Hull-House gegen Johnny Powers

Einer der ersten Versuche von Hull-House, in die kommunale Reformpolitik einzugreifen, richtete sich gegen den mächtigen und (wie allgemein bekannt) korrupten Stadtrat John Powers.
Powers war zuständig für den 19. Distrikt, zu dem Hull-House gehörte. Bei den Versuchen, von der Stadt die Gründung einer neuen Schule sowie die Reinigung der für heutige Menschen kaum vorstellbar schmutzigen Straßen zu erreichen, stießen die Hull-House-Reformer auf die Macht des Johnny Powers wie gegen eine Mauer.
Powers war zu jener Zeit eine nicht außergewöhnliche Erscheinung in den Großstädte der USA. Er verteilte kommunale Arbeitsstellen an seine Wähler und schenkte ihnen Truthähne zu Thanksgiving. Wenn in der Gemeinde jemand starb und die Familie die Beerdigung nicht bezahlen konnte - Powers half. Erwartungsgemäß hatte er die neue öffentliche Schule abgeblockt, weil die im Distrikt wichtige katholische Kirche Unterstützung für eine konfessionsgebundene Schule wünschte. Die Straßen blieben bis zu 45 Zentimeter tief im Schmutz und mit getrocknetem Schlamm überzogen, weil die Firma, die den lukrativen Reinigungsauftrag bekam, zwar die größte Bestechungssumme bezahlt hatte, aber an der Reinigungsarbeit selbst kein Interesse zeigte.
Die Bestechlichkeit der Stadträte war kein Geheimnis. Die Civic federation, eine Gruppe von Chicagoer Bürgern, die die Korruption bekämpfte, schätzte, daß von 68 Stadträten 57 bestechlich waren. Ein Stadtrat selbst erklärte, er kenne unter seinen Kollegen nur drei, die sich nicht mit Geldgeschenken, kostenlosen Mahlzeiten, Whisky und Prostituierten kaufen ließen [LONGSTREET: 355]. Ein anderer soll gesagt haben: «Es ist nicht wahr, daß wir eine maschinengeschriebene Liste der Bestechungssätze haben; wir erledigen alles per Telefon.» [LONG­STREET: 199*]
Der Hull-House men's club, eine Gruppe von politisch interessierten jungen Männern der Nachbarschaft, beschloß, mit Addams' Unterstützung, gegen Powers anzugehen. Während der Wahlkampagne 1895 stellte die Gruppe einen Reformkandidaten auf, der auch gewann, bald aber Powers' Gefolgsmann im Stadtrat wurde. Nach diesem Fiasko trat 1896 ein MEN's CLUB-Kandidat gegen Powers selbst an. Addams lud progressive Mitstreiter aus Chicago und von auswärts als Wahlredner ein. Sie schrieb, redete und organisierte. Die Mitglieder des MEN's CLUB und die Settlement-Mitarbeiter verteilten Handzettel und klebten Plakate. Ihr Kandidat bekam einen respektablen Stimmenanteil, aber Powers gewann.
Addams gab nicht auf. Sie und ihre Mitstreiter waren indessen Powers lästig geworden. «Das Problem mit Miss Addams», sagte er einem Zeitungsreporter, «ist, daß sie mich um meine karitative Arbeit im Bezirk beneidet.» Die Wahlkampagne 1898 wurde heftig. Powers bot fast allen Männern, die sich gegen ihn am Wahlkampf beteiligten, Arbeit an. Den Gegenkandidaten selbst lockte er mit einer besonders lukrativen Stelle bei der Stadt. Er sorgte aber auch dafür, daß die Stelle einer Hull-House-Residentin (der Müllabfuhrinspektorin, wie oben berichtet) bei der Stadt gestrichen wurde, und kündigte an, das Settlement und seine Leiterin werde man dazu zwingen, «ihren Laden dichtzumachen» und den Bezirk zu verlassen.
Auf Powers' Seite standen die Zeitungen, die die Interessen der Eisenbahngesellschaften vertraten, sowie die katholische Kirche. Der Reformkandidat und die Hull-House-Mitarbeiter organisierten, redeten, schrieben und verteilten Handzettel. Addams hielt eine bemerkenswerte Rede, in der sie, ohne Powers´ Namen zu nennen, die großzügigen Taten beschrieb, mit denen er die Wähler für sich gewann. Gleichzeitig verhöhne er die Stadtverwaltung, indem er an ihrer Stelle Aufträge vergebe, und verständige sich mit Richtern, damit seine Freunde keine oder nur milde Strafen bekämen. Er verkaufe Straßenbahnrechte an Firmen, die wiederum hohe Fahrpreise von seinen eigenen Wählern verlangten; er verkaufe Straßenreinigungsaufträge an Finnen, die seine Wähler in ihren vor Schmutz starrenden Straßen beließen. Powers gewann mit über 70% der abgegebenen Stimmen [ADDAMS, Ward Boss: 126-133; DAVIS, Spear-heads: 154-161; Twenty Years: 222-224].
Dieser Wahlkampf war deshalb bemerkenswert, weil er hauptsächlich von einem Settlement-Haus geführt wurde. Bemerkenswert waren auch die Schlüsse, die Addams daraus zog.
"Good Goverment", eine Regierung ohne Korruption, war eines der Ziele der progressiven Reformer. Die Settlement-Bewegung hatte sich in der Regel nicht direkt für kommunalpolitische Belange engagiert. Sie hatte es zum Teil deshalb nicht getan, weil sie wußte, wie abhängig ihre meist eingewanderten Nachbarn von den politischen Bossen waren. Die Settlement-Mitarbeiter befürchteten, die Unterstützung eines Teils der Gemeinde zu verlieren. Auch glaubten viele, durch Kooperation und Kompromisse ihre Ziele besser erreichen zu können [DAVIS: Spearheads: 148-149].
Die Hull-House-Frauen nahmen an dem Wahlkampf teil, obwohl sie nicht wahlberechtigt waren. Die Lehren aus dem Versuch, Powers zu entmachten, waren taktischer und theoretischer Natur. Addams konzentrierte ihre Bemühungen auf eine direkte Lobby bei dem Bürgermeister und auf eine Zusammenarbeit mit städtischen und bundesstaatlichen Reformgruppen. Später bemühte sie sich, Einfluß durch Mitarbeit in der progressive party zu gewinnen.
Durch den Wahlkampf erkannte Addams auch die Schwäche in der Position der Reformer. Sie würden oft nicht verstehen, schrieb sie, daß das Ziel jeder Regierung das Wohl der Menschen und nicht bessere Verwaltungsmethoden sein solle. Reformer neigten dazu, Politik und das tägliche Leben getrennt zu halten. Die eigentlichen Führer einer Gemeinde nähmen aber teil am Leben der Menschen und, soweit sie überhaupt repräsentativ seien, gäben der Demokratie ihren sozialen Ausdruck. Solche Politiker «sind oft politisch korrupt, aber trotzdem agieren sie auf der Basis einer besseren Theorie. [...] sie dienen direkt dem Leben und den sozialen Nöten [ihrer Wähler]. Sie verstehen, daß das Volk soziale Ergebnisse verlangt, und sie behalten ihre Macht, weil sie diesem Verlangen entgegenkommen.» [Democracy: 222*]
Der ethische Kodex, so Addams, basiere nur auf individuellen Beziehungen. Die Großstadt verlange eine neue Ethik, die die Beziehungen einer ganzen, von verschiedenartigen Menschen gebildeten Gemeinschaft einbeziehe. Die Menschen sollten lernen, sich als Teile einer sozialen und politischen Organisation zu verstehen, deren politischer Ausdruck die Stadt sei. Dann könnten sie gegenüber dieser Stadt die gleiche Loyalität empfinden, wie es heutzutage der korrupte Politker von ihnen für sich selbst verlange [Democracy: 221-224, 265-272].
Addams erkannte außerdem, daß Korruption nicht nur am korrupten Politiker, sondern am sozialen Elend lag. Sie sah ein, daß Korruption nicht allein durch Säuberung einer Stadtverwaltung ausgemerzt werden konnte, sondern hauptsächlich durch Beseitigung des Elends, was wiederum die Aufgabe der Regierung war. Die Regierung aber, so glaubte sie, werde sich durch das Knüpfen eines engmaschigen Netzes sozialer Beziehungen ändern, das die Menschen ihre Verantwortlichkeit füreinander erkennen ließe [Democracy: 268-270].

Quelle: Eberhart, C. (1995) Jane Addams. Rheinfelden und Berlin: Schäuble. S. 154ff.