Frauen um Jane Adams

Julia Lathrop (1858-1932)

Lathrop war ebenfalls eine Freundin aus Rockford-Zeiten, die bald nach der Eröffnung nach Hull-House umzog. Juristisch gebildet, konzentrierte sie sich zunächst auf die Besserung der öffentlichen Fürsorge. 1893 wurde sie zum Mitglied der staatlichen Fürsorgekommission ernannt. 1901 legte sie ihr Amt aus Protest wegen der Ernennung politisch genehmer anstelle professionell ausgebildeter Leiter der staatlichen Fürsorgeinstitutionen nieder [LEVINE: 48]. Sie war maßgeblich beteiligt an der Entstehung des ersten Jugendgerichtes und ein Gründungsmitglied der immigrant's protection league (Liga für den Schutz der Immigranten). 1912 wurde sie erste Leiterin des neugegründeten federal CHILDREN'S bureau (Bundeskinderamt) in Washington [LAGEMANN: 24-25].

Florence Kelley (1859-1932)

Felix Frankfurter, Richter am US-Supreme Court, schrieb über sie:
«[Kelley] hatte wahrscheinlich den größten individuellen Anteil an der Gestaltung der Sozialgeschichte der Vereinigten Staaten während der ersten 30 Jahre dieses Jahrhunderts. [...] Wahrend jener Periode spielte sie zweifellos eine mächtige, wenn auch nicht entscheidende, Rolle bei der Durchsetzung von Gesetzen, die die eklatantesten Mißstände unserer hektischen Industrialisierung nach dem Bürgerkrieg beseitigen sollten.» [SKLAR: 5*].
Kelley, von ihrer Quäker-Erziehung geprägt, wurde während ihres Studiums in Zürich Sozialistin. Sie übersetzte u.a. Friedrich Engels' Lage der arbeitenden Klasse in England ins Englische. (Ihre Übersetzung blieb bis 1958 die einzige [SKLAR: 18]). Sie heiratete einen russischen Arzt, mit dem sie in die USA zurückkehrte. Aus dieser Ehe, die nach sieben Jahren geschieden wurde, gingen drei Kinder hervor [KELLEY, Autobiography: 68-69]. Kelley zog, als eine der wenigen Frauen mit Kindern in der Settlement-Bewegung, in Hull-House ein, wo sie (manchmal mit Kindern und manchmal ohne) blieb, bis sie die Leitung der national consumers league (Nationale Verbraucher Liga) in New York übernahm.
Ihre Ankunft in Hull-House beschrieb sie in ihrer Autobiographie folgendermaßen:
«An einem verschneiten Morgen zwischen Weihnachten 1891 und Neujahr 1892 kam ich vor dem Frühstück in Hull-House, Chicago, an, wo ich Henry Standing Bear fand, einen Kickapoo-Indianer, der vor der noch geschlossenen Haustür wartete. Es war Miss Addams, die öffnete, auf ihrem linken Arm ein sonderbar unattraktives, dickes, schwammiges Baby haltend, das der Köchin gehörte, die mit dem Frühstück in Verzug geraten war. Außerdem wurde Miss Addams durch ein superenergisches Kind behindert, das seine Mutter dort gelassen hatte, um von einem Sweatshop ein Bündel anzufertigender Umhänge zu holen.
Wir wurden willkommen geheißen, als ob wir eingeladen worden wären. Wir blieben, Henry Standing Bear für einige Monate als technischer Assistent, bis er zu seinem Stamm zurückkehrte, und ich als Resident für sieben glückliche, aktive Jahre [...].» [KELLEY, Autobiography: 77*]
Die stetige Entwicklung von Hull-House zu einer linken, wenn nicht unbedingt radikalen Einrichtung der Sozialreformbewegung wird allgemein Florence Kelley zugeschrieben. Ihrer Überzeugung nach benötigen Menschen, die eine radikale Veränderung des Klassensystems bewirken wollen, jedoch gleichzeitig die Nutznießer desselben Systems sind, die Erarbeitung eines wissenschaftlichen Verständnisses des Systems und seiner Nutznießer. Dieser Gedanke sollte Hull-House und dessen Gründerin in entscheidender Weise beeinflussen [SKLAR: 5-10]. Sicher ist, daß Kelley zu Addams' gesellschaftlichen Analysen sozialistische Ansätze beisteuerte und daß der wissenschaftliche Auftrag des Hull-House von ihr stark geprägt wurde. Ihre erste Tätigkeit in Hull-House war die Einrichtung einer Arbeitsvermittlung für Frauen in einem winzigen Zimmer des benachbarten ehemaligen Bestattungsinstitutes. Dieser Arbeitsvermittlung war nur ein mäßiger Erfolg beschieden. Bald aber wurde Kelley mit dem Chicagoer Teil einer Bundesstudie über die Großstadtslums beauftragt. Diese Aufgabe führte hin zu Hull-House Maps and Papers, 1895 [KELLEY, Autobiography. 80-86].
1889 wurde Kelley zur obersten Fabrikinspektorin des Staates Illinois ernannt. Sie war maßgeblich am Entwurf eines Gesetztes beteiligt, das einen Achtstunden-Tag für Frauen und Kinder vorsah. (Es wurde 1895 für verfassungswidrig erklärt.) 1898 wurde Kelley Generalsekretärin der national consumer's league, die nach 1900 die wichtigste Lobby für Arbeits- und Sozialgesetze wurde. Sie blieb freundschaftlich mit Engels verbunden und mit Eugene Debs, in dessen SOCIALIST PARTY sie Mitglied wurde. Für diese Partei war sie in der Jugendarbeit aktiv, wo sie Frances Perkins rekrutierte, die Kelleys Kampf für den Achtstunden-Tag, für einen Mindestlohn und für die Sozialversicherung fortsetzte und als Arbeitsministerin im Kabinett von Präsident Franklin D. Roosevelt zum Erfolg führte [SKLAR: 12-15, 110].

Sophonisba Breckinridge und Edith Abbott 

Trotz ihres Juraexamens aus Kentucky und zweier Doktorgrade in Volkswirtschaft und Jura, die ihr als erster Frau von der Universität Chicago verliehen wurden, fand Breckinridge keine angemessene Arbeit, offensichtlich aufgrund ihres Geschlechts. Arm und etwas verbittert nahm sie eine Dozentenstelle in der Abteilung "Household Administration" an, einer nur für Frauen geschaffenen Unterabteilung der neuen Soziologischen Fakultät der Universität Chicago.
Edith Abbott, die Soziologie und Volkswirtschaft in Nebraska, London und Chicago studiert hatte, promovierte in Chicago, wo sie Breckinridge als Dozentin kennenlernte. Abbott lehrte Soziologie am Wellesley College und bekam einige Lehraufträge von der Universität Chicago.
Abbott und Breckinridge zogen 1908 in Hull-House ein, das als Basis diente für ihre empirischen Studien zu den Themen Wohnungsprobleme, Großstadtkinder und Frauenarbeit, zu denen sie auch juristische Fallstudien anfertigten [DEEGAN: 43-45]. Breckinridge, die später die von der Soziologischen Fakultät 1920 abgekoppelte university of chicago SCHOOL OF SOCIAL SERVICE ADMINISTRATION leitete, und Abbott stellten eine der wichtigsten Verbindungen von Hull-House zur Universität dar [Second Twenty Years: 406].

Alice Hamilton

Eine ausgebildete Ärztin, die an den Universitäten von Michigan, München und Johns Hopkins studiert hatte, aber vergeblich Arbeit in der medizinischen Forschung suchte, lehrte sie an der NORTHWESTERN UNIVERSITY WOMAN'S MEDICAL SCHOOL, bis sie sich entschied, Mitarbeiterin und Bewohnerin von Hull-House zu werden. Dort befaßte sie sich zunächst mit einer Typhusepidemie. Ihre Arbeit gegen den freien Verkauf von Kokain an Minderjährige führte dann zu einem bundesstaatlichen Auftrag für eine Untersuchung über durch die Industrie verursachten Vergiftungen. Diese Untersuchung sowie Diagnostik und Bekämpfung von Industriekrankheiten wurden ihr Lebenswerk. An der HARVARD-UNIVERSITÄT bekam sie eine Professorenstelle, wo sie das Fach Arbeitsmedizin lehrte; auf diesem Gebiet leistete sie Pionierarbeit [LEVINE: 51].

Mary Kenny

Eine Ausnahme unter diesen Frauen des meist wohlsituierten und gebildeten Bürgertums war Mary Kenny, Tochter irischer Einwanderer und gelernte Druckerin. Das Backsteinhaus, in dem sie und ihre Mutter von Kennys $ 14 Wochenlohn in einer Wohnung lebten, wurde der selbstverwaltete JANE club, ein Wohnheim für junge Arbeiterinnen, die Kennys Mutter betreute. Kenny war in der Gewerkschaftsbewegung aktiv, wo sie besonders für Frauengewerkschaften kämpfte [Kelly, Autobiography: 79-80]. Sie gründete die women's TRADE union league mit, eine militante Sozialreformgruppe, in der Eleanor Roosevelt (die Ehefrau des späteren Präsidenten Franklin D. Roosevelt) 1922 aktives Mitglied wurde [LASH: 378; LEVINE: 161].

Quelle: Eberhart, C. (1995) Jane Addams. Rheinfelden und Berlin: Schäuble. S. 75f.