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Sozialgenossenschaften

Geschrieben von Dorothea Engelmann am .

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Dorothea Engelmann, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

Der vorliegende Text ist Teil der Diplomarbeit "Welches Potenzial haben Formen solidarischer Ökonomie zur Bewältigung von Armut und Ausgrenzung und welchen Einfluss können sie auf die Gemeinwesenentwicklung nehmen? (Betrachtung am Beispiel der Stadtteilgenossenschaft)" an der Katholischen Fachhochschule Freiburg (eingereicht am 31.12.2009)


1 Definition und Typisierung

Die Sozialgenossenschaft gehört zu den modernen Genossenschaften und deckt einen sehr vielfältigen Bereich wirtschaftlich tätiger Genossenschaften ab, „deren Mitglieder oder Beschäftigte im sozialen Sektor arbeiten bzw. dort zuzuordnen sind."(Flieger, 2003: 14) Die Sozialgenossenschaften nehmen eine sehr eigenständige Rolle in der Genossenschaftslandschaft ein, was vor allem durch die Abgrenzung der Genossenschaftsverbände von dem Selbstverständnis der Sozialgenossenschaften erzeugt wird (Klemisch/Flieger: 31).

Die Untergliederung von Sozialgenossenschaften und ihre Kennzeichen sind in Tabelle 6 dargestellt (Vgl. Flieger, 2003: 14ff):

Sozialgenossenschaften Betroffener

  • Personen greifen zur Lösung eines sozialen Problems in Selbsthilfe oder erhalten Hilfe von in diesem Bereich beruflich Tätigen zur gestützten Selbsthilfe
  • die Betroffenen erfahren häufig aufgrund besonderer Eigenschaften wie Krankheit, Behinderung oder Randgruppenstatus als Wirtschaftsunternehmen im Wettbewerbs vielfältige Benachteiligungen
  • Bsp.: Arbeitslosengenossenschaften, Blinden- oder Kriegsversehrtengenossen­schaften

Solidarische Sozialgenossenschaften

  • greifen verstärkt auf das Ehrenamt zurück, bzw. Mitglieder bringen unbezahlte Arbeit in die eG ein
  • soziale Hilfestellungen werden aus Solidarität gegeben, Arbeit und Einkommen ist nicht die primäre Motivation der Mitglieder
  • der Nutzen der Kooperative kommt häufig auch Nicht-Mitgliedern zugute

Professionelle Sozialgenossenschaften

  • bieten ihr Leistungsspektrum am Markt an und erhalten als Gegenwert den Marktpreis, wodurch die Mitglieder Arbeit und Einkommen erhalten
  • die Mitglieder gehören meist zu einer qualifizierten Gruppe im Sozialbereich

Tabelle 6: Untergliederung der Sozialgenossenschaften

Jede der drei Formen kann einen förder- oder produktivgenossenschaftlichen Charakter haben. Als Produktivgenossenschaften werden Genossenschaften bezeichnet, wenn ein „nennenswerter Teil der Mitglieder auch Beschäftigte der Genossenschaft sind oder über diese regelmäßig Arbeit erhalten, die nicht in irgendeiner Form der Selbstständigkeit oder Subunternehmerschaft ausgeführt wird."(Flieger, 2003: 14) Der hilfs- oder förderwirtschaftliche Charakter einer Genossenschaft tritt ein, „wenn die Mitglieder über diese Genossenschaft Leistungen beziehen oder einbringen, die der ergänzenden Unterstützung ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit oder ihrer Reproduktion bzw. ihres Konsums im weitesten Sinne dienen." (ebd.)

Die Genossenschaft, nicht ausschließlich die Sozialgenossenschaft, ist durch eine Doppelnatur als Sozial- und Wirtschaftsorganisation gekennzeichnet, die unterschiedliche Ansprüche mit sich bringt. Das Förderprinzip der Genossenschaft als wesentliches Merkmal dieser bringt zum Ausdruck, dass nicht die Kapitalverwertung, sondern die Mitgliederförderung im Vordergrund steht. In Anbetracht der Genossenschaft als Sozial- und Wirtschaftsorganisation kann somit zwischen wirtschaftlicher Produktivität und mitgliederorientierter Effektivität als Förderungsziel unterschieden werden. Jeweils werden die Aspekte der Ertragserzielung und Ertragsverwendung differenziert. Mögliche Auswirkungen einer Berücksichtigung der Förderziele sind in Tabelle 7 dargestellt und verdeutlichen in ihrer Gegenüberstellung das Spannungsverhältnis innerhalb einer Genossenschaft.

Bedingungen

Mitgliedsorientierte Effektivität

Wirtschaftliche Produktivität

Ertragserzielung

Angenehme Arbeitsbedingungen, interessante Tätigkeiten, verkürzte Arbeitszeiten

Starke Rationalisierung, ausgeprägte Arbeitsteilung, hohe Arbeitsintensität

Ertragsverwendung

Rückvergütung nach Arbeitsstunden, verstärkte Sozialleistungen, Überstundenausgleich, Erfolgsbeteiligung pro Person nicht nach gezeichneten Anteilen

Firmenwerterhöhung durch Rücklagen oder Ausschüttungen nach Einlagen

Tabelle 7: Auswirkungen des Förderprinzips der Genossenschaft im Sinne einer Sozial- und Wirtschaftsorganisation (Vgl. Flieger, 2003: 18)

Im Folgenden werden die förderwirtschaftlichen Ziele der Sozialgenossenschaften anhand der eben beschriebenen Bedingungen vergleichend als Übersicht dargestellt (Vgl. Flieger, 2003: 18ff).

Mitgliederorientierte Effektivität

Wirtschaftliche Produktivität

Solidarische Sozialgenossenschaft

Sozialgenossenschaft Betroffener

Professionelle Sozialgenossenschaft

Solidarische Sozialgenossenschaft

Sozialgenossenschaft Betroffener

Professionelle Sozialgenossenschaft

Ertrags­erzielung

Solidarischer Austausch, Gruppenzusammenhalt, preisgünstiger oder kostenloser Bezug der angebotenen Leistungen

Hilfe zur Selbsthilfe, Austausch Betroffener, individuelle Betreuung

Erhalt Berufsethos, Vermarktung vorhandener Produkte, hoher Preis, niedriger eigener Arbeitseinsatz

Geringe Betriebskosten, einfache Tätigkeiten, professionelle Ausübung des Ehrenamtes

Professionelle Betreuung, hauptamtliche Verwaltung, staatliche Förderung

Gute Fachausbildung, rationelle Dienstleistung (Qualitätsmanagement), geringer Bezugspreis, Produktvielfalt, standardisierte Produktqualität

Ertragsverwendung

Anerkennung von Engagement, Einfluss durch Mitarbeit, Hoffnung auf Gegenleistung

Ausbau ehrenamtlicher Betreuung, kostenlose Zusatzleistungen, Akquisition von Spenden

Rückvergütung nach Umsatz, Beratung und Betreuung, PR-Arbeit und Marketing

Steuervermeidung, Verzicht auf Ausschüttung von Überschüssen, Ausbau der Vernetzung

Rücklagenbildung und Firmenwerterhöhung, keine Gewinnausschüttung, Investitionen in bezahlte Angebote

Rücklagenbildung, Ausschüttung nach Kapitalanteilen (Werterhöhung des Unternehmens), Investitionen in Rationalisierung

Tabelle 8: Vergleichende Zusammenstellung des Förderprinzips von Sozialgenossenschaften

Gegenwärtig bestehen circa 200 Sozialgenossenschaften in Deutschland mit leicht wachsender Tendenz. Flieger unterscheidet sechs Teilgruppen der Sozialgenossenschaften (u.a. Flieger, 2009):

  1. Arbeitslosengenossenschaften (Bsp. SAGES eG Freiburg, Cena et Flora eG Riesa)
  2. Wohnungsgenossenschaften in sozialen Brennprunkten (Bsp. Wohnungsbaugenossenschaft „Am Beutelweg" Trier)
  3. Schulgenossenschaften (Bsp. Eichenschule in Scheeßel)
  4. Sekundärgenossenschaft der Behindertenwerkstätten v.a. zur Sicherung und Beschaffung von Arbeitsplätzen (Bsp. Kassel, Sindelfingen, Hamburg)
  5. Verwaltungsgenossenschaften sozialer Einrichtungen, Betriebsgenossenschaften als Verwaltung von Gebäuden und Grundstücken (Bsp. Spastikerhilfe Berlin eG, Krankenpflegeverein eG Salzhausen)
  6. Seniorengenossenschaften, v.a. Wohnungsgenossenschaften für ältere Menschen nach dem Schwäbisch-Hall-Modell (Bsp. u.a. in Löffingen, Buchen, Goslar)

2 Perspektiven und Herausforderungen der Sozialgenossenschaften

Genossenschaftsexperten gehen von einem positiven Trend für genossenschaftliche Neugründungen insbesondere im sozialen Sektor aus. Göler von Ravensburg (Vgl. 2006b) geht von einer wachsenden Gefahr zunehmender Marktferne für NutzerInnen sozialer Dienstleistungen aus und betont die derzeitig intensive Suche nach neuen Organisations- und Finanzierungsstrukturen im Gesundheits- und Sozialwesen. „Die öffentliche und freie Trägerschaft sucht händeringend nach neuen Wegen, private, bürgerschaftliche und lokale Ressourcen für die lokale Ökonomie und das lokale Zusammenleben sowie für das Gesundheits- und Sozialwesen zu mobilisieren." (ebd.) Auch Flieger betont die mögliche Vereinbarkeit von wirtschaftlichem Förderauftrag und sozialpolitisch verantwortlichem Handeln. Die Entwicklungen von Sozialgenossenschaften werden vor allem dann einsetzen, wenn der Bedarf am größten ist. Dies sind Bereiche der Arbeitslosigkeit, im Umfeld „sogenannter überforderter Nachbarschaften bzw. vernachlässigter Wohngebiete" und bei solidarökonomischen Projekten mit dem Ziel der nachhaltigen Organisation wirtschaftlicher Förderung benachteiligter Randgruppen (Flieger, 2004: 35).

Die Herausforderung der Entwicklung von Sozialgenossenschaften besteht vordergründig in ihrer Etablierung und Bekanntmachung, was eine entsprechende Beratung und Ermutigung verlangt. In der Kritik stehen diesbezüglich die Genossenschaftsverbände, die monopolartig das Service- und Beratungsangebot vertreten. Konkreter auf die Sozialgenossenschaften bezogen, haben sich verschiedene Konfliktpotenziale aufgezeigt.

Die Sozialgenossenschaften Betroffener ist geprägt durch eine starke soziale Differenzierung ihrer Mitglieder, die häufig aufgrund „benachteiligender Eigenschaften" schwer in Arbeitsverhältnisse vermittelt werden können. Der Erhalt der produktivgenossenschaftlichen Unternehmensform stellt sich als Herausforderung dar. Eine oftmals professionelle Stammbelegschaft oder Kerngruppe (Sozialpädagogen, Malermeister etc.) dominiert meist die Entscheidungs- und Eigentumsstruktur, deren Arbeitsplätze primär finanziell gesichert sind. „Das Identitätsprinzip wird auf diese Weise stark durchbrochen. Die Gefahr eines Zwei-Gruppen-Systems – der Professionellen und der Klienten – liegt nahe." (Flieger, 2004: 37f.) Durch die Unterteilung in Professionelle und Klienten wird das Potenzial der gleichberechtigten Entscheidungsfindung verhindert, was eine hohe Fluktuation gleichermaßen als Ursache und Folge werden lässt.

Ein ähnliches Konfliktfeld zeichnet sich in den Solidarischen Sozialgenossenschaften ab – hier zwischen Ehrenamtlichen und Professionellen. Die Spannung verstärkt sich insbesondere durch eine erforderliche (meist bezahlte) professionelle Betreuung der Ehrenamtlichen, die eigentliche Stärke der Solidarischen Sozialgenossenschaft, und dem Gefühl der Benachteiligung der Ehrenamtlichen aufgrund ihres unbezahlten Engagements. Für Flieger kristallisieren sich daher zwei Gruppen von Sozialgenossenschaften heraus, die Ökonomisten und die Idealisten, die sich durchaus in einem kontinuierlichen konstruktiven Disput befinden können (ebd.).

Die Professionellen Sozialgenossenschaften besitzen unter den drei Typen die größte Chance den genossenschaftlichen Charakter zu erhalten und verschiedene Partizipationsmöglichkeiten zu etablieren, was für die Identifikation und Motivation der Mitarbeiter ausschlaggebend ist. Als Schwierigkeit wird hier die Vernachlässigung des Berufsinteresses durch den steigenden Wettbewerbsdruck gesehen. Wie in konkurrierenden Marktunternehmen verfolgen die Mitglieder ihre Persönlichkeitsinteressen nur außerhalb der Genossenschaft und verringern ihre Identifikation mit der eG. Diese Phänomene führen zu einem Verlust der langfristigen Leistungsfähigkeit der Professionellen Sozialgenossenschaft (ebd.).

Für die drei Typen der Sozialgenossenschaft kann festgestellt werden, dass ein größeres konkretes Handlungswissen für betriebswirtschaftliche und soziale Leistungen in partizipativ strukturierten Betrieben von Vorteil ist. Flieger fordert in diesem Zusammenhang eine „Ökonomisierung der Genossenschaft" bzw. der Genossenschaftslehre. Es sei erforderlich neue Konzepte und Strategien eines Managements der Genossenschaft zu entwickeln, indem beispielsweise betriebswirtschaftliche Konzepte auf genossenschaftliche Ansprüche angepasst, nicht lediglich übertragen werden. Mit dieser Forderung geht er scheinbar von einer derzeitigen Dominanz der Idealisten im Vergleich zu den Ökonomisten in genossenschaftlichen Strukturen aus.

„Die Weiterentwicklung wirtschaftlicher Prozesse mit sozialen Innovationen, so dass die den jeweils aktuellen Anforderungen an Zukunftsfähigkeit genügen, wird somit als Sozialinnovatives Management bezeichnet." (ebd.: 41) Ein wesentliches Element des sozialinnovativen Managements einer Betriebswirtschaftslehre der Kooperative ist die Erweiterung der sozialen Kompetenz, die beispielsweise eine zusätzliche Qualifizierung zur gemeinschaftlichen Bewältigung von Entscheidungsproblemen beinhaltet. Ein solches Managementkonzept ist bisher noch nicht ausgearbeitet oder entwickelt, weitere Inhaltspunkte könnten sein (ebd.):

  • demokratische Unternehmensplanung
  • solidarische Finanzierung
  • teamorientierte Koordination
  • genossenschaftliche Beteiligung
  • kollektive Personalentwicklung
  • föderale Vernetzung
  • konstruktive Konflikthandhabung
  • dialogisches Marketing
  • umweltverantwortliche Beschaffung

Die Evolution des Genossenschaftswesens hinsichtlich vertiefender ökonomischer Kenntnisgewinne, kann einen Beitrag zur Bearbeitung genossenschaftlicher Schwachpunkte leisten. Zu diesen zählen in erster Linie Schwächen bei der Organisation, der Konflikthandhabung und beim Management, eine schwierige Finanzierung und Eigenkapitalaufbringung. Außerdem stellen Wettbewerbsfähigkeit und die Sicherung eines dauerhaften Auftragsbestands größere Herausforderungen dar (Flieger, 2004: 39f.)


3 Sozialgenossenschaften als Akteure im Dritten Sektor

Der Bedeutungszuwachs des Dritten Sektors wurde vorangehend beschrieben, ebenso die große Herausforderung einer zunehmenden Ökonomisierung und Umstrukturierung eines genuin Non-Profit-Sektors standzuhalten. Bei einem wachsenden Teil des sozialen Sektors kann nicht mehr von Non-Profit-Bereich gesprochen werden, da Leistungen frei am Markt angeboten werden. Zugespitzt durch die globale Erweiterung und Öffnung des Marktes ist auch die privilegierte Stellung der Wohlfahrtsverbände bedroht. Durch die darüber hinaus stetigen Kürzungen des finanziellen Budgets des öffentlichen Haushalts entsteht ein sozialpolitisches Paradoxum: „Die sozialstaatlichen Korrekturen zur Bewältigung von marktwirtschaftlich nicht bewältigter, großteils sogar erzeugter Armut wird versucht mit marktwirtschaftlichen Mitteln zu bewältigen. Analoge Veränderungen und Paradoxien zeigen sich im gesamten sozialen Sektor. Das heißt, auch die dortigen Probleme werden mit den Mitteln bekämpft, die sie erzeugen."(Klemisch/Flieger: 30)

Daraus folgt konsequenterweise ein erhöhter Druck auf Sozialbetriebe in ihrer Wirtschaftlichkeit und Leistungsfähigkeit, der häufig mit Managementtechniken ausgeglichen werden soll. Wenn Sozialbetriebe in ihren primär sozial ausgerichteten Verpflichtungen dem nicht gerecht werden können, rücken Genossenschaften in das Zentrum der Betrachtung. Genossenschaften besitzen das Potenzial den ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Veränderungen standzuhalten und den Strukturen des sozialen Sektors mit anderen Formen der rechtlichen Organisation zu begegnen (ebd.).

Genossenschaften als Akteur im Dritten Sektor zu betrachten ist allerdings keine einstimmige Meinung in Fachkreisen. Die deutschen Genossenschaftsverbände sprechen sich gegen eine Verortung von Genossenschaften im Dritten Sektor aus, und verstehen sie als Teil des privaten Sektors (Vgl. Elsen, 2004b). Hinzu kommt die Inakzeptanz der Wohlfahrtsverbände gegenüber Genossenschaften im Dritten Sektor. „Die Wohlfahrtsverbände sind bemüht, das Monopol über den lukrativen, überwiegend staatsfinanzierten Markt der Verwertung der nicht Verwertbaren zu behalten, der sich unter dem Subsidiaritätsprinzip in Deutschland herausgebildet hat." (ebd.) Wolfgang Seibel bezeichnet es als „funktionalen Dilettantismus", wenn der Dritte Sektor, weitgehend bestehend aus den traditionellen Wohlfahrtsverbänden, immer dann handeln muss, wenn staatliches und marktliches Versagen nicht mit den verursachenden Systemen in Verbindung gebracht werden soll (Elsen, 2004b). Auf europäischer Ebene wird vermehrt die Gemeinwohlorientierung der Genossenschaft in den Fokus gestellt, die dadurch eindeutiger als Economie Sociale bewertet wird.

Die bisher aufgeführten Konfliktfelder des Dritten Sektors bestehen gleichermaßen für die Bedingungen und Grundlagen der Sozialen Arbeit. Aufgrund veränderter gesellschaftlicher Bedingungen wandelte sich die Herangehensweise der Sozialen Arbeit. Strukturelle Arbeitslosigkeit mit all ihren Folgen, die Institutionalisierung und die permanenten Finanzierungsengpässe, stellt die Soziale Arbeit vor bedeutende Herausforderungen und zwingt sie in eine Position zwischen Staats- und Marktversagen. „In weiten Bereichen der sozialen Dienste können Produktionskosten, insbesondere Kapital- und Personalkosten, kaum noch eingespart werden, ohne dass die Qualität der Dienstleistungen leidet." (Göler von Ravensburg, 2004: 81) Einsparungspotenziale werden vor allem in der Vermeidung von Fehlallokationen gesehen. Möglichkeiten bestehen dahingehend zum einen bei der Förderung „koordinationskosten-sparenden Organisationen", d.h. die Mobilisierung Betroffener für die Partizipation und gleichzeitig eine neu gestaltete soziale Kontrolle (Aktivierungspolitik). Zum anderen werden administrative Einsparungen im Staatshaushalt und Produktivkostenersparnisse im sozialen Dienstleistungssektor notwendig. Dies beinhaltet vordergründig eine Output-Steuerung (im Sinne gesellschaftlicher Folgen, Wirkung bei Dritten) beispielsweise durch New Public Management, die erhöhte Mitwirkung Ehrenamtlicher und die Reduzierung des Abbruchs oder der Verweigerung sozialer Hilfemaßnahmen. Besonderheiten der Dienstleistungen des sozialen Sektors ist die Untrennbarkeit von Produktion und Konsum der Dienstleistung sowie die Tatsache, dass soziale Dienstleistungen keine beliebig handelbaren Güter sind (ebd.: 81ff). „Soziale Arbeit vorrangig nach Marktprinzipien zu organisieren, ist in den meisten Feldern weder möglich noch sinnvoll, da die Angebote sowohl qualitativer wie auch in quantitativer Hinsicht durch Gesetze, Verordnungen, öffentliche Haushalte festgelegt werden." (Klemisch/Flieger: 31)

Sozialgenossenschaften tragen das Potenzial, den veränderten Ansprüchen an die Soziale Arbeit gerecht zu werden. Der gewünschten Effizienz und Effektivität kann nicht nur in der Leistungserbringung sondern auch durch die Organisationsstruktur Rechnung getragen werden. Die Organisationsform der Genossenschaft hat die Fähigkeit zur Integration und ermöglicht eine Identitätswahrung. „Häufig spielen Fragen der Teilhabe an der Steuerung der Erbringerorganisation eine ebenso große Rolle wie der wirtschaftliche Erfolg." (Göler von Ravensburg, 2004: 90f.) Besonders geeignete Zielgruppen für die genossenschaftlich organisierte Sozialen Arbeit stellen, in Anlehung an Flieger, in erster Linie Arbeitssuchende und Senioren dar. Darüber hinaus empfiehlt sich eine genossenschaftliche Organisation für bisher häufig in Vereinen organisierten Gruppen der Familien mit Kinderbetreuungsbedarf, behinderte Menschen, Migranten oder ExistenzgründerInnen in den sozialen Professionen (ebd.). Die Identität der verschiedenen Genossenschaftsmitglieder folgert ein Bündel aus hoch komplexen Zielsetzungen und bedarf strategische Gruppen- und Aushandlungsprozesse für die finanzwirtschaftlichen Verteilungs- und Verwendungsregelungen. Das macht eine speziell genossenschaftliche Führung notwendig und erfordert gleichzeitig betriebswirtschaftliche Kompetenzen, die zumeist im Bereich der Sozialen Arbeit nur geringfügig ausgebildet sind.


4 Betrachtung von Selbsthilfegenossenschaften aus der Arbeitslosigkeit

„Als Selbsthilfe gilt der Zusammenschluss einer Gruppe von Menschen, die Ausgrenzung und Benachteiligung erfahren oder unterhalb der Armutsgrenze leben, und die sich über wirtschaftliche Tätigkeiten in einer Organisation selbst helfen." (Klemisch/Flieger: 37) Als Selbsthilfe aus der Arbeitslosigkeit kennt man vor allem die Ich-AG[1] als Existenzgründerhilfe für Arbeitslose. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) zieht 2009 eine positive Bilanz der Ich-AG zur Re-Integration von Arbeitslosen in den ersten Arbeitsmarkt[2]. Derartige arbeitsmarktpolitische Maßnahmen besitzen in erster Linie ein kurzfristiges Potenzial, Menschen einen Weg aus der Arbeitslosigkeit zu ermöglichen. Weniger beachtet wird jedoch, das solche Existenzgründungen mit Überforderungen der Einzelnen einhergehen können. Selbsthilfe mit mehreren Betroffenen bietet durch Kräftebündelung einen geschützteren Rahmen und bessere Möglichkeiten der Vernetzung. „Die relative Gleichheit motiviert zu mehr Einsatz und stärkt die Identifikation [...]."[3] Die Genossenschaft fungiert in diesem Sinne als Wir-AG, der es für ein erfolgreiches Wirtschaften gemeinsame Anstrengungen, Lernprozesse und Qualifizierungen bedarf. Zu bedenken gilt es, dass die Betroffenen möglicherweise negative Vorerfahrungen haben, die sensibel in den Gruppenprozess miteinbezogen werden müssen (Vgl. Klemisch/Flieger: 37).

Selbsthilfegenossenschaften aus Arbeitslosigkeit können in Beschäftigtengenossenschaften, Selbstständigengenossenschaften und Multistakeholder-Genossenschaften untergliedert werden. Bei Beschäftigtengenossenschaften schließen sich Arbeitslose zusammen und versuchen sich selbst durch die Genossenschaft in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu bringen. Sie werden in ihrer eigenen Genossenschaft angestellt.

In Multistakeholder-Genossenschaften sind sehr viele unterschiedliche Rollen und Funktionen unter einem Dach zusammengeschlossen, beispielsweise bei einer Stadtteilgenossenschaft. Es wirtschaften Kunden, Förderer, Beschäftigte, Unternehmer, Kommunalvertreter etc. gemeinsam, um im Beispiel der Stadtteilgenossenschaft den Stadtteil wirtschaftlich und sozial attraktiver zu gestalten.

Bei Selbstständigengenossenschaften sichern UnternehmerInnen ihre Existenzgründung ab, indem sie Unternehmensleistungen wie Akquisition, Verwaltung, Rechnungswesen, Raumorganisation gemeinsam organisieren.

Das Wesen einer Selbsthilfegenossenschaft aus Arbeitslosigkeit besteht darin, dass trotz des ökonomischen Nutzens der Genossenschaft für ihre Mitglieder, soziale Aspekte wie Partizipation, Empowerment und Selbstverantwortung gleichermaßen geltend gemacht werden. Aufgrund dessen „lässt sich vermeiden, dass Betroffene entmündigt und zu rein passiven Betreuten werden." (Klemisch/Flieger: 38)


5 Das Modell der Multistakeholder-Genossenschaft

Multistakeholder-Genossenschaften (MSG), als Zusammenschluss von zwei oder mehrerer Gruppen (z.B. Betroffene, Verbände, Vereine, Initiativen, Kirchen, Unternehmen), zielen vor allem auf sozial- und arbeitsmarktpolitische Innovation im lokalen und regionalen Raum ab. Es wird ermöglicht, örtliche Ressourcen besser zu nutzen und Aufgaben im öffentlichen Interesse effektiv zu organisieren. MSG sind interessante Modelle der sozialen Kommunalpolitik. Die Vernetzung der Mitglieder ist im Gemeinwesen anzulegen, wodurch über einen längeren Zeitraum eine Einbindung ermöglicht werden kann. In dem Verbund können sich unterschiedliche Bedarfe und Angebote ergänzen und eine sozialproduktive Nutzung verschiedener Ressourcen ermöglichen. MSG können dazu beitragen, dass BürgerInnen mit Unterstützung ihre Belange in Kooperation mit öffentlichen und privaten Akteuren selbstständig innerhalb der kommunalen Genossenschaft regeln. Diese kann als Private-Public-Partnership (PPP) öffentliche Aufgaben übernehmen. Im genossenschaftlichen PPP ist Kooperation und nicht privates Profitinteresse der Motor des Handelns. MSG können langfristig gemeindenahe Versorgung und den Zugang für einen Großteil der BürgerInnen sichern. Elsen nennt u.a. die Bereiche der öffentlichen Versorgung (Wasser, Energie), soziale und gesundheitliche Einrichtungen, Organisationen örtlicher notwendiger Arbeit oder das Feld der Stadtentwicklung (Elsen, 2007: 307ff). Der Beibehalt der genossenschaftlichen Prinzipien ist dabei wesentlich. Demzufolge gilt auch das Demokratieprinzip, wodurch die Dominanz eines stärkeren Stakeholder verhindert wird (ebd). Den Charakter der Selbsthilfeorganisation behält die MSG, nach Münkner, aufgrund des freiwilligen Zusammenschlusses von juristischen und privaten Personen, Fremdhilfe bei der Gründung oder die Förderung durch öffentliche Mittel sei dabei nicht ausgeschlossen (Münkner: 8f.).

„Es soll jedoch nicht verschwiegen werden, dass eine solche Multistakeholder-Genossenschaft – die vielfältige ideelle Werte ihrer Partner zu berücksichtigen hat, schwieriger zu steuern ist als eine Genossenschaft, in der es nur Mitglieder mit gleichgerichteten Interessen gibt." (Göler von Ravensburg, 2006a Die Interessenharmonisierung gehört also zu den größten Herausforderungen einer Multistakeholder-Genossenschaft. „Diese Interessenharmonisierung lässt sich durch die bei herkömmlichen Genossenschaften typische demokratische Methode „ein Mitglied - eine Stimme" nicht erreichen, da in diesem Falle in der Regel die zahlenmäßig größte, aber von ihren Beiträgen her schwächste Gruppe den Ausschlag geben würde." (Münkner: 24) Wichtig ist es deshalb für solche Genossenschaft neben einem entsprechenden formalen Rahmen aus Satzung und Geschäftsordnungen, geeignete und vor allem reaktionsschnelle Steuerungs- und Kontrollprozesse zu entwickeln (Vgl. Göler von Ravensburg, 2006a). In Italien, Kanada, Portugal und Frankreich hat das Modell der Multistakeholder-Genossenschaft bereits Ende der 90er Jahre zu einer entsprechenden Ergänzung des Genossenschaftsrechtes geführt (Vgl. Münkner).


6 Genossenschaften als Organisationen der Gemeinwesenökonomie

Mithilfe kleiner lokalorientierter Genossenschaften kann nicht das Problem der strukturellen Arbeitslosigkeit behoben werden, dennoch können Genossenschaften Lernprozesse für eine neue Wirtschaftskultur initiieren. Diese beruht auf die Bevölkerungs- und Bedarfsstrukturen des lokalen und regionalen Gemeinwesens und soll in einem eigenen gemeinwirtschaftlichen Sektor verankert werden. Das Ziel ist die Wiederaneignung sozialproduktiver Handlungskompetenz der Menschen und der Handlungsfähigkeit des Gemeinwesens. Die Organisation eines gemeinwirtschaftlichen Basissektor kann als genossenschaftliche Selbstorganisation gedacht werden (Elsen, 1997: 222ff).

Die Betrachtung von Genossenschaft als Chance für das Gemeinwesen verdeutlicht die Förderung des Gemeinwohls durch Genossenschaften und geht demnach über die bloße Mitgliedsförderung im Sinne des Förderungsprinzips hinaus. „Die Reduzierung genossenschaftlicher Idee und Praxis auf gemeinsame Durchsetzung wirtschaftlicher Ziele entspricht die Überbewertung bzw. alternativlose Betonung des Förderprinzips, die ausschließliche Mitgliedsorientierung, durch die bundesdeutsche Genossenschaftslehre und -praxis." (ebd.: 225) Um tatsächlich eine andere Wirtschaftskultur zu etablieren, muss eine soziale Verantwortung über den Kreis der Genossenschaftsmitglieder hinaus gehen.

Genossenschaften stellen, nach Elsen (2003: 67), zwar eine äußerst anspruchsvolle aber dennoch die ideale Organisationsform des Gemeinwesens dar. Dieses Potenzial ist auszuschöpfen, insofern die Bedingungen dies ermöglichen, gerade wenn es u.a. um die Integration benachteiligter Gruppen gehen soll. Die sozialökonomische Entwicklung der Genossenschaft folgt der Logik des Gemeinwesens, indem in kooperativer Form Potenziale mit lokalen Bedürfnissen verknüpft werden. Der Steuerungsmodus ist Solidarität. Solidarität ist Bestandteil und Ergebnis von Demokratie als Prinzip gemeinschaftlichen Lebens und „verteidigt den Wert des Individuums unabhängig von seiner Sozialnützlichkeit." (zitiert Grimm in Elsen, 1997: 95) Das Kapital hat dienende Funktion zugunsten des „komplexen gemeinwohlorientierten Zielsystems". Ressourcenflüsse werden gezielt gelenkt, was in benachteiligten Quartieren eine besondere Rolle spielt, um einer Abwärtsspirale und Desinvestitionsphänomenen entgegen zu wirken. „Die besondere Eignung genossenschaftlichen Wirtschaftens zur Entwicklung der Gemeinwesenökonomie resultiert aus den genossenschaftlichen Grundprinzipien Selbsthilfe, Selbstkontrolle und Selbstverwaltung. Sie sind Operationalisierungen des Subsidiaritätsprinzips." (Elsen, 2003a: 69) Elsen beschreibt des weiteren Argumente für eine genossenschaftliche Organisation der Gemeinwesenökonomie wie folgt (ebd.: 69ff):

  1. Lokale Genossenschaften wirken einer Abhängigkeit von Staat und Markts entgegen (auch ganz im Sinne einer befähigenden Aktivierungspolitik)
  2. Genossenschaften werden von den Beteiligten selbst getragen (Selbsthilfe)
  3. das „Kirchturmprinzip" ermöglicht Identifikation der BürgerInnen als Mitglieder der Genossenschaft
  4. das Identitätsprinzip schaltet den Markt für die Beteiligten aus, dies führt zur maximalen Mitgliederorientierung, bietet Einleitung von Selbstorganisationsprozessen
  5. durch das Demokratieprinzip schließen sich Wirtschaftssubjekte in demokratischen Strukturen zusammen, die Gleichstellung der Mitglieder bedingt die „Neutralisierung des Kapitals"
  6. Genossenschaften gewährleisten ein höchstes Maß an bedarfsgerechtem Wirtschaften
  7. Genossenschaften sind als Personengesellschaften lernende Organisationen und Teil einer dynamischen sozialen Gemeinwesenentwicklung

Genossenschaftliche Handlungsfelder der Gemeinwesenökonomie bestehen in der Verbindung nachhaltiger lokaler Entwicklung mit sozialökonomischer Institutionenbildung. Dazu zählt ebenso die Erhaltung und Schaffung lokaler Basisstrukturen der Produktion von Gütern und Dienstleistungen in arbeitsintensiven Bereichen. Sie sind ausgerichtet auf lokale Bedarfe und die Verknüpfung lokaler Arbeits- und Wirtschaftsförderung. Darüber hinaus kann ein Handlungsfeld genossenschaftlicher Gemeinwesenökonomie die Bereitstellung der sozialen und gesundheitlichen Infrastruktur, des Bildungswesens und der Lebensgüter darstellen. Als wesentliche Aufgabe aktiver und gestaltender Sozialpolitik ist auch die kooperative Organisation sozialer, ökonomischer und kultureller Belange von BürgerInnen in den Bereichen Arbeiten, Wohnen, intergeneratives Zusammenleben und wohnortnahe Dienstleistungen zu beachten (Elsen, 2007: 278f.)

„Die Erschließung der Arbeit im Gemeinwesen in durchlässige Formen der Eigenarbeit, des Tauschs, der Nachbarschaftshilfe [...] wäre möglich. Den sozialökonomischen Kern bilden kooperative Verbundsysteme und Netzwerke aus genossenschaftlichen Unternehmen, die zentrale Belange des Gemeinwesens bedarfsorientiert organisieren." (ebd.: 280)


7 Herausforderung einer Genossenschaftsgründung und mögliche Hilfestellungen

Die mit Genossenschaften verbundenen Chancen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Genossenschaften eine „aufwendige, schwer zu realisierende und mühsam aufrecht zu erhaltende" Organisationsform mit hohen Anforderungen darstellt. Im Vergleich zum europäischen Ausland kam es in Deutschland zu recht wenigen Genossenschaftsgründungen im sozialen Sektor. Ausschlaggebend dafür sind spezielle Barrieren, die mitunter schon vor der Gründung auftreten. Flieger (2003: 140) zählt dazu den Mangel an Kenntnissen über die Rechtsform Genossenschaft, Defizite bei Beratung und Qualifizierung, Mangel an geeigneten Finanzierungsformen, Defizite bei Kooperationsfähigkeit und Motivation sowie das Fehlen praxisnaher Entscheidungshilfen. Zudem erfolgt das Wirtschaften meist in prekären ökonomischen Nischen, bestehen Zugangsrestriktionen und Abschottungsmechanismen des Marktes, die als Behinderungsstrukturen neben dem Mangeln an relevanten Erfahrungen der AkteurInnen gegeben sind (Elsen, 1997: 72). Hinzu kommt, dass Genossenschaften als „Kinder der Not" besonders zu ungünstigen Zeiten gegründet werden, was einerseits besonders ideelle Beweggründe, andererseits jedoch Unsicherheiten innerhalb und im Umfeld der Genossenschaft mit sich bringen (Vgl. Flieger, 1996: 136). Für Selbsthilfegenossenschaften ist es ausschlaggebend ausreichend selbstbewusste Mitglieder zu finden, die motiviert sind, sich durch eigene Leistungen auf Dauer von staatlichen Transferleistungen unabhängig zu machen.

Oppenheimer, Soziologe und Nationalökonom, beschrieb als drei wesentliche Gründe des Scheiterns von Produktivgenossenschaften: Mangel an Kapital, Absatz und Disziplin (Vgl. Flieger, 1996: 136) Was Oppenheimer als Disziplinproblem bezeichnet, entsteht aus der Heterogenität einer Organisation durch vielfältige Persönlichkeiten und Interessendifferenzen. Es ist nicht abwegig, diese Gründe auf Sozialgenossenschaften zu übertragen. „Er nennt die Person, für die die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation im Vordergrund steht, den Idealisten, der das Ziel und nicht den Weg kennt, den Demagogen, den Neider und die vielen Mitläufer." (Elsen, 1997: 72)

Nach Oppenheimer scheitern Selbsthilfegenossenschaften nur selten an geringer Arbeitsproduktivität, sondern an kaufmännischen Problemen, die zumeist auch einen Rückgang von partizipativen Strukturen mit sich bringen. Darüber wird die Funktionsfähigkeit einer Selbsthilfegenossenschaft fehlenden Leistungsvoraussetzungen oder aus internen Spannungen und Unzufriedenheit bedroht (Runkel: 83ff).

Als verbreitete „Bedrohung" des Genossenschaftswesens ist die „Kapitalisierung" einer gut funktionierenden Genossenschaft. „Genossenschaften können tatsächlich an wirtschaftlichem Erfolg scheitern oder mangels wirtschaftlichen Erfolges." (Elsen, 1997: 72) Scheitern Genossenschaften nicht an wirtschaftlichen Schwierigkeiten, besteht im Alltag die Gefahr das übergeordnete Ziel des kooperativen Handelns, sozialproduktives Lernen oder demokratische Selbstverantwortung aus den Augen zu verlieren.

Der Unterstützungsbedarf von Selbsthilfegenossenschaften ist umfangreich, aber gerade im sozialen Sektor gibt es kaum fachliche Beratungen. Die innova-eG (www.innova-eg.de) als Entwicklungsagentur für Selbsthilfegenossenschaften hat sich dies zur Aufgabe gemacht und leistet u.a. Hilfestellung bei der Gründung von Sozialgenossenschaften (Vgl. Flieger, 2009).

Auf Grundlage von Erfahrungswerten beurteilt Flieger genossenschaftliche Neugründungen von Arbeitslosen als prekäre Genossenschafsgründungen. Ein genossenschaftliches Franchisesystem kann einen Beitrag leisten, Gründungen über ein reproduzierbares Unternehmenskonzept zu erleichtern. Franchising ist ein Vertriebssystem, durch das Waren, Dienstleistungen oder Technologien vermarktet werden. Der Franchisegeber gewährt seinem Franchisenehmern das Recht und legt ihnen gleichzeitig die Verpflichtung auf, ein Geschäft entsprechend seinem Konzept zu betreiben (Vgl. Deutscher Franchise Verband e.V.[4]). Klassische Franchisegeber vermeiden es jedoch mit Zielgruppen zusammenzuarbeiten, die am Arbeitsmarkt benachteiligt sind. Die Entwicklung wird nur erfolgen, wenn ein mehrfach einsetzbares Konzept (ein genossenschaftliches Franchisesystem mit sozialer Ausrichtung) unterstützt und gefördert wird. Die Herausarbeitung und Sicherstellung des Förderauftrags der Genossenschaft ist dabei nicht zu vernachlässigen. Das „KoopFranchise" ist als begrenzte Hilfestellung von außen zu betrachten, die die Selbsthilfe nicht verhindert, sondern in Form von Empowerment erst zum Tragen bringt (Vgl. Flieger, 2008). Flieger beschreibt Genossenschaften als lernende Organisation (u.a. Flieger, 1996) und dies soll hier als grundlegendes Verständnis gelten. „Menschengerechte Ökonomien sind abhängig von den Lernprozessen und den Lebensumständen der Menschen, die sie betreiben." (Elsen, 1997: 71) Damit sind sie an Lebensprozesse gebunden und ständigen Veränderungen unterworfen.


Fußnoten:

[1]  Die Ich-AG wurde 2006 durch den „Gründungszuschuss" als neues Förderinstrument abgelöst

[2]  Bericht des IAB abrufbar unter: http://doku.iab.de/kurzber/2009/kb0309.pdf (Datum der Einsichtnahme: 31.10.2009)

[3]  ifpro Institut für Fortbildung und Projektmanagement, abrufbar unter: http://www.ifpro.de/proj/nat_projekt.cfm?ot_id=11&o_id=55&c_name=centercontent&method=display_detail&from_=%2Fproj%2Fnat_projekt.cfm%3F&container_mode=detail (Datum der Einsichtnahme: 31.10.2009)

[4]  http://www.franchiseverband.com