Jugendbewegung

Seit Ende des 18. Jahrhunderts war durch die zeitgenössische Literaturentwicklung (etwa während der Sturm-und-Drang-Zeit) ein Jünglings- und Jugendideal entstanden, das sich auf Rousseau berief: Dieser hatte gefordert, die Jugendzeit als eigenständige Lebensphase durch Bildungsprozesse möglichst lange auszudehnen. Nur von den Kindern und Jugendlichen, so glaubte Rousseau, sei eine Erneuerung der Gesellschaft zu erwarten.
Rousseaus Vorstellungen fanden sich in den Idealen der Jugendbewegung zur Jahrhundertwende wieder: Gemeinschaftsgefühl und Gruppenerlebnis (Tönnies), Naturverbundenheit und Körperbewusstsein standen im Mittelpunkt einer neuen Lebensanschauung, die durch gemeinsame Fahrten und Wanderungen, Musizieren und Tanzen gelebt werden sollte. Ausdruck fand der neue Geist der Gemeinschaft in den bündischen Zusammenschlüssen der Jugendbewegung, womit diese an den Korporativismus der Jugend von 1848 (etwa in der Freischar und den Burschenschaften) anknüpfte. Die erste Gruppenbildung der Jugendbewegung war der „Wandervogel”, der ab 1896 aus einer Schülerwandergruppe entstand und sich über das ganze Deutsche Reich und die deutschsprachigen Nachbarländer ausbreitete.
Die sich sehr schnell entwickelnde Jugendbewegung war anfangs eine reine Jungengemeinschaft. Erst nach 1911 änderte sich dies. Neben gemischten Gruppen entstanden solche mit ideologischem (sozialistischem, nationalem, katholischem, evangelischem und jüdischem) Gepräge. Später erfolgten Zusammenschlüsse der Jugendgruppen zu übergreifenden Bünden, etwa zum Bund der Wandervögel oder zum Bund der Pfadfinder.
Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 wurden die Jugendbünde aufgelöst. Während des Dritten Reiches erfolgte eine staatlich gelenkte Ideologisierung und Politisierung der Jugendbewegung: Die Hitler-Jugend (HJ) und der Bund Deutscher Mädel (BDM) entstanden. Auch die Freie Deutsche Jugend (FDJ) der DDR war eine formierte Staatsjugend.

Verfasst von: Jutta Brusis
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