d. h. gemeinschaftsbildende Aufgabe (man beachte die GegenüberstellungI) zu lösen haben. Zu dem Zwecke müssen "wir uns eben an die Schichten wenden, bei denen der Gemeinsinn Wurzel fassen kann. Dazu gehört eine gewisse Höhe des geistigen und ethischen Zustandes, eine innere Freiheit und Selbständigkeit, die sich nur bei dem von der unmittelbarsten Not nicht bedrohten, aufstrebenden Teil der Arbeiterschaft findet."
Zum Beweis, dass es sich hier nicht um eine nur vorübergehende Tendenz handelt, sei noch folgender Satz aus dem Jahresbericht 1910/11 zitiert (S. 55): "Wo es notwendig wird, dem Einzelnen persönlich nachzugehen, um ihn der Treue zur Gemeinschaft zu erhalten, da beginnt die reine "Rettungsarbeit" und es enden unsere Möglichkeiten."
Der Geist der Settlement-Bewegung hat sich bei dieser ihrer Wiedergeburt auf deutschem Boden (als solche wird das Unternehmen häufig bezeichnet) merkwürdig gewandelt: sie stellt sich nicht mehr dar als eine Äußerung des wärmsten Menschlichkeitsgefühls, sondern bloß als ein Versuch der "Erziehung zur Staatsbürgerlichkeit" *),   und zwar einer Erziehung der oberen wie der unteren Volksklassen. Nicht ganz klar macht man sich dabei freilich, dass eine solche Erziehung erst wirklich fruchtbar wird, wenn sie Ernst macht mit der Überbrückung der Klassengegensätze,  wenn sie die Nation als einen einheitlichen Organismus begreifen lehrt, und dass der Abgrund von Misstrauen und Missverstehen auf beiden Seiten nur geschlossen werden kann von einer Liebe, welche niemanden ausschließt, keine Schranken und Schwierigkeiten kennt, und keinen Menschen verloren geben kann. Nur wer diese Liebe in sich trägt, kann, vom rein Menschlichen ausgehend, gemeinschaftbildend wirken; eine Unterscheidung zwischen sozialer und humaner Tätigkeit ist widersinnig. Danach nimmt es nicht wunder, wenn im 2. Jahresbericht erzählt wird (S. 18), ein intelligenter Arbeiter habe gesagt: "Die Volksheimarbeit hat für die Annäherung der Volksklassen doch wenig Wert", und man habe ihm darin im Grunde rechtgeben müssen.
So ist es also der Organisation nicht gelungen, einen einheitlichen Geist zu schaffen, wie er in jedem Settlement die Voraussetzung der ganzen Tätigkeit bildet, und damit, dass man es "aufgegeben hat, ein warmes menschliches Gefühl als unbedingte Voraussetzung jeder Volksheim-Arbeit hinzustellen, hat man sich selbst in Widerspruch gesetzt zu dem Ziel, Zellen eines neuen, lebensvolleren Staatskörpers aufzubauen2).
Eine weitere Folge der Organisation ist, dass der Schwerpunkt nicht wie beim Settlement im Individuum, sondern in der Institution, dem Lehrlingsverein usf. liegt. Es ist psychologisch selbstverständlich, dass dem Leiter eines Settlements die ihn umgebenden Menschen das wichtigste sind, dem Geschäftsführer eines Vereins aber dessen Tätigkeitszweige. Die Folge ist eine doppelte:

  1. Das Interesse wendet sich immer mehr vom Gebildeten ab und dem Arbeiter zu, der als Essentiale jeder Vereinsunternehmung (Mitglied des Lehrlings- und Gehilfenvereins, Publikum der Sonntagsunterhaltungen usf.) erscheint. Er wird wieder zum Objekt, wie er von jeher Objekt philanthropischer und sozialer Bemühungen gewesen ist, nur dass man ihn anders behandelt als früher und etwas anderes mit ihm erreichen will. Das aber ist — wenigstens in diesem Zusammenhang — relativ unwichtig gegenüber der Tatsache, dass damit das Ziel, eine Verständigung der Volksklassen herbeizuführen, in den Hintergrund getreten ist. Die englischen Settlements sehen in steigendem Maße fast ihre Hauptbedeutung in dem Einfluss, den sie auf den Gebildeten haben dadurch, dass sie ihn mit dem Arbeiter zusammenbringen, woraus sich das Bestreben, eine möglichst breite Berührungsfläche zu schaffen, von selbst ergibt. Damit ist auch die Gelegenheit zur Verständigung mit dem Arbeiter gegeben, auch wo diese nicht in erster Linie zum Ziel gesetzt war. Im Volksheim ging man von dem Standpunkt aus, sich mit dem Arbeiter verständigen zu wollen, und lässt diesen Gedanken heute ganz zurücktreten hinter dem der Erziehung des Arbeiters
    In Rotenburgsort z. B. werden Draußenwohner jetzt nur noch angenommen, wenn sie sich zu längerem Bleiben verpflichten, der Kreis der mitarbeitenden Gebildeten also künstlich beschränkt, damit nicht Unerfahrene durch ihr Eingreifen das Getriebe des wohlorganisierten Werkes stören. Und in Hammerbrook wird fast alle wesentliche Arbeit von Walter Classen selbst getan.
  2. Ein peinlicher Zwiespalt ergibt sich aus der Tatsache, dass, während so "die Persönlichkeit des Mitarbeiters in den Hintergrund tritt, es sich doch in der Hauptsache um Tätigkeiten handelt, die ganz auf Persönlichkeiten gestellt sind. Da muss die Organisation zu einer Erstarrung führen. Als einen Beweis dieses unvermeidlichen Kristallisationsprozesses darf man es wohl betrachten, wenn im 9. Jahresbericht (1909/10) "Leitsätze der einzelnen Tätigkeitsgebiete" veröffentlicht werden, und damit der Versuch gemacht wird, ein höchst persönliches Wirken auf Formeln zu bringen, was in keinem Settlement-Bericht denkbar wäre. Dabei handelt es sich hier wie dort im Wesentlichen um gleiche Tätigkeiten.
Schon im ersten Jahre nahm das Volksheim 7 Arbeitsgebiete in Angriff:
  1. die Auskunftsstelle,
  2. das Lesezimmer (später aufgegeben),
  3. die Vorträge,
  4. die Sonntagsunterhaltungen,
  5. die Spielabende   (Gesellschaftsspiele,  Schach u. dgl. für Erwachsene),
  6. die Lehrlingsvereine,
  7. die Klubs.
Neben die Lehrlingsvereine traten später Gehilfenvereine, Kindergruppen, Mädchenbünde, Frauenvereine usf. In diesen, die nichts anderes sind als eine deutsche Form der englischen Klubs für Kinder und Erwachsene, liegt wie bei der Mehrzahl der Settlements der Schwerpunkt der Tätigkeit. (Die oben erwähnten "Klubs" sind eine Parallelerscheinung der mit Toynbee Hall verbundenen wissenschaftlichen Gesellschaften zur intensiveren Pflege von Spezialinteressen. Es besteht heute ein naturwissenschaftlicher, ein volkswirtschaftlicher und ein literarischer Klub in Rotenburgsort.) Der Versuch, auch sie wie alle anderen Gebiete der Volksheim-Tätigkeit einer Spezialkommission zu unterstellen, scheiterte freilich von vornherein.
Dieser flüchtige Überblick zeigt schon, dass gerade die typischen Tätigkeiten des Volksheims, die, welche sein Bestehen rechtfertigen (Lehrlingsvereine, Klubs), der Organisation widerstreben. Vorträge, Sonntagsunterhaltungen und Auskunftsstelle bedürfen einer solchen Zentrale nicht, wenn sie auch aus ihrer Popularität Vorteil ziehen werden.
Aus alledem lässt sich die folgende Konsequenz ziehen: Das Hamburger Volksheim hat den Beweis erbracht, dass in einer deutschen Großstadt nicht nur ein Bedürfnis nach Settlement-Arbeit besteht, sondern eine solche auch erfolgreich durchgeführt werden kann, allen Schwierigkeiten zum Trotz, welche in dem Fehlen eines dem englischen vergleichbaren sozialen Idealismus unter den Gebildeten und in der Opposition der Sozialdemokratie liegen. Zu einer Settlement-Gründung freilich reichte die Opferwilligkeit der Mitarbeiter nicht aus, wenn auch die Erfahrung die ursprüngliche Annahme bestätigte, dass nur das Wohnen im Arbeiterviertel eine wirkliche Fühlungnahme mit dem Arbeiter ermöglicht.
Der Grund, dass hier das Volksheim versagte, kann freilich darin liegen, dass es nicht entschlossener einen unzweideutigen Wahlspruch auf seine Fahne schrieb, nicht vertrauensvoller seine Kraft aus einem Idealismus zu schöpfen suchte, der keine Konzessionen macht. Statt dessen baute es auf die Zugkraft einer großen Organisation und steckte seine Grenzen soweit wie möglich, um alle nur irgend erreichbaren Elemente einzubeziehen. Aber es ist die Frage, ob eine einheitliche Idee sich nicht auf die Dauer doch als werbekräftiger erwiesen hätte, als es heute der Name "Volksheim" ist, der nur einen vagen Begriff vermittelt.
Aus dem Scheitern des Versuchs zur Gründung eines Settlements ergab sich die Notwendigkeit der Organisation, welcher der Charakter der Tätigkeit in ihren wichtigsten Teilen widerspricht, und welche umso größere Schwierigkeiten macht, als sie bei dem Mangel einer eindeutigen geistigen Haltung die heterogensten Elemente zu umschließen hat. Sie gefährdet die Elastizität und bedeutet einen Kräfteverlust durch die inneren Reibungen, die sie hervorruft, und durch die Ausschließung von Hilfskräften, welche in einem zwangloseren und gleichzeitig erzieherisch wirkenden Verband wie dem Settlement nutzbar gemacht werden können.
Es läge nahe, daraus die Empfehlung eines erneuten Versuchs der Übertragung der Settlement-Bewegung auf deutschen Boden abzuleiten. dass das hier nicht geschieht, versteht sich bei dem negativen Ergebnis, zu welchem die Kritik der englischen Settlement-Bewegung führte, von selbst, um so mehr, weil bei dem Fehlen der geistigen Voraussetzungen der englischen Bewegung in Deutschland die Schwierigkeiten, welche der idealen Verwirklichung der Settlement-Idee entgegenstehen, noch unüberwindlichere sein würden.
Wer freilich allein oder mit einer Schar von Freunden ins Arbeiterquartier zieht und so im Kleinen den Versuch der Gründung eines Settlements wagt, ohne eine dauernde Institution ins Leben rufen zu wollen, der wird, wenn er die nötige Opferwilligkeit mitbringt, eines Erfolges fast sicher sein können.
Im übrigen scheint eine vielgestaltige soziale Arbeit, welche das ganze Leben des Volks zu umfassen strebt, einer gesunden Entwicklung nur da fähig zu sein, wo sie von einer gemeinsamen geistigen Basis aus unternommen wird. Sie wird also zunächst kirchlichen und sonstigen durch Ideengemeinschaft verbundenen Gruppen überlassen werden müssen.
Der Isolierte aber wird sich darauf beschränken müssen, sich in den Dienst einer mehr spezialisierten, seinen Kräften besonders angemessenen Aufgabe zu stellen, oder seine Menschenpflicht zu erfüllen ohne Zusammenhang mit einer Institution.
So wird bis auf Weiteres der für uns gangbarste Weg in der Richtung einer Zerschlagung der Settlement-Arbeit liegen — in Unterricht, Kindererziehung, unentgeltliche Auskunftserteilung usf. Alles dies sind Aufgaben, denen wir je nach dem Maß unserer Kräfte vereint gerecht werden können.
Lebensgestalter aber können wir nur sein im Verein mit denen, die unseren Glauben haben.

Quelle: Picht, W. (1913) Toynbee Hall und die englische Settlement-Bewegung. Tübingen: Mohr. S. 25ff.