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Analyse von Stadtteilgenossenschaften in Deutschland

Geschrieben von Dorothea Engelmann am .

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Dorothea Engelmann, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! .

Der vorliegende Text ist Teil der Diplomarbeit "Welches Potenzial haben Formen solidarischer Ökonomie zur Bewältigung von Armut und Ausgrenzung und welchen Einfluss können sie auf die Gemeinwesenentwicklung nehmen? (Betrachtung am Beispiel der Stadtteilgenossenschaft)" an der Katholischen Fachhochschule Freiburg (eingereicht am 31.12.2009)

Die komplette Diplomarbeit können Sie hier als pdf-Datei incl. kurzem Anhang (Experteninterviews) » downloaden (163 Seiten, 1.280 kB)


1 Methodisches Vorgehen

1.1 Annahme

Es wird im Vorfeld dieser Arbeit angenommen, dass Stadtteilgenossenschaften ein besonderes Instrument der Solidarischen Ökonomie darstellen. Durch ihre genossenschaftliche Charakteristik in Verbindung mit der Stadtteilorientierung stecken sie voller Potenzial, den zunehmenden Herausforderungen gesellschaftlicher Armuts- und Ausgrenzungsprozesse entgegenzuwirken. Einerseits verfolgen sie das Ziel, Beschäftigung im Stadtteil zu schaffen, gerade für Zielgruppen, denen der reguläre Zugang zum Arbeitsmarkt verwehrt bleibt. Andererseits fördern sie Lernprozesse, um Partizipation und Integration von Menschen innerhalb der Genossenschaft, aber auch im Gemeinwesen zu ermöglichen. Die Produkte bzw. Dienstleistungen der Stadtteilgenossenschaften tragen zu einer positiven Gemeinwesenentwicklung bei, da sich bedürfnisorientiert für eine infrastrukturelle Verbesserung und die Stärkung lokaler Ökonomie eingesetzt wird. Als Form der Solidarischen Ökonomie eröffnen Stadtteilgenossenschaften einen Zugang zu Erfahrungen alternativer Wertevorstellungen zum Thema Wirtschaft, Arbeit und Soziales. Das Gemeinwesen und somit auch die Stadtteilgenossenschaft wird als Lernraum betrachtet, in dem Integration nicht nur über Arbeit und Wertschätzung nicht nur über Leistungsfähigkeit erfolgt.

1.2 Ziel der Untersuchung

In der Untersuchung wird zunächst das Ziel verfolgt, eine Übersicht aller bestehenden und ehemaligen Stadtteilgenossenschaften in Deutschland zu entwickeln. Es gilt herauszufinden, inwiefern sie durch ein einheitliches Konzept gestaltet, oder welche Typen von Stadtteilgenossenschaften zu differenzieren sind. Sie werden bezüglich ihrer Zielvorstellungen und Potenziale untersucht, um ein Gesamtbild der Chancen von Stadtteilgenossenschaften zu entwickeln. Auch die Herausforderungen zur Implementierung der Genossenschaften im Gemeinwesen stehen im Zentrum der Betrachtung, ebenso die Bedingungen diese genannten Hürden erfolgreich zu überwinden. Abschließend wird verdeutlicht, welche Rolle die Soziale Arbeit oder explizit die Gemeinwesenarbeit bei der Etablierung von Stadtteilgenossenschaften übernimmt.

1.3 Vorstellung der Methodik

Die Analyse der Stadtteilgenossenschaften erfolgt auf Grundlage von ExpertInneninterviews mit VertreterInnen der Stadtteilgenossenschaften und einer Sekundäranalyse des zur Verfügung stehenden Informationsmaterials.

Die Stadtteilgenossenschaften wurden über das Handelsregister der Länder, Suchmaschinen im Internet und persönliche Informationen von Burghard Flieger, Genossenschaftsexperte und Vorstand der innova eG in Freiburg, ausfindig gemacht. Da es kein Register über alle bestehenden Stadtteilgenossenschaften in Deutschland gibt, besteht in dieser Arbeit kein Anspruch auf Vollständigkeit. Die Recherche wurde durch eine schwach ausgeprägte Öffentlichkeitsarbeit (Unaktualität des Internetauftritts, wenige Publikationen) der Stadtteilgenossenschaften erschwert. Gründe hierfür liegen möglicherweise bei den vor allem ehrenamtlich geprägten Strukturen der Stadtteilgenossenschaften, deren zeitliche Kapazitäten natürlich begrenzt sind.

Für die Analyse der Stadtteilgenossenschaften war vorerst eine Sekundäranalyse von Konzepten, Planungsvorhaben und Evaluationsberichten der Stadtteilgenossenschaften vorgesehen. Nach der ersten Kontaktaufnahme mit acht Stadtteilgenossenschaften zeichnete sich ab, dass nur wenig Analysematerial zur Verfügung stehen wird. Es lässt sich auch hier vermuten, dass aufgrund der ehrenamtlichen und wenig professionellen Strukturen der Genossenschaftsleitung die Kapazitäten kaum für ausführliche Evaluationen gegeben sind.

Aufgrund dessen wurden im Folgenden Telefoninterviews mit VertreterInnen der Stadtteilgenossenschaften geplant. Die Methodik der ExpertInneninterviews bietet sich an, um den zeitlichen und formellen Aufwand der VertreterInnen der Stadtteilgenossenschaften so gering wie möglich zu gestalten und darüber hinaus persönliche Erfahrungen und Einschätzungen der Befragten erhalten zu können und ein direktes Eingehen auf Gesagtes zu ermöglichen. Ein offener Fragekatalog (Anhang) konnte erstellt werden und sollte als flexibler Leitfaden für die Telefongespräche dienen. Die Fragen standen den Interviewpartnern in Auszügen im Vorfeld der Gespräche zur Verfügung. Fünf der acht durchgeführten ExpertInneninterviews konnten in Einverständnis der Gesprächspartner aufgezeichnet werden. Anschließend wurden jene Gesprächsteile, die für die Analyse der Stadtteilgenossenschaft relevant sind, transkribiert 1 und den Interviewten zugesandt. Von den restlichen drei Telefoninterviews wurden Gedächtnisprotokolle angefertigt (Anhang). Die Auswertung erfolgte durch die Zuordnung von Gesprächsinhalten entsprechend den Kategorien Selbstverständnis der Stadtteilgenossenschaften; Gründungsnotwendigkeit und Ausgangslage; Zielsetzungen; Potenziale und Funktionen der Stadtteilgenossenschaft; Hürden und Herausforderungen, Bezüge zur Sozialen Arbeit sowie Bedingungen und Forderungen für ein erfolgreiches Handeln der Stadtteilgenossenschaften.

Die Sekundäranalyse erfolgte auf Grundlage der Homepages der Stadtteilgenossenschaften, vereinzelten Publikationen in Online-Medien oder Tagungsdokumentationen sowie zugesandten Dokumenten vonseiten der Stadtteilgenossenschaften. Der Großteil der Dokumente war sehr hilfreich, um einen Eindruck der Tätigkeiten der Stadtteilgenossenschaften zu gewinnen. Teilweise stellte sich die Auswertung des Materials jedoch durch nicht aktuelle Informationen und sehr unterschiedliche Qualität der Dokumente als problematisch heraus.


2 Auswertung der Sekundäranalyse und ExpertInneninterviews

2.1 Übersicht bestehender und ehemaliger Stadtteilgenossenschaften

 

Typ

Stadtteilgenossenschaft

existiert

Bestehen (Eintrag ins Genossenschaftsregister)

Besondere Kennzeichen

1.

G

Stadtteilgenossenschaft Wedding eG Berlin

x

seit Oktober 2000 (März 2001)

Vgl. Kapitel 5.2.2

2.

Q

Geos eG Wuppertal

x

seit März 2008

3.

Q

made in Hasenbergl eG München

x

seit April 2002 (Dezember 2002)

4.

G

Stadtteilgenossenschaft Plattenberg eG Berlin

x

seit Januar 2003 (August 2003)

5.

Q

Sozialer Betrieb Sulzbach eG

x

seit Mai 2006 (März 2007)

6.

G

Netzwerk Wehlheiden eG Kassel

x

seit Oktober 2007

7.

S

Stadtteilgenossenschaft Gaarden eG Kiel

x

seit Mai 2007

8.

 

Wohnungsgenossenschaft Am Beutelweg eG Trier

-/x

seit 1991

(Beschäftigungsorientierung v.a. innerhalb der Tochterfirma HVS GmbH bis 2006)

 

9.

G

Stadtteilgenossenschaft WiWAt eG Mühlheim am Rhein

(Kontakt: Heinz Weinhausen, Tel.: 0221/6403152, www.wiwateg.org)

x

seit Oktober 2001 (Oktober 2002), bisher Geschäftsbetrieb nicht aufgenommen

zu den Bürgerdiensten Köln-Mühlheim e.V gehörend, WiWAt eG fungiert als Sekundärgenossenschaft,

derzeit in Verhandlung mit politischen Institutionen und Eigentümern des Geländes eines alten Güterbahnhofs (Industriebrache „Alter Güterbahnhof“ Mühlheim),

Erprobung neues Bürgerbeteiligungs- und Planungsverfahren („advocacy-planning“)

10.

G

Rundulm Betreuung eG (Kontakt: Tel.: 0731/14020539, www.rundulm.de)

x

seit Juli 2007 (Februar 2008)

durch Projekt LINK qualifizierte TeilnehmerInnen in Altenpflege und Gebäudereinigung gründen auf dem Weg in die Selbstständigkeit die eG,

Angebote: Haus- und Gebäudereinigung, Gartenarbeit, Hausmeisterarbeiten, häusliche Pflege

11.

Q

Stadtteilgenossenschaft HaWei eG Freiburg

(Kontakt: Gerald Lackenberger, Nachbarschaftswerk Haslach eV, Tel.: 0761/7679005,
www.nachbarschaftswerk.de)

i. Gr.

Planung seit 2008

Verhandlung mit Kooperationspartnern (u.a. Stadtbau Freiburg GmbH)

Qualifizierung von Langzeitarbeitslosen aus dem Stadtteil: Quartiershelfer (einfache handwerkliche Leistungen), Alltagsbegleiter (in Familien oder für pflegende Angehörige), Schneiderei, Beratung bzgl. Energiesparen und Sanierung

12.

Q

Stadtteilgenossenschaft LuSt eG in Lurup/ Hamburg (Kontakt: Sabine Tengeler, Luruper Forum/Stadtteilbeirat, Tel.: 040/822960-511, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)

-

November 2003 (März 2004) bis 2008 (Auflösung läuft)

Entwicklung „Lurup Card“ (Rabatt für Karteninhaber bei teilnehmendes Stadtteilunternehmen) – besteht nicht mehr;

hervorgegangen sind Stadtteiltheater (Theater der LuSt) und Bücherhalle Lurup

13.

Q

Stadtteilgenossenschaft Sonnenberg eG Chemnitz (Kontakt: Elke Koch, Sonnenberg sozial eV, Tel.: 0371/ 4331669, www.sonnenberg-chemnitz.de)

-

Juni 2005 bis Mitte 2009 (Umwandlung in eV)

starke Beteiligung am Stadtumbau/ Stadtentwicklung durch Markt- und Bedarfsanalysen konzipierte Geschäftsfelder; starke Zusammenarbeit mit im Stadtteil ansässigen Verein (finanzielle Entlastung)

14.

 

Stadtteilgenossenschaft Schöneberg eG Berlin (Kontakt: Elisabeth Voß, NETZ für Selbstverwaltung und Kooperation Berlin-Brandenburg e.V., Tel.: 030/2169105, www.netz-bb.de)

-

nie als eG gegründet

Ausgearbeitet als Konzept mit der Zielsetzung Unternehmenskooperationen, Existenzförderung, Selbsthilfe und Projektentwicklung im Stadtteil zu fördern

15.

Q

Stadtteilgenossenschaft Stötteritzer Margerite eG Leipzig (Kontakt: Achim Richter, Netzwerk der Eigeninitiative e.V., Tel.: 0341/2280518, www.stoetteritz.de)

-

Mai 1999 (Februar 2001) bis 2004 (Umwandlung in eV)

Träger arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen und als Arbeitsförderbetrieb für Langzeitarbeitslose, Frauen und Jugendliche im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen

 

Initiierung baulicher, kultureller, sozialarbeiterischer als auch Gemeinwesen-Projekte im Stadtteil: Einrichtung Künstleragentur, Tonstudio, Sanierung denkmalwerter Gebäude, „Literaturhaus Stötteritz“, „Canapee“(Gastronomieunternehmen)

16.

G

Gemeinschaftsdienste Pfefferwerk eG Berlin (Kontakt: Tel.: 030/44383434 www.pfefferwerk.de)

-

April 2000 (September 2000) bis ca. 2003 (Weiterarbeit im Pfefferwerk-Verbund)

Eingliederung der eG in umfangreiche Tätigkeiten des Pfefferwerk-Verbunds

Geschäftsfelder: Wach- und Objektschutz, Haus-Services, Nähwerkstatt und Änderungsschneiderei

Tabelle 9: Kontaktaufnahme mit den hier aufgelisteten Stadtteilgenossenschaften, Versuch einer Typologisierung (G...gewerblich orientiert, Q...aus Quartiersmanagement entstanden, S... Sozialgenossenschaft als Trägerverbund)

 

2.2 Kurzcharakteristik bestehender Stadtteilgenossenschaften 2

1. Stadtteilgenossenschaft Wedding eG in Berlin

Kontakt

Willy Achter/Thomas Müller; Sprengelstraße 15, Berlin Wedding 13353, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Internet: www.stadtteilgenossenschaft-wedding.de, Telefon: 030/45490444 Fax: 030/45490445

Arbeitsfelder

im Wirtschaftsnetzwerk (Maler und Lackierer, Bauhandwerk, Hausservice, unternehmensbezogene Dienstleistungen und Stadtteilmarketing) übernimmt die Stadtteilgenossenschaft die Funktion einer Dienstleistungsagentur und koordiniert die Zusammenarbeit der Mitgliedsbetriebe sowie die Partnerschaftsprojekte zur Stadtteilentwicklung

Ziele

  • Entwicklung einer wirtschaftlichen Perspektive und Stärkung des sozialen Zusammenhalts im Stadtteil
  • der Stammbetrieb (Maler und Lackierer) und das Wirtschaftsnetzwerk (Geschäftsbereichen Bauhandwerk, Hausservice, unternehmensbezogene Dienstleistungen und Stadtteilmarketing) übernehmen wirtschaftliche Tätigkeiten, Stadtteilgenossenschaft als Dienstleistungsagentur vermittelt Aufträge und organisiert Bietergemeinschaften
  • Überwiegend im Rahmen von Partnerschaftsprojekten werden soziale Ziele verwirklicht, im Dienstleistungsbereich der beruflichen und sozialen Integration von Langzeitarbeitslosen und im Kontext der sozialen Stadtentwicklung, Unterstützung des interkulturellen Gemeinwesenzentrum mit Gesundheitsförderung („Sprengelhaus“), Partnerschaftsprojekte zur Einbindung von Migrantenökonomie in das Wirtschaftsnetzwerk, Einbindung der Wohnungswirtschaft in der genossenschaftlichen Kooperation zur Quartiersentwicklung
  • Verbindung von wirtschaftlichen und sozialen Geschäftsbereichen, Dienstleitungen für die Wohnungswirtschaft (Verknüpfung handwerkliche Leistungen mit Beratungs- und Integrationsangeboten)

Gründung

Oktober 2000 (von 37 Bewohnern, Arbeitslosen, gemeinnützigen Organisationen und lokalen Betrieben)

Mitglieder

90-100 Mitglieder

Beschäftigte

6 Beschäftigte im Stammbetrieb, Netzwerk: 23 Mitgliedsbetriebe (2009) mit circa 80 Beschäftigten (2006)

 

2. Genossenschaft Elberfeld-Osterbaum eG (GEOS) in Wuppertal

Kontakt

Monika Salewski (stellv. Aufsichtsrätin); Dr. Arno Mersmann/ Gertrud Heinrichs (Vorstand); Deweerthstr. 8, 42107 Wuppertal, Tel.: 0202/4962025 Fax: 0202/4962028, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Internet: www.geos-eg.de

Arbeitsfelder

haushaltsnahe und handwerkliche Dienstleistungen "rund um Haus und Wohnen" für öffentliche, gewerbliche und private Kunden

Ziele

  • Schaffung von sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen für BewohnerInnen des Stadtteils
  • Nachhaltige Verbesserung der Lebens-und Arbeitsbedingungen im Stadtteil durch die angebotenen Dienstleistungen

Gründung

März 2008 aus einem Kreis engagierter BürgerInnen in Wuppertal-Elberfeld

Mitgliederzahl

25, aktiv circa 6

Beschäftigte

3 Beschäftigte nach §16(e) SGB II

 

3. „made in hasenbergl eG“ in München

Kontakt

Peter Ottmann; made in hasenbergl eG, Fortnerstrasse 2, 80933 München, Tel.: 089/5388 6746 Fax 089/53886755, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Internet: www.made-in-hasenbergl.de

Angebote

handwerkliche Dienstleistungen (Fußböden aus „Ortsterrazzo“)

Ziele

  • Beteiligung der BewohnerInnnen bei Stadtgestaltungsprozessen/ Stadtumbau
  • Schaffung von Arbeitsplätzen insb. für Jugendliche aus dem Stadtteil
  • Förderung Partizipationsstrukturen im Stadtteil, Beteiligung und gemeinsames Gestalten der BewohnerInnen im Stadtteil
  • Imageaufwertung des Stadtteils durch verbesserte Infrastruktur
  • Verbesserung lokalökonomischer Strukturen

Gründung

April 2002

Beschäftigte

zwischen 2-10 projektbezogene Beschäftigte, Jugendliche arbeiten kurzfristig mit, wechselnd

Mitglieder

30 Mitglieder mit ausschließlich förderndem Charakter (u.a. Referat für Arbeit und Wirtschaft in München, Planungsreferat, Sozialer Beratungsdienst, Junge Arbeit e.V.)

 

4. Stadtteilgenossenschaft Plattenberg eG in Berlin

Kontakt

Hans-Joachim Ukrow; Glambecker Ring 80 - 82, 12679 Berlin Marzahn, Tel.: 030 / 93026212 oder 030 / 9328152 Fax: 030 / 3046608, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Internet: www.plattenberg.de

Arbeitsfelder

Gastronomie (Catering, KITA- und Schulessen), Instandhaltungs- und Reinigungsbereich, Internetcafé

Ziele

  • finanzielle Unterstützung des Kiez-Haus Marzhan → Aufrechterhaltung der Angebote zur Gemeinwesenförderung, Angebote für Jugendliche, Sozialberatung etc.
  • Schaffung von Arbeitsplätzen v.a. für Jugendliche (Sprungbrettcharakter)

Gründung

Januar 2003, Eintragung August 2003

Mitglieder

11 Mitglieder (v.a. im Stadtteil ansässige Vereine)

Beschäftigte

7 Festangestellte

 

5. Sozialer Betrieb Sulzbach eG

Kontakt

Ursula Quack, Grubenstraße 5, 66280 Sulzbach - Altenwald, Tel.: 06897/841060 Fax: 06897/819710, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Internet: www.sbs-eg.de 

Angebote

Gebäudereinigung, Landschaftspflege,Haushaltsnahe Dienstleistungen (u.a. „Stromspar-Check“)

Ziele

  • Schaffung sozialversicherungspflichtige und existenzsichernder Arbeitsplätze für (Langzeit-)Arbeitslose
  • Anbieten von qualitativ gute Dienstleistungen zu fairen Preisen
  • Stärken und Erhalten lokaler Wertschöpfung und Infrastruktur
  • Förderung von Solidarität und Selbstbestimmung in der Stadt
  • Förderung der sozial-kulturellen Einbettung von Ökonomie in das Gemeinwesen

Gründung

Mai 2006

Beschäftigte

  • 5 Festangestellte der Stammbelegschaft (35-39 Stunden/Woche), das sind ehemals Arbeitslose, gering Qualifizierte
  • 5-6 Minijobber
  • 6 Beschäftigte im Projekt „Stromspar-Check“

Mitglieder

46 Mitglieder (Diakonisches Werk an der Saar, Caritasverband Saarbrücken, Arbeiterwohlfahrt Saar und OV Sulzbach, Stadt Sulzbach, Stadtwerke Sulzbach, Kolping Werk Saar, Einzelpersonen...)

 

6. Netzwerk Wehlheiden eG in Kassel

Kontakt

Detlef Manke, Netzwerk Wehlheiden eG, Schönfelder Str. 10a, 34121 Kassel, Tel.: 0561/202 80 75, Internet: www.rnf-nordhessen.de

Angebote

Handwerkliche Dienstleitungen der im Netzwerk beteiligten Handwerker (arbeiten autonom oder zusammen)

Ziele

  • Entwicklung gemeinsamer zukunftsorientierter Arbeitsweisen, Förderung ökologischer Nachhaltigkeit und Kooperation
  • Innovative Projektentwicklung und Förderung energetischer Sanierung
  • Absicherung und Erweiterung des sozialen Umfeldes von BewohnerInnen Stadtteil Wehlheiden, Kasel und Umland

Gründung

Mitte 2007

Mitglieder

  • Handwerksbetriebe und eine Mediatorin (Initiatoren der Genossenschaft sind Handwerker, Selbstständige, Arbeitssuchende und Menschen aus Kassel)

Beschäftigte

in jedem Handwerksbetrieb circa 5-6 Angestellte

 

7. Stadtteilgenossenschaft Gaarden eG Kiel

Kontakt

Ulrike Pirwitz, Vinetazentrum (Mehr-Generationen-Haus), Elisabethstraße 64, 24143 Kiel, Tel.: 0431 - 260 45 30, Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!; Internet: www.vinetazentrum.de

Arbeitsfelder

die Stadtteilgenossenschaft Gaarden eG (als Mehrgenerationenhaus) ist Zentrum für Kultur, Bildung, Beratung, Begegnung und soziale Dienstleistungen

Ziele

  • Ermöglichen von Beteiligung unterschiedlicher Gruppen im Stadtteil wie z.B. BewohnerInnen, Verwaltung, Institutionen, gemeinnützige Organisationen und Wirtschaftsbetriebe sowie die Verknüpfung ihrer jeweils spezifischen Interessen bei der Entwicklung der Geschäftsbereiche der Genossenschaft ermöglichen
  • Ressourcenbündelung und Förderung der auf den Stadtteil bezogenen Bildung und Erziehung, Jugendhilfe und Integration
  • Verbesserung der Lebensqualität und des interkulturellen Zusammenlebens im Stadtteil
  • Entwicklung integrativer Konzepte gemeinsam mit den AkteurInnen unterschiedlicher Professionen Koordination von Kooperationen und Förderung der Sensibilität für eine kreative andere Form sozioökonomischen Handelns unter der Prämissen einer Sensibilität für die Besonderheiten des Stadtteils
  • Koordination der Nutzung der Räumlichkeiten und die Zusammensetzung der Angebote durch die Mitglieder, Anregung der Entwicklung weiterer Projekte

Gründung

Mai 2007 (mit der Einrichtung des Mehrgenerationenhauses)

Mitglieder

14 Mitglieder (darunter Arbeiter-Samariter-Bund LV Schleswig-Holstein e.V., Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt e.V., Caritasverband für Schleswig-Holstein e.V., Fair und Schnell, Die Frauensuchtberatung Schleswig-Holstein, Haus der Kirche, Landeshauptstadt Kiel, Kinder- und Jugendhilfe-Verbund gGmbH)

 

8. Wohnungsgenossenschaft Am Beutelweg Trier eG 3

Kontakt

Röntgenstraße 4, 54292 Trier, Telefon: 0651/14547-0 Fax: 0651/14547-27, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Internet: www.wogebe.de

Ziele

  • Schaffung, Erhaltung und Verbesserung von bezahlbarem Wohnraum für Personen, Familien, Alleinerziehende, die auf dem freien Wohnungsmarkt aus ökonomischen und sozialen Gründen geringe Chancen haben → gemeinsame Stadtentwicklung, Stadtumbau durch das Konzept „Integrativer Sanierung“ aus
  • Miteinbeziehung der BewohnerInnen bei der Sanierung der Wohnungen und des Wohnumfeldes und Förderung der Selbsthilfe (Synergiewirkungen)
  • Förderung von Selbstverantwortung und Solidarität
  • Schaffung existenzsichernder Arbeitsplätze für Personen mit geringem Qualifizierungsniveau unter gleichzeitiger Chance ihrer Qualifizierung (Tochterfirma im Bau- und Sanierungsbereich (HVS GmbH) bot (1994 – 2006))
  • Vernetzung all jener Personen, ExpertenInnen, PolitikerInnen, Organisationen, die zur Verwirklichung dieser Ziele beitragen können
  • Mitgestaltung von Trier-Nord als zukunftsfähiges Gemeinwesen
  • dauerhafte Sicherung bezahlbaren Wohnraums und eine nachhaltige Sanierung nach Beachtung der Kriterien sozialer Verträglichkeit

Gründung

1991

Mitglieder

670 Mitglieder

Beschäftigte der eG

Personal Wohnungsbewirtschaftung

  • Verwaltung: 4 Mitarbeiterinnen in Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigung, 1 Auszubildende
  • Hausmeister: 4 Mitarbeiter in Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigung
  • Hauswarte (entgeltgeringfügige Beschäftigung)

Personal Betreuung und Soziale Projekte

  • Quartiersmanagement: 1 Diplompädagogin in Vollzeitbeschäftigung
  • Bewohnerbetreuung: 2 Sozialpädagogische Fachkräfte in Vollzeitbeschäftigung
  • Projekt Trainingswohnen: 5 Kräfte in Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigung

Hauptamtliche Geschäftsführung

 

2.3 Was ist unter Stadtteilgenossenschaften zu verstehen und wie verstehen sie sich selbst?

Im Sinne des §1 GenG können Stadtteilgenossenschaften als stadtteilorientierte „Gesellschaften von nicht geschlossener Mitgliederzahl, deren Zweck darauf gerichtet ist, den Erwerb oder die Wirtschaft ihrer Mitglieder oder deren soziale oder kulturelle Belange durch gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb zu fördern […]“, verstanden werden. Sie erbringen (Dienst-)Leistungen für Mitglieder und das Gemeinwesen und sind gekennzeichnet durch eine unabhängige Unternehmensführung und demokratische Entscheidungsstrukturen. Merkmal der Stadtteilgenossenschaft ist die Verbindung von Gemeinwesenarbeit mit lokaler Ökonomie, wirtschaftlichen Tätigkeiten mit sozialen Funktionen, BürgerInnenengagement mit sozialer Selbsthilfe, gemeinnützigem Charakter mit Ertragsorientierung, Umsetzung integrierter Stadtteilkonzepte mit Interesseneinbindungen, Nutzung und Erweiterung sozialen Kapitals mit externer Unterstützung (Vgl. Flieger, 2008a).

Elisabeth Voß (von der Planungsgruppe Stadtteilgenossenschaft Schöneberg eG) betont bei der Frage nach dem Verständnis von Stadtteilgenossenschaften, dass es kein spezifisches Modell gebe. „Wobei alle zustimmen würden, wäre zu sagen, es gibt unterschiedliche Akteure, unterschiedlicher Herkunft mit unterschiedlichen Interessen, auch solche, die sie innerhalb der Genossenschaft verwirklichen wollen, mit einem lokalen Bezug. […] Ob man dann ein Hausprojekt oder eine Art Erzeuger-Verbraucher-Projekt oder Stadtteilbegrünung macht, das sind so unterschiedliche Betätigungsfelder, die mit lokalen Erfordernissen und den Bedürfnissen der Beteiligten zu tun haben.“ (Voß: A4 4)

In Anbetracht unterschiedlicher Bedarfe und Erfordernisse im Stadtteil sind unterschiedliche Entstehungs- und Entwicklungslinien der kontaktierten Stadtteilgenossenschaften festzustellen. Es können drei Typen von Stadtteilgenossenschaften unterschieden werden: aus dem Quartiersmanagement bzw. aus Stadtteilarbeit entstehende, gewerblich orientierte und die als Trägerorganisation verschiedener Institutionen fungierende Stadtteilgenossenschaften. Stadtteilgenossenschaften können in der Systematik der Genossenschafstypen als Multistakeholder-Genossenschaften in der Kategorie der Selbsthilfegenossenschaften verortet werden. Es besteht keine eindeutige Definition darüber, wie sie strukturiert und aufgebaut sind, welche Ziele sie verfolgen oder wie ihre Funktionen zu gestalten sind. Dazu gibt es zumindest deutschlandweit eine zu geringe Anzahl und eine sehr divergierende Empirie über Tätigkeiten der Stadtteilgenossenschaften.

Es lässt sich zusammenfassend formulieren: In Stadtteilgenossenschaften schließen sich zwei oder mehr AkteurInnen mit unterschiedlichen Förderinteressen in einem Gemeinwesen zusammen, die eine nachhaltige Verbesserung der Lebensbedingungen vor Ort anstreben.

Das Selbstverständnis der befragten Einrichtungen als Stadtteilgenossenschaften wird in den Gesprächen wenig betont. Die Bedeutung des Stadteilbezugs kam deutlich hervor, da zum einen der Anspruch besteht, Beschäftigte unter den BewohnerInnen des Stadtteils zu gewinnen, zum anderen die (Dienst-)Leistungen im Stadtteil und in erster Linie für den Stadtteil zu produzieren (z.B. Hasenbergl, Sulzbach). Vor allem bei den gewerblich orientierten Stadtteilgenossenschaften (Wehlheiden eG oder Geos eG) ist dies jedoch nicht ausschließlich der Fall.

Die Zustimmung mit der Idee der Genossenschaft gilt insbesondere den genossenschaftlichen Grundprinzipien, was Willy Achter (Wedding) zum Ausdruck bringt: „Mit der Genossenschaft sind Prinzipien verbunden: Selbsthilfe und Selbstverwaltung. […] Das entspricht so unserer Philosophie – nicht immer auf jemanden zu warten, der einem Arbeit bringt, sondern gucken, wie wir selber was machen können. Und handelt es sich natürlich über die Gremien um ein demokratisches Modell […].“ (Achter: A45) Die Wahl der Rechtsform eG stand dabei nicht bei jeder der befragten Genossenschaften im Vordergrund, wozu sich Hans-Joachim Ukrow von der Stadtteilgenossenschaft Plattenberg eG sehr klar äußert: „Wir haben die Genossenschaft gegründet, weil wir kein Geld hatten, sonst hätten wir auch eine GmbH gegründet.“ (Ukrow: A25) Die Identifikation als Soziales Unternehmen, das insbesondere Arbeitsplätze für die BewohnerInnen des Quartiers schafft, kommt deutlicher hervor 5. Darüber hinaus verdeutlicht Achter, die Bedeutung der Genossenschaftsinhalte gegenüber der eG als Rechtsform an sich: „Aber eine Genossenschaft per se ist ja nicht gut oder besser als irgendein anderes Unternehmen, es gibt in der Wirtschaft auch ganz normale private Unternehmen, die hohe soziale Ansprüche verfolgen. Die Rechtsform allein macht es nicht. Das muss auch mit den Inhalten zu tun haben.“ (Achter: A47)

2.4 Ausgangssituation und Notwendigkeiten

Aufgrund einer zunehmend privatisierten Daseinsvorsorge kommunaler Einrichtungen sowie unterfinanzierter kommunaler Haushalte verlieren die Kommunen ihre Souveränität und Selbstverantwortung und können ihrer eigentlichen Aufgabe, der Regelung aller Angelegenheiten der örtlichen Gemeinschaft in eigener Verantwortung (i.S. Art. 28 (2) GG), nicht nachkommen.

Auch für die Plattenberg eG war es eine der Gründungsmotivationen, das soziokulturelle Zentrum „Kiez-Haus Marzahn“ finanziell zu unterstützen: „Einer der Gründe für die Genossenschaft war zunächst ein finanzieller. Weil wir den freien Träger, den Verein, die Projekte, die in diesem Verein laufen, mitfinanzieren wollen, da wir keinerlei finanzielle Unterstützung seitens des Bezirks haben. Damit wäre er auch, so wie viele andere freie Träger oder Vereine hier in Marzahn, den Bach runter gegangen, die wären gestorben. Seitdem die finanzielle Misere hier in Berlin so zugeschlagen hat, sind von den sozialen Trägern hier über 50% gestorben. Und das wollten wir nicht.“ (Ukrow: A24) Daraus schließend galt es aus dieser bedrängenden Lage eine Organisation zu etablieren, die ohne staatliche oder kommunale Fördermittel auskommen konnte.

Willy Achter erläutert die Intension der Stadtteilgenossenschaft Wedding als Entwicklung einer nachhaltigen Struktur der Bürgerbeteiligung, die durch kommunale Strukturen nicht gegeben wäre: „Wir sind davon ausgegangen, dass das Quartiersmanagement irgendwann nicht mehr da ist und bis dahin wollen wir einen Trägerverbund aufbauen und einen Ort geschaffen haben, wo sich dauerhaft Menschen für das Quartier engagieren können.“(Achter: A44f.)

Für alle befragten Stadtteilgenossenschaften ist es maßgebender Ansporn eine lokalökonomische Alternative gegen die sich gerade im Quartier abzeichnenden anwachsenden Armuts- und Ausgrenzungstendenzen zu entwickeln. Das Augenmerk liegt gerade bei dem Teil der Stadtteilbevölkerung, die von dauerhafter Ausgrenzung des Ersten Arbeitsmarktes bedroht und ihnen Chancen der Re-Integration verwehrt sind: langzeitarbeitslose und junge Menschen. „Mich hat die Not dieser Kinder angekotzt. Das war der Grund. Es kann doch nicht sein, dass ein 22jähriger Bengel, gesund, Kraft strotzend, dass der plötzlich von Sozialhilfe lebt.“ (Ukrow: A26)

Desweiteren ist festzustellen, dass eine regionale oder kommunale Wertschöpfung in vielen Bereichen der Stadtteile bzw. der lokalen Ökonomie nicht mehr stattfinden kann. Peter Ottmann (Vorstand „made in hasenbergl eG“) bezeichnet es als Herausforderung gerade in monostrukturelle Quartiere, in denen es kaum Wirtschaftsstrukturen gibt, zu investieren. „Ich denke, das ist nach wie vor ein Problem in diesen Stadtquartieren, die von ihrem Ursprung her sehr einseitig in ihren lokalökonomischen Zielrichtungen strukturiert sind.“ (Ottmann: A19) Es zeichnet sich ab, dass seitens der AkteurInnen der Stadtteilgenossenschaft Folgeerscheinungen sozialräumlicher Segregrationsprozesse (geringe Kaufkraft, schlechte Infrastruktur) als Notwendigkeit für eine Entwicklung lokalökonomischer Strukturen wahrgenommen werden.

Die Tätigkeiten der „made in hasenbergl eG“, die Stadtteilgenossenschaft Wedding oder auch Sonnenberg eG waren an Stadtentwicklungs- Stadtumbauprozesse geknüpft. Die betroffenen BürgerInnen sollten in die Prozesse eingebunden werden und beim Schaffen von neuem Wohnraum, sozialer und gewerblicher Infrastruktur aktiv beteiligt sein. „Wir haben zunächst versucht, die madonnischen Maßnahmen in ein kommunikatives Feld zu bringen. In ein Feld von Teilhabe und stadtteilökonomische Perspektiven, wobei uns das Stadtteilmarketing auch sehr wichtig ist.“ (Peter Ottmann: A17)

Um die Steuerung und Gestaltung des Sozialraums wieder zu ermöglichen, bedarf es einer Aufwertung lokalökonomischer Selbstorganisation. Die Genossenschaft, als Urform der Stadtentwicklung 6, bietet sich dafür an. Statt die BürgerInnen einer Stadt als deren Kunden zu betrachten, geht es um die kollektive Nutzung der Stadt als Gemeinwesen, basierend auf eine gemeinschaftliche Infrastruktur und Selbstverwaltung.

2.5 Ziele der Stadtteilgenossenschaften

Stadtteilgenossenschaften verbinden als intermediäre Organisation die lokalwirtschaftlichen, öffentlichen und zivilgesellschaftlichen AkteurInnen und Belange. Durch die Struktur der Multistakeholder-Genossenschaft ist es durchaus möglich, dass Genossenschaftsmitglieder unterschiedliche Ziele verfolgen. Dennoch ist es vordergründig zielgruppenübergreifend und gemeinwesenorientiert zu handeln, was den Fördergedanken der Genossenschaft gegenüber Nicht-Mitgliedern hervorhebt.

Die Zielstellung der Stadtteilgenossenschaften lassen sich in drei Kategorien untergliedern: (1) soziale, (2) gemeinwesenorientierte und (3) ökonomische Ziele.

(1) Bei jeder der befragten Stadtteilgenossenschaften (ausgenommen der WOGEBE) liegt die höchste Priorität auf der Verfolgung beschäftigungswirksamer Zielsetzungen. „Ich bin der Meinung ein Arbeitsplatz ist auch eine soziale Leistung.“ (Ukrow: A25) Dabei geht es nicht lediglich um die Schaffung von Arbeitsplätzen, sondern um das Gestalten positiver Arbeitsbedingungen. Die Stadtteilgenossenschaften Plattenberg eG und Wedding betonen die Verwirklichung von sozialversicherungspflichtigen unbefristeten Stellen, für die ein fairer Lohn gezahlt werden soll. Dies trifft auch für den Sozialen Betrieb Sulzbach und das Netzwerk Wehlheiden zu. „Wir wollten hier handfeste Sachen schaffen, keine Leute ausbeuten, sondern Leuten helfen wieder auf die Beine zu kommen.“ (Ukrow: A25) Die Stellen sind zum Großteil subventioniert, beispielsweise bei GEOS eG, die nach §16(e) SGB II Leistungen zur Beschäftigungsförderung von Langzeitarbeitslosen erhalten. Wedding und Wehheiden sind Betriebe am Ersten Arbeitsmarkt und kommen ohne öffentliche Fördermittel aus. Die restlichen Stadtteilgenossenschaften bezeichnen die (Re-)Integration ihrer Beschäftigten in den Ersten Arbeitsmarkt als Ziel. Entweder dienen sie als Sprungbrett und streben automatisch eine hohe Beschäftigten-Fluktuation an (Ukrow (A24): „Diese Leute wurden uns dann zum Teil abgeworben und das war eigentlich das, was wir erreichen wollten.“). Oder sie realisieren Stellen ohne öffentliche Förderung innerhalb ihrer genossenschaftlichen Strukturen. „Diese „§16(e) Förderung“ läuft für ein Jahr und kann für ein Jahr verlängert werden. Wenn dann auch die Verlängerung abgelaufen ist, wollen wir sicher gehen, dass sie einen festen Arbeitsplatz haben. Ich denke, das ist machbar und realisierbar.“ (Salewski: A9)

(2) Die gemeinwesenorientierte Zielsetzung richtet sich insbesondere bei den aus dem Quartiersmanagement und aus Stadtentwicklungsprozessen entstandenen Stadtteilgenossenschaften auf Erhalt und Verbesserung sozialer Strukturen, wohnortnaher Dienstleistungs- und baulicher Infrastruktur. Die Plattenberg eG gründete sich beispielsweise konkret mit dem Ziel des Erhalts des Stadtteilvereins. Im Hasenbergl dient die Stadtteilgenossenschaft als Unterstützerstruktur von Architekten und Stadtplanern zur Schaffung neuen Wohnraums, sozialer und gewerblicher Infrastruktur und der Aufwertung des Außenraums (Vgl. Ottmann: A17). Ottmann spricht im Gespräch sehr deutlich die Notwendigkeit der Imageaufwertung benachteiligter Stadtteile an. Des weiteren wird durch die Stadtteilgenossenschaft eine nachhaltige Struktur verstärkter gemeinwesenbezogener Bürgerbeteiligung durch den Einbezug verschiedener lokaler AkteurInnen geschaffen.

(3) Durch lokale kooperative Wirtschafts- bzw. Unternehmensnetzwerke kann eine Werterhaltung und eigenständige Wertschöpfung im lokalen Raum stattfinden, wie es sich die Stadtteilgenossenschaften Wedding eG oder Wehlheiden eG zum Ziel gesetzt haben. „Das ist ja die Besonderheit der Stadtteilgenossenschaft, das wir von einem lokalen Wirtschaftsnetzwerk reden. Wir sind 23 Unternehmen im Moment. Und die Stadtteilgenossenschaft hat in dem Rahmen die Funktion einerseits Aufträge zu vermitteln, oder zu gucken, wo man eine Bietergemeinschaft machen kann […].“ (Achter: A41) So kann die Erhaltung, Bewirtschaftung und Zuteilung von Ressourcen ermöglicht und durch die Verhinderung dysfunktionaler Ressourcenabflüsse die lokalökonomische Basis gestärkt werden. Verfolgt wird dabei auch der Einbezug von ExistenzgründerInnen, wie es bei der Schöneberg eG geplant und bspw. in der RundUlm eG durchgeführt wird. Auch die Einbindung von Migrantenökonomien ist von Bedeutung. Anspruch bei der Verwirklichung ökonomischer wie sozialer Zielsetzungen ist eine ökologische Nachhaltigkeit, hierfür ist das Netzwerk Wehheiden beispielhaft.

2.6 Potenziale und Funktionen der Stadtteilgenossenschaft

Bereits in Kapitel 3.3 wurden die Potenziale von Genossenschaften als (1) gemeinschaftliche Daseinsvorsorge, (2) Innovation, (3) demokratische Partizipation und (4) soziale Verantwortung beschrieben, worauf nun Bezug genommen wird.

(1) Die Stadtteilgenossenschaft verbindet Wohnen, nahräumliche Versorgung, bauliche Entwicklung, Gesundheit und Soziales und fördert die dafür erforderlichen Infrastrukturleistungen. Konkret erfolgt die Förderung durch die bereits benannte Beteiligung an Stadtentwicklungsprozessen (Hasenbergl, Wedding, Sonnenberg), Unterstützung soziokultureller Zentren (Plattenberg, Wedding) oder Dienstleistungsangebote für den Nahraum (Sulzbach, Ulm, GEOS).

(2) Die Stadtteilgenossenschaft ist durch eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Interessenträger geprägt, was einerseits Konflikte hervorbringen kann, andererseits auch ein Zusammenführen ganz verschiedener Kompetenzen bedeutet und Chancen bietet. Sie können Motor sozialer Veränderungen und wirtschaftlicher Entwicklungen sein, da keiner der Stakeholder seine Identität aufgibt.

Die Unternehmens- und Wirtschaftsnetzwerke innerhalb der stadtteilgenossenschaftlichen Kooperation dienen einerseits dem Ausbau des lokalen Arbeitsmarktes, andererseits fördern sie die Stabilisation und Risikovermeidung des Einzelunternehmens. Genossenschaften sind Organisationen der Kooperation und Gemeinschaftlichkeit, was als Motor für Innovation zu betrachten ist (Synergieeffekte). „Es ist einfacher in der Gruppe Unternehmer zu sein, als wenn jeder seine Sache allein macht. Auch in Hinblick auf Bildung und Kultur haben Genossenschaften etwas zu bieten. Wenn man zusammen arbeitet und ein gemeinsames Ziel hat, dann wird man auch gemeinsam andere Dinge tun und es findet ein Transfer statt.“ (Katja Buch (A38), Plattenberg eG 7) Das Gemeinschaftsgefühl und sich gegenseitig zu kennen spielt auch für Detlef Manke von der Stadtteilgenossenschaft Wehlheiden eG eine wichtige Rolle. Die Entwicklungen energetischer Sanierungen haben durch die Zusammenarbeit wesentlich an Qualität gewonnen, auch das Potenzial nachhaltiger Entwicklungen wird gestärkt. Nachhaltige Strukturen werden durch die rechtlichen Rahmenbedingungen der Genossenschaften begünstigt. Eine verpflichtende Wirtschaftsprüfung wird zweijährlich durchgeführt, um Insolvenzen zu vermeiden. Somit können wirtschaftliche Kontinuität und Beständigkeit gewährleistet werden.

Ökonomische Innovation wird ebenso durch das genossenschaftliche Identitätsprinzip gefördert. Sind die Beschäftigten auch Mitglieder der Genossenschaft, sind sie Arbeitnehmer und Arbeitgeber zugleich und demnach für ihre eigene Stelle mitverantwortlich. „Ansonsten muss sich jeder einzelne, der hier bei uns arbeitet darüber im Klaren sein, dass es sein Arbeitsplatz ist, dass er keinen anderen finanziert, der auf seine Kosten lebt, dass alles was er macht, im Grunde genommen für seinen Arbeitsplatz da ist.“(Ukrow: A26)

Die Stadtteilgenossenschaft besitzt das Potenzial als Wirtschafts- und Sozialorganisation die unterschiedlichen Interessen vielfältiger AkteurInnen zu fördern. Als Wirtschaftsorganisation fördert die Genossenschaft ihre Mitglieder, als am Markt agierende und wettbewerbsfähige Einrichtung. Die Berücksichtigung der Interessen der einzelnen AkteurInnen erfolgt als Sozialorganisation. BewohnerInnen des Stadtteils erfahren einen Nutzen, indem der Stadtteil aufgewertet und Kommunikationsstrukturen ermöglicht werden. Mitglieder des Kleingewerbes oder Einzelhändler profitieren von einer Verbesserung der Kaufkraft im Stadtteil, also der Stärkung lokaler Ökonomie. Vorherig Erwerbslose erhalten als Mitarbeiter der Genossenschaft Beschäftigung, Vergütung und Mitspracherechte. Soziale Institutionen und PolitikerInnen als Mitglieder der Stadtteilgenossenschaft sind gefördert, wenn sie einen Imagegewinn durch die Umsetzung erfolgreicher Modellprojekte erfahren. 8

(3) Das genossenschaftliche Demokratieprinzip lebt von der Partizipation der Genossenschaftsmitglieder. In den interviewten Genossenschaften sind die Beschäftigten der Genossenschaft jedoch meist keine Mitglieder, was grundsätzlich jedoch möglich wäre. Dennoch zählt es in den befragten Stadtteilgenossenschaften zum Grundprinzip, Mitbestimmungs- und Entscheidungsformen mit den Beschäftigten zu etablieren. Diese finden in Teambesprechungen, Planungstreffen o.ä. statt. „Und Mitspracherechte der Kollegen, die bei uns eingestellt sind, wenn es um Arbeit geht, um Verbesserung, dann gibt’s die immer. Dafür haben wir zehn offene Ohren, das wollen wir auf jeden Fall.“ (Ukrow: A26) Für die Mitglieder der Genossenschaft besteht die Möglichkeit der Partizipation über Gremien, wie beispielsweise der Mitgliederversammlung. „Und handelt es sich natürlich über die Gremien um ein demokratisches Modell, da jedes Mitglied auch Eigentümer des Unternehmens ist und über die Generalversammlung und bei sonstigen Aktivitäten es möglich ist, Einfluss zu haben und mitzubestimmen. […] Das ist für mich etwas Besonderes, wenn man bei der Generalversammlung zusammensitzt neben den Nachbarn, die eher ein ideelles Interesse haben oder neben Mitgliedsbetrieben, die eher ein wirtschaftliches Interesse haben.“ (Achter: A42)

Die Identifikation mit der Genossenschaft erfolgt nach Erfahrungen von Ursula Quack (Sulzbach) nicht über eine Mitgliedschaft, sondern darüber wie die Beschäftigten über Arbeitsprozesse mitbestimmen und eigene Entscheidungen getroffen werden können. Auch in Hasenbergl üben die Jugendlichen über Diskussionen und Meinungsaustausch Einfluss auf die Projektentwicklungen aus. „Der andere Schwerpunkt, der noch wichtiger ist, ist mit Kindern und Jugendlichen gemeinsam Projekte zu gestalten und entwickeln.“ (Ottmann: A17)

Letztlich ist die Identifikation mit der Genossenschaft als Grundlage der Partizipation und demokratischer Strukturen als individuelle Entwicklung zu betrachten: „Das ist letztendlich ein ideeller Wunsch, nach der Identifikation. Aber die Identifikation wächst bei jedem Menschen individuell und aus unterschiedlichen Gründen, die einen, weil wir gut mit ihnen umgehen, die anderen, weil sie vielleicht viel Geld verdienen oder überhaupt einen Arbeitsplatz haben und für andere ist es ein ganz normaler Job.“ (Achter: A42)

(4) Die sozialen Potenziale der Stadtteilgenossenschaft beziehen sich auf die Verantwortungsübernahme gegenüber Beschäftigungsförderung, Stärkung der Gemeinwesen und dem Ausbau von Gerechtigkeitsstrukturen.

Das Schaffen von Arbeitsplätzen ist oberstes Anliegen der befragten Stadtteilgenossenschaften. Gleichermaßen bedeutend, ist es auch, diese Beschäftigung als Lernraum und Entwicklungsmöglichkeit zu betrachten und zu gestalten. „Ein Verein ist bei der beruflichen Integration von Jugendlichen und jungen Erwachsenen immer ein geschützter Raum, wie auch immer man das betreibt. Die Genossenschaft daneben ist eine Möglichkeit, den etwas ‚raueren Wind’ des Ersten Arbeitsmarktes miteinander zu verkoppeln, ohne das gleich der Rausschmiss erfolgt. Oder beispielsweise ein Jugendlicher, der in der Genossenschaft arbeitet, erhält über den Verein ein Sprach- bzw. Kommunikationstraining. Der Verein und die Genossenschaft lassen sich wirklich gut miteinander verbinden.“ (Ukrow: A32) Ursula Quack äußert sich diesbezüglich ähnlich und prangert an, dass den Menschen der Zugang zum Ersten Arbeitsmarkt nicht aufgrund fehlender Kompetenzen verwehrt ist, sondern durch das Fehlen der Bescheinigung ihrer Qualifikationen (Zertifikate, Zeugnisse). Auf Qualifikationsmaßnahmen der informellen Ebene über Erfahrungsaustausch wird in Sulzbach viel Wert gelegt. In Wedding konnte diesbezüglich die Erfahrung gemacht werden, dass jene Benachteiligte am Ersten Arbeitsmarkt für die Stadtteilgenossenschaft wesentliche Ressourcen bereitstellten, wodurch eine besondere Wertschätzung und Gefühl des Gebrauchtwerdens vermittelt werden konnte: „Da war da Thema, dass die über 50Jährigen, die nichts mehr wert sind in unserer Gesellschaft, genau diejenigen waren, die wir gebraucht haben.“ (Achter: A43) Die Stadtteilgenossenschaft besitzt das Potenzial, ökonomische und soziale Aufgaben parallel zu verfolgen und Partizipations- und Empowermentprozessen zu ermöglichen. Dieses Potenzial persönlicher Aufwertung setzt neues Engagement und Einsatzbereitschaft frei. Stadtteilgenossenschaften sind besonders geeignet, um Benachteiligte durch Beteiligung zu fördern.

Die Genossenschaft als privatwirtschaftliches, nicht gemeinnütziges Unternehmen bietet sich an, eine qualitative Existenzgrundlage ihrer Angestellten darzustellen. „[...] wir wollten nicht in den Bereich der Arbeitsmarktpolitik verortet werden, sozusagen als 'Durchlauferhitzer' von ABM-Maßnahmen. Wir wollten dauerhaft sozialversicherungspflichtige Beschäftigung schaffen.“ (Achter: A45)

Die Förderung und Stärkung des Gemeinwesens findet auf verschiedenen Ebenen statt, die bereits mehrfach erläutert wurden. „Aus meiner Sicht könnten Genossenschaften ein Modell zur Stärkung des Gemeinwesens sein. Genossenschaften vereinen wirtschaftliche Existenzsicherung und soziale Beziehungen.“ (Buch 9 : A38) Die Stadtteilgenossenschaft bietet die Möglichkeit, neben sozialen stadtteilorientierten Entwicklungsprojekten die Gemeinwesenökonomie in den Vordergrund zu rücken. „Außerdem haben wir gesagt, wir brauchen auch Akteure, die nicht nur im sozialen Bereich gucken, sondern auch ökonomisch gucken, wie können wir Arbeitsplätze schaffen.“ (Achter: A45) Die Bedürfnisse der BewohnerInnen im Stadtteil werden ganzheitlich wahrgenommen und um die häufig vernachlässigte ökonomische Dimension erweitert. Da sich Stadtteilgenossenschaften dem Konkurrenzverhalten am Markt stellen müssen, ist es für sie erforderlich Marktnischen ausfindig zu machen, die sie mit ihren zur Verfügung stehenden Ressourcen bedienen können. Es ist davon auszugehen, dass Marktnischen, den nicht befriedigten Bedürfnissen im Gemeinwesen entsprechen, deren Bedienung für herkömmliche Unternehmen nicht rentabel erscheint. Die Besonderheit der Stadtteilgenossenschaft besteht darin, Arbeitsplätze vor Ort zu schaffen, für die BewohnerInnen im Stadtteil, die sich durch ihre Angebote u.a. für die Aufwertung des lokalen Nahraums engagieren. Die Imageaufwertung durch geschaffene Strukturen der Stadtteilgenossenschaften in stark stigmatisierten Stadtteilen ist wesentliches Kriterium, um den Zusammenhalt und die Identifikation der StadtteilbewohnerInnen zu stärken: „Aber das Quartier stand plötzlich in einem völlig anderen Kontext. Im Normalfall wird im Regionalteil nur über Kriminalität geschrieben und nun war es mal andersrum.“ (Ottmann: A20) Die Stadtteilgenossenschaft als Struktur der Gerechtigkeitsförderung zu betrachten, entsteht durch ihre Funktion, ihre Tätigkeiten an den Bedürfnissen der Menschen vor Ort zu orientieren, das Miteinander im Gemeinwesen zu stärken und hierarchische Beziehungsstrukturen innerhalb einer Organisation abzubauen: „Ich glaube, die Genossenschaft ist eine Chance etwas der Globalisierung entgegenzusetzen. Dass man sich wieder darauf besinnt, was man zum Leben braucht. Wenn man die Solidarität der Leute untereinander entwickelt, dass sie in ihrem Gemeinwesen leben, dafür auch produzieren und Beziehungen untereinander aufbauen, dann kann die Genossenschaft ein Modell sein, was dem Globalisierungstrend und der Anonymität entgegenwirkt.“ (Buch 10 : A37) Ursula Quack (Sulzbach) empfindet die genossenschaftlichen Grundprinzipien als gerechtigkeitsfördernd, da sie beispielsweise den ehrenamtlichen Vorstand der eG als Gegenpol einer macht- und gewinnorientierten Geschäftsleitung einer GmbH wahrnimmt.

Die Gleichstellung und Kooperation aller Mitglieder durch das Demokratieprinzip der Genossenschaft birgt das Potenzial, das sonst übliche Machtgefälle zwischen den AkteurInnen eines profitorientierten Gewerbes, des öffentlichen Bereichs und dem intermediären Sektor abzubauen. Die Stadtteilgenossenschaft dient demnach als Machtausgleichstrategie.

2.7 Hürden und Herausforderungen für die Stadtteilgenossenschaft

Trotz dem bedeutungsvollen Potenzial, das für eine umfangreiche Etablierung von Stadtteilgenossenschaften sprechen sollte, mangelt es derzeit an deren Vorkommen. Gründe hierfür können in (1) ökonomischen und marktideologischen Unvereinbarkeiten, (2) strukturellen Schwierigkeiten, (3) sozialen und (4) institutionell-politischen Herausforderungen gesehen werden.

(1) Die größte ökonomische Herausforderung der Stadtteilgenossenschaft stellt die Wettbewerbsfähigkeit dar. Das heißt, einerseits muss bereits im Gründungsprozess eine tragfähige Geschäftsidee entwickelt werden, andererseits muss sich diese in ihrer Umsetzung gegenüber zahlreicher Konkurrenzunternehmen auf dem Markt behaupten, was unter der Bedingung in einem monostrukturellen Quartier verortet zu sein, weiter erschwert wird. „Wir müssen unsere Qualität mit professionellen großen Firmen vergleichen können, zum Beispiel mit der großen Reinigungsfirma ‚Gegenbauer und Bosse’. Wir müssen einfach dagegen halten können, sodass wir eine Qualität abliefern, dass die uns nehmen und nicht ‚Gegenbauer’.“ (Ukroww 11 : A33) Vor allem in den von den Stadtteilgenossenschaften meist angebotenen Dienstleistungen besteht ein enormes Konkurrenzverhalten, mit dem Resultat der Senkung des Preises der Dienstleitungen, was vermehrt zur Entwicklung von „Billiglöhnen“ führt, das heißt außerhalb Tarif gezahlter Arbeitnehmerentlohnung. Besonders große Konzerne (u.a. auch Wohlfahrtsverbände) stellen durch ihre Einstellung gegenüber Lohnzahlungen für die Stadtteilgenossenschaften in dieser Sparte eine große Konkurrenz dar.

Des weiteren ist die Auftragsakquise als ökonomische Herausforderung zu benennen. Sie ist zum einen sehr aufwendig, zum anderen durch strukturelle und politische Hürden gekennzeichnet, auf die an späterer Stelle eingegangen wird. Es ist weiterhin aufzuführen, dass die Eigenkapitalschöpfung der Genossenschaften gerade in der Gründungsphase äußerst gering ist. Sobanski beleuchtet in einer Studie der Otto Brenner Stiftung (2003) insbesondere die (betriebs-)wirtschaftlichen Herausforderungen von Stadtteilgenossenschaften und Beschäftigungsinitiativen. Aus Sicht der Genossenschaftsleitung bestehen häufig Schwierigkeiten aufgrund eines geringen oder kaum ausreichenden Eigenkapitals, wodurch „es kein oder kein ausreichendes finanzielles Polster gibt“ (Sobanski: 72). Dadurch müssen Genossenschaften schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt Verschuldungen eingehen.

Verstärkt wird dies durch sehr schlechte Bedingungen der Kreditvergabe für Genossenschaften. „Beispielsweise gibt es für Genossenschaften einen Kredit, dessen Zinsen so hoch sind, dass Hypothekenzinsen darunter liegen. Das ist einfach für Leute, die aus der Arbeitslosigkeit kommen, nicht machbar.“ (Buch 12 : A38) Als finanzielle Hürde ist außerdem die zweijährlich stattfindende Prüfung des Prüfungsverbandes zu benennen. „Ein teures Gleis. Weil die Prüfungsverbände in der überwiegenden Zahl sehr viel Geld fordern, was in keinem Verhältnis zu ihrer zu leistenden Arbeit steht.“ (Voß: A4) Auch die Stadtteilgenossenschaft Lurup konnte die Kosten für die Prüfungen nicht stemmen und sah sich aufgrund dessen zur Auflösung der eG gezwungen.

(2) Strukturelle Herausforderungen der Stadtteilgenossenschaften stellten offensichtlich die Interessenvielfalt innerhalb einer Multistakeholder-Genossenschaft dar. „Und die 90 Mitglieder haben 90 unterschiedliche Interessen. Darauf muss man aufpassen als Vorstand und Geschäftsführung, dass man nicht nur eigene Interessen verfolgt, sondern die Kommunikation mit den Partnern und den Mitgliedern sucht.“ (Achter: A46) In Sulzbach ist das Demokratieprinzip gefährdet, da einzelne Mitglieder der Genossenschaft als größere Investoren mehr Stimmrechte verlangen (genannt wurden u.a. Wohlfahrtsverbände). Detlef Manke (Wehlheiden) benannte unter den verschiedenen Interessen der Genossenschaftsmitglieder das Profitinteresse als das größte der zu begegnenden Herausforderungen, da ein Lernprozess dahinter stehe, die Intension der Genossenschaft nicht als eigene Gewinnschöpfung zu begreifen (A50).

Die ökonomischen Unsicherheiten gefährden den Nachhaltigkeitscharakter der Stadtteilgenossenschaft, da Stellen häufig nur kurzfristig finanziert werden können (Sulzbach). Ottmann sieht die Nachhaltigkeit aufgrund der ehrenamtlichen Ausführung des Vorstands bedroht. „Als Herausforderung sehe ich die Lösung des Problems der Ehrenamtlichkeit. Das halte ich auch für ein Strukturproblem, ein Unternehmen aus Ehrenamtlichkeit heraus zu führen. […] Die Ehrenamtlichen machen das alles nebenher. Das geht nicht unter Volldampf, weil sie ja einen eigentlichen Beruf haben und dann mit „Gutwill“ arbeiten, das ist sicher schön, aber auf Dauer ist das für uns ein Strukturproblem. […] Um die Nachhaltigkeit gewährleisten zu können, überlegen wir auch die Form der Genossenschaft aufzugeben und uns anders aufzustellen.“ (Ottmann: A21) Monika Salewski von GEOS eG äußert sich ähnlich und erläutert die Einführung eines professionellen Betriebsleiters mit mehr Führungsqualitäten (Salewski: A12). Dies kommt auch in der Studie von Sobanski zum Ausdruck. Häufig fehlen den Genossenschaftsleitungen die notwendigen kaufmännischen Kenntnisse und betriebswirtschaftlichen Erfahrungen, sowie Planungs- und Führungskompetenzen (Sobanski: 72ff).

(3) Die Genossenschaft ist als Ort des Lernens zu verstehen, der einer gewissen Gestaltung bedarf und die AkteurInnen durchaus vor Herausforderungen stellen kann. Das (Wieder-)Erlernen von solidarischem und partizipativem Handeln ist gleichzeitig Hürde und Chance der Stadtteilgenossenschaft. „Wenn man von der Theorie des sozialen Dilemmas ausgeht, ist es so, dass Vertrauensaufbau eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt. Erst muss ein Vertrauensprozess aufgebaut werden, um dann auch eine Selbstverantwortung bzw. eine Begeisterung oder Faszination zu entwickeln, so dass sie Interesse an dem kooperativen Gedanken haben und mitwirken wollen.“ (Salewski: A12) Diesen Vertrauensprozess anzuregen, stellt eine schwierige Aufgabe in den gegebenen Strukturen, meist ohne sozialpädagogische Begleitung, dar. „Wir wollten ein Stück Selbstverantwortung aufbauen und haben einzelne Arbeitsschritte vorgegeben [...]. Wir haben ihnen das an die Hand gegeben und was mich ein Stück erschüttert hat, war, dass sie da gar nicht hingeguckt haben. Das hat sie nicht interessiert, sie wollten im Prinzip nicht qualifiziert werden.“ (Salewski: A11) Es verdeutlicht sich, dass Selbstorganisation ein langfristiger Lernprozess ist, der gewisse Voraussetzungen bedarf. „Wenn man versucht, manchen Leuten in Projekten den Selbstorganisationsgedanken näher zu bringen, fällt einem erstmal auf, wie schwierig das ist. Weil viele natürlich auch gar nicht die Fähigkeiten und Dinge mitbringen, die man auch braucht, um das Privileg umsetzen zu können, sich selbst zu organisieren. Es ist nicht so, dass man Selbstorganisation so einfach machen kann. Das schaffen eben auch nur bestimmte Leute, die selbstorganisationsfähig sind.“ (Voß: A6)

Salewski erläutert weiter: „Wir haben nur die Erfahrung gemacht, dass die Beschäftigten mit ganz vielen Sachen quer schießen und sich dabei selbst die Arbeitsplätze zerstören. Im Prinzip muss man sie wie Kinder an die Hand nehmen und sie wieder ins Arbeitsleben integrieren. Bei einem Beispiel war es so, dass er sechs Wochen gute Arbeit geleistet hat und fit war und dann plötzlich eingebrochen ist, Aufgaben nicht erledigt hat und unter Umständen nicht erreichbar war. Er ist also sozusagen voll aus dem Arbeitsprozess ausgetreten. Das ist doch ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man irgendwo arbeitet, muss man da auch voll und ganz sein.“ (Salewski: A9) Die Erfahrungen Salewskis zeigen, dass der Zugang zu Arbeit problembehaftet ist und oftmals das bloße Angebot einer Beschäftigung nicht für eine Reintegration in den Arbeitsmarkt ausreicht. Die Zielgruppe der von ihr beschriebenen langzeitarbeitslosen Menschen bedarf einer angemessenen Begleitung und einer Sensibilität bzgl. der Ursachen des erschwerten Zugangs zum Ersten und auch Zweiten Arbeitsmarkt. So verhält es sich u.a. auch bei den jungen Menschen die in Hasenbergl mitarbeiten: „Es war auch eine unserer Erfahrungen, dass diese jungen Menschen oft mit Problemen behaftet sind, was den Zugang der Arbeit angeht. Wir können keine sozialpädagogische Begleitung leisten, das ist manchmal auch sehr schwierig, diese jungen Leute mit einzubeziehen. Zum Teil gibt es da auch Rückschläge und es macht manchmal gar keinen Sinn, daran weiter zu arbeiten.“ (Ottmann: A18) Oft führen diese zielgruppenspezifischen Schwierigkeiten zu einer hohen Beschäftigtenfluktuation. Es ist festzustellen, dass finanzielle und personelle Voraussetzungen fehlen, um eine von Ausgrenzung und Benachteiligungen geprägte Zielgruppe in ein reguläres Beschäftigungsverhältnis zu integrieren bzw. im Rahmen der Genossenschaft darauf vorzubereiten.

Über die Herausforderung der Integration in Arbeit hinaus, bestehen häufig ideelle Konflikte zwischen den Mitgliedern der Genossenschaft. Dies bringt der genossenschaftliche Doppelcharakter mit sich. „Der Knackpunkt ist, dass ich einerseits einen sozialen Anspruch habe, andererseits müssen wir uns den knallharten Anforderungen des Ersten Arbeitsmarktes stellen.“ (Buch 13 : A33) Die wirtschaftliche Funktionstüchtigkeit der Genossenschaft muss gegeben sein, um Arbeitsplätze überhaupt zu ermöglichen. Voß weist ausdrücklich darauf hin, dass die Bedürfnisse im Stadtteil Grundlage der Gründungsdiskussion sein sollten. „Eine Genossenschaft ist eben ein Betrieb, ein Unternehmen und muss Umsätze machen. Und für die ideellen Vorstellungen, die die Leute in ihrem Kietz haben, eignet sich natürlich ein Verein viel mehr. Viele Akteure haben ja ein ideelles Interesse und wollen gar nicht einen Wirtschaftsbetrieb gründen. Das muss man sehr genau prüfen. Es muss eben eine Geschäftsidee da sein, die tragfähig ist. Und dann kann man sich als letzte Frage die Rechtsform überlegen.“ (Voß: A5)

Die Herausforderung besteht für eine Genossenschaft darin, einerseits marktfähig zu sein, indem Märkte für die angebotenen Produkte und Dienstleistungen erschlossen und Arbeitsplätze geschaffen werden können und andererseits Integrationsleistungen und Partizipation zu fördern.

Der hier beschriebene ideelle Grundkonflikt der Genossenschaft, kann durch negative gruppendynamische Prozesse verstärkt werden. Detlef Manke bezeichnet als eine der größten Herausforderungen der Stadtteilgenossenschaft die Entwicklung angemessener Zusammenarbeit und Kommunikationsstrukturen (Vgl. A55). Dies wurde ebenso von Sabine Tengerler (LuSt eG) thematisiert und von Elisabeth Voß als Ursache des Nichtzustandekommens der Schöneberg eG benannt. Salewski (GEOS eG) äußert sich wie folgt: „Wir waren an dem Punkt zu überlegen, ob wir als eG weiter machen sollen. Nicht weil wir keine Aufträge gekriegt haben, sondern weil es menschlich schwierig war.“ (Salewski: A12)

(4) Eine sehr wesentliche Hürde zur Implementierung des Konzepts der Stadtteilgenossenschaft besteht auf politisch-institutioneller Ebene. Genossenschaften fehlt es an politischer Unterstützung und einer angemessenen Lobbyvertretung. Während Sulzbach und Hasenbergl in kooperativer Zusammenarbeit mit der Stadt stehen, erfährt die Plattenberg eG keine öffentliche und politische Unterstützung. „Eine Förderung durch den Stadtbezirk wäre doch ganz einfach, indem wir Aufträge bekommen würden. […] Das wäre auch eine Wertschätzung unserer Arbeit. Wir wollen doch keine Orden, wir wollen auch nicht ständig in der Zeitung erscheinen. Wir unterstützen doch den Bezirk, indem wir durch unsere Arbeit Sozialhilfekosten senken.“ (Ukrow 14 : A38) Buch macht dafür unter anderem den schlechten Ruf der Genossenschaft verantwortlich: „Ich glaube, dass Genossenschaften nicht gewertschätzt werden. Irgendwie haben Genossenschaften noch das Image des Dilettantismus.“ (Buch 15 : A37) Häufig wurde von den Interviewpartnern bemängelt, dass Genossenschaften über einen zu geringen Bekanntheitsgrad verfügen, so z.B. Willy Achter: „Die Rechtsform Genossenschaft muss in den verschiedensten Weisen bekannter werden. Dass man an Ausschreibungen überhaupt beteiligt wird, zum Beispiel. Und in der Form dann einzuwirken, zum Beispiel auf die Vergaberichtlinien, um bei der Vergabe von insbesondere öffentlichen Aufträgen Kriterien mit eingebunden werden, dass neben der EU-Richtlinie gleiche Leistung und gleiches Geld auch andere Qualifikationen mit einfließen, dass man Arbeitslose einstellt, Jugendliche einstellt, also soziale Kriterien mit einzubeziehen in die Ausschreibung.“ (Achter: A46) Auch formale Vorgaben der Kammern für eine Gewerbeausübung (Bsp. Handwerkskammer) erschweren den Genossenschaften eine marktfähige Orientierung.

Des weiteren müssen zwei Aspekte benannt werden, die Stadtteilgenossenschaften vor Herausforderungen stellt. Zum einen äußerten sich die Vertreter der Plattenberg eG kritisch gegenüber der Bürokratisierung des Genossenschaftswesens. Als Beispiel fügen sie die eingeschränkte Auswahl von Unternehmensberatern an. „[...] ich kann den Unternehmensberater nicht selbst aussuchen, der wird uns vorgeschrieben. Bei der IBB bekomme ich die Unternehmensberatung nur, wenn ich auch den Kredit in Anspruch nehme. Bei der GSUB [Gesellschaft für soziale Unternehmensberatung] kann ich mir nur Berater von einer bestimmten Liste wählen.“ (Ukrow 16 : A38) Darüber hinaus erschwert eine Formalie der ARGE, die Mitgliedschaft der Beschäftigten in der Genossenschaft, da Fördermittel zur Berufsintegration geleistet werden sollen. „Da sagt die ARGE Wuppertal: Sie können nicht gleichzeitig auf der einen Seite Arbeitnehmer sein und auf der anderen Seite Arbeitgeber.“(Salewski: A7) Dieses Problem tritt auch in Wedding auf.

2.8 Bedingungen eines erfolgsversprechenden Handelns der Stadtteilgenossenschaft

Aus den unter Kapitel 2.7 erläuterten Herausforderungen für Stadtteilgenossenschaften, werden in diesem Kapitel in Anlehnung an die Interviews thesenhaft Bedingungen benannt, die ein erfolgsversprechendes Handeln ermöglichen.

  • Stadtteilgenossenschaften gehen mit örtlichen Vereinen (Stadtteiltreff, sozialpädagogische Einrichtungen) Verbindungen ein, wodurch gemeinsame Ressourcen genutzt werden. Eine sozialpädagogische/ sozialarbeiterische Begleitung innerhalb der eG soll gewährleistet sein.
  • Eine Verbindung mit Wohnungsbaugenossenschaften ist empfehlenswert.
  • Die Fachlichkeit der Genossenschaftsleitung ist gegeben und erfüllt die Anforderungen von Planungs- und Führungskompetenzen neben dem betriebswirtschaftlichen Fachwissen. Um die Heterogenität der AkteurInnen mit ihren vielfältigen Kompetenzen und Erfahrungen nutzen zu können, muss für alle MitarbeiterInnen und Mitglieder eine Attraktivität, beispielsweise durch akzeptable Arbeitsbedingungen und persönliche Entwicklungschancen bestehen. Die Genossenschaftsleitung ist verantwortlich für die Qualifikation der MitarbeiterInnen und deren Integration in die Arbeitsteilung und Aufgabenerfüllung.
  • Die Genossenschaftsmitglieder sind sich über ideelle Ziele der eG einig. Die Wahl der Rechtsform Genossenschaft ist von den Bedürfnissen der Mitglieder abhängig und bedarf der Überlegung, ob diese mit der eG zu realisieren sind.
  • Stadtteilgenossenschaften benötigen politische Unterstützung und Anerkennung der Kommune. Diese kann Mitglied der Stadtteilgenossenschaft sein und bei der Förderung der Auftragsakquise mitwirken. Zudem können Kooperationen mit dem Baureferat und dem Programm „Soziale Stadt“ eingegangen und Austausch ermöglicht werden.
  • Die ökonomische Tragfähigkeit der Stadtteilgenossenschaft ist nur durch marktfähige und innovative Ideen möglich.
  • Eine ökonomische Förderung kann u.a. durch eine Freistellungsbescheinigung erfolgen oder durch die Kostensenkung der Wirtschaftsprüfung. Dies ist geknüpft an gesetzliche Änderungen.
  • Durch Öffentlichkeitsarbeit erlangt die Stadtteilgenossenschaft einen größeren Bekanntheitsstatus. Außerdem dient die öffentliche Darstellung ihrer Tätigkeiten der Imageaufwertung des Stadtteils und verbindet die beteiligten AkteurInnen.
  • Kommunikationsschwierigkeiten können mit Hilfe von Mediatoren ausgeglichen werden.
  • Das demokratische Genossenschaftsprinzip wird durch Vernetzung und Kooperationen verwirklicht.
  • Stadtteilgenossenschaften und Soziale Betriebe vernetzen sich deutschland- und europaweit.

2.9 Zusammenfassung

Aus den acht geführten Telefoninterviews konnten vielfältige Erkenntnisse über das Erscheinungsbild von Stadtteilgenossenschaften gewonnen werden. Zunächst stellte sich heraus, dass sich die Grundstruktur der Stadtteilgenossenschaften ganz unterschiedlich gestalten kann und somit nicht das Modell Stadtteilgenossenschaft existiert. Vielmehr lassen sich drei Formen typisieren: die gewerblich orientierte, aus Quartiersmanagement oder Stadtteilarbeit entstandene und die als Trägerorganisation verschiedener Institutionen fungierende Stadtteilgenossenschaft. Gemeinsam lassen sie sich als ein Zusammenschluss im Gemeinwesen von zwei oder mehr AkteurInnen mit unterschiedlichen Förderinteressen charakterisieren, die eine nachhaltige Verbesserung der Lebensbedingungen vor Ort anstreben. Es zeigte sich, dass die befragten Genossenschaften der Begrifflichkeit „Stadtteilgenossenschaft“ wenig Bedeutung zumessen. Das Selbstverständnis bezieht sich vielmehr auf die Identifikation mit den genossenschaftlichen Grundprinzipien und stadtteilorientiertem Handeln. Grundlegend liegt der Schwerpunkt diesbezüglich weniger auf der Rechtsform Genossenschaft, als auf den Handlungsinhalten der Organisation.

Der Handlungszwang entwickelt sich für die befragten Stadtteilgenossenschaften aufgrund des Verantwortungsrückzugs der Kommunen. Sie sehen eine nachhaltige Struktur der sozialen Versorgung sowie eine aktive Bürgerbeteiligung durch Finanzierungsengpässe bedroht. Darüber hinaus werden für die AkteurInnen im Quartier die Auswirkungen von verschärften Ausgrenzungs- und Armutsprozessen immer sichtbarer. Auch schwache lokalökonomische Strukturen und monostrukturelle Quartiere gaben Anlass Handlungsalternativen zu etablieren.

Stadtteilgenossenschaften als Multistakeholder-Genossenschaften sind durch sehr vielfältige bishin zu gegensätzlichen Interessen gekennzeichnet. Entsprechend gestalten sich die Zielsetzungen der Stadtteilgenossenschaften als umfangreich. Der Zweck der Genossenschaft, die Förderung der Genossenschaftsmitglieder i.S. §1 GenG, wird bei den Stadtteilgenossenschaften erweitert, indem das Gemeinwesen, als Nicht-Mitglied der Genossenschaft, ebenfalls Förderung erfährt. Ein Ziel der Stadtteilgenossenschaft stellt übereinstimmend die Schaffung von Arbeitsplätzen im lokalen Nahraum dar, zumeist für jene, denen der Zugang zum Ersten Arbeitsmarkt verwehrt ist. Außerdem findet eine Stärkung des Gemeinwesens durch den Erhalt oder die Verbesserung lokaler Infrastrukturen statt, wodurch u.a. die Nachhaltigkeit der Bürgerbeteiligung gewährleistet werden kann. Ökonomische Ziele stellen für die Stadtteilgenossenschaften die Aufwertung lokaler Wertschöpfungsprozesse dar sowie die Verhinderung von dysfunktionalen Ressourcenabflüssen.

Die Stadtteilgenossenschaft als Modell der Gemeinwesenökonomie besitzt vielzählige Potenziale. In erster Linie liegt der Fokus auf der Stärkung des Gemeinwesens und seiner AkteurInnen durch einen bedürfnisorientierten Ansatz. Im Gegensatz zu herkömmlichen Strategien der Gemeinwesenarbeit geht es der Stadtteilgenossenschaft um die Befriedigung gerade ökonomischer Bedürfnisse der BewohnerInnen sowie der sozioökonomischen Aufwertung ihres Nahraums. Die Stadtteilgenossenschaft übernimmt soziale Verantwortung, indem sie Arbeitsplätze schafft und Beschäftigung als Lern- und Entwicklungsraum gestaltet. Durch eine grundlegende Wertschätzung werden Beteiligungs- und Empowermentprozesse angeregt. Stadtteilgenossenschaften dienen als lokale Machtausgleichstrategie. Innerhalb der genossenschaftlichen Strukturen prägt das demokratische Prinzip die Entscheidungsfindung. Es stellte sich heraus, dass die Beschäftigten in der Genossenschaft überwiegend keine Genossenschaftsmitglieder sind. Dennoch wird Wert auf Identität mit dem Unternehmen und Mitbestimmung der Beschäftigten gelegt, die nicht nur aus der Mitgliedschaft hervorgehen muss. Durch das Zusammenführen verschiedener Kompetenzen der Stakeholder entstehen Synergieeffekte mit großem innovativen Potenzial. Durch das genossenschaftliche Gemeinschaftsgefühl und Identitätsprinzip kann eine nachhaltige Entwicklung gewährleistet werden.

Die größte Herausforderung für die Stadtteilgenossenschaft stellt die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Marktkonkurrenten dar. Bei den nicht mehr bestehenden Stadtteilgenossenschaften führte u.a. der Wettbewerbsdruck zu Auflösung oder Umwandlung der eG. Die Wettbewerbsfähigkeit wird durch eine schwere Auftragsakquise, geringes Eigenkapital bei gleichbleibenden Lohnzahlungen gefährdet. Hinzu kommen die hohen Kosten der zweijährlichen Wirtschaftsprüfung. Auf der strukturellen Ebene, stellt die Interessenvielfalt der Multistakeholder-Genossenschaft die größte Herausforderung dar. Durch ehrenamtliche Strukturen können nicht dauerhaft Fachlichkeit und Nachhaltigkeit gewährleistet werden. Selbstorganisation wird als Lernprozess betrachtet, der entsprechende Bedingungen bedarf, die die befragten Stadtteilgenossenschaften teilweise vor Herausforderungen stellt.

Durch den Doppelcharakter besteht für eine Genossenschaft die Herausforderung darin, einerseits marktfähig zu sein, indem Märkte für die angebotenen Produkte und Dienstleistungen erschlossen und Arbeitsplätze geschaffen werden können und andererseits Integrationsleistungen und Partizipation zu fördern. Dies kann zu ideellen Konflikten innerhalb der Genossenschaft führen, die durch schlechte Kommunikationsstrukturen verstärkt werden und Auswirkung auf die Gruppendynamik haben. Die befragten Stadtteilgenossenschaften beklagen das Fehlen politischer Unterstützung und Wertschätzung, was sich in den oben genannten ökonomischen Hürden widerspiegelt.

Es wurden zahlreiche Bedingungen für ein verstärktes Vorkommen von Stadtteilgenossenschaften benannt. Als wesentlich gilt es, den Bekanntheitsgrad von Stadtteilgenossenschaften zu erhöhen, indem eine starke überregionale Vernetzung angeregt wird. Zudem sind die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen anzupassen, indem beispielsweise steuerliche Erleichterungen der eG festgelegt werden oder öffentliche Ausschreibungen eine andere Gestaltung erfahren. Nur durch verbesserte Wettbewerbsbedingungen können Stadtteilgenossenschaften an Attraktivität gewinnen und ihre vielseitigen Potenziale ausschöpfen.

Abschließend: Über das Potenzial von Stadtteilgenossenschaften und ihre Bedeutung für die Soziale Arbeit

Verfügen Stadtteilgenossenschaften über das Potenzial Armut und Ausgrenzung zu bewältigen? Was stellen erforderliche Bedingungen dar? Welche Bedeutung hat Arbeit und welche Rolle spielt sie für die gesellschaftliche Integration? Fördern Stadtteilgenossenschaften das Partizipationsverhalten von Menschen und welchen Einfluss können sie auf das Gemeinwesen nehmen? Die Beantwortung dieser grundlegenden Fragen wurde in dieser Ausarbeitung verfolgt und gab Anlass eine Verknüpfung zwischen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen und ihren Folgen, Solidarischer Ökonomie und dem Handlungszwang der Sozialen Arbeit herzustellen.

Die Frage nach Bewältigungsmöglichkeiten von Armut und Ausgrenzung ist nicht zu beantworten, ohne sie als gesellschaftliche Probleme zu verstehen und ihre strukturellen Ursachen zu betrachten. Nach der in dieser Arbeit dargelegten Armutsdefinition nach Groh-Samberg, ist Armut als dauerhafte materielle Unterversorgung und deren Wechselwirkungen mit anderen Lebenslagen zu verstehen und kann demnach nur mehrdimensionell bewältigt werden. Eine rein individuell und auf ökonomische Existenzsicherung zielende Armutsbekämpfung ist somit ungenügend. Dies bedeutet auch, dass Arbeit an sich nicht vor Armut schützen muss, insbesondere wenn es sich um nicht-existenzsichernde Beschäftigung handelt, deren Vorkommen stetig zunimmt. In der Sozialcharta der Europäischen Union wird soziale Integration über Verwirklichung von sozialen Rechten und Menschenrechten sowie die angemessene Partizipation am gesellschaftlichen Wohlstand definiert. Ausgrenzung entsteht demnach durch ungleiche Teilhabechancen an Wohlstand und eingeschränkte Sozialchancen. Die gesellschaftliche Verteilung von Einkommen und Vermögen ist durch wachsende Ungleichheit geprägt, die sich in Deutschland im OECD-Ländervergleich besonders verschärft hat. Somit sind auch die Teilhabechancen am gesellschaftlichen Wohlstand nicht gleich verteilt. Nach Willke zählt es zu den Kernfragen eines Wirtschaftssystems, wie die gesamte Wertschöpfung verteilt werden soll (Willke: 7ff). Es wird deutlich, dass im derzeitigen neoliberalen Wirtschaftssystem (zunächst sichtbar) das ökonomische Kapital ungleich verteilt ist, zugunsten einer deutlich (ökonomisch) privilegierten Minderheit. In Verteilungsstrukturen des ökonomischen Kapitals und den dazugehörigen Eigentumsrechten spiegeln sich Macht- und Herrschaftsstrukturen wider, die ungleiche Sozialchancen implizieren. Um nicht nur die Symptome sondern die Ursachen von Armut- und Ausgrenzungsprozessen zu bewältigen, ist es erforderlich, diese Machtstrukturen des bestehenden ungleichheitsreproduzierenden Gesellschaftssystems aufzubrechen. Hierfür sind Methoden des Machtausgleichs notwendig. Eine solche Methode stellt das Community Empowerment als Teil der Gemeinwesen- und Solidarökonomie dar.

Während im Kapitalismus die Akkumulation den Zweck des Wirtschaftens darstellt, ist es für die Solidarische Ökonomie die materielle sowie immaterielle Bedürfnisbefriedigung. Das Wirtschaften ist auf das „gemeinsame Eigene“, für das „ganze Haus“ („oikos“) ausgerichtet. Es findet eine Verbindung von Wirtschaften, Arbeiten, Lernen und Leben statt, die durch Gleichheit und Mitbestimmung aller Beteiligten gekennzeichnet ist. Solidarisches Wirtschaften ermöglicht eine Existenzsicherung durch eigene, bezahlte und notwendige Leistungen, die ökologisch nachhaltigen Kriterien unterliegen. Die Absicht der verbesserten Lebensqualität wird auf der Basis einer lokal orientierten und überregional vernetzten Selbstversorgung verfolgt.

Stadtteilgenossenschaften sind als eine Form der Solidarischen Ökonomie zu verstehen. Ob sie ihrem Anspruch gerecht werden und zur Bewältigung von Armut und Ausgrenzung beitragen, wurde in dieser Arbeit untersucht. Zunächst ist festzuhalten, dass sich die bisher bekannten Stadtteilgenossenschaften konzeptionell voneinander unterscheiden und somit schwer Aussagen zur Bedeutung und Funktion von Stadtteilgenossenschaften getroffen werden können. Aufgrund dessen werden sie in ihren verschiedenen Arbeitsweisen und Ansätzen gebündelt und als ein Gesamtmodell betrachtet.

Stadtteilgenossenschaften richten sich in ihren Tätigkeiten an eine Zielgruppe, die von Armut- und Ausgrenzungserfahrungen betroffen ist. In erster Linie handelt es sich um von Ausgrenzung am Ersten und auch Zweiten Arbeitsmarkt Betroffene: zumeist langzeitarbeitslose und junge Menschen.

Verortet sind die Stadtteilgenossenschaften in sogenannten benachteiligten Stadtteilen oder Stadtteilen mit „besonderem Entwicklungsbedarf“. Deutlich wird ein Versuch sozialräumlicher Ausgrenzung, vor allem Stigmatisierungsprozessen von segregierten Stadtteilen, entgegenzuwirken. Die Stadtteilgenossenschaften verzeichnen den Erfolg Arbeitsplätze für jene zu schaffen, denen der Zugang zum Arbeitsmarkt erschwert oder verhindert ist. Dabei handelt es sich um sozialversicherungspflichtige Stellen, die durch einen fairen Lohn existenzsichernd sind. Die Tätigkeitsfelder der Stadtteilgenossenschaften sind an den zur Verfügung stehenden Ressourcen und den Bedürfnissen im Stadtteil orientiert. Ausgerichtet sind sie unter anderem auf die Aufrechterhaltung und Förderung sozialer, wirtschaftlicher und baulicher Infrastruktur im Stadtteil oder der Förderung ökonomischer Selbstorganisation beispielsweise bei ExistenzgründerInnen. Das heißt, die Arbeitsinhalte haben einen nützlichen, meist ökologischen und notwendigen Charakter, was den Kriterien des Arbeitsverständnisses Solidarischer Ökonomie entspricht. Mitbestimmungsmöglichkeiten der Beschäftigten der Stadtteilgenossenschaften bestehen, ohne strukturell verankert zu sein, da die Mitarbeiter meist keine Genossenschaftsmitglieder sind. Identifikation und Partizipation werden auf Grundlage von gegenseitiger Wertschätzung aufgebaut. Es ist zu erkennen, dass in den Stadteilgenossenschaften Integration nicht nur über die Beschäftigung an sich, sondern auch über Teilhabechancen und Förderung der einzelnen Angestellten stattfindet. Es kann jedoch keine Aussage darüber getroffen werden, ob eine Übertragung von Identifikation und Mitbestimmung innerhalb der Genossenschaft auf Strukturen im Stadtteil oder im Wohnumfeld vollzogen wird.

Die Stadtteilgenossenschaft ist als Lernraum zu verstehen. Zum einen finden informelle Qualifikationen und Erfahrungsaustausch statt. Zum anderen stellt sich heraus, dass der Umgang zwischen zumeist ehrenamtlicher Genossenschaftsleitung und den Angestellten (oft geprägt von Ausgrenzungserfahrungen und Benachteiligungen) durchaus eine Herausforderung darstellt. Auch dieses gemeinsame Miteinander und gegenseitige Wertschätzen erfordert einen Lernraum und das Sammeln von Erfahrungen. Die Stadtteilgenossenschaft stellt diesen bereit. Sie verbindet somit existenzsicherndes und notwendiges Arbeiten, gemeinsames Lernen und bedürfnisorientiertes Wirtschaften als Kriterium Solidarischer Ökonomie.

Der genossenschaftliche Doppelcharakter stellt die Stadtteilgenossenschaft hinsichtlich der beschriebenen solidarischen Ausrichtung jedoch vor Herausforderungen bzw. stellt sie gänzlich in Frage. Die Stadtteilgenossenschaft als Wirtschafts- und Sozialorganisation muss sich am Markt behaupten und konkurrenzfähig sein, um das Ziel der Förderung von Mitgliedern und Gemeinwesen verwirklichen zu können. Demnach befindet sich auch die Stadtteilgenossenschaft im Wettbewerb einer kapitalistischen Marktlogik. Anzunehmen ist somit auch, dass hinter jeder Qualifizierung von Mitarbeitern eben auch das Potenzial einer verbesserten Wettbewerbsfähigkeit gesehen wird. Darüber hinaus besteht bei den Mitarbeitern großteils eine hohe Fluktuation, die zum einen die Bedeutung der Genossenschaft als Lernraum mindert, da hierfür nur wenig Zeit zur Verfügung steht. Zum anderen können nachhaltige Identifikations- und Partizipationsprozesse kaum angeregt werden. Dies verhindert die Chance der Stadtteilgenossenschaft, Integrationsprozesse über Arbeit hinaus zu gestalten und Ausgrenzung mehrdimensionell zu bewältigen. Darüber hinaus stellt sich für mich die Frage, ob Stadtteilgenossenschaften tatsächlich als Selbsthilfegenossenschaft zu bezeichnen sind, da sie dem Kriterium aus einem Zusammenschluss von Menschen, die Ausgrenzung und Benachteiligung erfahren haben entstanden zu sein, mit der Ausnahme der Stadtteilgenossenschaft Wedding eG, nicht entsprechen.

Zu den größten Herausforderungen der Stadtteilgenossenschaften zählt ein immenser finanzieller und organisatorischer Aufwand, gegenüber den die erarbeiteten Erfolge in Verhältnis gestellt werden müssen. Einige modellhafte Stadtteilgenossenschaften (wie Sonnenberg eG oder Stötteritzer Margerite eG) lösten sich auf, weil die Komponenten Aufwand und Ergebnis nicht in Einklang zu bringen waren. Der Zahl der geschaffenen Arbeitsplätze stehen unzählig mehr erwerbslose Menschen gegenüber. Auch die Stadtteilgenossenschaften sind als „Kinder der Not“ gegründet worden, jedoch ist sich vor Augen zu führen, dass eine Genossenschaft nicht per se ein Instrument gegen Armut und Ausgrenzung darstellt. Es geht um die Projektidee und die Motivation, die Menschen dazu bringt, etwas gemeinsam verändern und gestalten zu wollen. Dazu müssen die Bedingungen und Voraussetzungen von solidarischem Wirtschaften und gemeinsamen Handeln betrachtet werden.

Die Grundprinzipien der Genossenschaft Selbsthilfe, Selbstorganisation und Selbstverwaltung sowie das Demokratie-, Partizipations-, Solidaritäts- und Förderprinzip kommen in den Stadtteilgenossenschaften kaum zur Geltung, da die zur Verfügung stehenden Ressourcen für das „wirtschaftliche Überleben“ ausgeschöpft werden müssen. Die von Elsen beschriebene Gegenmacht- und Schrittmacherfunktion von Genossenschaften (Elsen, 2007: 256f.) können nur unter veränderten Bedingungen ihr Potenzial entfalten. Diese Prinzipien müssen mit Inhalten gefüllt werden. An dieser Stelle kann die Soziale Arbeit ihren Anknüpfungspunkt finden. Meines Erachtens ist es neben einer rechtlichen und wirtschaftlichen Förderung der Stadtteilgenossenschaft notwendig, eine breitere Basis aufzubauen und BewohnerInnen des Stadtteils, sowie AkteurInnen im öffentlichen und gewerblichen Bereich stärker zu vernetzen und einzubinden. Hierbei sollten insbesondere bereits bestehende Strukturen genutzt werden. Die Aufgaben der Sozialen Arbeit im nahen Umfeld der Stadtteilgenossenschaft können als folgende Handlungsfelder betrachtet werden (Vgl. Thien/Georgi):

  • Befähigung von Menschen ihre Lebensräume eigenständig zu gestalten
  • Aktivierung und Vernetzung der BewohnerInnen
  • Bereitstellen von Informationen für die BewohnerInnen
  • Erfassung der Bedürfnisse der BewohnerInnen
  • Erfassung der Ressourcen im Gemeinwesen
  • Begleitung und Betreuung bei Integrationsprozessen von Ausgrenzung betroffener Menschen
  • Qualifikation und Weiterbildung betroffener Menschen
  • Förderung sozialer Kompetenzen Betroffener
  • Förderung sozialen Kapitals

Es ist wesentlich, das genossenschaftliche Grundprinzip und Schlagwort der Solidarischen Ökonomie „Selbstorganisation“ nicht als gegebenes Faktum zu betrachten. Selbstorganisationsfähigkeit erfordert einen Lernprozess, der mit Hilfe der Sozialen Arbeit angeregt werden kann. Wieder soll es darum gehen, die Bedingungen zu betrachten, die Menschen zusammenbringen. Die Soziale Arbeit kann ihre Rolle dort finden, wo Lernräume der Selbstorganisation geschaffen und Motivation und Diskussion angeregt werden sollen. Empowerment wird in diesem Sinne als Ermächtigung und Bewusstseinsbildung über bestehende Zustände verstanden. Die Wiederaneignung von ökonomischer Handlungsfähigkeit bedeutet den Blick über eine scheinbare Alternativlosigkeit (TINA 17) neben kapitalistischen Strukturen zu weiten. Die Stadtteilgenossenschaft kann eine Strategie des Machtausgleichs darstellen. Ökonomisches, soziales und politisches Empowerment impliziert eine Umverteilung von Macht, die nicht konfliktfrei abläuft. Grundlegend ist es dabei, eine soziale Bewegung zu etablieren und nicht jede einzelne Initiative für sich agieren zu lassen. Klarheit sollte darüber bestehen, dass Formen der Solidarischen Ökonomie im Einzelnen oder die Methode des Community Empowerments nicht das strukturelle Problem der Dauerarbeitslosigkeit und ihren Folgen bewältigen können. Jedoch können sie als Grundlage eines gesellschaftlichen Bildungsprozesses und ökonomischer Selbstorganisation verstanden werden.

Des weiteren zeichnen sich für mich zwei Erkenntnisse ab: (1) Einerseits bleiben die vielfältigen Potenziale der Formen Solidarischer Ökonomie wie der Stadtteilgenossenschaft immer eingeschränkt, solange sie innerhalb eines kapitalistischen Gesellschafts- und Wirtschaftssystems agieren. Solidarische Strukturen sind kaum nachhaltig zu gestalten, alternative Wertvorstellungen des Wirtschaftens für das gemeinsame Eigene sowie ein alternatives Arbeitsverständnis schwer zu etablieren. Ihr Standpunkt bezüglich des „Richtigen im Falschen“ ist von den VertreterInnen der Solidarischen Ökonomie unklar geblieben. Aufgrund dessen ist die Solidarökonomie als Ideal zu verstehen, deren Anspruch und Grundverständnis als Grundlagen eines politischen und ökonomischen Bildungsprozesses dienen können.

(2) Es fällt auf, dass trotz bereitgestellten solidarischen Strukturen innerhalb der Stadtteilgenossenschaft, diese nicht verstärkt in Anspruch genommen werden. Solidarität, ein gemeinschaftliches Miteinander und Partizipation sind folglich nicht als vorauszusetzende Bedürfnisse der Menschen zu verstehen. Das bedeutet gleichermaßen, dass Ausgrenzung als das Fehlen von Mitbestimmung und Teilhabechancen, nicht als solche bewertet wird. Dies stellt die Definition von Ausgrenzung, die die eigene Wahrnehmung der Benachteiligung impliziert, in Frage. Zudem ist anzunehmen, dass in einer stark durch Meritokratie geprägte Gesellschaft, solidarisches Handeln nicht als Notwendigkeit verstanden wird. Dies sollte Anlass sein, ein Hinterfragen dieser Denkweise und eine Sensibilisierung für zum Ausdruck gebrachte Machtverhältnisse anzuregen. Hierfür ist das Community Empowerment geeignet.

Die Ziele einer auf Community Empowerment ausgerichteten Sozialen Arbeit mögen utopisch klingen. Wann auch dies noch mit dem Arbeitsalltag der GemeinwesenarbeiterIn zu vereinbaren ist, wirft Fragen auf. Die personellen und finanziellen Strukturen der Träger sind eng geknüpft. Es ist allerdings zu hinterfragen, ob die Soziale Arbeit ausführendes Organ der aktiven Arbeitsmarktpolitik des Staates und marktgerechter Ideologien und somit weiterhin Teil der Genese von Armut und Ausgrenzungsprozessen sein möchte. Oder aber, ob sich die VetreterInnen der Sozialen Arbeit mit den strukturellen Ursachen von Armut und Ausgrenzung auseinandersetzen und mit Betroffenen gemeinsam Strukturen etablieren, deren Handeln über Symptombekämpfung hinaus geht. Dazu muss auch eine Auseinandersetzung dieser Berufsgruppe mit sozialpolitischen und ökonomischen Themen im Studium und Beruf, innerhalb der Gewerkschaften, im Berufsverband sowie in der breiten Öffentlichkeit stattfinden.

Die hier dargelegte Ausarbeitung kann besonders für zwei Gruppen von Interesse sein.

Im Laufe der Untersuchung konnte eine schwache Vernetzung der Stadtteilgenossenschaften untereinander festgestellt werden. Die hier dargelegte Auswertung kann als Grundlage dienen, ein Kontaktnetz aufzubauen sowie gegenseitige Inspiration über mögliche Handlungsfelder, Gestaltungsoptionen oder konzeptionelle Ideen zu geben. Die meist ausgeschöpften ehrenamtlichen Strukturen der Genossenschaftsleitung stellen kaum Kapazitäten für eine Evaluation der Tätigkeiten und Strukturen innerhalb der Stadtteilgenossenschaft bereit. Die geschilderten Erfahrungen und Einschätzungen der VertreterInnen von Stadtteilgenossenschaften bieten den Anstoß das eigene Handeln, seine Bedingungen und Ziele, zu hinterfragen und auszuwerten, um möglicherweise erforderliche Entwicklungen voranzutreiben. Darüber hinaus kann das Defizit eines geringen Bekanntheitsgrades genossenschaftlicher Unternehmen, insbesondere von Stadtteilgenossenschaften, durch die LeserInnen dieser Ausarbeitung in kleinem Rahmen behoben werden.

Ebenso können GemeinwesenarbeiterInnen sowie AkteurInnen der Gemeinwesenökonomie durch Konzepte des Community Organizings und Community Empowerments zur Ermöglichung sozioökonomischer Selbstorganisation im Gemeinwesen angeregt und für ihren Bedarf sensibilisiert werden. Es ist die Frage zu stellen, ob auch eine Stadtteilgenossenschaft in ihrem Gemeinwesen geeignet wäre.

In dieser Ausarbeitung nur angerissen, ist eine betriebswirtschaftliche Betrachtung der Stadtteilgenossenschaften, derer es für eine umfassende Analyse ihres Potenzials bedarf. Von Interesse ist es diesbezüglich, die strukturellen Bedingungen zu betrachten, die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens bei einem Maximum an Verwirklichung genossenschaftlicher Prinzipien gewährleistet. In diesem Zusammenhang ist ebenso der Blick aus organisationspsychologischer Perspektive interessant.

Des weiteren ist es für eine stärkere Implementierung von Stadtteilgenossenschaften notwenig, die Verknüpfungsmöglichkeiten zur Gemeinwesenarbeit zu konkretisieren. Die Konzepte des Community Organizings und Community Empowerments geben Anreize, jedoch mangelt es bisher an konkreten Umsetzungsmöglichkeiten. Erschwert wird dies durch die verschiedenartige Gestaltung und den fehlenden Modellcharakter von Stadtteilgenossenschaften. Andererseits ist die Stadtteilgenossenschaft gerade durch eine sehr spezifische Anpassung an die Ressourcen und Bedürfnisse im Stadtteil gekennzeichnet, was zu ihrem Wesen und Stärken zählt.

Durch die Zuwendung zu Formen lokalökonomischer Selbstorganisation kann die gemeinwesenorientierte Soziale Arbeit ihrem Anspruch gerecht werden, bedürfnisorientiert Prozesse der Integration und Partizipation zu fördern. Dazu gehört es auch, Bedingungen und Strukturen dieser Prozesse zu analysieren und gegebenenfalls deren Veränderung anzustreben, das ist der erste Schritt der geforderten (Re-)Politisierung der Sozialen Arbeit. Jedoch ist festzuhalten, dass Armut und Ausgrenzung als mehrdimensionelle Probleme nicht eindimensional auf der Ebene der Sozialen Arbeit bewältigt werden können. Lösungen müssen dort gefunden werden, wo die Ursachen von Armut und Ausgrenzung entstehen – in einem macht- und herrschaftsreproduzierendem Gesellschafts- und Wirtschaftssystem.

„Diese Massen des Volkes waren und sind die Substanz der Gesellschaft. Wenn sie weiterhin sprachlos, teilnahmslos, unbeteiligt, einsam und verlassen in ihrer abgrundtiefen Anonymität bleiben, dann ist es das Ende der Demokratie.“ (Alinsky: 170)


Fußnoten:

  1. Die vollständigen transkribierten Interviews sind nur in der digitalen Fassung der Diplomarbeit angehängt. Die gedruckte Version verfügt über Auszüge der ExpertInneninterviews im Anhang.
  2. Aus Mangel an näheren Informationen sind WiWAt eG Mühlheim und Rundulm Betreuung eG hier nicht aufgeführt.
  3. WOBEGE als Wohnungsgenossenschaft verfolgt seit 1991 kontinuierlich stadtteilbezogenene und arbeitsmarktpolitische Zielsetzungen, so dass sie als „Stadtteilgenossenschaft“ nicht unerwähnt bleiben darf
  4. Die transkribierten Interviews befinden sich im Anhang der digitalen Fassung der Diplomarbeit, auf diesen beziehen sich auch die im Folgenden angegebenen Seitenzahlen.
  5. Belegend die Diplomarbeit von Daniel Georgi und Uwe Thien an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (2005): Soziale Unternehmen – eine Strategie zur Verwirklichung sozialer und gemeinwesenbezogener Zielsetzungen?
  6. Vgl. Vogelsang in Flieger, 2008a
  7. aus dem zur Verfügung gestellten Interviewmaterial von Uwe Thien und Daniel Georgi mit der Stadtteilgenossenschaft Plattenberg eG (Diplomarbeit 2003)
  8. Vgl. Flieger, 2008a
  9. ebd.
  10. ebd.
  11. aus dem zur Verfügung gestellten Interviewmaterial von Uwe Thien und Daniel Georgi, Interview mit der Stadtteilgenossenschaft Plattenberg eG (Diplomarbeit 2003)
  12. ebd.
  13. ebd.
  14. ebd.
  15. ebd.
  16. ebd.
  17. Die Kurzform TINA steht für „There Is No Alternative“, eine Aussage Magaret Thatchers' über die Alternativlosigkeit zum neoliberalen System.