Methoden zur Anbahnung des ersten Kontaktes

Mit ihnen in Kontakt zu kommen, ergab sich zwanglos aus der Situation: ein Mitarbeiter, etwa einer der Studenten, setzt sich in seinen freien Stunden auf eine der Bänke auf der Promenade. Sehr bald ist das Interesse der Jungen geweckt, zumal wenn sich dieser fremde Eindringling auf ,ihrer' Bank sehen läßt. Gibt er zu erkennen, dass er zu einem Gespräch bereit ist, sind sie schnell dabei. Natürlich gibt es nicht gleich eine geordnete Unterhaltung. Ein paar Jungen hören wohl zu, die ändern toben weiter. Aber das Häuflein der Zuhörenden wächst, zumal wenn man sich ausgetobt hat und ein wenig ausruhen will. Der Besucher schlägt vor, eine Geschichte zu erzählen. Dafür sind alle zu haben. Nun muss vorher überlegt sein, was man erzählen will. Erstes Erfordernis: die Geschichte muss ,Spaß machen', d.h. für die Jungen interessant, span­nend sein, und zweitens muss man es so einrichten, dass es an einer besonders aufregenden Stelle heißen kann: Fortsetzung folgt. ,Die Schatzinsel' von R.L. Stevenson erweist sich als sehr geeignet dafür. Der Erzähler wird dringend verpflichtet, an einem der nächsten Tage zur vereinbarten Stunde wieder zur Stelle zu sein. Er findet dann auch bei diesem zweiten Mal nicht nur die Zuhörer von vorgestern, sondern noch andere Jungen vor, die über den bereits erzählten Teil der Geschichte bestens unterrichtet worden sind. Bei einer der nächsten Gelegenheiten regnet es, man kann nicht draußen auf der Bank sitzen. Einige Jungen wissen sofort einen Ausweg. In einem der Mietshäuser in unmittelbarer Nähe wohnt der ,Pottjeh' (d.h. der Portier bzw. Verwalter) nicht in diesem Haus, sondern einige Häuser weiter. Darum kann man hier im Hausflur zusammenkommen, ohne gleich wieder rausgeschmissen zu werden. Hier unter der Treppe kriecht alles zusammen und lagert sich in zum Teil phantastischen Stellungen. Das gibt eine urgemütliche Erzählstunde, noch schöner als draußen auf der Bank, wo man doch trotz aller Gewohnheit durch den Straßenlärm öfter gestört wird. Mit größter Aufmerksamkeit wird zugehört. Als für diesmal Schluss ist, springt ein etwa 13jähriger auf, trommelt mit beiden Fäusten gegen die Wand und schreit: ,Ick wer varückt, wenn ick det Ding nich bis zu Ende höre!' Es [!] spricht für viele."

Quelle: Gramm, E. in Lindner, R. (Hrsg.) (1997) Wer in den Osten geht, geht in ein anderes Land. Berlin: Akademie Verlag. S.86