Milde Gaben

»Wir begannen mit unserer Arbeit sehr simpel und sehr still: wir öffneten die Kirche - bei der ersten Andacht hatten wir sechs oder sieben alte Frauen, die alle dafür, daß sie kamen, müde Gaben erwarteten -, wir fingen wieder mit dem Religionsunterricht an, brachten ein Hilfs-Komitee ingang, organisierten die notwendigen Arbeitskreise und Gemeinde-Strukturen und versuchten, das tiefsitzende Krebsgeschwür der Abhän­gigkeit von milden Gaben auszubrennen, wenn schon nicht zu heilen, von dem alle unsere Gemeindemitglieder auf die gleiche Weise befallen waren; das die besten von ihnen erniedrigte und die schlimmsten von ihnen entwürdigte. Die Leute kamen zu uns: zu jeder Stunde und an allen Tagen - und unter jedem erdenklichen Vorwand. Für sie waren wir nichts als eine Quelle für Geld, für kostenlose Fahrscheine oder Nahrungsmittel. Und so zuversichtlich waren sie, daß wir ihnen diese Hilfen auch gewähren würden, daß sie Notlagen auf sich zukommen ließen, die leicht vorherzusehen gewesen wären, um dann jemanden zu uns zu schicken und Hilfe zu fordern!«
Zitat Henrietta Barnett zu den milden Gaben; Quelle: Müller, C. W. (1991, 3. unveränderte Auflage) Wie Helfen zum Beruf wurde. Weinheim und Basel: Beltz. S. 28f