Biographie Walther Classen

CLASSEN, Walt(h)er Friedrich, Theologe, Oberlehrer, Mitbegründer des Hamburger Volksheims, Jugendpfleger, Lehrbeauftragter an der Hamburger Universität, Historiker, Publizist; * 24. April 1874 in Hamburg; † 7. September 1954 in Reinbek. - C. schrieb seinen Vornamen Walter selbst mit »h«, obwohl die offizielle Schreibweise, z.B. in der Geburts- und Sterbeurkunde und in offiziellen Dokumenten, ohne »h« lautete. C. war das vierte und letzte Kind des praktischen Arztes Dr. med. Georg August Classen (1835-1889) und seiner Frau Anna Theresia, geb. Bergius (1839-1906), die aus einer schlesischen Beamtenfamilie stammte. Über die väterliche Linie war er Enkel des Direktors der Hamburger Gelehrtenschule des Johanneums, Johannes Classen (1805-1891). Der Vater wird als Verehrer der Philosophie Immanuel Kants (1724-1804) geschildert. Im Elternhaus soll »der Geist eines echten undogmatischen Christentums« geherrscht haben. Unter dem Einfluss dieses Christentums und der Offenheit gegenüber modernem wissenschaftlichen Denken entstand C.s »poetisches Gemüt, sein anschauliches Denken und sein eigenwilliges Temperament« (Schulenburg S. 435). Getauft wurde C. am 5. Juli 1874 durch Pastor Karl Wolters (1832-1907) in der Hauptkirche St. Petri in Hamburg. C. besuchte von 1881 bis 1883 die Vorschule von H. Thomsen und wechselte dann auf das Wilhelm-Gymnasium. Ostern 1890 wurde er, obwohl er der Evangelisch-lutherischen Kirche im Hamburgischen Staate angehörte, von Pastor Dr. Hermann Spörri (1838-1904) in der Deutschen Evangelisch Reformierten Gemeinde in Hamburg konfirmiert; ihm hatten sich seine Eltern angeschlossen. Der habilitierte Systematiker Spörri hatte eine große Ausstrahlungskraft und wirkte weit über seine eigene Gemeinde in der Hansestadt. Als C. 15 Jahre alt war, starb sein Vater, und nachdem er in die Obersekunda versetzt worden war, sollte er aus finanziellen Gründen den Kaufmannsberuf ergreifen. Nach einer dreimonatigen Probezeit aber trat er davon zurück, weil er weiter lernen wollte, und wieder ohne Zeitverlust in das Hamburger Wilhelm-Gymnasium ein. Verwandte hatten die notwendigen finanziellen Mittel für seinen weiteren Schulbesuch bereitgestellt. Beim Ordnen der Bibliothek seines Großvaters fiel dem damals siebzehnjährigen C. Wilhelm Heinrich Riehls (1823-1897) »Naturgeschichte des deutschen Volkes« in die Hände, die ihn nachhaltig prägte und seine Wahrnehmung für die unterschiedlichen Gruppen der Gesellschaft und ihre jeweils eigene Stellung in der Gesamtheit schärfte. Als Primaner auf dem Wilhelm-Gymnasium besuchte C. - wie auch der in Wandsbek aufgewachsene spätere liberale Hamburger Hauptpastor Heinz Beckmann (1877-1939) - die »Klassischen Abende«, des Pastors an der Hamburg-Eilbecker Friedenskirche, Nicolai von Ruckteschell (1853-1910). Hier wurde klassische Literatur gelesen und besprochen. Von Ruckteschell las und erläuterte Goethes Faust, was damals ungewöhnlich war (Sechzehn Jahre im Arbeiterquartier, S.7). Jeweils vierzehntägig am Freitag trafen sich bei ihm Männer aus Arbeiterkreisen, die der sozialdemokratischen Partei nahestanden, und aus dem Bürgertum zur gemeinsamen Diskussion, was so erstmalig in Hamburg stattfand. »Man nahm für einen Groschen aus einem Korbe eine Flasche Bier; keine Gläser gab's, sonst wäre es ein Ausschank gewesen. Aber etwas zu trinken müsse der Deutsche haben, meinte Rucktäschell, sonst öffne er Herz und Mund nicht«, erinnerte sich C. (Sechzehn Jahre im Arbeiterquartier, S.7). Diese Abende wurden zum Vorbild für C.s spätere Volksheimarbeit. Die Förderung des Gemeindegedankens war ein zentrales Anliegen von Ruckteschells, das auch für C. prägend wurde. Nach dem Abitur, das er am 20. Februar 1893 bestanden hatte, studierte C. evangelische Theologie in Jena (Sommersemester 1893), Berlin (Wintersemester 1893/94 bis Sommersemester 1894), Marburg (Wintersemester 1894/95 bis Sommersemester 1895) und Straßburg (Wintersemester 1895/96); den Versuch, auch Philologie zu studieren, gab er sehr bald auf. Finanziert wurde er durch Stipendien. Während der ersten beiden Semester absolvierte er den theoretischen und praktischen Kurs zur Ausbildung freiwilliger Krankenpfleger im Krieg. Besonders geprägt wurde er in Berlin durch die liberalen Theologen Adolf (von) Harnack (1851-1930) und Otto Pfleiderer (1839-1908). In seinem Lebenslauf von 1905 schrieb C.: »Die neuere theologische Forschung fesselte mich sehr bald. Durch die theologische Fakultät in Strassburg wurde in mir auch ein starkes kirchliches Interesse geweckt.« In seinen 1932 publizierten Erinnerungen schrieb C.: »Als ich von der Universität zurückkehrte, war ich erfüllt von dem Ideal einer evangelischen Gemeinde, die das Volk eines Ortes oder Stadtteiles innerlich verbindet.« (Sechzehn Jahre im Arbeiterquartier, S. 6). Am 27. November 1896 bestand C. das erste theologische Examen in Hamburg. Anschließend gab er eineinhalb Jahre Privatunterricht, lehrte Religion an der Volksschule Kantstraße, predigte vereinzelt und betrieb historische und philosophische Studien. Er verfaßte die Novelle »Die Söhne des Apostels« (gedruckt Hamburg 1900) und verbrachte noch ein weiteres Semester in Straßburg, wo er sich u.a. mit den Soziologen, Ökonomen und Philosophen John Stuart Mill (1806-1873) und Herbert Spencer (1820-1903) beschäftigte sowie intensiv Werke von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) und Johann Christoph Friedrich (von) Schiller (1759-1805) las. Die Arbeit an einer Licentiatendissertation wurde nicht abgeschlossen. In Straßburg begegnete ihm auch der Neutestamentler und Arzt Albert Schweitzer (1875-1965), der ihn in seiner Konzentration auf praktisches Christentum bestärkte. Auf Bitten von Ruckteschells hin übernahm C. im Frühjahr 1898 die Leitung des Lehrlingsvereins Eilbeck. Im Protokoll des Knabenhortvorstandes hieß es dazu: »Im Frühling 1898 wurde von Herrn Pastor von Ruckteschell Kandidat Classen gebeten, sich der Arbeit am Lehrlingshort anzunehmen. Im Laufe des Sommers stieg der Besuch der Sonntagabende stetig auf etwa 25 bis 30 Mitglieder. Es wurden Turnspiele auf der Wiese neben der Kirche veranstaltet und regelmäßig hernach noch ein Vortrag gehalten« (zit. nach Severin, S. 125). C. selbst betonte in seinem Lebenslauf von 1905 die Bedeutung dieser Erfahrungen für sich selbst: »Ich stellte mich, um doch zu arbeiten, der Eilbecker Gemeinde und Pastor von Ruckteschell zur Verfügung. In zweijähriger Arbeit, in der Organisation des dortigen Lehrlingsvereins und auf den Arbeiterdiskussionsabenden wurde mir die völlige Auflösung aller religiösen Weltanschauung im Volke deutlich. Tiefdrungen von der Gewissheit, dass der Glaube der Evangelien auch dem Geringsten wie dem Grössten Frieden und Klarheit bringen kann, beunruhigt durch diesen Zustand in unserem Volke, empfand ich die Trennung von diesem Volke aufs schmerzlichste. Damals erst machte ich mich mit dem Gedanken Naumanns und Göhres näher bekannt; dadurch erkannte ich noch deutlicher, die Grösse der Aufgabe ohne ihre Lösung deshalb besser zu sehen.« Am 21. März 1899 absolvierte C. in Hamburg das zweite theologische Examen und wurde für ein Jahr Hilfs-Kandidat an St. Johannis in Eppendorf bei Pastor Johannes Hanne (1842-1923). Zahlreiche Bewerbungen auf eine Pfarrstelle blieben aufgrund seiner freien Gesinnung erfolglos. Über die folgenden Jahre schrieb C. in seinem Lebenslauf von 1905: »Nun kam für mich nach einer bisher innerlich und äußerlich glücklichen Entwicklung eine sehr schwere Zeit. Weder wollte sich eine praktische kirchliche Arbeit für mich finden, noch schienen meine hohen kirchlichen Ideale, die ich von der Universität und aus der Kirchengeschichte mitbrachte, zu der Wirklichkeit zu stimmen.« C. bewegte die Frage »Wie finden wir den Frieden wieder, daß wir eine Gemeinde werden und die Hände gemeinsam erheben zu dem Gott über uns, den wir dann sehen werden?«. Er las über Versuche in England, mit der Arbeiterjugend und ihren Familien in enger Gemeinschaft zu leben. Der Ökonom und Sozialreformer Arnold Toynbee (1852-1883) hatte als junger Oxforder Dozent (Balliol College) im Arbeiterbezirk Whitechapel in Ost-London eine Kolonie gegründet, die nach seinem Tode »Toynbee-Hall« genannt wurde. Ihm ging es um das enge Zusammenleben junger Akademiker mit Arbeitern und den Aufbau von Bibliotheken. Die Unterstütztung des Kaufmanns und späteren Senators Dr. Heinrich Traun (1838-1909), den C. aus dem Protestantenverein kannte, ermöglichte C. 1899/1900 einen halbjährigen Studienaufenthalt in diesem Universitäts-Settlement (»Universitätskolonie«), das zum Vorbild für seine ähnlich geartete Arbeit in Hamburg werden sollte. Vorbereitet hatte C. sich durch Studien zur englischen Geschichte und den sozialen Verhältnissen. Neben Ost-London besuchte er auch die Großstädte Glasgow, Manchester und Liverpool. Über seine Erfahrungen schrieb er die Bücher »Soziales Rittertum in England« sowie »Kreuz und Amboss«. Seit dem 5. November 1903 war C. Hilfsprediger an St. Gertrud-Hohenfelde, am 9. Dezember 1903 wurde er ordiniert. Zwei Jahre später schrieb er über diese Zeit: »Meine dienstliche Stellung war unselbständig und einflusslos, aus dem unter so viel Opfern gefundenem Wege sah ich mich herausgerissen. Ich gab daher diese Stellung nach Jahresfrist wieder auf« (Lebenslauf 1905). Als Hilfsgeistlicher empfing er vor allem durch den Pastor im Hamburger Hafenviertel St. Pauli, Clemens Schultz (1862-1914), starke Impulse für neue Formen, Methoden und Inhalte der kirchlichen Jugendpflege. Schultz war ein Jugendfreund seiner älteren Brüder. Dessen im April 1897 in St. Pauli gegründeter Lehrlingsverein wurde ihm zum Vorbild. Beeinflußt durch die erwähnte britische »Settlement-Arbeit« gründete C. am 12. April 1901 zusammen mit dem Richter und späteren Direktor der Jugendbehörde Dr. Wilhelm Hertz (1873-1939) und Heinrich Traun das durch Stiftungen und Spenden finanzierte »Hamburger Volksheim« mit der Einrichtung eines Lehrlingsvereins in Hammerbrook. Dieser bestand zumeist aus Konfirmanden der Pastoren an St. Katharinen-St. Annen in Hammerbrook August Klapp (1835-1911) und Karl Neidhardt (1863-1906). Im Hammerbrooker Volksheim bemühten sich - wie später auch in Barmbek, St. Pauli, Eimsbüttel und anderen Arbeitervierteln - die Mitarbeiter um die Arbeiterjugend. Pastoren, Juristen, Lehrer und Erzieher strebten als Gegengewicht zu den Sozialdemokraten eine »Verständigung« mit den Arbeitern an. Sie veranstalteten Kurse, Vorträge, Wanderungen, gemeinsame Theateraufführungen und boten Beratungen in Rechts- und Erziehungsfragen an. 1916 hieß es über die Ziele des Volksheims: »Das Volksheim verbindet Menschen verschiedener Lebensstellung zur Pflege ihrer unbestreibar-gemeinsamen sittlichen und geistigen Pflichten. Die Volksheimgemeinschaften - die der Jugend so gut wie die der Erwachsenen - wollen durch ein solches äußerlich-absichtloses Zusammenwirken das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit aller Glieder des Volkes befestigen und den Willen zur gegenseitigen sozialen Erziehung bestärken. Indem sie den Angehörigen der verschiedenen, sonst getrennten Volkskreise Gelegenheit zur persönlichen Begegnung bieten, verschaffen sie ihnen jedenfalls die Möglichkeit, sich unbefangen kennen zu lernen und von streitverschärfenden Vorurteilen freizumachen. Ohne die bestehenden Standesunterschiede zu verwischen oder die besonderen Standespflichten, überhaupt den Wert des Standesbewußtseins zu leugnen, ohne die Notwendigkeit einer sachlichen Auseinandersetzung der verschiedenen Klasseninteressen zu bestreiten, betonen die Volksheim-Gemeinschaften in allen ihren Bestrebungen das höhere Recht des geschichtlich gewordenen Volksganzen und die höhere Pflicht der Einordnung in die Gemeinschaft. Wer sich dem Volksheim anschließt, muß bereit sein, innerhalb seiner Veranstaltungen auf jede bewußte Parteiwerbung zu verzichten und die Überzeugung anderer nicht geringer zu achten als seine eigene.« (Volksheim Hamburg. Bericht über das fünfzehnte Vereinsjahr 1915/16. Hamburg 1916, S. 3). Die Form des »Draußenwohnens«, wie sie die englischen Settlements besaßen, wurde in Hammerbrook nur vereinzelt und nicht generell umgesetzt. Das Hauptgewicht lag auf der Jugendarbeit, daneben gab es auch ein umfangreiches Angebot für Erwachsene: Vereinigung für soziale Fürsorge, je ein naturwissenschaftlicher, literarischer, volkswirtschaftlicher Klub, Volksheimfreunde- und Frauenverein, Fortbildungsgruppen für Deutsch, Englisch, Rechnen, Schönschreiben, Stenographie, Buchführung und Basteln, Kunstpflegegruppen, Rechtsauskunftstellen, Vortrags- und Diskussionsabende sowie Sonntagsunterhaltungen. Insgesamt war das Angebot eher auf Jungen und Männer orientiert, in der Mädchen- und Frauenarbeit gab es Defizite. C. wurde Schriftführer im Vorstand der Gesellschaft »Volksheim«, war im Ausschuß für Vorträge und Lesezimmer, im Überwachungsausschuß und Leiter des Hammerbrooker Lehrlingsvereins. Er verzichtete auf das Pfarramt, zumal er durch seine neuen Ansätze in Konflikt mit der Kirchenleitung geriet, und wandte sich ganz der Sozialarbeit zu. 1905 schrieb er: »Ich selbst widmete mich der Arbeiterjugend und habe hunderte von jungen Leuten unter meinem Einfluss gehabt und zum grossen Teil noch heute um mich. Persönlich hatte ich von meinen Bemühungen nur Nachteile, denn kirchlicherseits wurde ich mit unüberwindlichem Misstrauen betrachtet.« Am 28. Juni 1904 bat er den Kirchenrat um seine Entlassung und setzte die Volksheimarbeit hauptberuflich fort. C. hatte sich zum Ziel gesetzt, »der Masse der großstädtischen Bevölkerung das Vertrauen zu unserm evangelischen Glauben« wiederzugeben. »Während die gebildeten Kreise die religiösen, naturwissenschaftlichen, philosophischen Kämpfe der Zeit miterleben, dringt davon ins Volk hinab nur höchst entstellte Kunde. Nun ist unsere reguläre kirchliche Arbeit wohl geeignet, die Religion zu pflegen und zu erhalten, aber nicht neu zu schaffen, wo sie bis auf geringe Bruchstücke geschwunden ist. (...) Es ist mir nun deutlich geworden, daß wir mit unserer Weltanschauung und Persönlichkeit den Einzelnen im unbefangenen Verkehr nahe treten müssen; nicht als ob sie sogleich überzeugt werden könnten, sondern so, daß sie mit dem Eindruck, den wir auf sie gemacht haben, sich unausgesetzt beschäftigen müssen. So allein läßt sich Gährung unter die großen religiös matten und gleichgültigen Massen bringen. Den hierzu nötigen Verkehr, gegründet auf völliges Vertrauen, bietet mir das Volksheim. Dazu gewinne ich die nötige Erfahrung über den Seelenzustand des Arbeiters, mit der allein wir unserem Glauben Ausdruck und Sprache geben können, so daß wir wirklich das Herz unseres Volkes treffen. Hierzu kommt ein zweiter Gedankengang. Wir haben durch das Volksheim eine Reihe Jugendvereine organisiert, zwei davon, ein Lehrlings- und Gehilfenverein, liegen völlig in meiner Hand. Eigentlich hat sonst niemand Einfluß auf diesen Teil der Bevölkerung in den entscheidensten Jahren. Darum ist diese Arbeit für unsere Vaterstadt von der größten Wichtigkeit. Es gilt die Fülle geistiger und sittlicher Kraft in dieser Jugend rein und gesund zu erhalten und in der neuen Generation ein Vertrauen zu uns zu sähen, welches der älteren leider fehlt. Nun glaube ich, meine Arbeit schwer in andere Hände geben zu können. Aber die vorhandenen Helfer vermögen mit aller Treue doch noch nicht die zähe, träge Masse des Mißtrauens in der Bevölkerung zu überwinden. Es darf aber nicht geschehen, daß unsere so junge Arbeit an der Jugend einen schweren Rückschlag erleidet, wenn ich es verhindern kann. Es kommt dazu, daß nach drei Jahren der Mühen und Opfer ich unter so vielen jungen Leuten einige sehe, die ich ganz in der Stille zu wirklich reifen religiösen Charakteren hoffe heranwachsen zu sehen - wenn ich den Freundschaftsverkehr lange genug fortsetzen kann.« C. wurde daraufhin zum 1. Oktober 1904 aus dem kirchlichen Dienst entlassen. Zwei Jahre später, am 1. Oktober 1906, wurde C. festangestellter Leiter des Volksheims in Hammerbrook; in dieser Position verblieb er bis zum März 1913. In dem am 22. Dezember 1906 unterzeichneten Anstellungsvertrag hieß es: »Herr Classen hat durch seine freiwillige Mitarbeit den größten Teil der z. Zt. im Hammerbrook bestehenden Entwicklungen des Volksheims begründet und zu einer erfreulichen Blüte gebracht. Der Umfang dieser Tätigkeit erlaubt ihm heute nicht mehr, daneben eine Berufstätigkeit als Lehrer oder Geistlicher auszuüben. In Anerkennung dessen, dass die Volksheimarbeit im Hammerbrook bisher wesentlich mit Herrn Classens Person verknüpft ist, hat das Volksheim beschlossen, Herrn Classen nunmehr als Berufsarbeiter (Bezirksleiter) anzustellen. Herr Classen erhält ein jährliches Gehalt von 4200 M« (Paragraph 1). Diese Arbeit machte C. bereits nach kurzer Zeit so bekannt, daß er einen eigenen Artikel in der ersten Auflage des protestantischen Lexikons »Die Religion in Geschichte und Gegenwart« erhielt und auch in der folgenden Auflage vertreten blieb. Geprägt von C.s Volksheimarbeit war u.a. der Begründer der musikalischen Jugendbewegung, Fritz Jöde (1887-1970), der als Helfer im Volksheim Hammerbrook wirkte und so die Lebensbedingungen in den Arbeitervierteln kennenlernte. C.s Differenzen zur kirchenleitenden Elite wurden bei einem Besuch des Schleswiger Generalsuperintendenten Theodor Kaftan (1847-1932) mit einigen Pastoren im Volksheim sehr deutlich, den C. in seinen gedruckten Erinnerungen beschrieb: »Einmal kam Kaftan, Generalsuperintendent von Schleswig-Holstein, mit vielen Pastoren. Sie ließen sich im kleinen Saal des Volksheimhauses einen Vortrag von mir halten, an den sich eine lange Debatte knüpfte. Immer wieder kam die Frage: warum pflegen Sie nicht irgendwie kirchliche Formen. Ich antwortete: »Was wünschen Sie, Herr Generalsuperintendent, Sozialisten, Nationalisten, Guttempler? Es ist alles mit den Fünfzehnjährigen zu machen, wenn man die Begeisterungsfähigkeit benutzt. Nur fragen Sie mich nicht, was dann die Achtzehnjährigen tun! Sie werden zu Entgegengesetztem sich wenden und mit Hohn und Haß sagen: Man hat unsere jugendliche Begeisterungsfähigkeit mißbraucht. Nun wollen wir sehen, wie die Welt wirklich aussieht. Was wir früher hörten, glauben wir nicht!« Als die Pastoren noch nicht abließen, von mir die Erfüllung kirchlicher Formen zu fordern, da packte mich der Zorn und ich begann die lutherische Kirche Norddeutschlands anzuklagen, daß sie ihre Pflichten an unserem Volk nicht erfüllt habe, - ich begann mit den noch immer stundenweiten Kirchenwegen auf dem Lande. Nur wer Pferde habe, könne leicht zur Kirche kommen. In der Stadt sei der Gottesdienst um 10 Uhr in den großen, teuer zu unterhaltenden Hauptkirchen doch nur für solche, denen die Dienstboten zu Hause das Mittagessen bereiteten. Für das Großstadtvolk sei 11 Uhr ebenso wie in England die rechte Zeit des Morgengottesdienstes. Die Kirche denke aber immer zuerst an die Klasse der Wohlhabenden. Als der Besucherschwarm gegangen war, sagte mir unsere Hauswartsfrau, die gerade das Treppenhaus gescheuert hatte, so böse hätte sie mich noch nie reden hören.« (Sechzehn Jahre im Arbeiterquartier, S. 90). C. erfuhr seinen eigenen Körper als »behindert« - die Bewegungsfähigkeit eines Armes war durch eine Nervenentzündung eingeschränkt, die durch einen überhitzten Ofen im achten Lebensjahr in seiner Volksschulzeit herrührte; deswegen galt er auch als nicht militärdienstfähig. Daher betonte er sportliche Aktivitäten in seiner Arbeit nachdrücklich. Er selbst turnte und schwamm sehr viel. 1915 plädierte er in einem Aufsatz über »Wehrkraft und Erziehung« die Notwendigkeit, die Jugend nach der Schulentlassung sittlich zu festigen und körperlich zur Wehrfähigkeit zu stählen. Sie sollten unter die Disziplin des Staates in der Fortbildungs- und höheren Schule gestellt und im »deutschen Geräteturnen« in Riegen, im Exerzieren, volkstümlichen Turnen und Turnspielen trainiert werden. Hinzukommen sollten regelmäßige Ausmärsche und Geländeübungen. Für die zweite Auflage des protestantischen Lexikons »Die Religion in Geschichte und Gegenwart« schrieb er die 1931 gedruckten Artikel über Ertüchtigung, Sport, Tanz und Turnen. Langfristig drängte es C. jedoch in den Schuldienst: Nachdem er im Zeitraum vom 26. Oktober 1901 bis 31. März 1903 eineinhalb Jahre als Hilfslehrer in einer Hamburger Volksschule tätig gewesen war, legte er am 29. Juli 1905 die wissenschaftliche Prüfung für die Oberlehrertätigkeit in Kiel ab und erwarb am 12. April 1905 das hamburgische Bürgerrecht. Das zur praktischen Ausbildung erforderliche Anleitungsjahr absolvierte C. vom 15. September 1905 bis zum 14. September 1906 an der Gelehrtenschule des Johanneums und dem Realgymnasium des Johanneums in Hamburg. Über seinen Volksschulunterricht schrieb er 1905: »Kurz entschlossen stellte ich mich der Volksschule zur Verfügung. Den Religionsunterricht in der Selekta hatte ich schon früher in drei Klassen erteilt. Anderthalb Jahre war ich im Volksschuldienst und unterrichtete ausserdem im Winter noch etwa 70-80 Konfirmanden der V-II Klasse. Nachdem ich pekuniär in etwas günstigere Lage gekommen war, entzog ich mich dieser fast übermässigen unterrichtlichen Tätigkeit wieder; ich hatte zuletzt 29 Stunden in der Woche gegeben, darunter 19 Stunden Religion.« Eine Seminaroberlehrerstelle in Hamburg blieb ihm in diesem Jahr ebenso verwehrt, wie 1912 eine Pfarrstelle in Sachsen. Ihn reizte es aufgrund seiner intensiven Kontakte zur Arbeiterbevölkerung, die Ausbildung von Volksschulehrern zu übernehmen. Von Januar bis März 1910 war C. aus gesundheitlichen Gründen in Italien, 1912 erfolgte aufgrund seiner Belastung, die durch Diebstähle, Überfälle und Disziplinschwierigkeiten mit »Halbstarken« noch vermehrt wurde, ein gesundheitlicher Zusammenbruch. Hinzu kamen Finanzschwierigkeiten des Volksheims, die seine Arbeitsbelastung zusätzlich erhöhten. In einem Rückblick 1913 schrieb er über seine enge innere Verbindung mit seiner Arbeit in Hammerbrook, betonte aber auch die Schattenseiten: »Aber ich bin heute zerrieben durch die unermeßliche Fülle der Arbeit (...) und weil die Mittel des Volksheims zu gering sind. (...) Geldmangel, und abermals Geldmangel!« (16 Jahre im Arbeiterstadtteil). Aus diesen Gründen nahm er schweren Herzens im März 1913 einen Ruf nach Auerbach im Vogtland an, um dort als Organisator der Jugendpflege in der Königlich Sächsischen Amtshauptmannschaft Auerbach zu wirken und im Königreich Sachsen eine dem Volksheim entsprechende Einrichtung aufzubauen. Auch dort hielt er zahlreiche Vorträge und gab Kurse für Jugendvereinsleiter. Doch schon nach einem Jahr kehrte C. wieder nach Hamburg zurück, da ihm Freunde dort den Lebensunterhalt finanzierten. Der im Sommer 1914 gefaßte Plan, die Leitung einer Jugendpflegerschule in der Hansestadt zu übernehmen, konnte nicht realisiert werden, doch bot sich ihm im folgenden Jahr eine dauerhafte Berufsperspektive: Nach einem Probejahr vom 1. Oktober 1915 bis zum 31. März 1916 an der Oberrealschule in St. Georg wurde C. am 1. April 1916 die Fähigkeit zur Anstellung an höheren Schulen mit dem handschriftlichen Zusatz »mit Rücksicht auf seine frühere unterrichtliche und erziehliche Betätigung« bescheinigt. Mit dem 1. Mai 1916 wurde er als Oberlehrer für die Fächer Religion, Deutsch und Geschichte an der Oberrealschule St. Georg in Hamburg eingestellt. C.s Schüler Karl Dittmann erinnerte sich an den Unterricht: »Als wir 1923 in die Obersekunda der Oberrealschule St. Georg versetzt wurden, hieß es, wir würden in Geschichte, Religion und Deutsch Classen bekommen. Die älteren Kameraden aus den Primen hatten uns von ihm bereits erzählt. Damals überkam mich ein hohes Glücksgefühl. Ich fühlte mich geistig irgendwie geborgen bei dem Gedanken, daß die mich besonders angehenden Fächer in den Händen dieses Humanisten liegen sollten. Jetzt war die Rede von Menschen und Völkern und ihrer Kultur, ihrem Werden und Vergehen, von dem göttlichen Ziel aller Geschichte. Solcher Unterricht war uns nie vorher beschert gewesen. Eine Lust war's, auf Wanderungen neben ihm zu schreiten und seine leuchtenden Augen zu sehen. Er lehrte uns schauen und beobachten. Eine Bodenerhebung, ein Weg, der ungewöhnlich verlief, ein Gehöft, das eigenartig gelegen war, ein Eichengestrüpp, das in einem Heidetal auffällig erschien, alles sah er, jedes wußte er in einem sinnvollen Zusammenhang zu stellen und geschichtlich zu erklären« (zit. nach Leonhardt, S. 10). Karl Bode (1910-1960) war durch den Religionsunterricht C.s in den zwanziger Jahren so geprägt, daß er sich entschloß, evangelische Theologie zu studieren und Pastor zu werden. Als Oberlehrer fand C. auch Zeit für Reisen durch Deutschland, ins Mittelmeer und im Juni/Juli 1927 nach Palästina, über die er in Artikeln berichtete. 1927 erhielt C. die theologische Ehrendoktorwürde der Philipps-Universität zu Marburg an der Lahn. Den Antrag stellten der Kirchenrechtler Hans von Soden (1881-1945) und der Praktische Theologe Friedrich Niebergall (1866-1932) am 24. Mai 1927: »Zuerst hat er sich der Arbeit an der großstädtischen Jugend gewidmet. Mit Clemens Schultz hat er einen ganz neuen Typus der Jugendarbeit gegründet, der weithin Nachfolge gefunden hat. Der Bund deutscher Jugendvereine geht auf diesen Ursprung zurück. In vorbildlicher Weise hat er sich der großstädtischen Jugend, zumal der handarbeitenden angenommen und ist ihnen Führer und Freund geworden. Im Zusammenhang damit steht seine soziale Tätigkeit. Er hat lange dem Volksheim in Hamburg vorgestanden, das die Idee des Settlements auf deutschem Boden zu verwirklichen suchte. In Wort und Schrift hat er diesen Gedanken gefördert (Großstadtheimat). Endlich hat er sich um ein modernes Verständnis des Christentums bemüht. Er hat die Biblische Geschichte A(ltes) und N(eues) T(estament) in eigenartiger Weise bearbeitet und in Schriften wie 'Christus als unser Zeitgenosse' das christliche Erbgut in neue Formen zu kleiden und der Gegenwart zugänglich zu machen versucht. Erwähnt sei auch noch seine eigenartige Geschichte Deutschlands, die seinem auf Pflege des deutschen Volkstums gerichteten Streben dienen soll.« Sie folgerten daraus: »Classen ist eine so bekannte Figur im sozialen und theologischen Leben Deutschlands, daß seine Doktorierung nicht nur eine Ehre für ihn, den ehemaligen Marburger Studenten, sondern auch für die Fakultät bedeutet.« Bei Enthaltung von Karl Bornhäuser (1868-1947) stimmten die übrigen Fakultätsmitglieder dem Antrag zu. In der Begründung der am 30. Juli 1927 vollzogenen Promotion heißt es, daß Classen »sich in zahlreichen weitverbreiteten Schriften bemüht (habe), den christlichen Glauben unseren Zeitgenossen wieder nahe zu bringen und sie mit seiner Geschichte zumal in unserem Vaterland vertraut zu machen«, er habe »in entsagungsvoller Arbeit an der großstädtischen Jugend des Arbeiterstandes der Volkserziehung wertvolle Dienste geleistet«. Am 17. November 1931 wurde C. als Dozent am Seminar zur Ausbildung der Kandidaten des Höheren Lehramts, der er seit diesem Monat war, der Professorentitel verliehen. Zum 1. Juli 1934 wurde C. im Zuge von Maßnahmen zur Reduzierung der Lehrerzahl vor dem Erreichen der Altersgrenze pensioniert. Der Präsident der Landesunterrichtsbehörde, Karl Witt (1885-1969), sprach ihm gegenüber dabei die Hoffnung aus, »daß Ihrem Schaffen am geistigen und religiösen Aufbau im Dritten Reich wie bisher, so auch künftighin in reichem Maße Erfolg und Anerkennung beschieden sein möge«. C. wirkte darüber hinaus auch als Hochschullehrer: Bereits seit dem Wintersemester 1915/16 hielt C. am Allgemeinen Vorlesungswesen in Hamburg Vorlesungen und Kurse über Jugendpflege. Ab dem Sommerhalbjahr 1917 war Classen dauerhaft mit der Abhaltung von Vorlesungen und Kursen »über das Gesamtgebiet der männlichen und weiblichen Jugendpflege« beauftragt. Im Winterhalbjahr hatte er eine Fachvorlesung im Umfang von zwei Wochenstunden zu halten, im Sommerhalbjahr eine öffentliche Vorlesung von vier bis sechs Stunden sowie einen Studentenkurs von sechs bis acht Stunden. Zugleich oblag ihm die Leitung und Verwaltung der am Philosophischen Seminar eingerichteten Abteilung für Jugendpflege. Vermittelt wurden diese ersten Vorlesungen durch den seit 1911 in Hamburg lehrenden Philosophen und Psychologen Ernst Meumann (1862-1915). Vom Sommersemester 1925 bis zum Wintersemester 1928/29 war C. Leiter der Abteilung für Jugendpflege am Erziehungswissenschaftlichen Seminar der Universität. C. referierte regelmäßig an der Fichte-Hochschule, so z.B. von Januar bis März 1920 über die Zeit von 1815 bis 1850. Die völkische »Fichtegesellschaft von 1914« wurde 1916 gegründet, um in einer Zeit der beginnenden Kriegsmüdigkeit den »Geist von 1914« am Leben zu erhalten. Sie betrieb u.a. in Hamburg, Kassel und Leipzig eigene »Fichte-Hochschulen«, die in der Erwachsenenbildung bedeutend waren, und gab die Zeitschriften »Deutsches Volkstum« und »Jungdeutsche Stimmen. Rundbriefe für den Aufbau einer wahrhaften Volksgemeinschaft« heraus, in denen C. publizierte. Sehr einflußreich war das eigene Verlagswesen, zu dem die Hanseatische Verlagsanstalt in Hamburg zählte. Neben seiner Tätigkeit in der Jugendpflege schlug C. im Mai 1923 dem Erziehungswissenschaftlichen Seminar vor, Veranstaltungen über den Religionsunterricht anzubieten, die in erster Linie der Fortbildung von Religionslehrern dienen sollten. Die Lehrerbildung hätte er insgesamt lieber an einer eigenen Akademie und nicht an der Universität gesehen, doch minderte das sein Engagement nicht. Seine Idee wurde aufgegriffen, und seit dem Wintersemester 1923/24 bot C., zunächst in der Regel jährlich, von 1928 bis 1936 in jedem Semester, Vorlesungen und Übungen zur »Methode des Religionsunterrichts« an, wofür seine Unterrichtsverpflichtung an der Schule um fünf Stunden reduziert wurde. Die Veranstaltungen wurden - auch im Allgemeinen Vorlesungswesen - mit dem Titel »Methode des Religionsunterrichts« oder einer ähnlichen Formulierung angekündigt, die ab 1929 zusätzlich inhaltlich konkretisiert wurde, z.B. im Wintersemester 1930/31 »Geschichte des Christentums in der neuesten Zeit«. C. schätzte die Bedeutung der Religionslehrer für die evangelische Kirche in Norddeutschland besonders hoch ein und engagierte sich deswegen sehr für ihre Ausbildung, obwohl er dafür eigene wissenschaftliche Vorhaben zurückstellen mußte. Wörtlich schrieb er 1930: »Auf mir lastet schwer, dass ich ganz allein den künftigen Religionslehrern etwas dienen darf, - und daher doch wegen grosser Schularbeit in übervollen Klassen zur eigenen wissenschaftlichen Vorbereitung und Weiterarbeit keine Zeit habe.« Inhaltlich handelte es sich bei seinen Veranstaltungen, wie C. selbst feststellte, um die Darlegung vor allem kirchengeschichtlicher aber auch biblischer Stoffe, wobei Anregungen zur Didaktik ergänzt wurden. Sie seien auf vier Semester angelegt: I. Entstehung von Religion in den Völkern und Gestalten des Alten Testaments im Religionsunterricht. II. Neues Testament und Alte Kirche im Religionsunterricht. III. Gestalten der mittelalterlichen Kirche und der Reformation im Religionsunterricht. IV. Gestalten aus der Geschichte des Christentums von der Reformation bis zur Gegenwart im Unterricht. Auffallend ist die starke Fixierung auf Personen in C.s Durchgang durch die Kirchengeschichte. Sie entspricht auch seiner grundsätzlichen Geschichtsauffassung, die in seinen historischen Veröffentlichungen deutlich wird. Seit 1931 lehrte C. zudem Kirchengeschichte im Rahmen der Kurse zur Religionslehrerausbildung. Scharfe Kritik an diesem Lehrauftrag äußerten von kirchlicher Seite vor allem Senior Karl Horn (1869-1942) und Hauptpastor Theodor Knolle (1885-1955), weil C. angeblich die neuere Forschung nicht genügend berücksichtige und sein Verhältnis zum Neuen Testament »schwere Konflikte« hervorrufen werde. Durch einseitige Beeinflussung würde er »eine starke Opposition heranzüchten«. Sein Wirken in Arbeitervierteln, insbesondere in der Jugendarbeit war von der Kirchenleitung nicht anerkannt worden. Gerade in seiner Tätigkeit in Hammerbrook nahm die Frage, ob und wo Religion in der großstädtischen Lebensentwicklung überhaupt möglich sei, eine zentrale Rolle ein. Diese Ansätze einer kirchlichen Sozialarbeit, deren Ziel es war, die Entfremdung zwischen der Kirche und den Arbeitern zu überwinden, galten nicht als opportun. Die Führung der Kirche, diese soziale und gesellschaftliche Elite aus dem Bildungsbürgertum, hielt an die kirchlichen Tradition als der unverändert wahren Form des Glaubens fest. Bemühungen, die Verkündigung auf die andere soziale Realität der Arbeiter zuzuschneiden, wurden von der kirchenleitenden Elite als Schritte in eine falsche Richtung abgelehnt. Daher sollte C. keine Religionslehrer ausbilden und seine Ansichten nicht an zukünftige Multiplikatoren weitergeben. Die Situation der Arbeiter in der Großstadt wurde in ihrer Bedeutung für die Kirche nicht erkannt. Diese Haltung war bezeichnend für die Reaktion der Kirche auf die gesellschaftliche Modernisierung: Die kirchenleitende Elite nahm eine antimoderne Haltung ein und versuchte, die Problematik durch Ausgrenzung von unliebsamen Positionen zu lösen. 1934 verlor C. diesen inhaltlichen Lehrauftrag: Wurde der Lehrveranstaltungsplan in Evangelischer Religionslehre bis zum Sommersemester 1934 noch von einem universitären Ausschuß konzipiert, trat dieser »unter dem neuen Regiment« nicht mehr zusammen. Die Auswahl der Dozenten und die Aufstellung des Vorlesungsplanes wurden nunmehr von der Landesunterrichtsbehörde vorgenommen, wobei sich der Präsident dieser Behörde, Karl Witt, die Vorschläge des Landeskirchenamtes zu eigen machte. Das Landeskirchenamt - 1934 besetzt mit den Oberkirchenräten Adolf Drechsler (1889-1970) und Dr. Karl Boll (1898-1991) - war unter dem deutsch-christlichen Landesbischof Franz Tügel als zentrale kirchliche Behörde eingerichtet worden. Diese Veränderung, vor allem der kirchliche Einfluß, machte sich seit dem Wintersemester 1934/35 deutlich im Lehrangebot für die Ausbildung der Religionslehrer bemerkbar: Neben dem liberalen Hauptpastor Heinz Beckmann (1877-1939; Altes Testament) verlor auch C. seinen Lehrauftrag für Kirchengeschichte - offensichtlich durch kirchliches Eingreifen, da seine Veranstaltungen zur Methodik des Religionsunterrichts am Erziehungswissenschaftlichen Seminar weiterliefen. Zusätzlich zur universitären Lehrtätigkeit hielt Classen seit dem Sommersemester 1927 auch Kurse im Institut für Lehrerfortbildung ab, um dem Mangel an Religionslehrern abzuhelfen. Thematisch ähnelten diese Seminare seinen Lehrveranstaltungen an der Universität, jedoch wurde auch versucht, in eigenständigen Übungen übergreifende Grundsatzfragen des Religionsunterrichts zu klären; z.B. »Grundfragen des Religionsunterrichts. Wie ist das religiöse Erlebnis des Großstadtkindes beschaffen? Was folgt daraus für die Art der Weitergabe der religiösen Überlieferung?« (Sommersemester 1930) und »Der Religionsunterricht auf der Oberstufe der höheren Schule und in den Aufbauklassen der Volksschule. Fragen der Auswahl der Arbeitsgebiete und ihre unterrichtliche Behandlung« (Wintersemester 1930/31). Über die konkrete Ausgestaltung der Lehrveranstaltungen C.s liegen keine direkten Aussagen vor, doch kann aus seinen Veröffentlichungen und Notizen einiges zu seinen grundsätzlichen Einstellungen erschlossen werden. Theologisch war er liberal eingestellt, was ihn - zusammen mit seiner nicht als kirchlich anerkannten Jugendarbeit - in einen Gegensatz zu den einflußreichen orthodoxen Kreisen der Landeskirche brachte; deshalb wurde er - wie beschrieben - auch nicht Pastor, sondern wandte sich der Jugend- und Schularbeit zu. Bereits 1903 sprach er deutlich dem Staat das »ethisch bessere Recht« zu, über die Inhalte des Religionsunterrichts zu bestimmen. Wenn die Kirche in ihrer sittlichen Lehre an einer überwundenen Weltanschauung festhalte, dürfe der Staat darauf keine Rücksicht nehmen. Dabei wandte er sich besonders gegen den umstrittenen Katechismusunterricht, weil dieser »sprachlich und ethisch veraltet« sei; statt dessen sollten neben dem Vaterunser und dem Glaubensbekenntnis deutsche Klassiker den Religionsunterricht bereichern. In der Auseinandersetzung um den Religionsunterricht und die Religionslehrerausbildung 1908, dem »Hamburger Schul- und Kirchenstreit«, wandte C. sich deutlich gegen die Ansätze der orthodoxen Kreise und warnte vor einem »Religionsunterricht, der dazu dient, die finstere Kirchenherrschaft und Priesterherrlichkeit aufzurichten.« (Hamburgisches Kirchenblatt 5 [1908], S. 158). Nach dem Ersten Weltkrieg plädierte C. für eine demütige Haltung der Deutschen: »Wir müssen wieder demütig werden und lernen, daß wir uns alle als ganz Kleine beugen müssen vor dem großen Geiste des Volkstums; ihm müssen wir uns hingeben, seinen Lebensgesetzen dienen. Sie sind für uns bindend mit der Kraft des kategorischen Imperativs. Wenn wir so lernen, mit unserer Persönlichkeit aufzugehen in das Höhere, dann werden wir groß und stark werden, dann wird der hochgemute Geist fraglichen Selbstbewußtseins uns Deutschen neu kommen, und damit auch die Kraft zur nationalen Würde« (Nationale Würde, S.139-140). C. setzte sich nach 1918, zusammen mit dem Michaelis-Hauptpastor und führenden Vertreter der Volkskirchenbewegung August Wilhelm Hunzinger (1871-1920), in öffentlichen Veranstaltungen für die Wiedereinführung des Religionsunterrichts ein und führte - trotz des offiziellen Verbots durch den Arbeiter- und Soldatenrat in den Jahren 1919 und 1920 - den Religionsunterricht unter Tarnbezeichnungen, wie z.B. »Philosophie«, weiter fort. In seinen unveröffentlichten Lebenserinnerungen schrieb Classen dazu: »In der Zeit des Arbeiter- und Soldatenrats war der Religionsunterricht verboten. Wodurch er ersetzt werde, sollte gemeldet werden. Da machten Bohnert [Dr. Felix Bohnert (1862-1932), Schulleiter der Oberrealschule St. Georg, RH] und ich eine Liste durch alle Klassen. Da erschienen Märchen, orientalische Geschichte, Philosophie. In Obertertia war die Geschichte Jesu vorgesehen. 'Dazu gehören doch die Gleichnisse', bemerkte Bohnert: 'Also schreiben wir: Parabeln.' Wir haben auch nicht eine Religionsstunde ausfallen lassen.« Dennoch hielt er daran fest, daß der Religionsunterricht, der in den Oberklassen der Schule in St. Georg ausschließlich von ihm erteilt wurde, nicht ein Instrument zur Bekämpfung der Sozialdemokratie werden dürfe; Ziel solle vielmehr die Weckung des Mitleids mit der Masse der Bevölkerung, die Schärfung des Gewissens sein. Nach der Wiedereinführung dieses Unterrichtsfaches in Hamburg kämpfte C. gegen eine befürchtete Einrichtung der geistlichen Aufsicht über den Religionsunterricht. 1929 setzte er folgende Ziele für den Unterricht in diesem Fach fest: »Wir wollen den Kindern die drei großen Tatsachen: Pflicht, Schuld, Erneuerung weisen. Der größte Erzieher wird das Leben sein. Wir aber sollen jedenfalls verhindern, daß die Kinder als selbstbewußte Pharisäer ins Leben hinaustreten, sondern vielmehr mit einem demütigen Gefühl, erwartungsvoll und dennoch tapfer.« Seit 1927 engagierte er sich verstärkt für die fachliche Ausbildung von Religionslehrern an der Universität, wobei er eine theologische Fakultät nicht für nötig hielt. Seine Überlegungen gingen davon aus, daß neben dem gezielten Wahlfachstudium in »Religion« auch Studenten der Philologie oder Naturwissenschaften die Möglichkeit gegeben werden sollte, sich für »Religion« als Unterrichtsfach vorzubereiten; schließlich sollten auch Studierende aller Fakultäten von dem Lehrangebot profitieren können. Griechische oder hebräische Sprachkenntnisse wurden dabei nicht vorausgesetzt. Die Veranstaltungen gliederte C. in vier Gruppen, wobei insgesamt 60 Wochenstunden in sechs Semestern zu absolvieren sein sollten. Die erste Gruppe umfaßte den Bereich der Systematischen Theologie mit Religionsgeschichte und -philosophie, die mit 17 Wochenstunden der der exegetischen Fächer gleichgestellt war. Den Schwerpunkt bildete die geschichtlich-praktische Gruppe, zu der auch Missionsgeschichte, christliche Kunst und Liturgie zählten, mit 20 Wochenstunden. Neben Vorlesungen waren in diesen drei Bereichen auch jeweils vier Wochenstunden für Übungen vorgesehen. Die nur sechs Stunden umfassende vierte Abteilung enthielt religionspädagogische Veranstaltungen zur Unterrichtsmethode und zur Didaktik der exegetischen Fächer; der Bereich der Kirchenverfassung fehlte hier. Insgesamt ließ der sehr historisch ausgerichtete Plan von C. mehr Freiräume für die Gestaltung der Ausbildung als entsprechende Überlegungen der Hauptpastoren. Der Präses der Hochschulbehörde beurteilte diesen Entwurf positiv, weil er angesichts der kritischen Finanzlage Hamburgs eine Übergangslösung darstelle - C. hielt nur die Berufung von einem oder zwei Fachtheologen für notwendig: Er forderte die Einrichtung von zwei religionswissenschaftlichen Professuren an der Philosophischen Fakultät, wobei er besonders auf die Behandlung von »christlich-sozialen Propheten«, wie z.B. Thomas Carlyle (1795-1881), Toynbee und Clemens Schultz - also seinen Vorbildern in der Volksheimarbeit - Wert legte (C.: Zukunft). In Zusammenarbeit mit der Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens hatte C. 1928 eine Arbeitsgemeinschaft für Religionskunde eingerichtet, in der u.a. ein neues Religionsbuch und Richtlinien für den Religionsunterricht ausgearbeitet wurden. Eine aussagekräftige Quelle zur Unterrichtsgeschichte stellt die Sammlung »Bilder aus Geschichte und Religion« dar, in der C.s Schüler des Abiturientenjahrgangs 1923 die Diktate ihres Lehrers aus dem Geschichts- und Religionsunterricht der letzten drei Schuljahre gesammelt hatten. Auch hier zeigt sich die stark personenorientierte, historische Ausrichtung von C.s Religionsunterricht sowohl in der Schule als auch in seinen Lehrveranstaltungen an der Universität. Neben seiner Unterrichts- und Lehrtätigkeit war C. zeitlebens auch als Schriftsteller sehr produktiv und veröffentlichte zahlreiche literarische Werke, darunter Theaterstücke für die Jugendarbeit sowie Schriften zur Jugendpflege und Volkskunde, zur Kirchengeschichte, über das Leben Jesu und zum Religionsunterricht. Eine Vielzahl von Gedichten blieb unpubliziert. Oft schrieb er für die von Martin Rade (1857-1940) herausgegebene kulturprotestantische Zeitschrift »Christliche Welt«, zu deren Freundeskreis er zählte. In seiner Schrift »Christus heute als unser Zeitgenosse« (1905) übertrug C. Worte und Handlungen Christi in moderne Verhältnisse und eröffnete dadurch vielen in der Jugendbewegung ein neues Verständnis Jesu. Von 1903 bis 1912 forderte C. in mehreren Artikeln in der »Christlichen Welt« nachdrücklich, eine Volksbibel für das evangelische Haus zu schaffen. Aufgegriffen wurde dieser Gedanke vom Deutschen Pfarrverein in seinen Verhandlungen 1912 und 1913. 1932 setzte C. sich in der »Christlichen Welt« gegen die Ausgrenzung des umstrittenen Hamburger Pastors Franz Otto Hennecke (1877-1960) ein, der 1932 vorläufig amtsenthoben und 1933 emeritiert wurde. 1915 begann C. mit der Abfassung einer umfangreichen dreibändigen, auf Rassentheorien aufbauenden deutschen Geschichte »Das Werden des Deutschen Volkes«, die in den zwanziger Jahren zweimal gedruckt wurde und von 1941 bis 1944 in dritter Auflage erschien. Einen vierten Band schrieb er im Ruhestand, der jedoch nicht mehr publiziert wurde; das Manuskript gilt als verschollen. Darüber schrieb 1949 der am Pädagogischen Institut der Universität Hamburg tätige Studienleiter Dr. Walter Schulenburg (Jahrgang 1903): »Dieser fehlende Band behandelt das letzte halbe Jahrhundert deutscher Geschichte und stützt sich nicht nur auf ein umfangreiches Quellenstudium, sondern auch auf die Fülle der Erfahrungen und Einsichten eines reichen Lebens an einer Stelle, an der ein geschulter Blick die 'naturgeschichtlichen' Vorgänge am deutschen Volkskörper aufspürte, für die die meisten Vertreter der bürgerlichen Welt blind geblieben waren. Mit der Herausgabe dieses vierten Bandes würde der Verleger nicht nur der Volkskunde und der Sozialpädagogik einen großen Dienst leisten, er würde es auch möglich machen, daß die Erfahrung Classens in unserer Zeit neue Frucht tragen könnte« (S. 440). C. vertrat einen diffusen »Rassebegriff«: In seinem Aufsatz »Antisemitismus, Völkerkunde und Religion« von 1921 sah er in Deutschen und Juden unterschiedliche Rassen, was jedoch ein friedliches Zusammenleben nicht behindern müßte (S. 39). C. ordnete die Juden - im Gegensatz zur deutschen »Landrasse« (S. 39f) - der »städtischen Rasse« zu, die in sich »das alte jüdische Blut« habe und sich daher »dem Spiel seiner Phantasie gar zu gern« hingebe (S. 39). »Darum dürfen sie nicht klagen, wenn wenige von ihnen Offiziere oder Staatsgewaltige werden. Dazu gehört Eisen im Blut; der Städter wird nun einmal weich« (S. 40). Der Vererbung von bestimmten Eigenschaften, wie »Neigungen, sittliche Richtung, Phantasie« komme im »Volksleben« die größte Bedeutung zu (S. 40). Trete ein Jude zum Christentum über, »geht er und seine Nachkommenschaft im deutschen Volk auf. Und wahrscheinlich nach einem klimatischen Gesetz überwiegt dann in der Nachkommenschaft der nordische Rassenteil« (S. 41). 1932 distanzierte er sich von der nationalsozialistischen Rassenlehre und dem in diesem Zusammenhang von der NSDAP verbreiteten Haß (in: Klotz [Hg]: Kirche, Bd. 2, S. 27-32). In seinen noch unveröffentlichten Lebenserinnerungen sprach C. von einer von Anfang an deutlichen Distanz zum Nationalsozialismus: »Die Hitlerbewegung sah ich mit Sorge wachsen. Ich habe nicht eine Stunde an Hitler geglaubt.« 1930 schrieb er an Walther Lambach (DNVP, 1885-1943), der früher stellvertretender Vorsitzender der Hamburger Ortsgruppe der Fichte-Gesellschaft gewesen war, daß er kein Antisemit sei und entsprechende Äußerungen Wilhelm Stapels (1882-1954) ablehne. Adolf Hitler bezeichnete er ein Jahr später als »Bastard zwischen Mussolini-Wilhelm II.« Vor allem die SA und die Schändungen jüdischer Friedhöfe lehnte er ab. Politisch hatte C. sich gegen die direkte Bekämpfung der Sozialdemokratie ausgesprochen, doch zielte seine Arbeit im Volksheim darauf, dieser durch die Vermittlung christlicher Liebe an die Arbeiterjugend den Boden zu entziehen. In seinen Erinnerungen heißt es über die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg: »Ganz unproduktiv erschien mir das Schelten und Wüten der konservativen Kreise gegen die Sozialdemokratie. Diese hatte ihre vaterländische Pflicht bis zuletzt erfüllt.« 1931 schrieb er: »Den wüsten Hass gegen die Sozialdemokraten halte ich auch für falsch. Man muss doch einmal mit ihnen leben. Ich kenne sehr viele achtenswerte Männer dort, auch wirkliche Patrioten.« Dem Bürgertum warf C. vor, nicht gesehen zu haben: »die Tausende enger Wohnungen der Sechsstockwerkshäuser, in denen die Rasse unseres Volkes aussterben mußte und die Volksseele in dumpfer Luft vergiftet wurde« (Deutschlands neue Politik, S.4). C. warf allerdings den Sozialdemokraten vor, sich an der materialistischen Philosophie, »dieser gottverachtenden Weltanschauung blind und taub getrunken« zu haben (ebd.). Gleichzeitig gehörte er dem extrem nationalistischen, völkischen Alldeutschen Verband an. C. zählte zum Kreis um Friedrich Naumann (1860-1919) und den Evangelisch-Sozialen Kongreß. 1901 trat er erstmals auf dem Kongreß als Debatteredner auf und plädierte in der Aussprache über das Thema »Bildungsbedürfnisse des deutschen Arbeiters und ihre Befriedigung« für eine Übertragung der Settlementarbeit auf deutschen Boden. 1923 wurde C. in den weiteren Kongreßausschuß berufen, 1927 äußerte er sich auf der Hamburger Tagung über Wichern und die evangelisch-soziale Aufgabe der Gegenwart. Von 1927 bis 1933 war C. Mitherausgeber von »Evangelisch-Sozial. Vierteljahrsschrift für die sozial-kirchliche Arbeit«. Seine eigene politische Entwicklung charakterisierte C. 1928 so: Er sei zunächst sehr starker Monarchist gewesen, habe dann die Bedeutung des Parlamentes erkannt. Die Nationalliberalen waren ihm zu steif und zu großkapitalistisch, so daß er mit Naumann in die Freisinnige Vereinigung eingetreten war, die monarchistisch-imperialistisch eingestellt gewesen sei. In Friedrich Naumann sah C. den geeigneten Nachfolger Friedrich Eberts (1871-1925) als Reichspräsidenten. Naumanns Tod sei »ein schweres Unglück für Deutschland« gewesen. Im seinem 1931 publizierten Artikel »Volk und Volkstum« für die 2. Auflage des protestantischen Lexikons »Die Religion in Geschichte und Gegenwart« schrieb er: »Wenn dagegen die Teile eines Volkes inmitten eines anderen leben und kein starkes eigenes Volkstum haben, so werden sie bald aufgesogen sein. So ging es oft den Deutschen, die in die Vereinigten Staaten auswanderten; sie brachten wenig Bildung mit, kein großes geschichtliches Bewußtsein. Das Beste, was sie hatten, ihren protestantischen Glauben, hatten sie mit den umwohnenden Angelsachsen gemeinsam. Wo aber protestantische Deutsche zwischen Andersgläubigen siedeln und sich, um ihren Glauben zu wahren, eigene Kirchen und eigenes Schulwesen schufen, bewahrten sie tapfer ihr Volkstum, so die baltischen Deutschen, die Siebenbürger, so die Schwaben in Palästina und im Kaukasus, so niedersächsische Mennoniten im weiten Rußland und in Amerika.« Abschließend betonte C. aber die gemeinsamen Wurzeln aller Völker: »So ist es denn sicher nicht das einzige Ziel des Schöpfers, daß die Völker nur in jenem zugleich zerstörenden und aufbauenden Kampfe aller gegen alle durch die Geschichte wandeln, sondern sie sollen es erleben, daß sie eben alle aus derselben geheimnisvollen Tiefe der Schöpfung emporsteigend, aus einer Wurzel als Äste eines Baumes, alle miteinander und füreinander wachsen, oder, um ein anderes Bild zu gebrauchen: sie alle werden mit all ihren Gaben hineingewoben in den großen Teppich der Weltgeschichte.« Der Theologe Wolfgang Tilgner charakterisiert C. im Zusammenhang mit seiner publizistischen Arbeit für Wilhelm Stapels Zeitschrift »Deutsches Volkstum« als Vertreter der völkischen Bewegung. In einer Lehrerversammlung am 15. März 1920 im Curio-Haus äußerte C. sich gegen einen Streik der Lehrer, weil das Wohl der Kinder im Vordergrund zu stehen habe; Schule dürfe nicht mit Politik vermischt werden (Pädagogische Reform 44 [1920], S. 100). C. war als Nachfolger seines verstorbenen Bruders Johannes Wilhelm Classen (1864-1928) Mitglied des Deutschen Evangelischen Kirchentages (1924-1930) und nahm an der Tagung 1930 in Nürnberg teil. C. war Mitglied des Kirchenvorstandes der St. Gertrud-Gemeinde, an der sein Schüler Walter Uhsadel (1900-1985) Pastor war. Während des Zweiten Weltkrieges übernahm C. von 1940 bis 1945 Pfarrvertretungen in Ochsenwerder, Kirchwerder und predigte auch in Curslack, Neuengamme, Bergedorf und Geesthacht; daneben gab er Schülern Nachhilfeunterricht. Nach Kriegsende trat C. in die Freie Demokratische Partei, Landesverband Hamburg, ein. Im November 1945 bot C. Vorträge für Religionslehrer an, die von der Schulbehörde für verbindlich erklärt wurden. 1951 wirkte C. noch beim 50jährigen Jubiläum des Volksheimes mit und sprach Begrüßungsworte. Am 23. Januar 1952 erhielt C. das Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, am 24. April 1954 die Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg »in dankbarer Anerkennung seiner Verdienste um das Gemeinwohl«. Mitarbeiter am Volksheim nannten C. den »Pestalozzi Hamburgs«. Der Volksheim-Mitbegründer Wilhelm Herz charakterisierte C. 1913 wie folgt: »Eine seltene seelsorgerische Begabung verband sich mit dem festen Willen, den Führerlosen ein Führer zu sein. So war er geradezu prädestiniert für die Jugendarbeit; sein Verdienst ist es, daß sie in das Programm des jungen Volksheims aufgenommen wurde. (...) Vor der eindringlichen Energie, mit der Classen immer die Interessen der Jugend verfochten hat, von den feinen Beobachtungen, die er gerade auf diesem Gebiete machte, haben wir Andern alle viel gelernt und viel Vorteil gehabt. Und wahrlich, er hat die allerschwierigste Arbeit getan; bietet doch der Hammerbrook einer geistigen Beeinflussung ganz besondere Hindernisse. Aber: 'Arbeiten und nicht verzweifeln!' Das hat uns Classen immer wieder vorgelebt. (...) Denn er hat mehr gearbeitet als wir alle. Seine Forderung des sozialen Rittertums, er hat sie erfüllt, indem er sich mit seiner ganzen Kraft einsetzte für die selbstgewählte Aufgabe, dem Volks ein Freund und Helfer in der Not zu sein. Rücksicht auf seine Gesundheit hat er nie gelten lassen, und kaum vom Krankenlager erstanden, nahm er stets die ihm ans Herz gewachsene Arbeit mutig wieder auf. Ein Evangelium der Tat hat er verkündet und damit einen unvergänglichen Wert geschaffen.« Der Theologe und Religionssoziologe Emil Fuchs (1874-1971) schrieb in seinen Lebenserinnerungen über C., daß er in Hamburg »eine sehr tiefgehende Arbeit an der Jugend (leistete), die Ausgangspunkt wurde für die Bildung des Bundes deutscher Jugendvereine« (Erster Teil, 332). Der Praktische Theologe und Bischof Wilhelm Stählin (1883-1975) beschrieb in seinen Memoiren, wie er nach dem theologischen Examen C.s Buch »Jesus Christus heute als unser Zeitgenosse« mit einem Freund las: »Hier fanden wir uns berührt von einem höchst lebendigen Verständnis des Evangeliums, in dem wir unsere eigene Welt erkannten.« (S. 65). C.s Form der Jugendarbeit beeinflußte ihn auch später, gerade das Buch »Großstadtheimat« prägte ihn (S. 89f). Zu seinem 80. Geburtstag schrieb der Hamburger Schulsenator Hans Wenke (1903-1971) am 23. April 1954: »Wenn Sie auch in der Öffentlichkeit wohl stärker als Begründer der Volksheimbewegung leben, dürfen wir doch für das Schulwesen in Anspruch nehmen, Sie als einen unserer erfolgreichen Lehrer zu verehren, dem es vergönnt war, in späteren Jahren auch unsere jungen Lehrkräfte auf ihren Beruf vorzubereiten. Ich habe bei der Durchsicht aller Unterlagen einen Eindruck von der Breite Ihres Wirkens, von der Vielseitigkeit Ihres Schrifttums und von Ihrer idealistischen Gesinnung gewonnen, der mich empfinden läßt, wie sehr Sie Anspruch auf herzliche Wünsche Ihrer ehemaligen Behörde zu Ihrem 80. Geburtstag haben.« Wenige Monate danach, am 7. September 1954, starb C. im Sankt Adolfstift in Reinbek bei Hamburg im 81. Lebensjahr; seit 1931 hatte er, der zeitlebens Junggeselle geblieben war, in Bergedorf gewohnt. Beigesetzt wurde er am 11. September auf dem Neuen Friedhof in Bergedorf. Einen Monat später wurde im Hause des Volksheimes in Hamburg-Barmbek eine Büste C.s aufgestellt. - C. engagierte sich als Theologe, Sozialpädagoge, Lehrer, Hochschullehrer und Publizist insbesondere für die (Arbeiter-) Jugend. Beeinflußt durch die britische Settlement-Bewegung wurde er 1901 zum Mitbegründer des Volksheimes in Hamburg, wo er unter Verzicht auf eine sichere Berufstätigkeit als Pastor zunächst hauptamtlich tätig war. Als Lehrer prägte sein Religions- und Geschichtsunterricht mehrere Schülergenerationen. Daneben hielt er schon frühzeitig vor Gründung einer Universität in Hamburg am Allgemeinen Vorlesungswesen Vorlesungen und Kurse über Jugendpflege, war zeitweise Leiter der Abteilung für Jugendpflege am Erziehungswissenschaftlichen Seminar, baute die universitäre Religionslehrerausbildung auf und wirkte in der Lehrerfortbildung. Neben seiner Unterrichts- und Lehrtätigkeit war C. auch als Schriftsteller sehr produktiv und veröffentlichte zahlreiche historische, theologische, pädagogische und literarische Werke, darunter Theaterstücke für die Jugendarbeit. Er war von 1903 bis 1908 Herausgeber der Zweimonatsschrift »Die Treue« und von 1908 bis 1914 Redakteur der Monatsschrift für die deutsche Jugend »Die Treue« und schrieb viele Artikel für die Monatlichen Mitteilungen des Volksheims und die »Christliche Welt«. In den Hamburger Volksheimen hielt C. zahlreiche Vorträge und sprach auch überregional über seine dortige Arbeit. 1907 führte er beispielsweise auf Einladung der »Evangelisch-Sozialen Vereinigung im Königreich Sachsens« eine Vortragsreise durch Sachsen durch, wo er über die Hamburger Lehrlingsvereine sprach. Inhaltlich ging es ihm um die Gewinnung der Arbeiterjugend für eine christlich geprägte bürgerliche Gesellschaft und ihre Normen. Wenngleich er konservative und z.T. auch völkische Ideen vertrat, so war er für seine Zeit mit seinen Zielen und Methoden vielfach sehr modern und geriet in Konflikt mit der kirchenleitenden Elite, die ihn als Oppositionellen betrachtete. Die Situation der Arbeiter in der Großstadt wurde in ihrer Bedeutung für die Kirche nicht erkannt. Diese Haltung war bezeichnend für die Reaktion der Kirche auf die gesellschaftliche Modernisierung: Die kirchenleitende Elite nahm eine antimoderne Haltung ein und versuchte, die Problematik durch Ausgrenzung von unliebsamen Positionen zu lösen. C.s Engagement für die Jugend resultierte aus seinen völkischen Anschauungen, er verstand sie als Teil seiner Arbeit zur Förderung des deutschen Volkstums, die er auch als Schriftsteller und Publizist, z.B. als Autor im »Deutschen Volkstum« und in den »Jungdeutschen Stimmen« sowie in seiner umfangreichen Geschichtsdarstellung »Das Werden des Deutschen Volkes«, auf anderer Ebene fortsetzte. Konservative und moderne Elemente finden sich bei C. zeitgleich, was ihn als Teil einer Gesellschaft im Umbruch der Modernisierung erscheinen läßt.

Walter Classen: Ein Hamburger Pädagoge zwischen Tradition und Moderne - Lebenserinnerungen - Sechzehn Jahre im Arbeiterquartier, mit einer Bibliographie Walter Classens. Herausgegeben und eingeleitet von Rainer Hering. Herzberg: Bautz 2001
Quelle: www.bautz.de/bbkl/c/classen_w_f.shtml(01.08.2003)