Hertha Kraus

Quelle: Müller, C. W. (1997, 3. Auflage) Wie Helfen zum Beruf wurde. Band 2. Weinheim und Basel: Beltz. S. 41

 

Beate Bussiek

Hertha Kraus - Quäkergeist und Kompetenz

Impulse für die Soziale Arbeit in Deutschland und den USA


Je sorgfältiger die Geschichten der Sozialen Arbeit,
ihrer Berufsgruppen und programmatischen Protagonisten
geschrieben werden, um so deutlicher werden die
internationalen Verflechtungen, die sich wie ein feines Netz Über
die Entwicklung der Handlungs- und Ausbildungskonzepte spannen."
(Hamburger 1994, S. 1)

Zu diesen Protagonistlnnen gehörte zweifellos Hertha Kraus (1897-1968). War sie zunächst nur eine unter vielen, die Kontakte nach Amerika unterhielt 1.), so wurde sie schon bald zu einem „Knoten" im Geflecht dieses internationalen Austausches. Als markante Indizien für ihren internationalen Bezugsrahmen seien vorweg die Mitarbeit an der Denkschrift zum ersten Weltkongreß für Kinderhilfe, der 1925 in Genf stattfand, erwähnt sowie ihre Beteiligung am XI. Kongress des Weltbundes für Frauenstimmrecht und staatsbürgerliche Frauenarbeit, der 1929 in Berlin tagte (vgl. Reinicke in Maier 1998, S. 323). Wie sie zu dieser kosmopolitischen Orientierung kam, soll entlang ihrer Biographie ansatzweise rekonstruiert werden. Zugleich möchte ich mit meinem Beitrag Hertha Kraus' Arbeit würdigen und an die Exilforschung zur Sozialen Arbeit anknüpfen, wie sie von Hildegard Feidel-Mertz 2.), Joachim Wieler und Susanne Zeller begonnen wurde.
Hertha 3.) Kraus kam am 11. September 1897 als erstes Kind des jüdischen Ehepaares Alois und Hedwig Kraus (geb. Rosenfeld) in Prag zur Welt. Als Hertha fünf Jahre alt war, zog die Familie nach Frankfurt a.M., wo ihr Vater seit 1902 Wirtschaftsgeographie an der höheren städt. Handelsschule sowie an der Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften lehrte. Die Akademie wurde 1914 in die neu entstandene Universität integriert. 4.)
1916 bestand Hertha Kraus das Abitur und nahm an der Frankfurter Universität ein sozialwissenschaftliches Studium auf. Ihre intellektuellen und organisatorischen Fähigkeiten machten sich bereits im ersten Studienjahr bemerkbar, als sie zur Präsidentin des Studentinnenverbandes gewählt wurde (Lebenserinnerungen, S. 92). 1919 promovierte Hertha Kraus mit einer Arbeit über „Aufgaben und Wege einer Jugendfürsorgestatistik" bei Professor Klumker, der seinerzeit einziger Inhaber eines Lehrstuhls für "Fürsorgewissenschaften und Statistik" war und zu den einflussreichsten Gestaltern des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes (RJWG) von 1922 gehörte. Er bezog bei seiner Arbeit Erfahrungen aus anderen Ländern ein und mag damit einen ersten Grundstein für Hertha Kraus' Interesse an internationaler Zusammenarbeit gelegt haben.

Erste Praxiserfahrungen in Berlin

Nach Beendigung ihres Studiums ging Hertha Kraus nach Berlin und wandte sich der praktischen Sozialen Arbeit zu. Berlin war für sie keine unbekannte Stadt. Ein Großteil ihrer Familie mütterlicherseits lebte hier, und Hertha hatte einen Teil ihrer Kindheit in der Hauptstadt verbracht (vgl. Lebenserinnerungen, S.56). In Berlin war sie zunächst als Helferin bei der Kinder- und Studentenspeisung der Quäker 5.) eingesetzt 6.). Ihrer zupackenden Art entsprechend, wurde sie jedoch bald zur Geschäftsführerin des Hilfswerkes für den gesamten Bereich Nord-Ost ernannt, der von Ostpreußen bis Sachsen-Anhalt reichte. Neben den praktischen Erfahrungen, die ihr bald zugute kommen sollten, lernte Hertha Kraus den spezifischen „Quäkergeist" kennen, der auch ihre spätere Arbeit beeinflussen sollte. 7.)

Leiterin der Abteilung für öffentliche Wohlfahrtspflege in Köln

Hertha Kraus blieb drei Jahre in Berlin und setzte dann ihre Karriere in Köln fort. Konrad Adenauer, damals regierender Oberbürgermeister der Rheinmetropole, war bei Städtetagen auf das junge Organisationstalent aufmerksam geworden und bot Hertha Kraus, zu ihrer eigenen Überraschung, die Leitung der Abteilung für öffentliche Wohlfahrtspflege der Stadt Köln, im Range einer Stadtdirektorin, an. - „Nicht ohne Protest einer Kölnischen Zeitung, welche die Berufung eines 25jährigen, noch dazu nicht-kölnischen, ausländischen und nicht katholischen Mädchens auf einen so verantwortlichen hohen Posten für ganz unangebracht hielt." (Lebenserinnerungen, S. 95). Zum 1. April 1923 trat sie ihre neue Stelle an und war damit die jüngste Inhaberin dieses Amtes in Deutschland. Zuvor hatte sie noch eine Reise in die USA unternommen, über die sie ausführlich in der Neuen Frankfurter Zeitung vom 28.10.1923 berichtete.
Hertha Kraus Interesse an Entwicklungen in den USA setzte sich auch während ihrer Kölner Zeit fort, wie ihre Veröffentlichungen zeigen. Seit 1930 erschienen in verschiedenen Fachzeitschriften Artikel zur amerikanischen Wohlfahrtspflege. Vor allem in der Deutschen Zeitschrift für Wohlfahrtspflege, die explizit international ausgerichtet war 8.) und zu deren wissenschaftlichem Beirat sie gehörte, berichtete sie, durchaus kritisch, in kleinen Beiträgen und Notizen über Amerikanisches. Sie prangerte u.a. die mangelnde staatliche Fürsoge an und die Abwesenheit einer Partei, die die Arbeiterinteressen vertrete. Sie meinte, es sei kein Zufall, dass im Staate Wisconsin, der im Parlament eine einflußreiche sozialistische Gruppe hat, die ersten staatlichen Gesetze zur Unfall- und Erwerbslosenversicherung beschlossen wurden (vgl. Kraus 1932, S. 244). Neben ihren Kontakten zu Quäkern unterhielt sie in Köln entsprechend enge Beziehungen zu führenden Persönlichkeiten der SPD und Arbeiterwohlfahrt (AWO), deren Mitglied sie 1924 geworden war (vgl. Lemke in Brunn 1986, S. 225). Marie Juchacz, die Begründerin der AWO und die Reichstagsabgeordneten Elisabeth Kirschmann-Roehl (Juchacz' Schwester) sowie Wilhelm Sollmann gehörten dazu (Lemke ebd.).
Zudem gehörte Hertha Kraus dem Kölner Frauenverband an (Nyassi-Fäuster 1995, S. 227). In diesem Umfeld fand sie die politische und praktische Unterstützung für ihre Innovationen, die sie bald überregional bekannt machten. Basierend auf einem ganzheitlichen, gemeinwesenorientierten Ansatz, der zugleich individuelle Bedürfnisse berücksichtigte, initiierte sie in der Altenhilfe, in der Familien- und Arbeitsfürsorge, in der Müttererholung und Erwachsenenbildung neue Einrichtungen.
Einen hohen Bekanntheitsgrad erlangten vor allem die „Riehler Heimstätten", ein immer noch modern anmutendes Altersheim im „Dreistufensystem". Es bestand aus einem Wohnstift mit kleinen Apartments für rüstigere Seniorinnen und Senioren, aus einem Versorgungsheim, das Entlastung bei der täglichen Hausarbeit bot, und einem Pflegeheim mit guter medizinischer und therapeutischer Ausstattung. Es ermöglichte einen reibungslosen Übergang von einer Stufe zur nächsten entsprechend den Bedürfnissen der Be­wohnerinnen. Unter dem Titel „Einige Entwicklungen im Anstaltswesen für Erwachsene" beschrieb sie Theorie und Praxis dieser innovativen Einrichtungen im Rahmen der Festschrift zum 60. Geburtstag von Klumker, dessen Ansätze 9.) sich hier ebenfalls wiederfinden lassen. Darüber hinaus ließ sie leerstehende Wehrmachtskasernen in vorbildliche Wohnungen und Nachbarschaftszentren mit Kindergärten, Horten, Näh- und Bastelstuben, Clubräumen und anderen Gemeinschaftseinrichtungen, umwandeln.
1932 schrieb Hertha Kraus in einem unveröffentlichten Manuskript: „Die Arbeitsmethoden in Köln sind die gleichen wie in England und Amerika. Als wichtigste seien angeführt: Zusammenfassung einzelner Personen in Klubs, Durchführung von Kursen, Veranstaltungen ganz verschiedenen Charakters und verschiedenen Umfangs, die in buntem Wechsel ihres Inhaltes immer wieder neue Anziehungspunkte für die gesamte Nachbarschaft bilden und besonders ein gutes geselliges Leben zu pflegen vermögen." Die Nachbarschaftsheime fielen 1933, wie alle Einrichtungen dieser Art, dem Nationalsozialismus zum Opfer.
Weniger bekannt ist, dass das Kölner Wohlfahrtsamt der „kommunale und praktische Pionier des Warenkorbprinzips" war, d.h. der Barauszahlung der Hilfesätze (vgl. Leibfried, in: Sachße/Tennstedt 1981, S. 475f.). Hertha Kraus setzte sich für die Beibehaltung dieser Handhabung entgegen den Empfehlungen des Deutschen Vereins für Öffentliche und Private Fürsorge ein, dessen Hauptausschuss sie bis 1933 ebenfalls angehörte. Immer wieder mahnte sie, ganz im Sinne der Quäker, eine menschliche Behandlung der Fürsorgeempfänger an: „Jeder Sachbearbeiter sollte sich dazu erziehen, den Menschen um seiner Persönlichkeit und seines Menschentums willen nicht als Objekt zu behandeln." (Kraus 19323, S. 77).
Daneben unterstützte das Kölner Wohlfahrtsamt unter Hertha Kraus' Regie ein mustergültiges Obdachlosenasyl der Arbeiterwohlfahrt (Kraus 1925, S. 35f.) sowie ein erfolgreich arbeitendes Quäkerhilfswerk für erwerbslose junge Mädchen, das von englischen Freunden finanziell unterstützt wurde. Auch internationale Jugendcamps wurden in Köln unter Regie der Quäker veranstaltet (vgl. Der Quäker 1/1933, S. 27). Aufgrund ihrer erfolgreichen Arbeit wurde sie 1932 von der University of Chicago eingeladen, Vorlesungen zur Praxis der deutschen Wohlfahrtspflege zu halten (Schmitt 1997, S. 31). Im selben Jahr übertrugen ihr die Freunde die Organisation der Kölner Quäker-Gruppe.
Ihrer erfolgreichen Arbeit in Köln wurde durch die Nationalsozialisten 1933 ein Ende bereitet. Als Jüdin und aktive Sozialdemokratin wurde sie unmittelbar nach der Machtergreifung entlassen. Um einer drohenden Verhaftung zu entgehen, floh sie mit Hilfe ihrer langjährigen Mitarbeiterin Gertrude Schulz in den Odenwald (Lebenserinnerungen, S. 100). Noch bevor sie 1933 in die USA emigrierte, regte sie die Gründung einer Heimschule für rassisch und politisch verfolgte deutsche Kinder im Ausland an (Petersen 1968, S. 170) sowie die Schaffung einer Erholungsstätte für Opfer des nationalsozialistischen Terrors. Die Schule wurde 1934 als Internationale Quäkerschule Eerde/Ommen in Holland realisiert. Das so genannte Rest Home nahm seine Ar­beit 1933 in Falkenstein/Taunus auf und wurde von der englischen Quäkerhilfe Friends Service Council betrieben (vgl. Bailey 1994, S.59).

Erfolge in den USA

In den USA angekommen konnte sie, wie nur wenige Emigrantinnen, nahtlos an ihre berufliche Laufbahn anknüpfen. Durch ihre Beziehungen zu den Quäkern und ihre hohe Reputation erhielt Hertha Kraus für ein Jahr einen Beratervertrag bei der Family Welfare Association of America und einen Forschungsauftrag der Russell Sage Foundation. Dabei ging es um Community Activities and Housing, also um Themen, mit denen sie sich schon in Köln befaßt hatte. Von 1934 bis 1936 war sie als Professorin für Social Work am Margaret Morrison College und am Carnegie Institute of Technology tätig. Als Fachfrau für öffentliche Verwaltung und Sozialmanagement brachte sie genau die Qualifikationen mit, die unter Roosevelts New Deal ab 1934 gefragt waren (vgl. Wenocur/Reisch 1989, S.177ff).
Deutlich wird dies zudem an ihren interessanten Nebentätigkeiten, denen bislang wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde, die aber um so wichtiger sind, will man ihren Einfluß auf die amerikanische Soziale Arbeit ermessen. Beispielsweise fungierte sie 1936 als Beraterin des Social Security Board (SSB). Dieses Board war eine unabhängige Agentur, die aber quasi im staatlichen Auftrag das sich entwickelnde nationale Wohlfahrtssystem kontrollierte und vor allem darüber wachte, dass nur ausgebildete Sozialarbeiterinnen eingestellt wurden (vgl. ebd. 178f.). Direktorin des SSB war Jane Hoey, die weitreichende politische Kontakte hatte und ebenso wie Hertha Kraus mit der Präsidentengattin Eleanor Roosevelt befreundet war 10.). Von dem Zeitzeugen Werner Boehm, der  Hertha Kraus selbst in Amerika durch Seminare zur internationalen Sozialarbeit kennenlernte, wurde sie entsprechend als anerkannte Expertin für öffentliche soziale Fürsorge bezeichnet (in Wieler/Zeller 1995, S. 52).
Ab 1936 erhielt Hertha Kraus eine Professur für „Social Economy and Social Research" am renommierten Quäker-College Bryn Mawr bei Philadelphia, das ausschließlich weiblichen Studierenden zugänglich war. Parallel dazu unterrichtete sie zeitweise an anderen Hochschulen, so 1938 bis 1942 an der Universität von Washington; 1942 an der Columbia University, New York; 1943 am Swarthmore College; 1944 und 1961-62 am Haverford College (beides Quäkerhochschulen) sowie 1944 bis 1946 am Teaching Center der United Nations Relief and Rehabilitation Agency (UNRRA). Gefragt waren dabei vor allem ihre Kenntnisse der internationalen Verwaltungs- und Flüchtlingsarbeit, die sie zusätzlich durch ihre Mitarbeit im AFSC erworben hatte. Im Sommer 1939 leitete sie ein Ausbildungszentrum der Quäker in Kuba. 1940-1945 war sie an Maßnahmen des AFSC zur Eingliederung von emigrierten Wissenschaftlern und Künstlern beteiligt. Auch privat half sie, wo sie nur konnte.
In einem Brief von Wilhelm Sollmann an seine Tochter Elfriede heißt es: ,,HK ist unermüdlich mit immer neuen Ideen, und ich komme erst allmählich dahinter, welche Position sie hat. Neulich waren einige ältere Damen zum Essen hier, die ich zunächst für brave alte Tanten hielt, bis ich dahinter kam, daß es Autoritäten im amerikanischen Sozialwerk sind. (...) Sie hat enorme Beziehungen, und ich sah zufällig, daß sie schon in ein Buch der leading women von Amerika aufgenommen ist." Wie viele andere Emigranten hatte Wilhelm Sollmann zeitweilig bei Hertha Kraus Zuflucht gefunden. Ihre eigenen Eltern folgten 1938. Auch ehemalige Schüler von Eerde brachte sie an amerikanischen Colleges unter (Petersen 1968, S. 171).
Viel schwerer hatten es freilich die älteren Emigranten. Deshalb gründete die jüdische Selbsthilfe-Organisation (Selfhelp) 1942 mit Hilfe des AFSC ein Heim, das deutlich die Handschrift von Hertha Kraus trug. Es war konzipiert als eine Art Haus- oder Wohngemeinschaft, in der die Bewohner entsprechend ihren Kräften Arbeiten für die Gemeinschaft übernahmen - so wie es schon in den Riehler Heimstätten üblich gewesen war. 1948 wurde das Projekt in New Jersey fortgesetzt.

„Casework" als Lebenswerk?

Obwohl Hertha Kraus inzwischen amerikanische Staatsbürgerin war und nicht mehr an eine Rückkehr dachte, war ihr Deutschland nicht gleichgültig. Bereits 1943 hatte sie dem AFSC ein Memorandum unterbreitet, in dem sie vorschlug, nach Kriegsende Nachbarschaftshäuser in deutschen Städten zu errichten. Als die amerikanische Militärregierung dann 1946 private Hilfsorganisationen zuließ, konnten auch Hertha Kraus' Vorschläge umgesetzt werden. Im März 1946 nahm sie die langwierigen Verhandlungen mit General Clay auf. Man bot ihr eine Stelle bei der Public Health and Welfare Branch an, die sie jedoch aufgrund anderer Verpflichtungen ablehnen mußte. Wenige Monate später konnte sie dennoch im Auftrag des AFSC nach Deutschland reisen (vgl. Tent 1989, S.70ff.). Bis 1952 entstanden insgesamt 13 von den Quäkern und anderen amerikanischen Hilfsorganisationen organisierte Nachbarschaftsheime in Köln, Ludwigshafen, Frankfurt, Darmstadt, Wuppertal, Braunschweig, Bremen und sechs allein in Berlin. Dabei zeichnete sich das Berliner Quäkerheim Mittelhof durch eine Besonderheit aus. Neben den üblichen vielfältigen Angeboten war ihm ein Conference Center angegliedert. Es diente als Tagungs- und Fortbildungszentrum für soziale und pädagogische Fachkräfte. „Alle vier Wochen fanden sogar internationale Sozialarbeitertreffen statt, auf denen sich die Wohlfahrtsbeamten der drei westlichen Besatzungsmächte mit deutschen Sozialarbeitern über die jeweiligen Probleme aussprachen und einander verstehen lernten." Auch diese Idee stammte von Hertha Kraus (Oestreich 1965, S. 52f.).
Fragen der Aus- und Fortbildung waren es denn auch, die sie in den folgenden Jahren beschäftigten, als sie noch zwei mal in staatlichem Auftrag als visiting expert kam. Auf ihre Anregung hin veranstaltete das Seminar für Fürsorgewesen und Sozialpädagogik der Universität Frankfurt 1948 in Jugenheim a.d. Bergstraße eine Tagung über „Grundfragen sozialpädagogischer Ausbildung". In zahlreichen Lehrgängen, die von Jugend- und Wohlfahrtsämtern in verschiedenen Städten und Bundesländern veranstaltet wurden, versuchte sie, den deutschen Fürsorgerinnen wieder den Anschluß an die Methodendiskussion zu ermöglichen, die insbesondere durch die Ausdifferenzierung des casework in den USA bestimmt wurde (vgl. Müller 1988, S.73ff.). Hertha Kraus gehörte selbst keineswegs zu den „Caseworkern", sie hatte weder eine entsprechende Ausbildung noch forschte sie auf diesem Gebiet. Im Gegenteil, in den 1930er und 1940er Jahren hatte sie Pläne für eine Graduate School in Community Service entworfen, die aber nicht realisiert wurden. Sie erkannte jedoch die Möglichkeit, durch Schulungen in Casework eine notwendige Haltungsänderung bei den deutschen Fürsorgerinnen einzuleiten, die häufig zu autoritär auftraten. Durch die Anwendung von Casework sollte eine stärkere Berücksichtigung der Individualität und Würde der Klienten erzielt werden. Da es an einführender Literatur fehlte, stellte Hertha Kraus 1949 eine Sammlung von 41 Aufsätzen zusammen, die an Beispielen aus der Praxis verdeutlichten, was der methodische Ansatz des „(Social) Casework" in den USA bedeutete.
Das Buch avancierte zum Standardwerk, wenngleich es insbesondere von kirchlichen Fachvertreterinnen abgelehnt wurde (vgl. Neuffer 1990, S. 86). Für ältere Fürsorgerinnen und Dozentinnen brachte es in der Tat wenig Neues, konnte man doch direkte Parallelen zur Sozialen Diagnose und Familienfürsorge der 1920er Jahre ziehen. Für jüngere Kolleginnen wie Elisabeth Walterscheid (geb. 1927) konnte es jedoch eine echte Bereicherung sein: „Das Buch von Hertha Kraus war wie eine Bibel für uns. Die ersten richtigen Handlungsanweisungen, wie man mit Klienten umgeht. Wenn Sie mich fragen, was war denn eigentlich das Faszinierende an Casework, dann denke ich, die Sicht auf den ganzen Menschen in der Verflochtenheit mit der Umwelt, das diagnostische Versuchen und das Begreifen, daß es ein Prozeß ist, in dem man prognostisches Denken und dann Handeln entwickeln muß. Nicht dieses Hingehen, Kontrollieren, „hat der ein Bett', ,hat der zu essen', zurück, in die Akte geschrieben und fertig." (zit. in Neuffer 1990, S. 87).
Im Zusammenhang mit Ausbildungsfragen stand auch die V. Internationale Konferenz für Soziale Arbeit im Juli 1950 in Paris, zu der erstmals wieder - vermittelt durch Hertha Kraus - eine deutsche Delegation eingeladen wurde. Der Konferenz folgte am gleichen Ort im Juli 1950 der 5. Kongreß des internationalen Komitees der Wohlfahrtsschulen. Die Auffassung von Sozialarbeit und Casework, die Hertha Kraus bei dieser Gelegenheit vortrug, kam insbesondere bei den Vertretern der Arbeiterwohlfahrt gut an. Dass sie Casework nicht lediglich als Methode, sondern als eine „andere Haltung" in der Sozialarbeit begriff, wurde von ihnen als „Fortschritt von der Caritas zur Solidarität" interpretiert und damit - ganz in ihrem Sinne - „Sozialarbeit als Verantwortung aller für die schwächsten Glieder der Gemeinschaft, als angewandte Demokratie und zugleich Erziehung zur Demokratie", verstanden (Neues Beginnen, Nr. 11/1950, S. 6). Anlässlich ihres 70. Geburtstages 1967 erinnerte der Nachrichtendienst des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge an ihre vielfältigen großen Leistungen vor und nach der Emigration, würdigte ihre „entscheidenden Verdienste" um die Wiederaufnahme der deutschen Sozialarbeiterinnen in den internationalen Diskurs und Organisationszusammenhang (ND 9/1967, S. 285, 286).
Die enge Verbindung des Caseworks mit der Person Hertha Kraus' hat in Deutschland jedoch eine differenzierte Rezeption ihrer vielfältigen und innovativen Ansätze verhindert. Übersehen wurden sowohl ihre frühen kritischen Beiträge, etwa zur Sozialen Therapie (Kraus 1927, S.627f.) als auch spätere Studien, etwa zum sozialen Wohnungsbau oder zur sozialen Gerontologie in den USA, die an ihre Kölner Arbeitsschwerpunkte anknüpften.
Da die Casework-Methode Ende der 1960er Jahre als individualistisch in Verruf geraten war, verschwand auch das Interesse an Frauen wie Hertha Kraus. Erst C.W. Müller widmete im Band 2 seiner Methodengeschichte Hertha Kraus ein eigenes Kapitel, in dem er auch ihre Beiträge zur Gemeinwesenarbeit würdigte, u.a. aufgrund ihres Beitrags „community organization for social welfare" (Kraus 195la). Hertha Kraus ist aber in Deutschland immer nur als Vertreterin der Einzelfallhilfe und niemals als Pionierin der Gemeinwesenarbeit wahrgenommen worden, obwohl sie 1963, im Jahr ihrer Emeritierung, in Berlin auf einer Konferenz mit internationaler Besetzung über Gemeinwesenarbeit „als umfassende Form der Koordinierung fürsorgender Tätigkeit in komplexen Gemeinwesen" referiert hat (vgl. Müller 1988, S.220).
Insgesamt stand Hertha Kraus in der Tradition all jener Quäkerinnen, die maßgeblich an sozialpädagogischen und politischen Initiativen beteiligt waren, wie beispielsweise Jane Addams und Florence Kelley, die aus Quäkerfamilien stammten (vgl. Bacon 1986, S. 147). Hertha Kraus starb am 16. Mai 1968 in ihrem Haus in Haverford, in der Nähe von Bryn Mawr.


Fußnoten:

1.) Das Interesse führender Persönlichkeiten der deutschen Wohlfahrtspflege an ausländischen Beispielen und Entwicklungen war von Beginn an groß. (Vgl. Neuffer in Hamburger 1994, S.132)
2.) Hildegard Feidel-Mertz möchte ich zudem dafür danken, dass sie mir Publikationen von Hertha Kraus, die sie bereits gesammelt hatte, zur Verfügung stellte.
3.)Die Schreibweise ihres Vornamens variiert mitunter. Schmitt (1997, S. 225) weist darauf hin, daß ihre Eltern „Herta" ohne „h" schrieben, wie auch Lotte Lemke in ihrem Beitrag (in Brunn 1986, S. 223-226). In den meisten Publikationen, auch in den von ihr selbst verfaßten, tritt sie jedoch als „Hertha" in Erscheinung. Vgl.
4.) Lebenserinnerungen von Alois Kraus, unv. Manuskript 1949, S. 47f., im Folgenden als Lebenserinnerungen gekennzeichnet.
5.) Die so genannte Quäkerspeisung wurde in den Hungerjahren nach dem Ersten, wie nach dem Zweiten Weltkrieg durchgeführt. Den Hilfswerken der englischen und amerikanischen Quäker wurde für diesen humanitären Einsatz, der sich jeweils auf das gesamte kriegszerstörte Europa erstreckte, 1947 der Friedensnobelpreis verliehen.
6.) Hertha Kraus war keine Mitarbeiterin der Sozialen Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost, dem Settlement von Friedrich Siegmund-Schultze, wie etwa Peter Reinicke (in Maier 1998, S. 323) annimmt. Sicherlich kannte sie die SAG und mag auch zuweilen an Veranstaltungen teilgenommen haben. Sie erscheint jedoch weder in den Mitarbeiterlisten noch in der Korrespondenz Siegmund-Schultzes, einzusehen im Evangelischen Zentralarchiv Berlin (EZA 51/SII C.30).
7.) Heute gibt es weltweit Quäkergruppen, die zusammen etwa 339.933 Mitglieder haben. Die Quäker sind weder ein Wohlfahrtsverband noch eine mildtätige Haferflockenfirma (Quaker Oats), sondern eine Glaubensgemeinschaft, die in der Nachfolge Jesu und aus Achtung vor der Menschenwürde ein Tatchristentum entwickelte, das sich in vielfältigen sozialen, pädagogischen und friedenspolitischen Aktivitäten manifestiert. (Vgl. Otto 1972)
8.) In seiner Einführung zur ersten Ausgabe vom April 1925 schrieb der Mitherausgeber Ministerialrat Karstedt: „Durch starke Berücksichtigung der ausländischen Verhältnisse in Gestalt von Sonderaufsätzen aus dem Gebiete der ausländischen Wohlfahrtspflege erhoffe ich eine wirksame Befruchtung und wertvolle Anregungen für die praktische und theoretische Arbeit in Deutschland." Die zweite Herausgeberin war übrigens Siddy Wronsky.
9.) „Klumker hob in seinen Arbeiten immer wieder die Notwendigkeit des wissenschaftlichen Arbeitens hervor. Maxime sollte dabei sein, dass das wissenschaftliche Erkennen (von sozialen Problemen) und das praktische Handeln (in der öffentlichen und freien Fürsorgearbeit) sich gegenseitig durchdringen sollten, wobei die Ausflüsse davon in der individuellen Einzelfallarbeit als auch in der planmäßigen Organisation der Hilfsarbeit erkennbar sein sollten." (Maier 1998, S.310).
10.)Katharina Petersen, die ehemalige Leiterin der Quakerschule Eerde wies in ihrem Nachruf zu Hertha Kraus darauf hin, dass sie mit Eleanor Roosevelt reiste.


Literatur: