Die Entwicklung der US-amerikanischen Arbeiterbewegung

Um 1800, vor der Industrialisierung, genossen die Arbeiter in den USA eine relativ günstige Position wegen des Mangels an Arbeitskräften. 1794 formierten sich die gelernten Schuhmacher zu einem gewerkschaftsähnlichen Verein; Drucker, Tischler und andere folgten ihrem Beispiel. Sie wollten nicht nur guten Lohn und günstige Arbeitszeiten, sondern auch die handwerklichen Qualitätsstandards erhalten.
Während des 19. Jahrhunderts hatte die Industrialisierung zusammen mit den großen Einwanderungswellen die Beschäftigung von ungelernten Arbeitern, auch Frauen und Kindern, in Massen, zu Mindestlöhnen und schlechten Arbeitsbedingungen geführt. Bis 1900 war das System der Lehrlingsausbildung zusammengebrochen, es erholte sich nie wieder.
In den Jahren zwischen 1820 und 1869 formierten sich mehrere Arbeitergewerkschaften, -parteien und -vereine. In Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs konnten sie Forderungen stellen, in Perioden der Depression gingen sie auseinander. Mittlerweile verschlechterte sich die Lebenssituation der Arbeiter zusehends. Der wachsende Monopolkapitalismus schwächte die Position der unorganisierten Arbeiterschaft; die Löhne stiegen nicht gleichzeitig mit der chronischen Inflation, der Arbeitstag betrug nicht selten 12 bis 15 Stunden. Ein Arbeiter konnte zwar wegen Schulden ins Gefängnis gesperrt werden, er hatte aber keine rechtliche Handhabe gegen seinen Arbeitgeber, wenn dieser geschuldete Löhne nicht zahlte. Nach 1830 waren zu den Forderungen nach höheren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen allgemeine politische Forderungen nach kostenlosen Schulen, Abschaffung der Wehrpflicht, Direktwahlen und Abschaffung der Schuldnergefängnisse hinzugekommen. Diese Forderungen wurden bis 1837 tatsächlich in der Andrew Jackson-Ära erfüllt [DULLES, Labor: 2-50].
Trotz langer Arbeitstage, niedrigster Löhne und miserabler Arbeitsbedingungen wurden die Arbeiter durch viele Faktoren am Zusammenschluß gehindert. Sie waren untereinander keineswegs einig: Gelernte Handwerker wollten sich nicht mit ungelernten Industriearbeitern zusammenschließen; amerikanische Arbeiter lehnten Solidarität mit den neuen Immigranten ab. In der Frage der Sklavenhaltung waren sie sich ebenfalls uneinig. Die liberal-populistischen Reformen unter Präsident Jackson (1829-1837), die die Position der einzelnen Bürger und vor allem der klein- und mittelständischen Unternehmen gegenüber dem Großkapital stärkten, das Angebot kostenlosen Landes nach dem "Homestead-Gesetz" und nicht zuletzt der Bürgerkrieg, 1861-1865, zerstörten die Grundlage für eine solidarische Arbeiterbewegung [DULLES, La­bor. 80-92; HOFSTÄDTER: 67].
Der 1866 gegründete NATIONAL LABOR CONGRESS (NLC) schloß gelernte und ungelernte Arbeiter zusammen. In seinem arbeitsrechtlichen und politischen Programm forderte er u.a. eine restriktive Inimigrationspolitik. Schwarzen Arbeitern wurde empfohlen, eine eigene Gewerkschaft zu gründen. Der NLC überlebte die schwere Wirtschaftskrise von 1873 nicht [DULLES, Labor. 100-111].
Tat, die erfolgreiche AFL betrachtete ein kollektives Vorgehen lediglich als Mittel zur Besserung der Lage des Einzelnen. Es heißt, daß die offensichtlich fehlende Begeisterung für sozialistische Ideen in der amerikanischen Arbeiterschaft ihre Ursache im Fehlen einer Arbeiterpartei habe. Vermutlich konnten in der Tat weder eine sozialistische Arbeiterbewegung überhaupt, noch eine Arbeiterpartei sich erfolgreich in den USA behaupten wegen des Individualismus, der nicht nur als ein Idealbild anerzogen wurde, sondern eine feste materielle Unterstützung z.B. durch die Siedlungspolitik erfuhr. Nicht zuletzt wurde die Entstehung eines Kollektivbewußtseins durch die intolerante multikulturelle Einwanderergesellschaft erschwert oder gar unmöglich gemacht.
Quelle: Eberhart, C. (1995) Jane Addams. Rheinfelden und Berlin: Schäuble. S. 51ff.