Beobachtungen Siegmund - Schulzes

„Wenn man bedenkt, wie viel Hunderte von Betrunkenen allein auf der einen Straße, die unser Haus mit dem Schlesischen Bahnhof verbindet, an jedem Abend gezählt werden müssen - auf dieser Straße haben wir 61 Destillen - so ergibt sich mit Leichtigkeit, dass auf dem vorhin genannten Wege der Blau-Kreuz-Vereine und ähnlicher Veranstaltungen gegenüber der Riesennot nur ein unendlich geringes Maß von Hilfsarbeit geleistet werden kann. Es ist zu bedenken, dass die 61 Destillen fast durchweg nur für Getränke, und wiederum fast nur für Schnaps, in Betracht kommen. [...] Die Straße, auf der sich unsere Arbeitszentrale selbst befindet, ist in einem vornehmeren Stil gehalten, weil das ,Fehlen eines Vis-a-vis' die Wohnungen hebt: d.h. das Gegenüber der Kirchhöfe veranlasst höhere Preise und infolgedessen auch ,gehobene Kneipen'. Trotzdem sind auf dieser Straße, die in ihrer Länge nicht fünf Minuten zählt, d.h. auf dem Stück von der Gr. Frankfurterstraße, der Hauptstraße des Ostens, bis zum Landsbergerplatz, wo mit dem Friedrichshain die bessere Gegend beginnt, 42 Kneipen zu zählen. Der Straßenabschnitt, an dem unser Haus steht, enthält nur vier Häuser, in denen sich keine Destille befindet. Unter diesen Verhältnissen versteht sich von selbst, dass Mittel und Wege gefunden werden müssen, die viel tiefer in das Leben der betreffenden Straße, ja des betreffenden Hauses eingreifen, in dem die Destille ihre unglücklichen Opfer anzieht, als nur verlachte Vereine. [...] es müssen sich Menschen finden, die imstande sind, mit den Besuchern der Kneipen in nähere Beziehung zu treten. [...] erst bei näherer persönlicher Bekanntschaft lässt sich etwas erreichen. [...] Eine viel intimere Beeinflussung der unglücklichen Existenzen, die im Hause Logis finden, eine viel engere Berührung anständiger Männer mit diesen Verkommenen würde dazu gehören, ihnen zu einer Umgestaltung ihres Lebens zu verhelfen." „Diese Leute müssen an jedem Abend wissen, wohin sie gehen können, um vor sich selbst beschützt zu werden.“

Quelle: Schulze, S. in Lindner, R. (Hrsg.) (1997) Wer in den Osten geht, geht in ein anderes Land. Berlin: Akademie Verlag. S. 186f.