Die Erwachsenenbildung

 Im Bereich der Erwachsenenbildung entwickelte Addams eine fruchtbare Erziehungstheorie. Aus den Bedürfnissen der Immigranten und Arbeiter, die um Hull-House herum wohnten oder sich an Hull-House wandten, ging nach Addams Verständnis nicht nur ein individueller Wunsch nach Bildung hervor. Sie sah auch die Notwendigkeit ein, den Menschen Zugang zu den sozialen und ökonomischen Errungenschaften der Gesamtgesellschaft zu ermöglichen. Mangelnde Kommunikationsmöglichkeiten hätten ihnen diesen Zugang bisher verwehrt. Addams und andere Mitarbeiter des Hull-House suchten Methoden der Erwachsenenbildung, die solche Defizite, ob infolge mangelnder Sprachkenntnisse oder mangelnder Allgemeinbildung, aufgreifen sollten.
Addams' Erziehungsziele im Bereich der Erwachsenenbildung waren explizit politisch: Eine Demokratie sei ein expandierender Prozeß, in dem immer mehr Menschen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen sollten. Darunter sei ein reziproker Vorgang zu verstehen, in dem alle Menschen ihre kulturellen und sozialen Standpunkte einbrächten, um mit allen teilen zu können. Die Methoden der Erwachsenenbildung, die Hull-House erarbeitete, waren bewußt Teil dieses Prozesses [Twenty Years: 294, 300-301, 310].

Hull-House und Erwachsenenbildung

Ein wichtiger Bestandteil des Hull-House-Programms war vom ersten Jahr an ein an Erwachsene gerichtetes Bildungsprogramm. Im ersten Jahr wurden, wie oben berichtet, "College Extension"-Kurse gehalten. Die Hörer konnten Vorlesungen und Seminare auf Hochschulebene besuchen. Diese wurden später in "University Extension" und "Normal Extension" (Lehrerausbildungs)-Kurse erweitert. Zehn Jahre lang wurde ein Sommerinstitut für 100 Frauen und einige Männer auf dem Gelände von rockford COLLEGE, Addams' ehemaliger Hochschule, eingerichtet. Hier hielt der Lehrkörper in einer ungezwungenen geselligen Atmosphäre Unterricht in Botanik, Literatur und Vogelkunde. Die Kosten für jeden, ob Dozent oder Studierender, waren drei Dollar pro Woche. Regelmäßige Vorlesungen abends an Donnerstagen und Sonntagen wurden oft in der überfüllten Aula (Bowen Hall faßte 750 Personen) gehalten. Die Themen variierten von Volkswirtschaft und Evolution bis Geschichte und "Europäische Hauptstädte". Arbeitskreise oder "Klubs" lasen gemeinsam Shakespeare und Platon oder hörten eine Vorlesungsreihe z.B. von Ellen Gates Starr über Dante oder von John Dewey über Sozialpsychologie [Twenty Years: 295-299].
Obwohl sicherlich etwas stolz auf die Anzahl und Popularität solcher Angebote, war Addams dennoch nicht zufrieden: Das Bildungsprogramm helfe nur dem einen oder anderen außergewöhnlichen jungen Menschen, als Individuum zum Studium zu gelangen. Allzu oft lasse dieser dann die Nachbarschaft hinter sich. Ein Settlement aber solle keine Mittelschichtkultur nachbilden, sondern dazu beitragen, eine Kultur zu stiften, in der diejenigen, die im Besitz besonderer Kulturgüter sind, statt eine Klasse von Gleichgestellten zu bilden, die Fähigkeit erlangen, sich und ihr Wissen allen anderen mitzuteilen [Twenty Ye­ars: 300]. Addams wollte nicht Individualisten, sondern Multiplikatoren heranbilden. In den ersten Hull-House-Jahren wurden nur die Englischkurse für Immigranten und der (weiter unten beschriebene) working people's social science club diesem Anspruch gerecht.
1902 schrieb Addams, es sei eine Enttäuschung, daß das Ziel des «Settlement-Experiments», spezifische Bildungsmethoden für erwachsene Arbeiter zu entwickeln, mißlungen sei. Die in den Settlements angewandten akademischen Lehrmethoden seien fern von der Erlebniswelt der Arbeiter. Ihnen würden nach einem langen Tag schwerer Arbeit Bildungsinhalte vorgesetzt. Diejenigen, die jahrelang die Kurse beharrlich besuchten, hätten meistens eine Anhäufung passiven Wissens gewonnen, das, weil zu ihrer Erfahrung völlig bezuglos, unverwertbar bleibe [Democracy: 199].

Labor Museum

Ein besonders kreativer Versuch, sich den speziellen Anforderungen der Arbeiterbildung, vornehmlich derjenigen der Immigranten, zu stellen, war die Gründung des Arbeitsmuseums im Jahre 1900. Es war eine breitangelegte historische Ausstellung des Textilhandwerks von der Spindel bis hin zur dampfbetriebenen Fabrikmanufaktur. Einwanderer demonstrierten Textilanfertigungsmethoden aus ihren Heimatländern. Grafiken illustrierten die Geschichte der Textilindustrie. Vorträge und Ausstellungen von Leihgaben, Werkstätten und ein kleiner kommerzieller Textilhandwerksbetrieb kamen hinzu. Das Museum läßt sich mit heutigen multimedialen museumspädagogischen Konzepten gut vergleichen.
Zusammen mit John Dewey erarbeitet und von seiner Auffassung von Bildung als «einer unaufhörlichen Rekonstruktion von Erfahrungen» geprägt, hatte das Projekt zwei Ziele. Das vordringliche Ziel war, die Immigranten und ihre Kultur den einheimischen Amerikanern und vor allem den schon amerikanisierten Immigrantenkindern verständlich zu machen und positiv, gar nachahmenswert, erscheinen zu lassen [Twenty Years: 172-177].
Das Arbeitsmuseum, zunächst nicht unbedingt als Stätte für Arbeiterbildung konzipiert, wurde Lernfeld auch für Addams. Sie bemerkte, daß die zwei Axiome der Reformpädagogik, "Lernen durch Erfahrung" und "Das, was im Schulzimmer gelernt wird, muß in der Werkstatt anwendbar sein", nicht nur auf Kinder angewandt werden sollten. Für Erwachsene allerdings mußte der zweite Lehrsatz eine Umkehr erfahren. Im Labormuseum sollte ein Arbeitsfeld in seiner Gesamtheit dargestellt werden, einschließlich des sozialen Wertes und der geschichtlichen Entwicklung dieser Arbeit. So würde ein Arbeiter seinen individuellen Teil daran richtig einschätzen. Dieses war das zweite Ziel des Museums [Democracy: 206, 208, 213-214]. Addams wies darauf hin, daß gewerkschaftliche Bildung Ansätze in diese Richtung zeige.

people's social science club

Der WORKING PEOPLE'S SOCIAL SCIENCE CLUB, 1880 von einem englischen Arbeiter organisiert, war eine lose Gruppe von 40 bis 100 Anwesenden, die sich sieben Jahre lang jeden Mittwochabend trafen, um sich selbstgewählten Themen zu widmen. Der Abend fing mit einem Vortrag zum Thema an, dem schloß sich eine lebhafte Diskussion an. Der Gesprächsführer wurde für den jeweiligen Abend gewählt [Twenty Years: 134]. Die Themen der Vorträge, den Hull-House-Programmankündigungen entnommen, waren, mit einigen wenigen Ausnahmen, Themen für politisch interessierte Arbeiter. 1890 wurden "Arbeitsniederlegungen", "Gewerkschaften", "Der Tarif" und "Sozialismus" diskutiert (Hull-House: College Extensiori). Am 10. Dezember 1890 sprach Jane Addams über "Entwicklungen aus der Toynbee Hall", und ein Pfarrer hielt im Februar 1891 eine Rede über "Das göttliche Gesetz des Dienens". Wesentlich typischer waren die Themen "Progressive Steuern", "Das Problem der Arbeitslosen" und "Das Negerproblem" (Hull-House: Weekly Programme). Die Januar- und Februartreffen 1895 waren einer Vortragsreihe mit dem Titel "Die Praxis des Modernen Sozialismus" gewidmet, mit den Themen "Von der Theorie zur Praxis", "Sozialdemokratie in Deutschland", "Englischer Sozialismus in der Praxis", "Die Aussichten des Sozialismus in den Vereinigten Staaten" u.a.m. (Hull-House: Social Science).
Addams, die dem Exekutivkomitee des Klubs angehörte, meinte später in ihren Memoiren, die Existenz des working people's social SCIENCE CLUB habe zum größten Teil dazu geführt, daß Hull-House einen linksradikalen Ruf bekam. Die Sozialisten, die Anarchisten und auch andere, schrieb sie, seien in ihren Reden nicht zur Mäßigung geneigt. Dies habe aber der polarisierten politischen Situation in Chicago zu einer Zeit entsprochen, in der Geschäftsleute, die einen strengen laissez-faire-Kapitalismus unterstützten, denen gegenüberstanden, die eine gesamtgesellschaftliche Umordnung forderten [Twenty Years: 137].
Der Klub war nicht als formelles Bildungsangebot konzipiert. Als Addams über Jahre hinweg ihre Konzeption der Erwachsenenbildung formulierte, illustrierte der Klub eine Form der Bildung, wie sie von Settlements angeboten werden sollte. Ein Settlement, schrieb Addams, sei ein Protest gegen ein eingeschränktes Verständnis von Bildung. Das Settlement sollte nicht versuchen, Hochschulbildung zu vermitteln. Vielmehr hätten die Settlement-Mitarbeiter die Aufgabe, eine Bildungsmethode zu entwickeln, die die Adressaten eines Settlements anspräche. Dabei sollte den Teilnehmern ein breiteres Kulturverständnis ermöglicht werden [Twenty Years: 295, 300]. Die übliche Hochschulpädagogik lehnte Addams ab.
«Wenn wir, ohne seinen eigentlichen Wert getestet zu haben, den geistigen Grießbrei, den man uns serviert hat, an die arbeitende Bevölkerung weitergeben, in der Annahme, er sei nahrhaft und gut, verspielen wir unsere Vorrechte als Settlement und fallen zurück in die Rolle des herkömmlichen Lehrers.» [Function: 88*]
Addams´ zentrale Ideen zur Methodik der Erwachsenenbildung, nämlich der Gruppenlernprozeß und die Diskussion über die Hintergründe und Auswirkungen eines aktuellen sozialen Problems, sind am Beispiel des working people's social science CLUB besonders gut zu erkennen.

Theorien der Erwachsenenbildung bei Addams

Ein zentrales Anliegen Addams war das Gemeinsame hervorzuheben. Sie warnte vor den Gefahren der Zersplitterung. Wenn aber der Arbeiter den gesellschaftlichen Kontext, die Geschichte und den Nutzen seiner Arbeit nicht kenne, bleibe er dieser Arbeit entfremdet. In der akademischen Welt führe zu weit getriebene Spezialisierung dazu, daß der Forscher die historischen und gesellschaftlichen Bezugspunkte seines Faches nicht kenne, geschweige denn als Lehrer diese den Arbeitern zugänglich machen könne [Democracy: 206, 211].
Addams betonte immer wieder, es sei die Funktion eines Settlements, den Kreis derjenigen zu erweitern, denen Aufklärung, Selbstverwirklichung und soziale Teilnahme an der Gesamtkultur ermöglicht werden solle. Eine allgemein progressive Entwicklung setze voraus, daß möglichst viele Menschen daran partizipierten, denn diese Entwicklung werde durch diejenigen behindert, die nicht daran teilnehmen [Widening the Circle: 205,211].
Fabrikarbeiter, beobachtete Addams, strebten breite Bildungsthemen an, zum einen, um Defizite im Allgemeinwissen aufzuarbeiten, und zweitens als Reaktion auf die extreme Arbeitsteilung in ihrem Berufsleben. Die Arbeiterklasse habe als erste auf der Basis internationaler Solidarität und gemeinsamer Identität und Interessenlage eine internationale Vereinigung gegründet. Ebenso, meinte Addams, richte sich ihr Bildungsinteresse auf das Verhältnis der Arbeit zur Gesellschaft insgesamt [Democracy: 214-215].
Akademiker, so Addams, widmeten sich der Wissenschaft, Pädagogen den jungen und vielversprechenden Menschen, Sozialarbeiter den Kriminellen und Hilflosen. Kein Pädagoge aber habe bislang sich um Erkenntnisse und angepaßte Methoden bemüht, um den Bildungsinteressen und -bedürfnissen der Fabrikarbeiter entgegenzukommen. Pädagogen, die für Kinder die Maximen "Lernen erfolgt nur durch Erfahrung" und "Was im Klassenzimmer gelernt wird, muß in der Werkstatt angewandt werden" für gültig hielten, seien offenbar nicht imstande, sich einen Umkehrprozeß vorzustellen. Die tägliche Arbeit des Menschen müsse als Basis einer Bildungsmethode genommen werden. Wie man ohne Mühe die Geschichte alter Bauten bis zum aktuellen Gebrauch darstellt, so sollten auch Arbeits- und Produktionsmittel erfaßt werden [Democracy: 206-209].
In einem Essay, gegen Ende ihres Lebens geschrieben, wiederholte Addams den Bildungsanspruch des Settlements, diejenigen zu erreichen, die von den Hochschulen nicht angesprochen werden. Mit den in den USA in den 30er Jahren aufflackernden Rassenkonflikten vor Augen schrieb sie, Bildungsangebote der Settlements sollten nicht nur Informationen vermitteln, sondern Gemeinsamkeiten herausarbeiten, die zum gemeinsamen Vorgehen gegen soziale Mißstände führen könnten. Bildung in einer Demokratie, schrieb sie, sei letztlich das Ergebnis initiativen Handelns [Second Twenty Years: 413]. Die Methode des Hull-House nannte sie "Education by Current Event", sich bilden durch Reflektieren des Zeitgeschehens. Diese Methode bestehe in der Interpretation einer aktuellen Begebenheit durch eine Gruppe, um durch die Interpretation Bildungsziele zu erreichen. Auf die Erkenntnis der gemeinsamen Interessen sollte das Herausarbeiten der Konsequenzen dieser Gemeinsamkeiten folgen [Second Twenty Years: 404-411].
Das Settlement versuchte Verbindungen herzustellen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Kulturen der verschiedenen Gruppen der Immigranten und anderen Gruppen einer Nachbarschaft. «Den grauenhaften Greueltaten der Gesellschaft kann Einhalt geboten werden nur durch die stetige Anstrengung, die Erkenntnis zu erweitern und die menschliche Willenskraft zu stärken», schrieb Addams 1930. An dieser Anstrengung müßten möglichst viele beteiligt werden. Diese Basis zu erweitern, sei Aufgabe der Erwachsenenbildung im Rahmen des Settlements [Second Twenty Years: 404-408, Zitat: 407*, 410].

Quelle: Eberhart, C. (1995) Jane Addams. Rheinfelden und Berlin: Schäuble. S. 102ff