Aufstand der Kieler Matrosen

Quelle: Sturm in Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) Weimarer Republik. Nr. 261/1998. München: Franzis` print & media Verlag. S.6f.

 

Seit dem Beginn der Verfassungsberatungen im Reichstag am 22. Oktober bereitete die Seekriegsleitung ohne Wissen der Reichsregierung einen Angriff auf die britische Flotte im Ärmelkanal vor. Die seit 1916 vor Wilhelmshaven und Kiel ankernden Schiffe sollten ab 29. Oktober Richtung Themsemündung auslaufen. Dieses Unternehmen hintertrieb nicht nur die Friedenspolitik der Regierung des Prinzen Max. Auch militärisch war die Aktion sinnlos: „Wenn auch nicht zu erwarten ist, daß hierdurch der Lauf der Dinge eine entscheidende Wendung erfährt, so ist es doch aus moralischen Gesichtspunkten Ehren- und Existenzfrage der Marine, im letzten Kampf ihr Äußerstes getan zu haben," heißt es in der Eintragung im Kriegstagebuch der Seekriegsleitung vom 25. Oktober 1918.
Die Matrosen erkannten rasch, daß sie von der Admiralität unmittelbar vor dem Ende des Krieges noch auf eine „Todesfahrt" geschickt werden sollten. In den Mannschaften gärte es bereits seit langem wegen der menschenunwürdigen Behandlung durch ihre Vorgesetzten, der schlechten Verpflegung, des eintönigen Dienstes und der drangvollen Enge an Bord (Landurlaub gab es nur selten). Am 29./30. Oktober löschten die Matrosen auf mehreren vor Wilhelmshaven liegenden Schlachtschiffen das Feuer unter den Kesseln und zerstörten die Ankerlichtmaschinen, um das Auslaufen zu verhindern. Die Seekriegsleitung mußte ihren Angriffsplan fallenlassen. Sie ließ mehr als eintausend Meuterer verhaften und in Wilhelmshavener und Kieler Militärgefängnisse bringen; ihnen drohte das Kriegsgericht und die Todesstrafe. Am 1. November forderten Kieler Matrosen vergeblich die Freilassung ihrer Kameraden. Am 2. diskutierten sie mit Marinesoldaten und Hafenarbeitern im Gewerkschaftshaus über die Lage. Am 3. formierte sich in der Stadt ein großer Demonstrationszug, auf den eine Militärpatrouille auf Befehl ihres Leutnants das Feuer eröffnete.
Am Morgen des 4. November wählten die Mannschaften Soldatenräte, bewaffneten sich und entwaffneten ihre Offiziere. Der Kieler Militärgouverneur wurde gezwungen, die gefangenen Meuterer freizulassen. Matrosen und Marinesoldaten besetzten die wichtigsten militärischen und zivilen Dienststellen. Hamburger und Lübecker Heereseinheiten, die den Aufstand niederschlagen sollten, wurden schon auf dem Kieler Bahnhof entwaffnet und verbrüderten sich mit den Kameraden der Marine. Als die Aufständischen am Abend bereits die ganze Stadt kontrollierten, erhielten sie Unterstützung von den solidarisch in Streik getretenen Werft- und Industriearbeitern. Jetzt schalteten sich die Kieler MSPD und die USPD ein und einigten sich auf einen paritätischen Arbeiterrat. In der Nacht organisierten sie einen „Provisorischen Zentralen Arbeiter- und Soldatenrat" als neues Machtzentrum, in dem sie gemeinsam den entscheidenden Einfluß ausübten. Aus Berlin traf der MSPD-Abgeordnete Gustav Noske ein, der die Gemüter beruhigen und die Lage unter Kontrolle bringen sollte. Er wurde begeistert begrüßt - schließlich hatte man sich auch für die neue Regierung erhoben -und konnte die politische und militärische Leitung in Kiel übernehmen.
Aber die Angst, von heranrückenden Truppen eingeschlossen zu werden, und die Sorge um die in Wilhelmshaven noch inhaftierten Kameraden trugen die Matrosenbewegung über Kiel hinaus. Innerhalb weniger Tage lösten reisende Matrosengruppen in den militärischen Einrichtungen der norddeutschen Hafenstädte und weiterer Städte des Binnenlandes eine revolutionäre Welle aus, die sich von selbst und unwiderstehlich in alle Himmelsrichtungen fortpflanzte. Im Prinzip spielte sich überall dasselbe ab wie in Kiel: „Die ,Kaserne' revolutionierte die ,Fabrik'" (Ulrich Kluge), Soldatenräte und Arbeiterräte übernahmen die Macht, MSPD und USPD setzten sich an die Spitze der Rätebewegung, um sie in geordnete Bahnen zu lenken. Es gab kaum Blutvergießen - nur selten erhob sich noch eine Stimme oder regte sich eine Hand für die Rettung der alten Ordnung. Am 7. November wurde der monarchistische Rahmen der Oktoberverfassung gesprengt: Die Wittelsbacher verließen ihre Münchner Residenz, der bayerische USPD-Führer Kurt Eisner rief die Republik aus, und König Ludwig III. dankte am folgenden Tag ab. Den übrigen Fürstenhäusern erging es in den nächsten Tagen nicht anders. Die Friedensbewegung hatte sich in eine „Volksbewegung gegen den Militär- und Obrigkeitsstaat" (Helmut Heiber) verwandelt. Die wenigsten Revolutionäre besaßen allerdings klare politische oder gar sozialistische Vorstellungen.

Quelle: Sturm in Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) Weimarer Republik. Nr. 261/1998. München: Franzis` print & media Verlag. S.6f.