Die Barnetts


Samuel und Henrietta

Nach einem Studium der Geschichte, des Rechtes und der Religion im Wadham College* * * in Oxford, das ihn wenig beeindruckt hatte - er fand seine Tutoren lausig und seine Mit-Studenten frömmelnde Eiferer wurde Samuel Augustus Barnett, Sohn eines Gießereibesitzers für Eisenbettstellen und Enkel eines Holzhändlers väterlicherseits und eines Reedereibesitzers mütterlicherseits, Diakon in der St. Marienge­meinde in Bristol, seiner Heimatstadt. Er war kein hinreißender Prediger, aber er hatte Spaß am Konfirmandenunterricht, und sein Geschichtsunterricht war plastisch und lebendig. Besonders erfolgreich aber waren seine sozialpädagogischen Aktivitäten als Diakon. Er gründete einen Club junger Arbeiter (mit Referaten, Diskussionen und Gesellschaftsspielen, aber ohne Alkohol), und er arbeitete ehren­amtlich in der örtlichen Liga der Wohlfahrtsverbände mit. Bei dieser Arbeit lernte er die 19jährige Henrietta kennen, die als Tochter aus »gutem« und wohlhabendem Hause ehrenamtlich Hausbesuche bei den Armen machte, um der Liga der Wohlfahrtsverbände Hinweise zu geben, welche notleidenden Familien Hilfe »verdienten« und welche nicht. Dieses System »freundlicher Hausbesuche« friendly visiting durch ehrenamtlich tätige Damen der Gesellschaft hatten die Engländer mit den Elberfeldern gemeinsam, wo es 1852 eingeführt worden war. Henrietta und Samuel treten in einen intensiven mündlichen und schriftlichen Gedankenaustausch über die Ursachen der Armut, über die Hilfsbedürftigkeit einzelner »Fälle« und über die Notwendigkeit einer Reform der englischen Armenpflege ein, und im Februar 1872 hält Samuel um die Hand Henriettas an. Sie ist überrascht, aber eher unangenehm, und erbittet sich ein halbes Jahr Bedenkzeit. Denn bei Lichte betrachtet ist Samuel zumindest in seiner äußeren Erscheinung alles andere als ein Wunschtraum für verwöhnte Mädchen. Er trägt einen Zylinder, der ihm nicht paßt, weil er ihn über ein Versandhaus gekauft hat, dazu Baumwollhandschuhe, die drei Nummern zu groß sind und eine schwarze Fertigkrawatte zum Flanellhemd. Aber über die gemeinsame Arbeit in der Armenpflege kommen sich die beiden näher, und Henrietta lernt die Ernsthaftigkeit der sozialreformerischen Vor­stellungen Barnetts schätzen und über die unkonventionellen Züge seiner äußeren Erscheinung hinwegsehen. Samuel bekommt das Ange­bot, eine lohnende Pfarrei in der Nähe von Oxford zu übernehmen. Aber er schlägt es aus. Er will im Osten Londons seine Vorstellungen über die Reform der Armenpflege erproben. Im Herbst 1872 schließlich schlägt ein Bekannter dem Bischof von London Samuel Barnett als Kandidaten für die heruntergewirtschaftete Pfarrei von St. Jude's in Whitechapel, im Osten Londons in der Nähe der Docks, vor. Im Januar 1873 heiraten die beiden (allerdings ohne, wie Henrietta in ihren Lebenserinnerungen rügt, die eigentlich standesgemäße Anzeige in die TIMES zu setzen) und ziehen im März 1873 in ihr neues Gemeindehaus.

*** Das traditionelle englische Universitäts-System ist anders organisiert als das traditionelle deutsche. Die beiden großen Universitäten Oxford und Cambridge stellen zwar die Hochschullehrer und die Räume für Vorlesun­gen und Seminare, aber das eigentliche Hochschulleben findet in Colleges statt, privaten Einrichtungen von Kirchen und Mäzenen, in denen die Studenten neben Unterkunft und Verpflegung eine intensive Anleitung in akademischen und gesellschaftlichen Fragen erhalten. Deshalb ist es für englische Akademiker der damaligen Zeit weniger bedeutsam, an welcher Universität sie studiert, als vielmehr, in welchem College sie gewohnt haben.

Quelle: Müller, C. W. (1991, 3. unveränderte Auflage) Wie Helfen zum Beruf wurde. Weinheim und Basel: Beltz. S. 27.