Für das Frauenwahlrecht

Daniel Levine, einer von ihren Biographen, bemerkt, daß Jane Addams bis 1910 bereits alles, was sie über Kinderarbeit, Immigranten, Armut und die Rolle der staatlichen Institutionen sagen wollte, in ihren Publikationen und in zahlreichen Reden dargelegt hatte. In der Frauenrechtsbewegung und der "Progressive Party" erhoffte sie sich, um ihre Vorstellungen politisch durchsetzen zu können, eine nationale Basis [LEVINE: 175, Second20 Years: 23].
Addams war vermutlich schon immer eine Frauenrechtlerin. Diese Position hatte ihr Vater schon vertreten [LINN: 273]. Aber erst ab 1904 begann sie, die Bewegung für das Frauenwahlrecht aktiv zu unterstützen, für sie zu organisieren, Reden zu halten und Artikel zu schreiben.
Sie war der Ansicht, daß Frauen naturgemäß andere Interessen und Talente als Männer hätten. Darum könnten Männer die Belange der Frauen nicht vertreten. Ohne volle Zivilrechte und -pflichten könnten aber Frauen ihre sozialen Rechte nicht sichern. Ohne diese sozialen Rechte würden in der Gesellschaft die traditionellen weiblichen Belange, z.B. Kindererziehung und Gesundheitsfürsorge, nicht wahrgenommen.
Im 1906 erschienenen Newer Ideals of Peace argumentierte Addams, daß die moderne Stadt der Industrialisierung entspringe wie die feudale Stadt dem Militarismus. Die feudale Stadt, als Trutzburg gegen Feinde, sei von Männern nach militärischen Gesichtspunkten regiert worden. Die moderne Stadt aber habe die Aufgaben eines Industriestaates zu er füllen. Dies beinhalte die Sorge um adäquate Wohnquartiere, Müllabfuhr, sauberes Wasser, gesunde Lebensmittel, die Vorbeugung gegen Unfälle am Arbeitsplatz, die Bekämpfung der Jugendkriminalität, der Prostitution und des Alkoholmissbrauchs. Da Gesundheitsvorsorge und Erziehung traditionell in den Händen der Frauen liegen, gingen, wenn den Frauen die Gleichberechtigung weiterhin vorenthalten würde, der Allgemeinheit die Vorteile verloren, die sie von dem Können der Frauen und der natürlichen weiblichen Interessen haben könnten [Newer Ideals: 181-186]. Wenn die Frau die vollen Bürgerrechte erlange, schrieb Addams, wird «[...] sie ihren Teil der Zivilpflichten tragen, weil die Frau für die normale Entwicklung der Stadt der Zukunft unentbehrlich ist. Schon der Begriff vom loyalen Bürger als einem, der bereit ist, sein Leben für sein Land zu opfern, ist obsolet geworden.» [Newer Ideals: 208*]
Als Vizepräsidentin der national AMERICAN woman suffrage ASSOCIATION (Nationaler amerikanischer Verein für Frauenwahlrecht) von 1911 bis 1913 führte Addams eine Wahlrechtskampagne in Illinois durch, sprach vor dem Justizausschuss des US-Congress und führte eine Delegation zur Nationalversammlung der REPUBLICAN PARTY an, wo das Programmkomitee ihr genau sieben Minuten Redezeit einräumte. Das Frauenwahlrecht wurde nicht ins Programm dieser Partei aufgenommen [LEVINE: 184-188].
Mit Erfolg brachten die Frauen ihr Anliegen im Programm der progressive party unter (mehr darüber in Kapitel 7 ).
Für das Frauenwahlrecht trat Addams nach dem von der progressive party 1912 verlorenen Wahlkampf weiter ein. Sie hielt Reden und schrieb Artikel. In immer mehr Bundesstaaten erlangten Frauen das Wahlrecht, so in Illinois 1913. Vielleicht vom Auftrieb des nahen Erfolges getragen, schrieb Addams einen ihrer witzigsten Artikel, in dem sie sich eine Umkehrung der Situation von Männern und Frauen ausmalte. Wenn es Männer wären, die für sich das Wahlrecht verlangten, meinte sie, könnten die Führerinnen des imaginären matriarchalischen Staates sehr wohl Bedenken haben, eine so wichtige Aufgabe jenen zu erteilen, die sich als Kinder fortwährend prügelten und als Erwachsene sich mehr für kriegerische Aufrüstung als für lebenserhaltende Maßnahmen interessierten und die Sauberkeit und Gesundheit im Haushalt ignorierten. Wahrscheinlich würden sie solche Aufgaben in der Industrie ebenso vernachlässigen – mit verheerenden Folgen für Gesundheit und Leben der Arbeiter (Franchise: 107 – 113).

Quelle: Eberhart, C. (1995) Jane Addams. Rheinfelden und Berlin: Schäuble. S. 38ff.