Jane Addams und George Herbert Mead

Mead (1863-1931) ist vor allem als Autor des Essaybandes Geist, Identität und Gesellschaft sowie einiger philosophischer und sozialpsychologischer Werke bekannt geworden. Weniger bekannt sind über 80 Publikationen zu Themen der Schulerziehung und der sozialpolitischen Reform. Er war Herausgeber des Journals The Elementary School Teacher und aktiv in der Lokalpolitik Chicagos, wo er von 1893 bis zu seinem Tod an der Universität Chicago lehrte. Seine politische Tätigkeit galt u.a. den öffentlichen Schulen, den Rechten der Immigranten, der aktiven Unterstützung der neuen Gewerkschaften und ihrer Kampfmaßnahmen und der Frauenbewegung, an deren Demonstrationen er teilnahm. An Untersuchungen zu der Situation der Arbeiter in der Fleischverarbeitungsindustrie und derjenigen der vorzeitigen Schulabgänger in Chicago war Mead maßgeblich beteiligt [DEEGAN: 106]. Er hatte wie Dewey einen Lehrstuhl an der philosophischen Fakultät, die auch die Fächer Pädagogik und Psychologie einschloß.
Mead und seine Frau Heien verband eine jahrelange enge Freundschaft und eine gemeinsame Arbeit mit Addams. Mead unterstützte Hull-House, wo er auch Vorlesungen hielt. «Das Settlement», schrieb er, «ist seiner Einstellung nach praktisch, aber seinen Methoden nach forschend und wissenschaftlich.» [Social Settlement: 396] Wie Dewey und Addams gehörte Mead der philosophischen Schule der Pragmatisten an. Diese Schule setzt den Menschen als ein rationales Wesen voraus, das durch Bildung eine höhere Stufe der internationalen Zivilisation erreichen würde [Mind, Self: 358-359].
Nach Mead entsteht Identität aus dem "Geist" (mind), der selbst sich durch Kommunikation in einem gesellschaftlichen Zusammenhang bildet [Mind, Self: 89]. Kommunikation stellt eine Beziehung dar, die sich auf eine Geste (z.B. ein Sprachsymbol) bezieht [Mind, Self: 119]. Eine organisierte gesellschaftliche Gruppe, die dem Menschen seine Identität gibt, nannte Mead «das verallgemeinerte Andere» [Geist, Identität: 196]. Dieses verallgemeinerte Andere ist das Medium, mit dessen Hilfe die Gesellschaft sich in jedes ihrer Mitglieder eingibt [Geist, Identität: 198]. Die Haltungen (attitudes) des verallgemeinerten Anderen werden verinnerlicht; indem der Mensch sie gegen sich selbst richtet, kann er denken. Gesellschaftliche Gruppen handeln politisch, indem Mitglieder die Haltungen der jeweiligen Gruppe verinnerlichen. So können kooperative Unternehmungen Zustandekommen [Geist, Identität: 198-199].
Meads Verständnis der menschlichen Identität als eines Produktes der sozialen Interaktion findet man auch als Grundlinie in Addams' Arbeiten. Er sah Kommunikation als Basis der menschlichen Entwicklung an: Demokratie gibt den Menschen die Möglichkeit, mit allen anderen zu kommunizieren; Bildung und Erziehung vermitteln Menschen die Fähigkeit zur Kommunikation. Deshalb war die Schule für Mead eine zentrale soziale Institution.
Mead zufolge soll die Schule ein soziales Umfeld bieten, in dem das Kind Selbstbewußtsein entwickeln kann. Eine Identitätsbildung sei nur im sozialen Kontext möglich, weil das Ich nur in der Relation zu anderen Ich sich seiner bewußt werde. Die Kommunikationsfähigkeit, welche die Identifikation mit anderen Menschen erfordere, werde durch die Identitätsbildung .gleichzeitig ermöglicht und weiterentwickelt [Geist, Identität: 299-300]. An gesellschaftlichen Prozessen könne sich jeder beteiligen, sofern er die notwendigen Kommunikationsmittel beherrsche [Geist, Identität: 328]. Mit diesen Mitteln, die weitgehend an Symbole gebunden seien, drücke sich die rationale Intelligenz (das Denken) der Menschen aus [Geist, Identität: 301, 383]. Diese Intelligenz sei notwendig, damit die Menschen eine soziale Kontrolle über die Gesellschaft, z.B. über die Industrie, ausüben können [Berufsbildung: 449].
Meads Überlegungen zur Berufsbildung galten den Problemen der Identität eines «selbstbewußten Menschen» [Geist, Identität: 198]. Er forderte für zukünftige Arbeiter eine Schulbildung, die Berufsbildung einschloß. Der Lehrplan sollte um die sozialen und physischen Bedingungen der Arbeit erweitert werden. Jeder sollte die Beziehungen seines eigenen Berufszweiges zu anderen verstehen, die Produkte, Werkzeuge, Arbeitsgänge, die Probleme und die Sprache seines Berufes erlernen und kritisch betrachten können, nicht nur um der technischen Effizienz willen, sondern auch, um Kontrolle über die Arbeitsbedingungen zu bekommen [Berufsbildung: 455-459].
Bildung war für Mead, Addams und Dewey der Schlüssel zur Demokratie. Während Addams die Möglichkeit der Teilnahme am demokratischen Leben besonders vom Aneignen einer erweiterten Kultur abhängig machte, sah Mead diesen Prozeß spezifisch als das Erlernen der Symbole des verallgemeinerten Anderen [DEEGAN: 106-121]. Für beide gemeinsam war die Erweiterung der Kontakt- und Kommunikationsmöglichkeiten die Voraussetzung des sozialen Fortschritts.
Die Wichtigkeit der Identitätsbildung, besonders für die Immigranten und ihre Kinder, ist ein Thema, das in vielen Arbeiten Addams' über Immigranten und die Aufgaben der öffentlichen Schulen wiederkehrt. Auch in Hull-House-Aktivitäten, z.B. bei dem Labor Museum, sind deutliche Anlehnungen an die Arbeiten von Mead zu finden. Wie Mead erkannte sie auch die politische Bedeutung der beruflichen Bildung. Die Relevanz, die Addams dem Spiel für die Entwicklung des Kindes beimaß, beruht auf Meads interaktionistischem Ansatz.

Quelle: Eberhart, C. (1995) Jane Addams. Rheinfelden und Berlin: Schäuble. S. 111ff.